Impfung gegen Covid – der Stoff aus dem die Träume sind

Zurück zum Krisenmodus namens Normalität. Bild: Markus Spiske / Unsplash

Als vor zwei Wochen die Unternehmen BioNtech und Moderna veröffentlichten, dass sie hoch wirksame Impfstoffe gegen Covid-19 fertig entwickelt haben und schon vorauseilend in die Produktion gehen, knallten an den internationalen Börsen die Korken. Die Kurse stiegen, nicht nur bei den beiden Unternehmen, sondern in fast allen Sektoren.

Normalerweise wird an den Börsen die Zukunft gehandelt. Doch diesmal scheint es, feiert man die Rückkehr zu einer Normalität, die schon vor der Pandemie im Krisenmodus war. Aber mit der Impfung soll endlich wieder möglich  sein, was durch Einschränkungen in der Pandemiezeit ausgesetzt war und im jetzigen „Lockdown“ wieder ausgesetzt ist: endlich wieder Flugzeuge, die die Kontinente verbinden und uns in den Urlaub bringen. Kreuzfahrten, Party und Shoppen.

Dabei gilt es zu unterscheiden. Der Wunsch, sich wieder frei bewegen zu können, andere Menschen zu treffen, zu umarmen, zu küssen, Gemeinschaft zu leben, ist zutiefst menschlich und verständlich. Man kann heute noch nicht sagen, welche Folgen die Lockdowns für die Psyche und das Sozialverhalten hatten und haben. Aber man spürt schon jetzt, wie eine Gesellschaft ohne Kunst und Kultur, ohne Begegnung, ohne gemeinsame emotionale Erlebnisse sich entfremdet.

Keine Zuschreibung in den Reden über die Pandemie war dramatisch genug, um angemessen die Lage des letzten Jahres zutreffend zu beschreiben. Da war die Rede vom „unsichtbaren Feind, gegen den man Krieg“ führe. Einem Virus, dem man die „Rote Karte“ zeige, als würde es dann in der Kabine verschwinden, oder die „Geisel der Menschheit“, die es zu besiegen gelte. Diese Verbalradikalismen verweisen auf den ideologischen Zusammenhang, ein Naturverständnis, das der Geschichte der Klassengesellschaften und der bürgerlichen Epoche eigen ist.

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„Macht euch die Erde untertan“, fordert das alte Testament. Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus (Max Weber) haben diese Vorgabe perfektioniert. Die technische (Er-)Lösung durch den Impfstoff, so lebenswichtig und notwendig er in der jetzigen Lage auch ist, verdrängt allerdings die Frage, weswegen es zu dieser Pandemie kommen konnte.

Der im Oktober veröffentlichte Bericht des Weltbiodiversivitätsrates (IPBES) weist ausdrücklich auf den Zusammenhang zwischen Naturzerstörung und Pandemie hin. Dabei ist SARS-Cov-2 nicht alleine. Bis zu 827.000 Viren (!), hätten das Potential Menschen zu infizieren.

Klimakrise und Pandemien sind zwei Seiten einer Medaille

Rob Wallace, ein amerikanischer Virologe, der die Zusammenhänge zwischen Ökonomie, Naturbeherrschung und Sozialsystemen interdisziplinär erforscht, bringt die Sache auf den Punkt: Die Zerstörung der Artenvielfalt, der (Regen)wälder, die Urbanisierung und Zersiedelung der Megapolis, beruhen auf einem Handels- und Wirtschaftssystem, das den kommenden ökologischen Krisen und Katastrophen mit immer bizarreren technischen Lösungen entgegentritt. Miniaturdrohnen sollen Pflanzen bestäuben, Tiere im Regenwald geimpft werden und das CO2 in die Erde gepresst werden.

Dahinter steht die Allmachtsfantasie, man könne technisch lösen, was man zuvor an Natur zerstört.

Das gilt auch für diese Krise: Die klassischen ökonomischen Produktionsverhältnisse wiederherzustellen, entspringt dem Bedürfnis, das dem kapitalistischen Akkumulationsregime innewohnt. Es geht um Naturbeherrschung. Ihre Nutzung, Ausbeutung und Aneignung dem Profit zu unterwerfen.

Dabei wäre diese Krise Anlass zur Besinnung und Reflektion. In der marxschen Methode und Theorie finden sich bereits die Hinweise und Folgen. Denn entgegen der bürgerlichen Rezeption wussten die beiden Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus bereits von den sich exponentiell entwickelnden Krisen und Naturkatastrophen, die uns bevorstehen. „Schmeicheln wir uns nicht mit den Siegen über die Natur. Für jeden solchen Sieg rächt sie sich an uns“, warnte Engels. Die wissenschaftlichen Befunde bestätigen diese Befürchtungen.

Greenwashing und Wohlfühloase statt radikaler Wandel

Finanz- und Kapitalmärkte denken in Quartalen, nicht in Nachhaltigskeitszyklen. Elektromobilität wird als Wunderwaffe der Automobilindustrie gefeiert. Obwohl man wissen könnte, dass alleine die Produktion eines PKW 700 Tonnen Co2 Emission produziert. Die Klimaziele der EU werden unter dem Dogma der Technikgläubigkeit beschlossen. Dabei brennt die Welt, ob in Kalifornien, im Regenwald oder Sibirien.

Man weiß, dass man auf dem falschen Weg ist. Selbst Vorstände großer Konzerne entdecken ihr Herz für Nachhaltigkeit, Umwelt oder social responsibility. Kein Unternehmen, kein/e Politiker*in kann heute noch den Ernst der Lage weglächeln. Aber zugleich wagen sich nur wenige, das Produktionssystem selbst zu hinterfragen.

Die Regierung Brandenburgs mit einer grünen Umweltministerin lässt Tesla eine Gigafabrik bauen und feiert die technische Innovation und die Schaffung von Arbeitsplätzen. Umweltfragen werden nachgeordnet, ob Grundwasserversorgung, Waldbestände, Tierarten. Man sieht wohlwollend darüber hinweg, dass Elon Musk, der CEO Teslas und angeblich geniale „Innovator“, Gewerkschaften und Tariflöhne hasst. Und seine Mitarbeiter*innen in Kalifornien trotz Pandemie und Lockdown in die Werkshallen schickt.

In den großen Städten vernimmt man die hohle Phrase „bauen, bauen, bauen“ als Wunderwaffe gegen die Wohnungsnot. Dabei sind Neubauten die größten Emissionsschleudern und umfassen ca. 8% des Ausstoßes. Aber bauen ist eben „einfacher“ als sich für Mietendeckel, Enteignungen oder die Kommunalisierung von Grund und Boden zu engagieren. Oder über neue Wohnformen nachzudenken. Ganz zu schweigen von der Ignoranz gegenüber dem ländlichen Raum, der noch Wohnfläche bieten könnte, wenn er denn eine soziale und kulturelle Infrastruktur hätte.

Die Sehnsucht nach einer schwarz-grünen Wohlfühloase, die ein gutes Gewissen beim Einkauf ökologischer Produkte macht, aber keinen Einschnitt oder radikalen Wandel der ökonomischen und gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse erfordert, steigt bei den Wähler*innen. Linke Programmatik ist in diesen Zeiten wenig gefragt. Man will zurück in eine Normalität, die schon  lange vor der Pandemie nicht „normal“ war.

Eine linke Gesellschaftspolitik ist gut beraten, sich trotz der aktuellen Umfragen nicht vor den Karren der Technikapologie spannen zu lassen. Perspektivischer wäre ein Bündnis progressiver Parteien mit den vielen zivilgesellschaftlichen Bewegungen, die die Zeichen der Zeit erkennen und den radikalen Wandel wollen.

„Optimismus ist nur der Mangel an Information“, lehrt uns ein Aphorismus des Dramaturgen Heiner Müller. Das bedeutet im Umkehrschluss nicht, dass eine politische Linke „dystopisch“ denken und agieren soll. Wichtiger wäre es, in den aktuellen Krisen den Mehr- und Gebrauchswert einer grundlegenden Transformation herauszustellen. Denn eines lehrt die Krise auch, es geht vieles, wenn man es nur will.

Eine reale Utopie einer Transformation – das wäre doch der schönere Traum.

 


 

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