Die grünste Woche

Die EU-Kommission hat ihre Vorstellungen vom Green Deal für die Landwirtschaft mit konkreten Vorschlägen untermauert. Die Grünen sind mit der Forderung nach einer raschen Ökologisierung der „konventionellen“ Landwirtschaft in den Wahlkampf gestartet. Und die Bundeslandwirtschaftsministerin hat pünktlich zum Beginn der virtuellen Grünen Woche ihr „Öko-Barometer“ zum Lebensmittelkonsum präsentiert und sich dabei gefreut, wie sehr wir alle auf Bio umstellen. Es grünt so grün, und das mitten im Winter.

Aber was bedeutet das wirklich, wenn Julia Klöckners „Öko-Barometer“ ausweist, dass 37 Prozent der Verbraucherinnen in Deutschland angeben, regelmäßig Bio zu kaufen? Der Marktanteil von Bio-Lebensmitteln liegt laut „Statista“ aber bei rund sechs Prozent. Was bedeutet es, wenn 74 Prozent der im Auftrag des Bundeslandwirtschaftsministeriums repräsentativ Befragten angeben, ausschließlich oder häufig Bio-Eier zu kaufen, der Marktanteil von Bio-Eiern bei den Einkäufen privater Haushalte aber bei rund zwölf Prozent liegt. Lügen die Verbraucherinnen?

Zwanzig Jahre EU-Biosiegel: Die Bundeslandwirtschaftsministerin sagt, auch an dem schwächsten der Biolabel liege es, dass Bio boomt. | Foto: BMEL

Schöne Statistik

Gut, die Bio-Branche wächst, manche nennen es auch Boom, und die jüngsten Zahlen des Statistik-Portals Statista und des zuständigen Bundesamtes spiegeln das Jahr 2018. Aber so rasant ist das Wachstum von Bio in Deutschland nun auch wieder nicht, dass in zwei Jahren aus zwölf Prozent über siebzig werden. Der Bundesverband Ökologische Lebensmittelwirtschaft BÖLW feiert in seinem „Branchenreport 2020“, dass die deutschen Biobetriebe die Zehn-Prozent-Marke geknackt haben: Seit vergangenem Jahr werden knapp über zehn Prozent der Agrarflächen Deutschlands von Biobetrieben bewirtschaftet. Das heißt aber eben auch, dass immer noch fast neunzig Prozent „konventionell“ bewirtschaftet werden. Nur zum Vergleich: in Österreich wird rund ein Viertel der Argraflächen ökologisch bewirtschaftet.

Aber zurück zu den erstaunlichen Zahlen von Julia Klöckners Öko-Barometer: Auch wenn der Anteil der Bio-Eier richtig stark gewachsen ist, so waren 2019 laut BÖLW aus 12,1 dann doch eben erst 14,1 Prozent geworden. Die Lücke zu den Angaben der Befragten des Öko-Barometers, vom Bundeslandwirtschaftsministerium seit 2002 erhoben, ist gewaltig: Dreißig Prozent der Verbraucherinnen sagen dort, sie würden häufig Bio-Eier kaufen, 44 Prozent ist der Anteil derer, die das angeblich ausschließlich tun. Das heißt, 26 Prozent der Verbraucherinnen kaufen die restlichen 85,9 Prozent der „konventionell“ erzeugten und von den Privathaushalten verbrauchten Eier. Was machen die wohl damit? Gibt’s da täglich Rührei zum Frühstück, später Tortilla und als Nachspeise Zabaglione, oder sind wir da einer groß angelegten privaten Produktion von Eierlikör auf der Spur? Die Ministerin hätte eigentlich selbst stutzig werden können bei diesen Zahlen. Der Anteil der Biolebensmittel in den Kantinen des Bundeslandwirtschaftsministeriums beträgt – nach Angabe des BÖLW – zehn Prozent.

Was also sagt uns eine solche Statistik, was möchte uns die Ministerin sagen? Alles wird gut, weil immer mehr Bio wollen? Womöglich bestätigt das Zahlenwerk einmal mehr den jahrzehntealten Spruch meines Professors aus dem Statistikseminar für Anfänger: Glaube nur der Statistik, die du selbst gefälscht hast! Oder ist beim ministeriellen Öko-Barometer einfach nur der Wunsch die Mutter des Gedankens? Vielleicht ist es ja schlicht so, dass viele der am Telefon von den Demografen Befragten eher ihre Wünsche angeben, als ihr reales Einkaufsverhalten. Im Supermarkt ist dann doch wieder der Preis ausschlaggebend. Und Bodenhaltung klingt ja auch ganz gut. Dass die Bodenfläche, die eine Legehenne bei dieser Haltungsform zur Verfügung haben muss, kleiner als zwei Briefbögen ist – wer weiß das schon? (1)

Was darf wachsen im Acker und am Feldrand? Was bekommen Bäuerinnen dafür, wenn sie die Feldspritze weglassen und Blüten mitzüchten? Die EU-Kommission will den Pestizideinsatz halbieren. | Foto: Kranich17/Pixabay

Reale Schritte

Deutlich konkreter als die Landwirtschaftsministerin mit ihren seltsamen Zahlenwerken ist die EU-Kommission in diesen Tagen geworden. Sie hat Richtlinien für ihre „Eco Schemes“ vorgelegt, die sie in die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) einarbeiten möchte.

„Um durch Öko-Regelungen unterstützt zu werden“, schreibt die Kommission, „sollten landwirtschaftliche Praktiken: Maßnahmen in Bezug auf Klima, Umwelt, Tierschutz und antimikrobielle Resistenz abdecken.“ Letzteres bezieht sich auf die Nutzung von Antibiotika in den Ställen, auch von eigentlich für uns Menschen reservierten Antibiotika. Durch deren massenhafte Verwendung in der Tiermedizin entstehen multiresistente Keime, die am Ende für uns Menschen tödlich sein können. Außerdem schreibt die Kommission, die Maßnahmen sollten „ehrgeiziger sein als die durch die in der GAP ohnehin festgelegten Anforderungen und Verpflichtungen bezüglich Umwelt, Klima und Tierwohl.“ Und sie sollten „zur Erreichung der EU-Ziele des Green Deal beitragen“.

Was dann folgt, hört sich schon eher nach Agrarreform an, als das, was die Landwirtschaftsministerinnen zuletzt unter deutscher Ratspräsidentschaft vorgelegt hatten, und auch als das, was die ganz große Koalition der Weiter-so-Fraktion im Europaparlament Ende vergangenen Jahres beschlossen hat.

Bis 2030 soll die Verwendung synthetischer Pestizide in der Europäischen Union um die Hälfte reduziert werden. Die Hälfte der Landwirtschaftsfläche der EU soll bis dahin ökologisch bewirtschaftet sein. 2018 waren das nur acht Prozent. Die deutschen Bioverbände feiern den Zuwachs der ökologisch bewirtschafteten Fläche: fünfzig Prozent in fünf Jahren. Selbst wenn das in der ganzen Europäischen Union so weiterginge, stände die EU 2030 nicht mit fünfzig Prozent Biofläche da, sondern nur mit etwa vierzig Prozent.

Für die Kommission scheint die Zahl fünfzig aber etwas Magisches zu haben. Auch der Einsatz von Antibiotika in den Ställen soll um die Hälfte reduziert werden. Der Verlust von Lebensmitteln bei der Produktion und im Handel soll ebenfalls um die Hälfte reduziert werden, wodurch auch zwanzig Prozent Dünger nicht mehr ausgebracht werden müssten. Und am Schluss dann der Punkt, der sofort zu großem Geheul bei der Agrarlobby geführt hat, obwohl er mit viel weniger als fünfzig Prozent auskommt: „Bring back at least 10% of agricultural area under high-diversity landscape features by 2030.“ Auf mindestens zehn Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche soll die Biodiversität zurückkehren, indem das Land umgebaut, kleinräumiger genutzt und letztlich wohl auch die Pestizidspritze ganz verbannt wird.

Die Mitgliedsländer müssen nun in diesem Jahr ihre eigenen Umsetzungspläne vorlegen und haben dafür von der Kommission auch noch auf die jeweilige Region abgestimmte Vorschläge gemacht bekommen. Diese Strategiepläne für die Umsetzung der Gemeinsamen Agrarpolitik müssen in Brüssel genehmigt werden. Damit will die Kommission dafür sorgen, dass die Agrarreform doch noch kommt, obwohl das Parlament und die Agrarminister sie ausbremsen wollten.

Auch die deutsche Agrarministerkonferenz (AMK) muss jetzt ihren Plan erarbeiten. Und Julia Klöckner hat die Landesminister aufgefordert, bis zur außerordentlichen Ministerkonferenz im Februar ihre Vorschläge vorzulegen. Wolfram Günther, der grüne Landwirtschaftsminister Sachsens und derzeitige Vorsitzende der AMK, will aber keine Vorschläge bei der Bundesministerin abgeben, sondern erst einmal klären, wie die Länder an der GAP-Umsetzung beteiligt werden. Da bremst einer, zumindest scheinbar, der eigentlich treiben sollte.

Wie soll die Agrarlandschaft aussehen? Monokultur ohne Raum für Biodiversität. | Foto: jpleno/Pixabay

 

Oder soll die Agrarlandschaft eher so aussehen? Abwechslungsreich mit Hecken und Büschen, Obstgärten, Weiden und Äckern nebeneinander. | Foto: Franck Barske/Pixabay

Grüner Plan

Denn die Grünen wissen sehr genau, wie sie die Gemeinsame Agrarpolitik zur gemeinsamen Agrarreform machen wollen. Sie haben vorgeschlagen, die Direktzahlungen an die Landwirte langfristig ganz einzustellen. Also kein automatisches Geld mehr aus Brüssel, nur weil man einen Acker hat. Dafür eine Gemeinwohlprämie für all die vielen Leistungen, die Landwirtinnen schon jetzt erbringen und in Zukunft verstärkt erbringen sollen, die vom Markt aber nicht vergütet werden. Damit wollen sie die „konventionelle“ Landwirtschaft ökologisieren.

Wenn ein Betrieb seine Äcker umbaut und zwischen sie wieder Hecken pflanzt, dann tut er etwas für die Biodiversität, verliert aber Fläche und damit Ertrag. Irgendwann kehren die Nützlinge dann zurück, die ihm beim Pflanzenschutz helfen. Dafür muss er aber auch auf den Einsatz der Giftspritze verzichten, was zunächst wiederum den Ertrag mindern kann. Solange der Betrieb nicht auf Bio umgestellt hat, gibt es für all diese Ausfälle nicht mehr Geld. Die „konventionellen“ Landwirtinnen werden also mit Verlust bestraft, wenn sie etwas ökologischer wirtschaften. Das sollen die Gemeinwohlprämien, die die Grünen vorschlagen, nicht nur ausgleichen. Mit ihnen sollen die Bäuerinnen regelrecht bezahlt werden für das, was sie in unser aller Interesse auf ihrem Land tun.

Das wäre dann aber eine echte Agrarreform. Und für die fehlen einstweilen noch die politischen Partner. Aber es ist Superwahljahr – und da muss man ja nicht nur über CDU-Vorsitzende reden oder die K-Frage.

 


Richtlinien für Ökologische Maßnahmen in der Gemeinsamen Agrarpolitik GAP der EU-Kommission: https://ec.europa.eu/info/sites/info/files/food-farming-fisheries/key_policies/documents/factsheet-agri-practices-under-ecoscheme_en.pdf

Branchenreport 2020 des Bundesverbandes Ökologische Lebensmittelwirtschaft BÖLW: https://www.boelw.de/fileadmin/user_upload/Dokumente/Zahlen_und_Fakten/Brosch%C3%BCre_2020/B%C3%96LW_Branchenreport_2020_web.pdf

Öko-Barometer 2020 des Bundeslandwirtschaftsministeriums BMEL: https://www.bmel.de/SharedDocs/Downloads/DE/Broschueren/oekobarometer-2020.pdf;jsessionid=CC73F0E8872CE55C79AB25AAFAC48085.internet2842?__blob=publicationFile&v=6

 

  1.  Zwei DIN-A4-Seiten ergeben das Papierformat DIN A3. Das misst 29,7 x 42 cm, also 1247,4 cm². Bei der sogenannten Bodenhaltung dürfen neun Legehennen pro Quadratmeter gehalten werden; für eine Henne bleiben also 1111,11 cm². Die Vorschrift muss sich ein Karnevalist ausgedacht haben. Ist aber gar nicht witzig.

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