Weniger im Bauch ist mehr

Bild: Dr Jean Fortunet/CC BY-SA-2.0

Fasten dient nicht nur der Psychohygiene und dem sozialen Zusammenhalt. Es ist auch gut für die Gesundheit. Teil 2 der kleinen Serie zum Fasten.

 

Vierzig Tage lang zu fasten – bzw. sogar 46 Tage, wenn man an den Sonntagen nicht pausiert – hält man nur durch, wenn man unter „Fasten“ nicht den Totalverzicht auf Nahrungsaufnahme versteht. Wir sind ja nicht Jesus, der diese Zeitspanne hungernd in der Wüste verbrachte, und damit das Vorbild lieferte. Wir beschränken uns daher in der Beschränkung und verzichten nur auf liebgewonnene Gewohnheiten – Fleisch etwa, oder Alkohol, oder Computerspiele. Das geht bis Ostern, und dient dem Training der Selbstbeherrschung, wie ich im ersten Teil dieser kleinen Fastenserie ausgeführt habe.

Für kurze Zeit aber geht auch mehr. Bzw. weniger. Muslime überstehen im Ramadan den Tag ganz ohne Speis und Trank. Hungern, ohne auf Flüssigkeit zu verzichten, können wir Menschen sogar noch länger. Und das muss durchaus nicht ungesund sein, im Gegenteil: Der ganze Körper mitsamt dem Gehirn profitiert davon, gelegentlich auf Sparflamme gesetzt zu werden.

Es ist nicht nur das Abnehmen: Mäuse, denen fettreiches Futter zur Verfügung steht, sehen bald von oben aus wie Jojos. Es sei denn, das Futter wird ihnen jeden zweiten Tag vollständig entzogen. Dann ist ihre Gesamtkalorienaufnahme so hoch wie die der Kontrollgruppe. Aber sie bleiben schlank.

Aber nein, es ist nicht nur das. Fasten ist der neue Jungbrunnen. Es hilft gegen alles: Gegen Depression. Gegen Multiple Sklerose. Gegen Krebs. Gegen Gefäßerkrankungen. Letztlich gegen das Altern. Es hat bislang noch nicht unsterblich gemacht, aber warten wir’s ab.

Fasten erhöht auch die Lernfähigkeit des Gehirns. Im Hippokampus, der Struktur in den Schläfenlappen, die unabdingbar ist für räumliches Lernen und Langzeitgedächtnisbildung, erhöht es die Neubildung von Nervenzellen. Jedenfalls bei Mäusen – bei Menschen ist es aktuell unsicher, ob diese Neurogenese jenseits der Pubertät noch stattfindet (Braucht der menschliche Hippokampus neue Nervenzellen?, Vielleicht doch keine neuen Nervenzellen im Gehirn – na und?!).

Eine strenge Einschränkung der Kalorienaufnahme verschafft auch der Sehrinde von Ratten wieder jugendliche Formbarkeit. So lässt sich eine Amblyopie kurieren, also die Fehlsichtigkeit eines Auges aufgrund früher Nichtbenutzung. Ob das auch bei Menschen funktioniert, bliebe zu prüfen – ziemlich viele Interventionen gegen Amblyopie, die bei Nagetieren funktionieren, haben schon beim Menschen versagt (Zwischen Mäusen und Menschen).

Ganz spurlos aber geht das Fasten an unseren Hirnen sicherlich nicht vorbei. Eine Studie setzte beleibte alte Menschen auf Diät, und fand zum Lohne eine deutliche (um etwa 20%) Verbesserung des verbalen Gedächtnisses. Ähnliche Ergebnisse fand eine weitere Studie bei fettleibigen alten Menschen, die an milden kognitiven Einschränkungen litten, einer Vorstufe von Demenz. Mens sana in corpore sano, wussten schon die Römer.

Selbstverdau

Aber warum ist es so gesund, dem Körper das Lebensnotwendige vorzuenthalten? Für allzu viele Menschen auf der Welt ist und bleibt Hunger etwas, worauf sie gerne verzichten würden, und was ihre Lebenserwartung sicherlich nicht erhöht. Es scheint widersinnig, dass Tiere und Menschen vom Magenknurren profitieren.

Tatsächlich liegt ein Teil der Wirkung darin, dem Überfluss entgegenzuwirken. Wer jederzeit genug zu essen hat, isst häufig auch dann, wenn das Verdauungssystem gerne seine Ruhe hätte. Auch die Organe haben ihre eigenen inneren Uhren, und auch das Mikrobiom des Darms verändert sich im Tageslauf. Wer spät am Abend noch schnabuliert, bringt beides durcheinander. Fasten kann die inneren Rhythmen wieder mit dem äußeren in Einklang bringen. Wie schädlich die De-synchronisierung ist, erkennt man beispielsweise an Schichtarbeitern, deren Erkrankungsrisiko in vielen Bereichen stark erhöht ist.

Bei Mäusen wird das Mikrobiom des Darms durch alternierendes Fasten grundlegend umgestaltet. Das wirkt sich im nächsten Schritt auf das Fettgewebe aus: Teile des weißen Speicherfetts wandeln sich zu sogenanntem beigem Fett um, das stärker durchblutet ist und zur Wärmeerzeugung verbrannt wird. Bis vor einigen Jahren glaubte man noch, dass braunes, wärmeerzeugendes Fettgewebe beim Menschen nur kurz nach der Geburt vorkomme, weil Neugeborene nicht zittern können. Mittlerweile weiß man, dass weißes Speicherfett in wärmeerzeugendes Fett umgewandelt werden kann, was man dann „beiges Fett“ nennt, und darauf ruhen große Hoffnungen in der Bekämpfung der Fettleibigkeit.

Als zentrale Wirkungsweise aber gilt letztlich die Autophagie. Das ist erkennbar Altgriechisch für „Selbst-Essen“ und meint, dass beim Ausbleiben zugeführter Nahrung Lebewesen anfangen, sich selbst zu verdauen. Allerdings ahmen sie nicht den Ouroboros nach, was offensichtlich eine Sackgasse wäre, sondern greifen auf diejenigen Zellbestandteile zurück, die schon lange ungenutzt herumliegen. Ähnlich wie man daheim, wenn man das Einkaufen versäumt hat, am Sonntagabend noch aus einer Dose Thunfisch, einem angebrochenen Paket Reis und einem runzligen Apfel etwas Leckeres zu hexen versucht.

Im Falle der Zellen handelt es sich um degenerierte Eiweiße, nicht mehr funktionierende Organellen und ähnlichen Zellmüll. Verdauungsorganellen nehmen ihn sich vor und misten dadurch mal kräftig aus. Für die grundlegende Untersuchung dieses Vorgangs erhielt Yoshinori Ōsumi im Jahr 2016 den Nobelpreis für Physiologie.

Anscheinend verlängert Fasten das Leben, indem es die Autophagie anregt. Denn wenn man sie bei fastenden Tieren hemmt, oder gar genetisch ganz ausschaltet, wirkt auch das Hungern nicht mehr. Warum aber das zelluläre Ausmisten gesund und langlebig macht, ist unklar und wirft letztlich die Frage auf, wie man Altern überhaupt misst.

Wer zählt die Stunden . . . ?

Wie lange man mindestens hungern muss, damit die Autophagie anspringt und alle Zipperlein beseitigt, ist noch nicht abschließend erforscht. Es gibt nur einige Hinweise aus den Ernährungsgewohnheiten verschiedener Gruppen. So bewirkt schon das u.U. täglich relativ kurze Ramadanfasten einen messbaren Gewichtsverlust. Und das, obgleich es dem physiologischen Rhythmus gerade konträr läuft, denn die hormonellen inneren Uhren sind darauf eingestellt, tagsüber zu verdauen und nachts zu ruhen. Mit dem Körper zu schwingen und aufs Frühstück zu verzichten, scheint allerdings für dicke Menschen gar nichts zu bringen.

Eine religiöse Gruppe, die sehr auf einen gesunden Lebenswandel achtet, sind die Siebenten-Tags-Adventisten. Sie stellen folglich laut einer Studie möglicherweise die Bevölkerungsgruppe mit der höchsten Lebenserwartung überhaupt dar. Eine ganze Reihe gesunder Gewohnheiten dürfte dazu beitragen – geringerer Fleischkonsum, viel Sport, kein Rauchen -, so dass man nicht herauslösen kann, welchen Anteil daran die Regel hat, die letzte von nur zwei Mahlzeiten am Tage bereits am Nachmittag zu sich zu nehmen. Adventisten fasten demnach täglich ca. sechzehn Stunden bis zum Frühstück.

Sechzehn oder siebzehn Stunden – das ist auch die Schätzung, die Frank Madeo, der den Zusammenhang von Fasten, Autophagie und Gesundheit zuerst beschrieb, in einem Vortrag abgab. Das ist lang genug, um wirklich Hunger zu entwickeln und die Autophagie anzuregen. Madeo selbst isst übrigens nur einmal am Tag.

Abkürzungen für uns Weicheier

Im Prinzip kann jeder fasten – es ist auch für normalgewichtige Personen nicht schädlich, wie eine große Studie kürzlich beruhigend feststellte. Können jedoch ist das Eine, Wollen das Andere. Nicht jeder ist motiviert, regelmäßig zu hungern, nur um vielleicht in Zukunft diffus gesünder zu sein. Nicht jeder auch hält diesen Vorsatz durch, zumal wenn keine religiösen Vorschriften ihm Nachdruck verleihen.

Darum boomt seit einigen Jahren die Forschung nach sogenannten „calorie restriction mimetics“, also Fastenmimetika: Stoffe, die man zu sich nimmt, um dem Körper vorzugaukeln, dass man nichts zu sich nimmt. Einige davon sind lange bekannt und leicht verfügbar. Aspirin zum Beispiel verflüssigt nicht nur das Blut und dämpft Kopfschmerzen, sondern verlängert bei langandauernder Einnahme auch das Leben – von Mäusen und Menschen – und hemmt eventuelles Tumorwachstum. Unwillkürlich fragt man sich, ob es in die Wirkung eines zweiten Kandidaten hineinspielt, nämlich des längst notorischen Resveratrols. Dieses ist besonders in der Haut roter Weintrauben und folglich in Rotwein enthalten, und nach dessen üppigem Genuss braucht man ja bisweilen ein Aspirin.

Die am besten belegte Wirkung aber hat Spermidin. Dieser natürliche Inhaltsstoff aller Körperzellen findet sich in besonders hoher Konzentration in Weizenkeimen, Sojabohnen und reifem Käse, und, ja in der Flüssigkeit, nach der es heißt und der es den charakteristischen Geruch verleiht. Die daraus unwiderstehlich folgenden Zoten können die geschätzten Leser bitte im Forum selbst reißen. Wie Madeo gezeigt hat, regt Spermidin bei so verschiedenen Lebewesen wie Hefe, Fadenwürmern, Taufliegen und menschlichen Zellen die Autophagie an und verlängert dadurch das Leben teils deutlich. Lebenslang im Trinkwasser von Mäusen gegeben, verlängert es auch deren Leben um rund 100 Tage, was bei einer Lebenserwartung von zwei Jahren recht viel ist, und wieder hängt der Effekt davon ab, dass Autophagie-relevante Gene vorhanden sind. Derselben Studie zufolge korreliert auch beim Menschen die Lebenserwartung mit der Aufnahme von spermidinreicher Nahrung.

Hauptsache gesund?

Am Ende bleibt es in einer säkularen Gesellschaft jeder und jedem selbst überlassen, wie er oder sie gesund bleiben will, und ob überhaupt. Die meisten Religionen der Welt kennen unterschiedliche Fastengebote. Häufig dienen die Regeln vorwiegend der Selbsterziehung oder einer tatsächlichen und symbolischen Reinigung.

Ob bisweilen auch die Welterfahrung dahintersteckt, dass Hungerzeiten gesund und langlebig machen, ist zumindest nicht auszuschließen. So wie umgekehrt durchaus denkbar ist, dass sich die neue Lust am Heil- und intermittierenden Fasten nicht nur aus gesundheitlichen Erwägungen speist, sondern auch aus den spirituellen Aspekten der Ersatzreligion „Gesundheit“. Die scheint für manche Zeitgenossen der Hauptinhalt des Daseins zu sein – und damit den Umstand zu verdrängen, dass andere Ziele auch wichtig sein können. Mir jedenfalls erscheint es durchaus nicht irrational, das Leben nicht um hungrige Tage verlängern zu wollen.

Teil 1: Es heißt nicht ohne Grund: Verzicht üben

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