Taliban in Wikipedia

Ehrenamtliche Mitarbeit an einem löblichen Projekt kann auch zur Befriedigung von Machtbedürfnissen dienen.

 

Aus aktuellem Anlass muss ich an die Herrschaft der Taliban erinnern, mit ihrer recht eigenwilligen, aber auf jeden Fall sehr strikten Regelauslegung und ihrer Bilderstürmerei. Es geht nicht um die Regeln der Scharia, und es geht nicht noch mal um die Zerstörung der Buddhas von Bamiyan durch die afghanischen Taliban im Jahr 2001. Sie wurden – Sie werden sich erinnern – mit der Begründung, die riesigen Figuren würden wie Gott verehrt, gesprengt.

Ich ähnele weder von meiner Figur her Buddha, noch würde ich gottähnliche Verehrung dulden. Trotzdem wurde mein Portrait nach mehreren Jahren friedlicher Existenz aus meinen Einträgen in der deutschen und der englischen Wikipedia von einem Bilderstürmer entfernt. Diese Leute werden aus naheliegenden Gründen Taliban genannt. Seine Begründung für die Entfernung meines Portraits: Copyright Violation.

Dabei hatte der Fotograf sich als Besitzer der Rechte ausgewiesen, alle Rechte an dem Foto freigegeben und es hochgeladen. Daraufhin wurde es erst einmal auf meine Wikipedia-Seiten eingestellt.

Aber da gibt es ja die bilderstürmenden Taliban. Sie schlagen einem Volunteer Response Team (VRT) Löschungen vor. Früher hieß diese Truppe OTRS-Team (Open-source Ticket Request System). Es sind ehrenamtliche Mitarbeiter, die Anfragen, Beschwerden und Kommentare bearbeiten.

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Generell gilt, der Besitzer des Copyrights an einem Bild oder einem sonstigen Objekt muss alle Rechte zur Veröffentlichung freigeben. Ein interessanter Fall war, dass jemand ein Foto von sich brauchte, einem Kumpel sein Handy rüberreichte mit der Bitte, ein Foto von ihm zu machen. Als er dieses Foto bei Wikimedia mit der notwendigen Erklärung bzgl. der Rechte einreichte, wurde dessen Veröffentlichung abgelehnt, weil der Fotograf und nicht der Besitzer des Handys der Rechteinhaber sei. “The actual photographer, not the owner of the phone, owns the copyright, so in order to restore this, the actual photographer must send a free license to OTRS.”  Ein anderer Mensch, der sein Bild in Wikipedia einstellen wollte, war da schlauer. Er machte ein Selfie und reichte es ein. Sah zwar Scheiße aus, wie er seinen Arm lang machen musste, brachte das Ergebnis aber in Wikipedia hinein. Sicher gibt es auch eine Regel für Fotos, die mit Selbstauslöser gemacht wurden. Muss der Selbstauslöser halt unterschreiben, dass er seine Rechte abgibt.

Mit altem Adel, auch wenn dessen Wappen von 1637 stammt, springt man ungewohnt rüde um. Das Wappen wird aus Wikipedia gelöscht, weil die Rechte an der Darstellung des Wappens dem Zeichner und nicht dem Inhaber des Wappens gehören. Der recht harsch die Wiedereinstellung seines Wappens fordernde Adlige schaut in die Röhre. Lehre: Ein Adelstitel beeindruckt einen echten Taliban nicht!

Ein Wikipedia-Beiträger versucht, ein Bild seines Urgroßvaters hochzuladen, welches aber wieder gelöscht wird, da er nicht sein Recht an diesem Bild bewiesen habe. Er fragt verzweifelt nach, ob er etwa die Gebeine seines Urgroßvaters ausgraben solle, um sie bzgl. der Rechte zu befragen. Dass er in seiner Hilflosigkeit gegenüber dieser Situation das Foto unter einem anderen Dateinamen noch mal hochgeladen hat, wird zu seinen Ungunsten ausgelegt.

Die Scharia-Regel würde wohl Mausfinger abhacken vorschreiben. Ist ja auch klar! Er muss doch bereit sein, mehrere Seiten Wikimedia-Bedingungen zu lesen, zu verstehen und zu befolgen. Da hilft auch nicht, dass Nachkommen in der Regel auch das Recht an Bildern erben. Denn ein schlauer Wikipedia-Mitarbeiter stellt fest, dass das Foto offensichtlich Studioqualität habe und deshalb vermutlich nicht von einem Familienmitglied gemacht worden sei. Das stimmt zwar im Allgemeinen, aber in diesem Falle war der längst vergrabene Urgroßvater selbst ein Fotograf, was es wahrscheinlich macht, dass das Foto in seinem Studio entstand. Auf jeden Fall muss ich mir das für den Fall meines Großvaters Hermann Wilhelm, Fotograf, merken.

Eine ganz komplizierte Kiste entsteht, wenn auf einem Foto im Hintergrund ein Foto hängt. „Derived work“ schreit der Taliban, selbst wenn das Hintergrundfoto keine Rolle auf dem betroffenen Foto spielt. Was ist denn, wenn auf dem Hintergrundfoto ein Raum dargestellt ist mit einem Foto an der Wand und auf diesem eventuell wieder ein Raum mit einem Foto an der Wand? Nicht auszudenken!

Eine besonders zähe Diskussion musste ein Mensch durchstehen, der schwarz-weiße Satellitenbilder der NASA von Taiwan eingefärbt und das Ergebnis in Wikipedia hochgeladen hatte. Erst einmal ging die this-is-derivative-work-Flagge hoch. Blöderweise aber durch den Menschen erzeugt, der die Bilder in Wikipedia einstellen wollte. Ersatzweise zweifelt der Taliban an, dass das Original frei verfügbar gewesen sei. Er erkenne als Original keine schwarz-weißen Bilder, sondern nur Mengen von Zahlen an. Da hat er ein ernstes Problem mit der Unterscheidung zwischen einem Objekt und seinen verschiedenen Darstellungen! Die NASA und in diesem Fall ihr Jet Propulsion Laboratory (JPL) stellen allerdings ihre Fotos zur freien Verfügung auf ihre Webseite (Unless otherwise noted, images and video on JPL public web sites (public sites ending with a jpl.nasa.gov address) may be used for any purpose without prior permission, subject to the special cases noted below.) “Aha!”, sagt der Taliban, “da gibt es ja Ausnahmen!” Nur, die trafen in diesem Fall nicht zu. Es ging darin um die Verwendung des NASA- und des JPL-Logos, die Verwendung in Werbung und, jetzt kommt es, um Bilder, die nicht von der NASA selbst waren. Wer sagt denn, dass die verwendeten Ausgangsbilder zufällig nicht von der NASA waren. Die betroffenen Bilder waren aber von der NASA, und sie enthielten auch keine Logos. Nach einer entnervenden Diskussion von fast drei Wochen ruft ein Wikipedia-Helfer seine Kollegen von der Löschfront zur Vernunft, so dass die Bilder endlich das Licht von Wikipedia erblicken dürfen.

Um auf meinen persönlichen Bildersturm zurück zu kommen, was war denn da passiert? Wie gesagt, der Fotograf hatte sich eine Wikipedia-Identität zugelegt, um das Foto hochladen zu können, hatte erklärt, dass er gemäß den Wikimedia-Regeln alle Rechte freigäbe, und hatte das Foto hochgeladen. Die Metadaten des Fotos (EXIF-Daten) und sein angegebener Name stimmten überein.

Mein Taliban meldete eine Copyright-Verletzung und entfernte das Foto aus meinen Einträgen. Als Widerstand aufkommt, stellt ein weiterer Taliban fest, dass natürlich jemand anderes beim Anlegen der Wikipedia-Identität den Namen des Fotografen angegeben haben könnte, um das Foto in Wikipedia rein zu kriegen. Die beiden Talibans werden dann belehrt, dass sie eine Beweisumkehr fordern, nämlich nicht dass ein Betrug nachgewiesen wird, sondern die Identität von zwei Personen mit gleichem Namen. Das klänge doch leicht paranoid. Außerdem leidet der Vorwurf der Copyright-Verletzung darunter, dass der Taliban nicht belegen kann, wessen Copyright verletzt wurde, noch einen Ort vorzeigen kann, an dem dieses Foto bereits veröffentlicht wäre.

An diesem Punkt schien die Diskussion zu meinen Gunsten zu kippen. Aber ein Taliban hat immer noch letzte Munition im Köcher. Taliban Nummer zwei bringt zwei weitere Argumente ins Spiel: Ein Wikipedia-Nutzer, der nur einmal etwas hochlädt, ist statistisch gesehen so selten, dass es ihn sehr verdächtig macht, und das Foto ist zu gut, quasi professionell. Das erste, statistische Argument sticht in einer solchen Argumentation nicht wirklich, und das zweite Argument macht mich etwas sprachlos. In einer anderen Löschdiskussion wird ein Bild abgelehnt, weil es eine zu geringe Auflösung hat, und deshalb Leute ihre T-Shirts nicht damit bedrucken können. Hier aber ist die Qualität so gut, dass man sogar T-Shirts mit meinem Konterfei bedrucken könnte. Ja, was will man eigentlich mehr? Also professionelle Fotos bräuchten prinzipiell eine explizite Genehmigung, stellt Taliban Nummer 2 fest. Erst die Drohung des Fotografen, dass ihm Wikipedia ein für alle gestohlen sein könnte, brachte die VRT-Leute zur Einsicht.

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Vielen Dank an Peter Backes für die Unterstützung.

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