China: Es war angeblich kein nuklearer Hyperschallgleiter, sondern Test eines Weltraumschiffs

„Künstlerische Darstellung“ einer amerikanischen Hyperschallrakete. Bild

Ein Bericht der Financial Times über die angebliche fortgeschrittene Hyperschallkapazität Chinas sorgte für große Aufregung, war aber wahrscheinlich eine durchgestochene Falschmeldung.

Nach einem Bericht der Financial Times, die sich auf anonym bleibende Quellen beruft, soll China Ende August einen Test mit einem Hyperschallgleiter ausgeführt haben. Das Pentagon und die US-Geheimdienste seien angeblich überrascht gewesen, dass die Chinesen so weit fortgeschritten in der Entwicklung seien. Der Hyperschallgleiter soll von einer Rakete in eine niedrige Umlaufbahn gebracht worden, wo er in hoher Geschwindigkeit einmal um den Erdball flog und dann sein Ziel um etwa 30 km verfehlt hat (China soll Hyperschallgleiter erfolgreich getestet haben). Die Nachricht löste große Aufmerksamkeit auf, könnte aber vielleicht eine Desinformation sein, die von Militärs oder Geheimdiensten geleakt wurde. Die Aufregung zeigt allerdings, wie massiv aufgerüstet wird, wozu auch die Propaganda vermeintlicher Erfolge und angeblicher bedrohlicher Fortschritte bei den Gegnern gehört.

Bei einem solchen FOBS-System (Fractional Orbital Bombardment System) ist die Vorwarnzeit sehr kurz und damit ließen sich die USA vom Südpol her angreifen, womit die Erkennung von Norad umgangen würde. FOBS-Systeme wurden bereits  in den 1960er Jahren von der Sowjetunion entwickelt, aber Anfang der 1980er Jahre eingestellt. Das Konzept eines „global strike“ wird allerdings seit längerem vom Pentagon verfolgt.

 

Der Test soll heimlich erfolgt sein, aber natürlich hätte das US-Militär – und das von anderen Ländern – den Abschuss einer Rakete und des Hyperschallgleiters registriert. Der Test wurde aber nirgendwo kommentiert. Ging es möglicherweise darum, China bedrohlicher erscheinen zu lassen, weil es waffentechnisch die USA abhängt? Pentagon-Sprecher John Kirby wollte auf den Bericht der Zeitung nicht eingehen, aber stellte die Bedrohungskulisse heraus, indem er sagte: „Wir haben unsere Besorgnis über die militärischen Fähigkeiten Chinas deutlich gemacht, die die Spannungen in der Region und darüber hinaus nur noch verstärken. Das ist ein Grund, warum wir China als unsere größte Herausforderung betrachten.“

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Rüstungskontrollexperte Jeffrey Lewis kommentierte, das entspreche der Logik des Wettrüstens: „So funktioniert das Wettrüsten. Wir stellen eine Raketenabwehr in Alaska auf, China baut ein orbitales Bombardierungssystem, das über dem Südpol aufsteigen soll. So wird es weitergehen, mit Kosten von Hunderten von Milliarden Dollar, ein ewiges Rennen ohne Grenze nach oben.“

Das Pentagon verlangt für 2022 3,8 Milliarden US-Dollar für Forschung und Entwicklung von Hyperschallwaffen, 2024 sollen es über 10 Milliarden sein, im Haushaltsjahr 2021 waren es 3,2 Milliarden. Ende September gelang der erste Test der Hyperschallrakete (Hypersonic Air-breathing Weapon Concept -HAWC) von Rayrtheon und Northtrop Grumman, die von einem Flugzeug abgefeuert wurde und eine Geschwindigkeit von Mach 5 erreicht haben soll. Zuvor hatte Russland einen erfolgreichen der Hyperschallrakete Zircon im Juli von einer Fregatte ausgeführt, um am 4. Oktober einen weiteren erfolgreichen Test von einem unter der Meeresoberfläche befindlichen U-Boot ausgeführt.

Michael Griffing, der Staatssekretär für Forschung und Entwicklung im Pentagon, erklärte auch daraufhin, die Entwicklung von Hyperschallkapazitäten sei die „höchste technische Priorität“. Allerdings heißt es auch aus dem Pentagon, dass die Entwicklung von Hyperschallwaffen gegenwärtig zu teuer sei, die Rüstungskonzerne sollten sich günstigeren Hyperschallwaffen zuwenden.

Nachdem im Mai die US Army von einem erfolgreichen Test der bodengestützten  Hyperschallrakete (Long-Range Hypersonic Weapon – LRHW) berichtet hatte, die mindestens 2775 km fliegen kann (Deep Strike mit Hyperschallraketen von einem mobilen Artillerieraketensystem), sollen die ersten Raketen bereits in einem Jahr einsatzfähig sein.

Am Montag sagte Robert Wood, US-Abrüstungsbotschafter in Genf, man sei besorgt über Chinas Hyperschallwaffen: „Wir wissen nicht, wie wir uns gegenüber dieser Technik verteidigen können, auch China und Russland wissen dies nicht.“

Auch Japan, das seinen Militärhaushalt immer weiter nach oben fährt, gibt sich besorgt. Hirokazu Matsuno, der Vorsitzende des Kabinetts, erklärte, man werde angesichts der „neuen Bedrohung“, die man mit traditionellen Mitteln nicht abwehren könne, die Luftverteidigung aufrüsten.

China will angeblich beim Wettrüsten nicht mitmachen

In der Aufregung über den angeblichen Test eines chinesischen Hyperschallgleiters nahm Global Times allerdings nur mit einem Kommentar Stellung. Das Staatsmedium bestätigte nicht den Test, sondern sagte lediglich, wenn die Nachricht der Financial Times richtig sei, dann gäbe im chinesischen Atomwaffenabwehrsystem eine neue und wichtige Waffe, die „ein neuer Schlag für die amerikanische Mentalität der strategischen Überlegenheit“ darstelle. Ob die Geschichte wahr ist oder nicht, spiele aber keine Rolle:

„Es ist müßig, über die Glaubwürdigkeit des FT-Berichts zu diskutieren. Wichtig ist jedoch der unaufhaltsame Trend, dass China den Abstand zu den USA in einigen militärischen Schlüsseltechnologien verringert, da das Land seine wirtschaftliche und technologische Stärke kontinuierlich ausbaut. China muss sich nicht auf ein ‚Wettrüsten‘ mit den USA einlassen – es ist in der Lage, den Gesamtvorteil der USA gegenüber China zu schwächen, indem es seine militärische Macht in seinem eigenen Tempo ausbaut.“

Das ist Propaganda pur, zumal China sich natürlich am Wettrüsten nicht nur bei Hyperschallwaffen beteiligt. Langfristig werden die USA ihre Überlegenheit in der Luft und auf dem Wasser behalten, China wolle gar nicht die amerikanische militärische Hegemonie gefährden, nur in der eigenen Region, in der Straße von Taiwan und im Südchinesischen Meer wird China militärisch überlegen sein. In den USA sei man besorgt über die Entwicklung der chinesischen Atomwaffen, aber China wolle in kein „nukleares Wettrüstenb eintreten, aber die „Qualität seiner nuklearen Abschreckung verbessern, um sicherzustellen, dass die USA die Idee einer nuklearen Erpressung zu jedem kritischen Zeitpunkt vollständig aufgeben“. Auch wenn durch Gerüchte die amerikanische Öffentlichkeit beeinflusst wird, die Militärausgaben zu erhöhen, sei es unmöglich, die „militärische Überlegenheit“ Chinas an der Küste zu überwältigen. Wettrüsten sei keine Lösung, China und die USA müssten ein wechselseitiges strategisches Vertrauen aufbauen.

 

Am Montag schließlich sagte Zhao Lijian, der Sprecher des chinesischen Außenministeriums, der hochgespielte Test einer nuklear aufrüstbaren Hyperschallwaffe sei nur ein Test für die Technik der Wiederverwendbarkeit eines Weltraumfahrzeugs, um die Kosten zu senken und „der Menschheit eine neue Form einer erschwinglichen und angenehmen Weltraumreise“ anzubieten. Von vielen Firmen seien ähnliche Experimente durchgeführt worden. Es sei um die Ablösung des Raumfahrzeugs von der Rakete gegangen, die danach in der Atmosphäre verbrennen und auseinanderbrechen würde. China habe das Recht, solche Experimente für friedliche Zwecke durchzuführen, auch wenn der Westen dies „dämonisiere“.

Start der Trägerrakete Langer Marsch. Bild: spacechina.com

Nun ist natürlich die Technik, die für die Weltraumfahrt entwickelt wird, oft auch dual use, kann also für militärische Zwecke verwendet werden oder für diese hilfreich sein. In den USA ist das nicht anders, aber  man zeigt sich dennoch besorgt über die chinesischen „Routinetests“, um die Gefährlichkeit Chinas herauszustreichen und Waffenprogramme zu legitimieren.

Am Sonntag wurden drei Astronauten, eine Frau und zwei Männer, mit dem Raumschiff Shenzhou-13 auf die chinesische Weltraumstation gebracht. Trägerrakete war eine Changzheng 2F (Langer Marsch). Es war in diesem Jahr die bereits die zweite Mission, im April wurde Tianhe, der zentrale Teil der Station, in die Umlaufbahn gebracht. Die Taikonauten werden für ein halbes Jahr auf der Station sein. Im September hat bereits ein Versorgungsschiff mit Verpflegung und Ausrüstung angedockt. Fertiggestellt soll die Station 2022 sein.

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