Der Niedergang des Schlapphütefilms

Als Informatiker glaubt man ja nicht so recht, dass die eigene Technologie auch Schlechtes anrichten kann. In einem Bereich muss ich das leider uneingeschränkt zugeben.

Ausweislich vieler Glossen bin ich nie müde geworden, die Errungenschaften meines Fachs, der Informatik, über alle Schamgrenzen hinweg zu loben und zu preisen. Heute allerdings muss ich leider einen gewissen Verlust an Qualität in unserem Leben eingestehen, verursacht durch einen von Personen minderer Einsicht laut gepriesenen Fortschritt.

In den alten Zeiten zeigte jeder ordentliche Spionagefilm mindestens eine Szene, in der ein Agent einer feindlichen Macht oder eines konkurrierenden Dienstes in der Wohnung einer Zielperson ein Abhörgerät installierte. Schon der Einbruch erregte die Nerven der Zuschauer. Aber absolut aufregend wurde die Szene erst, weil zwar die Zuschauer, nicht aber der Installateur wusste, dass gleichzeitig die Befreier oder die Agenten der Gegenseite zur selben Wohnung unterwegs waren. Die Zuschauer fieberten unter der Ungewissheit, ob der Installateur rechtzeitig fertig werde oder seine Jäger vorher am Ort eintreffen würden.

Heutzutage sieht man einer Person dabei zu, wie sie zur Vorbereitung ihrer Tat ein Manual in Papier oder auf einem Bildschirm studiert, dann einen mit einem schwungvollen Haken verzierten Karton öffnet und diesem einen runden flachen Gegenstand entnimmt. Der Akteur macht sich nicht mal die Mühe, diesen runden Gegenstand zu verstecken. Nein, er stellt ihn offen auf einer Tisch-, Regal- oder Schrankfläche ab. Sie scheint dermaßen unauffällig zu sein, dass man sie gar nicht erst verstecken muss. Die Abhöranlage ist also installiert, und ein Youtube-Video bringt höchstens noch ein paar Ratschläge, wie man mit dem Gerät reden sollte. Kommt da auf Ihrem Rücken beim Zusehen noch ein Kribbeln auf? Ist doch echt ein starker Verlust, oder?

Nach wie vor ist nicht nur das Mithören, sondern erst recht das Aufzeichnen von mitgehörten Gesprächen oder sonstigen Geräuschen interessant und sogar eventuell strafrechtlich relevant. Der Hersteller der oben erwähnten Abhöranlage zeichnet gemäß der Nutzungsbedingungen aber nur auf, wenn irgendwann das Wort „Alexa“ zu hören ist. Das deutet auf eine grob ungleiche Behandlung von Alexas und nicht-Alexas hin. Diskriminierungsbeauftragte, mal herhören!

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Arbeitet also ein Mensch namens Alexa daran, einen anderen Menschen vom Leben zum Tode zu bringen und benutzt dabei zum Beispiel einen stumpfen Gegenstand, so könnte der zukünftige Tote also eventuell noch rechtzeitig ein erstauntes „Du, Alexa?“ von sich geben und damit zur Aufklärung der Tat einen erheblichen Beitrag leisten. Bei einem Mörder namens Alex wäre da einfach nichts gespeichert.

Auch die Methoden zur Informationsbeschaffung über interessante Personen hat sich unter der technologischen Entwicklung stark geändert. Zu früheren Zeiten wurden mehr oder weniger effektive, aber auf jeden Fall sehr schmerzhafte Methoden angewendet, um aus Menschen Informationen über andere Menschen zu extrahieren, meistens Folter. Diese wurde zeitweise auch erweiterte Verhörmethoden genannt. Schon beim Gedanken daran, erst recht beim Zusehen überfällt den Menschen das reine Grausen.

Verglichen damit ist die ungleich effektivere, moderne Methode zur Beschaffung vertraulicher Informationen zum Gähnen langweilig. Sie besteht im Wesentlichen daraus, dass man Menschen ein Formular zum Anlegen eines Profils präsentiert und sie zum Beitritt zu einem sozialen Netzwerk motiviert. Schon fließt mehr Information, als früher drei Tage verschärfte Folter mit Streckbank ergeben hätte.

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