Das kleine und das große Geschäft bei Amazon

Im Film über die ersten Austragungen der Tour de France sieht man die Fahrer in der Dorfschmiede beim Schweißen der gebrochenen Gabel und im Restaurant bei einer Zwischenmahlzeit. Sicherlich durften sie auch die Toiletten im Restaurant benutzen. Sie hatten offensichtlich Zeit genug.

Die heutigen Fahrer der Tour de France kämpfen um jede Sekunde. Materialwagen werfen ihnen neue Räder zu, wenn die benutzten Räder einen Schaden haben, Verpflegungsstationen am Rande der Piste reichen ihnen Getränke und Snacks. Aber ob kleines oder größeres Geschäft, sie dauern einfach einige Sekunden oder sogar Minuten. Die müssen gespart werden. Wie das geht, unterschlägt uns die Fernsehberichterstattung. Gegen den Wind oder bergauf Bieseln ist bestimmt nicht einfach, und die 3-D-Profile der Strecken waren damals schon und sind immer noch beeindruckend.

Die Essensausfahrer in New York City haben ähnlich stramme Waden wie die Tour-de-France-Fahrer. Wie diese fahren sie bei Wind und Wetter. Nur ist New York City eher flach. Man könnte diese Jobs also eher als 2-D-Jobs bezeichnen. Tatsächlich werden die Jobs der Essensausfahrer aber als 3-D-Jobs bezeichnet, allerdings ohne eine topographische Interpretation.

3-D steht heute für dirty, dangerous, demeaning. Dirty und dangerous, das leuchtet unmittelbar ein. Aber demeaning, also erniedrigend? Na ja, die Auslieferer für Restaurants in NY dürfen die Restaurants nicht betreten, also auch die Toiletten nicht. Das kann im Falle von übervollen Blasen oder Därmen leicht zu entwürdigenden Situationen führen.

Das scheint den Logistikmitarbeitern in Amazonien ähnlich zu gehen. Jede Sekunde zählt, und Toilettengänge sind nicht erlaubt. Es zählt doch (angeblich) nur der Kunde und dessen pünktliche Belieferung. Es gibt sogar Gerüchte aus Arbeitnehmerkreisen, die amazonischen Verteilungszentren würden ohne Toiletten gebaut. Warum sollte man darauf auch Geld verschwenden, wenn sie eh überflüssig sind? Vorsichtige Mitarbeiter bringen zur Schicht eine Flasche fürs kleine Geschäft und eine Tüte fürs große Geschäft mit.

Die Frage, Toilettenpausen oder nicht, ist bezeichnenderweise auch einer der massivsten Streitpunkte beim Versuch, die erste Gewerkschaft für Amazon-Beschäftigte zu gründen. Das kommt beim Management gar nicht gut an. Gewerkschaft? Ist doch total überflüssig, so gut wie es den Beschäftigten geht! Sie werden zwar nach miserablen Tarifen bezahlt, haben aber doch immerhin Jobs, oft sogar mehrere. Andererseits gibt es AmazonFCJohn, der findet die Toiletten bei Amazon super, AmazonFCJeff, der rühmt sogar die Toilettenpausen als ausreichend lang. Allerdings werden die beiden wahrscheinlich nach Amazon-Troll-Tarifen bezahlt und nicht nach Logistiktarifen.

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Noch mal zur Charakteristik dangerous. Man sollte ja meinen, ein Job bei Amazon sei weitgehend ungefährlich. Natürlich kann einem ein Paket auf den Fuß fallen. Aber solange darin keine 36 Urinierflaschen oder ähnlich gewichtige Dinge eingepackt sind, passiert doch nicht allzu viel. Kürzlich ging durch die Presse, dass Amazon-Mitarbeiter am Standort Winsen an der Luhe bei der Arbeit keine FFP2-Masken tragen dürfen, weil das die Lieferung an den Kunden ausbremsen könnte, und der Kunde ist nun mal das Ziel aller Bemühungen von Amazon. Nicht ganz ungefährlich in diesen Zeiten, wie manche meinen. Da kann man in Winsen an der Luhe leicht das Winseln aus der Lunge kriegen.

Amazon kümmert sich auch darum, dass die Mitarbeiter flott zu ihren beschissenen Jobs kommen. Dazu wurde die Rotphase vor einem Amazon-Logistikzentrum in Alabama auf Drängen von Amazon verkürzt, Verschwörungstheoretiker behaupten, um es Gewerkschaftsvertretern schwerer zu machen, Amazon-Mitarbeiter vor der Ampel anzusprechen. Aber das kann doch gar nicht sein!

2 Kommentare zu Das kleine und das große Geschäft bei Amazon

  • Alles beschissen, manchmal offenbar buchstäblich, allerdings keine FFP2-Maske tragen zu müssen, ist wohl eher eine Wohltat.

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  • Stimmt! Man sollte nur die Risiken mit berücksichtigen.

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