Es heißt nicht ohne Grund: Verzicht üben

Bild: katja/Pixabay.com

Die Fastenzeit kann dazu dienen, die Selbstbeherrschung zu üben. Sie könnte sich bei anderen Gelegenheiten als nützlich erweisen. Teil 1 einer kleinen Fastenserie.

Derzeit faste ich wieder, wie jedes Jahr in der Karzeit. Dabei verzichte ich allerdings nicht vollständig aufs Essen (dazu kommen wir im zweiten Teil dieser kleinen Serie), sondern nur auf Alkohol und Fleisch. Fisch und Meeresfrüchte allerdings verzehre ich als guter Katholik weiterhin; das wäre ja noch schöner.

Religiöse Gründe spielen ansonsten allerdings keinerlei Rolle in meiner alljährlichen Entscheidung zum Verzicht. Auch gesundheitliche nicht – mein Alkoholkonsum hat keine schädlichen Dimensionen, und dass Fleisch ungesund sei, scheint mir nicht hinreichend bewiesen (und wenn, wär’s mir auch egal). Nein, es geht mir nur um die regelmäßige Vergewisserung, dass ich es kann.

Denn ich liebe einen schwarzrot-öligen Shiraz oder einen mußevoll geschwenkten Cognac; ich kann ein Entrecôte auf den Punkt braten und weiß auch die herzhaften Genüsse der Innereien zu schätzen. Aber ich brauche nichts davon. Weder Rotwein noch Rindfleisch sind Grundnahrungsmittel; ich habe nicht Hunger auf sie, sondern Lust.

Wer aber stets seinen Gelüsten nachgibt, ist darin unfrei. Er gibt die Entscheidungsgewalt über sein Handeln ab an Dinge, die sich außerhalb seiner befinden. Im schlimmsten Fall wird er zum Süchtigen, der von seinem Suchtmittel gelenkt wird wie die Kompassnadel von einem Magneten, ein vollständig fremdbestimmtes Wesen. Freiheit erlangen wir dann, wenn es uns gelingt, Entscheidungen aus uns selbst heraus, abgewogen und reflektiert zu treffen. Der Philosoph Peter Bieri nennt das in seiner Abhandlung über die Willensfreiheit „Das Handwerk der Freiheit“ den „angeeigneten Willen“: wenn ich imstande bin – oft nur vorübergehend – Verlockungen und Gewohnheiten zu widerstehen und reflektiert eine Entscheidung zu fällen. Dann bin ich wirklich frei.

Doch diese Freiheit kann im nächsten Augenblick schon wieder verloren sein. Die angeeignete Freiheit erlangt man nicht wie die Erleuchtung oder die ewige Seligkeit, sondern man erkämpft sie immer wieder neu. Darum genügt es auch nicht, zu denken, dass man verzichten könnte, wenn man nur wollte – das glaubt auch der Alkoholiker. Es genügt auch nicht, darauf zu verweisen, dass man es letztes Jahr noch konnte. Nein, der Verzicht bewahrheitet sich nur im Tun.

Der Lohn des Verneinens

Diese Fähigkeit zur Impulskontrolle ist umso wichtiger in einer Gesellschaft, in der die Wirtschaft laufend alles daransetzt, genau diese Kontrolle zu unterlaufen. Ständig appellieren Werbebotschaften an die primitivsten animalischen Instinkte: Fressen, Feiern, Ficken. Beziehungsweise, im Internet: Kaufen, Kommunizieren, Klicken. Das Idealbild des Kapitalismus ist der willenlose Konsumsklave, der sich alles nimmt, was ihm gefällt – und gerade darum vollkommen unfrei ist.

Nein sagen zu können, ist die Voraussetzung für eine freie Entscheidung. Nur die Voraussetzung, allerdings – nicht die Vollendung. Das konsequente Nein führt noch nirgendwo hin, wie jeder weiß, der pubertierende Kinder hat. Aber nur wer sich von Zwängen, Anforderungen, Verlockungen zurückziehen kann, gewinnt den Freiraum, sich nach reiflicher Überlegung für etwas zu entscheiden.

Und er erringt die innere Stärke, es dann auch zu tun. Wer den inneren Schweinehund bei Fuß halten kann, wird seltener prokrastinieren. Wie es kommt, dass wir unangenehme Aufgaben aufschieben, und warum manche Menschen mehr dazu neigen als andere, haben Wissenschaftler in den letzten Jahren eifrig und ohne Aufschub untersucht. Es gibt schöne mathematische Modelle dazu, wie sich der erwartete Nutzen (steigend) und die erlebte Widerwärtigkeit (sinkend) einer Tätigkeit über die Zeit ändern, so dass man am Schnittpunkt der Kurven zur Tat schreitet. Bildgebende Studien bestätigen – wie üblich – das, was man schon ahnt: Wer viel prokrastiniert, hat weniger graue Substanz und mehr Rauschen im Stirnhirn, also dort, wo die Fähigkeit zur Impulskontrolle haust.

Es ist aber nicht nur eine Voraussetzung für individuelle Autonomie, die Bedürfnisbefriedigung um größerer Belohnung willen aufzuschieben. Auch langfristiges Problemlösen, moralisches Handeln und damit ein organisiertes gesellschaftliches Zusammenleben hängen davon ab. Selbstbeschränkung, könnte man sagen, ist die Grundlage der Kultur. Bei Tieren korreliert die Fähigkeit zur Impulskontrolle übrigens sehr gut mit der Hirngröße. Alle höheren geistigen Leistungen scheinen darauf aufzubauen.

Den Denkmuskel trainieren

Grund genug, so finde ich, an der eigenen Selbstbeherrschung zu arbeiten. Es gibt gute Hinweise darauf, dass man sie trainieren kann wie einen Muskel („Der wichtigste Muskel ist das Gehirn.“ W. Güllich). Wer zwei Wochen lang täglich kleine Akte der Impulskontrolle vollbringt, etwa den Griff zu Süßigkeiten unterdrückt, kann einer Studie zufolge schon dadurch üben, verlockenden Reizen zu widerstehen – und wird es anschließend mit mehr als doppelt so hoher Wahrscheinlichkeit schaffen, mit dem Rauchen aufzuhören.

Überhaupt, das Rauchen. Das Fasten und der Verzicht auf Fleisch und harmlose Genüsse werden wenig untersucht, aber wenn Leute versuchen, von Drogen loszukommen, wird es medizinisch interessant. Das seitliche, untere Stirnhirn wird beispielsweise aktiviert durch Selbstkontrollaufgaben, die man abstinenten Rauchern stellt. Bei Süchtigen verliert es an grauer Substanz und Leistungsfähigkeit.

Die Korrelation lässt wie üblich die Frage offen, ob der Verlust an Hirnsubstanz Ursache oder Wirkung der Sucht ist. Vermutlich ist es beides, ein Teufelskreis aus Nachgeben und nachgiebiger-Werden, ungefähr wie ein Trinkspiel mit pangalaktischem Donnergurgler (oder womit auch immer – das Prinzip ist fast immer dasselbe). Zum Glück aber kann man dem Teufelskreis entrinnen und ihn in einen Münchhausenzopf umflechten: Maße der Stirnhirngesundheit bessern sich rasch während einer Drogenabstinenz, und vereinfachen es dadurch, der Versuchung zu widerstehen und weiterhin abstinent zu bleiben.

Das könnte eine einfache Erholung sein, ähnlich wie sich die Leber eines Abstinenzlers wieder erholt, oder die Lunge dessen, der mit dem Rauchen aufhört. Dagegen spricht, dass Abstinenzler verschiedener Drogen (Tabak, Kokain) sogar eine höhere Aktivität im Stirnhirn haben als Leute, die nie Drogen genommen haben. Anscheinend erholt sich das Stirnhirn nicht nur von einem substanzinduzierten Schaden, sondern trainiert sich tatsächlich durch die tägliche Übung des Verzichts, bis es zu einer Art neuronalem Hulk geworden ist.

Und man braucht dabei nicht einmal zu fürchten, dass die Selbstbeherrschung sich verbraucht. Diese Idee – „ego depletion“ – geisterte über zwanzig Jahre lang durch die Psychologie und brachte Hunderte von Forschungsartikeln hervor. Es war der scheinbar gut belegte Befund, dass man einer Versuchung leichter nachgibt, wenn man sich gerade zuvor erfolgreich gezügelt hat. In den 2010er Jahren hatten bereits einige Metastudien Zweifel daran geäußert und einen Publikationsbias gemutmaßt (hier einige Hintergründe). Vor einigen Monaten nun kam eine sorgfältige, präregistrierte Groß-Studie von 23 Arbeitsgruppen auf der ganzen Welt mit dreieinhalbtausend Versuchspersonen zu dem Schluss, dass es den Effekt einfach nicht gibt. Willenskraft verbraucht sich nicht. Sie übt sich.

Sowas wie neuronales Hanteltraining

Man kann dabei auch nachhelfen. Das probate Mittel dazu ist Achtsamkeitsmeditation. Diese Meditationsform ist seit einigen Jahren sehr populär geworden unter Neurowissenschaftlern. Die verschiedenen Spielarten der Achtsamkeitsmeditation verbessern den Umgang mit Stress, dämpfen negative Gefühle und verbessern die Stimmung.

Vor allem aber helfen sie gegen verschiedene psychische Beschwerden: In der Behandlung von Depressionen, Angsterkrankungen und chronischen Schmerzen ist die Meditation hoch wirksam und ebenso gut wie etablierte Therapien. Sie funktioniert als eine Art neuronales Hanteltraining: Indem man sich laufend zwingt, die Aufmerksamkeit auf die Gegenwart zu richten und es sich verbietet, verlockenden Gedanken zu folgen – „Nicht abschweifen! Hier und jetzt!“ – trainiert man zielgenau die Selbstbeherrschung. Neuronal macht sich das bemerkbar in einer Stärkung des exekutiven Kontrollnetzwerks des Großhirns, zu dem nicht zuletzt das seitliche Stirnhirn gehört, während die grüblerische Tätigkeit des Ruhezustandsnetzwerks zurückgedrängt wird. Die so gestärkte Selbstbeherrschung lässt sich dann praktisch anwenden: Achtsamkeitsmedidation unterstützt nachweislich wirkungsvoll eine Drogenabstinenz.

Wer das zu anstrengend findet, der kann auch mit transcranialer Gleichstromstimulation über dem linken seitlichen Stirnhirn nachhelfen. Bei dieser einfachen Methode aktiviert man gezielt bestimmte Bereiche der Hirnrinde, indem eine Elektrode eines Gleichstromkreises an der entsprechenden Stelle auf die Kopfhaut gesetzt wird, während die Referenzelektrode irgendwo im Nacken klebt. So behandelte Raucher senkten in einer Studie ihren Zigarettenkonsum deutlich und hielten länger aus, ehe sie wieder zur Kippe griffen. Mich erinnert das allerdings an diese neumodischen Muckibuden, in denen man bloß Elektroden auf die Haut geklebt bekommt, welche die Muskeln zucken lassen und angeblich zum Sixpack machen. Warum sollte man sich dergestalt des Genusses echter Bewegung berauben?

Wem das nun alles zu freudlos und verbiestert erscheint, der wisse: Fasten ist auch ein probates Mittel des Genusses. Denn das, was immer verfügbar ist, verliert unweigerlich seinen Reiz. Hingegen der traditionelle Lammbraten am Ostersonntag, mit Knoblauch gespickt, behutsam auf 60°C Kerntemperatur gegart und dann mit einer Roquefortkruste versehen, dazu selbstgemachte Spätzle und gedünsteten Romanesco, und ein kräftiger südlicher Rotwein, gefolgt von einer Mousse au Chocolat mit Rumkirschen – das schmeckt so gut wie nichts Anderes seit mindestens einem halben Jahr. Ja, auch deshalb faste ich. Nur der genießt wirklich, der das Genossene nicht braucht.

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