Graduelle Mitgliedschaft

 

Drin oder nicht drin, das ist hier nicht die Frage.

Von der Mengenlehre sind wir eigentlich klare Verhältnisse gewohnt; entweder ist ein Element in einer gegebenen Menge drin oder nicht. Es mag allerdings unmöglich sein festzustellen, was von beiden der Fall ist. Mit dieser Unentscheidbarkeit lernt der Informatikstudent schon in frühen Semestern zu leben. Auch mag die Mitgliedschaft mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit gegeben sein. Aber halb oder zu einem Viertel in einer Menge drin zu sein, ist eher unüblich.

Vor einiger Zeit war ich als Gutachter eines Forschungsprogramms tätig. Das Programm war von einer Gruppe von Instituten initiiert worden, die offensichtlich ein genuines Interesse an finanzieller Förderung hatte. Nennen wir die Gruppe der Einfachheit halber Die Lobbyisten. Wir Gutachter bekamen die gestellten Anträge, die nicht alle von Lobbyisten gestellt worden waren. Vermutlich wäre eine Einschränkung auf Lobbyisten-Institute gesetzlich nicht möglich gewesen.

Außer den Anträgen bekamen wir Bewertungsbögen, auf denen wir relevante Eigenschaften der Anträge bewerten sollten, zum Beispiel die Originalität der vorgeschlagenen Forschung, die Klarheit des Antrags usw. Die Qualität sollten wir jeweils auf einer Skala von 1 bis 10, 1 für sehr schlecht, 10 für sehr gut, bewerten. Überraschend, zumindest für mich, war das Kriterium, Mitgliedschaft bei den Lobbyisten. Ich hätte ja gedacht, dass dies eine Boolesche Eigenschaft gewesen wäre, entweder man ist drin oder man ist nicht drin. Aber offensichtlich konnte sich der Förderer auch vorstellen, dass man mehr oder weniger drin wäre.

Eine Interpretation der verschiedenen Bewertungsstufen wurde uns nicht gegeben. So spekulierte ich, dass es von 1 – ahnt, dass es die Lobbyisten gibt, über 2 – weiß ganz genau, dass es sie gibt, 3 – hat ihre Webseite gefunden, 4 – hat begonnen, die Vorteile einer Mitgliedschaft zu sehen, 5 – hat schon mal den Aufnahmeantrag heruntergeladen, 6 – hat diesen ausgefüllt, 7 – weggeschickt, 8 – eine positive Rückmeldung, aber noch keine Aufnahmebstätigung bekommen, 9 – war schon fast drin, ist aber an der Schwelle gestolpert, bis zu 10 – endlich drin, geht.

Da aber ein bisschen Mitgliedschaft institutionell nicht möglich war, konnte der Informatiker hier leicht ein Typ-Problem erkennen. Was ein bool hätte sein sollen, war ein short int.

Was aber politisch noch gewichtiger war als ein leidiges Typ-Problem, war das Gewicht einer Mitgliedschaft bei den Lobbyisten. Die 10 Bewertungspunkte für eine Mitgliedschaft gingen ja additiv in die Gesamtbewertung ein. Wenn man drin war, hatte man also 10 Punkte in der Gesamtrechnung sicher. Diese 10 Punkte konnte einen absolut unoriginellen oder total unklaren Antrag im Ranking an einem recht originellen und hinreichend klaren Antrag eines Nichtmitglieds vorbei schieben. Wenn man nicht großes Vertrauen in die Objektivität unserer Förderinstitutionen gehabt hätte, hätten doch glatt Zweifel aufkommen können, ob das nicht sogar vom Zuwendungsgeber gewollt war.

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