Standardisierung und Kommunikation

Eine weit verbreitete Sprache zu sprechen, hat den Vorteil, leicht verstanden zu werden, und den Nachteil, leicht verstanden zu werden.

Standardisierung ist eine sehr alte Methode, verschiedene Gesellschaften, Wirtschaften und technischen Infrastrukturen zu verbinden. Man könnte sie als eine erste Art der Globalisierung sehen. Erst als man von lokalen Uhrzeiten zu einer England-weiten Eisenbahnzeit, der Londoner Zeit, überging, konnte man gescheit Fahrpläne für die Eisenbahn erstellen.

Dass die Franzosen bei der darauffolgenden internationalen Standardisierung natürlich nicht akzeptieren konnten, dass die internationale Zeit sich nach London, genauer nach Greenwich, richtete und nicht nach Paris und deshalb noch einige Jahre mit einer Pariser Zeit arbeiteten, lange vergessen! Und dass die Briten, als es um die europäische Standardisierung der Netzstecker ging, auf ihrem klobigen, im Wesentlichen in Ländern des früheren British Empire verwendeten und mit dem größten Teil von Europa inkompatiblen Stecker bestanden, das könnte man eventuell als einen Vorboten des Brexit sehen.

Ein Netzstecker, dessen Form nicht von Brüsseler Bürokraten genormt ist, sondern welcher die glorreiche britische Geschichte ins Gedächtnis ruft und den britischen Willen zur Selbstbestimmung symbolisiert. Hat doch was! Auch das Internet brauchte erst die Standardisierung des Internet-Protokolls, um abzuheben. Unter diesem Gesichtspunkt ist es eigentlich verwunderlich, dass Versuche, natürliche Sprache zu standardisieren, also z.B. Esperanto, bis heute gescheitert sind.

Nehmen wir mal an, Sie seien ein Este und stünden auf der Piazza Navona in Rom und Sie hätten sich nicht mit einem weiteren Esten zur Einnahme hochprozentiger alkoholischer Getränke verabredet. Meine Argumentation funktioniert aber genauso gut, wenn Sie dort als ein Tschetschene stünden ohne die Absicht, sich mit ein paar anderen Tschetschenen zur Ausübung eines Auftragsmords an einem emigrierten russischen Oppositionellen zu treffen. Dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie zufällig einen weiteren Esten beziehungsweise einen weiteren Tschetschenen dort treffen und sich mit ihm in Ihrer Landessprache unterhalten können, äußerst gering.

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Wie kann ich Ihnen das intuitiv klar machen? Also sie ist viel, viel, viel geringer, als dass Sie mit einem Klugfon mit einer Corona-Warn-App darauf in Ihrer Tasche einen anderen Menschen mit einem Klugfon und der Corona-Warn-App darauf treffen, und das will wirklich etwas heißen!

Sollte es jedoch, trotz aller Unwahrscheinlichkeit so sein, dass Sie als Este oder Tschetschene einen Landsmann treffen, so können Sie ruhig in beliebiger Lautstärke höchst Vertrauliches miteinander austauschen. Der Gebrauch Ihrer Landessprachen wirkt besser als eine effektive digitale Verschlüsselung. Wenn Sie dagegen der Angehörige eines englischsprachigen Volkes wären und ein Mitglied desselben oder eines anderen englischsprachigen Volkes träfen, so sollten sie, sofern sie die englische Muttersprache (und nicht etwa deren irische Variante) verwenden, alles Vertrauliche vorsichtshalber nur hinter vorgehaltener Hand und im Flüsterton miteinander austauschen. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass jemand ihrer Sprache mächtig ist, ist weitaus größer als die Wahrscheinlichkeit des Zusammentreffens zweier Corona-Warn-Apps. Aber das will nicht viel heißen!

Was will ich eigentlich sagen? Na ja, dass das Beherrschen einer englischen oder sonstigen weit verbreiteten Muttersprache nicht nur den Vorteil hat, dass man überall verstanden wird, sie hat auch den Nachteil, dass man überall verstanden wird.

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