Das Glück, Heribert zu heißen

In der Diskussion um die Digitalisierung der Medizin stehen sich auf der einen Seite der oft mit großem Aufwand imaginierte Missbrauch unrechtmäßig erworbener medizinscher Daten, auf der anderen Seite der alltägliche Missstand unzulänglich unterstützter medizinischer Praxis gegenüber.

Letztes Jahr bekamen viele Antons, Hermanns, Heriberts, Elfriedes und Hedwigs ein amtliches Schreiben. Der Staat informierte sie, dass sie als besonders gefährdete Personen bevorzugten Zugang zur Impfung und außerdem ein paar kostenlose FFP2-Masken bekommen sollten. Nach Beschluss der Bundesregierung hatte einen Anspruch darauf, wer älter als 60 Jahre oder chronisch erkrankt ist. Die Deutsche Post Direkt GmbH war beauftragt worden, an die vermutlich Impfberechtigten ein Informationsschreiben über Impfungen und kostenlose Masken zu verschicken. Der Datenschutz verhinderte, dass sie Zugriff auf die Meldedaten, insbesondere das Alter bekamen. Deshalb schickten sie das Schreiben an Personen mit „alten“ Vornamen. Heriberts gehörten sicherlich dazu.

Der Kolumnist und bewährte Kämpfer für unsere bürgerlichen Freiheiten einer großen deutschen Tageszeitung wetterte in einer Philippika gegen die Corona-Warn-App. Eine dubiose Quelle hatte ihm zugeflüstert, dass die Privatsphäre der App-Nutzer bedroht sei, und das reichte ihm, um sein gewohntes Stimulus-Response-Schema abzurufen und heldenhaft die App in Grund und Boden zu verdammen. Auch die Freiwilligkeit beim Eintragen eines positiven Tests durch einen Infizierten sah er, wie erwartet, durch sozialen Druck bedroht.

Viele Bürger verweigerten sich in der Folge dieser App. Damit sank allein schon die Wahrscheinlichkeit, dass zwei zufällig ausgewählte, in Kontakt gekommene Personen beide die App auf ihren Handys installiert haben, in einen vernachlässigbaren Bereich. Einige Monate später konstatierten Journalisten derselben Zeitung die Ineffektivität der App. Unter den Gründen: Geringe Akzeptanz und Freiwilligkeit der Eintragung eines positiven Tests. Außerdem war das Zeitintervall der Effektivitätsuntersuchung ungünstig, nämlich dominiert von den Infektionen von osteuropäischen Fleischarbeitern bei Tönnies und rumänischen Gurkenpflückern in Niederbayern, vermutlich alle ohne Warn-App.

Ein Kollege von mir konsultierte vor Jahren zur Diagnose merkwürdiger Krankheitserscheinungen zwei verschiedenen Kliniken eines Uniklinikums. Diese schickten sich ihre Befunde per Rohrpost zu. Als der Kollege gemerkt hatte, dass diese unzuverlässig war, lernte er jeweils alle in einer Klinik neu angefallenen Werte auswendig und informierte die Ärzte in der anderen Klinik persönlich aus dem Gedächtnis. Dies war eine Anwendung natürlicher Intelligenz in einer noch weitgehend analogen Medizin.

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Heute sind wir viel fortschrittlicher. In den Rohrpostleitungen spielen vermutlich nur noch Ratten und Mäuse Fangen. Das Fax ist unsere Rohrpost. Ein Riesenfortschritt! Man muss nur noch Namen und Werte vom Fax lesen und dann in mehrere Formulare eintragen. Der Leiter eines Gesundheitsamts in Schleswig-Holstein bekennt, dass seine Angestellten derzeit die Namen von Corona-Infizierten 16 mal in verschiedenen Formulare eintragen.

Aber was für ein genialer Schutz gegen Hacker! Diese sind ja bekanntermaßen arbeitsscheu. Sonst hätten sie ja etwas Gescheites gelernt. 16 mal gehackte Namen irgendwo eintragen; das macht doch echt kein Hacker! Deshalb möchten unsere eifrigsten Verteidiger des Datenschutzes diesen paradiesischen Zustand erhalten und bekämpfen die Bemühungen zur Digitalisierung des Gesundheitswesens und, vor allen Dingen die eigentlich seit Januar 2020 eingeführte Gesundheitskarte.

Eine Dame aus meiner näheren Umgebung leidet unter einer unangenehmen Krankheit mit Auswirkungen auf mehrere Organe. Deshalb sind, wie im obigen Fall, Doktoren mehrerer medizinischer Spezialisierungen an der Diagnose und Therapie beteiligt. Dabei kann man deren Vorgehen wie in der berühmten Elefantenfabel beobachten; der blinde Internist erwischt ein Bein und sagt, es sei eine Säule, der blinde HNO-Arzt erwischt ein Ohr und erklärt, das sei ein großer Fächer, der blinde Rheumatologe erwischt den Schwanz und erklärt ihn zu einem Seilzug mit Quaste unten dran., der blinde Neurologe erwischt den Rüssel und bemerkt, das sei ein Arm. Alle verschreiben Medikamente entsprechend ihrer Erkenntnisse. Dass diese sich gegenseitig in die Quere kommen, kriegen sie nicht mit. Sie fühlen ja nur das Bein, den Rüssel, das Ohr und den Schwanz. Hätte man die Gesundheitskarte, also die Gesamtsicht auf Diagnose und Medikation, so sähen manche Behandlungen eventuell anders aus.

Sicherlich gibt es Möglichkeiten für unerlaubte Zugriffe auf medizinische Daten und sogar Missbrauch solch unrechtmäßig erworbener Daten, falls die medizinische Infrastruktur sicherheitsmäßig schlecht gemacht ist. Aber erstens es gibt ja durchaus die Möglichkeit, solch eine Infrastruktur gemäß dem Stand der Sicherheitskunst zu realisieren. Dazu schaue man nur auf das voll digitalisierte Bürgersystem in Estland. Dort erfreuen sich die Bürger an einem bequemen Zugang zu staatlichen Dienstleistungen, die von den Verwaltungen effizient erbracht werden. Gleichzeitig kann der einzelne Bürger jederzeit nachprüfen, wer auf seine Daten zugegriffen hat, und sich beschweren, wenn jemand dabei war, der das nicht tun sollte.

 

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