Regenwald im Einkaufskorb

Regenwald verschwindet, eine Palmölplantage entsteht. Hier eine Neubepflanzung auf Borneo, wo die Plantagen den Lebensraum der letzten Orang Utans bedrohen. | Foto: Aaron Gekoski / WWF

Ein normales Warensortiment einkaufen und dabei nicht mitmachen bei der Zerstörung des Regenwalds? Fast unmöglich! Jedes zweite Supermarktprodukt enthält Palmöl – und das meiste davon stammt aus Plantagen, für die Regenwald vernichtet wurde. Solche Plantagen werden auch noch weiterhin neu angelegt, es wird also weiter Regenwald vernichtet, weil die Nachfrage nach Palmöl hoch ist.

Der Tausendsassa unter den Pflanzenölen steckt üblicherweise in allem, was süß und fettig ist – in Schokoprodukten, Keksen, süßen Füllungen, Margarine, und in hoch verarbeiteten Lebensmitteln, in Tütensuppen, selbst in Backwaren aus der Brotfabrik und über den Umweg der Futtermittel auch in konventionellen Fleisch- und Milchprodukten, auch in Hühnereiern und Produkten mit Ei; dann in Kosmetika, Cremes und Lippenstiften, auch in Seifen und in Reinigungs- und Waschmitteln in Form von Tensiden. Und, weil ja die Adventszeit dräut, sei es gleich dazugesagt: auch im Schokonikolaus und der Weihnachtsbaumkerze steckt höchstwahrscheinlich Palmöl, ebenso in der heimeligen Beleuchtung mit Teelichtern. Deklariert werden muss das problematische Öl nur, wenn es in Lebensmitteln verarbeitet wird.

Industrie bricht Versprechen

Alle zwei Jahre untersucht die Umweltorganisation WWF den Anbau von Palmöl und den weltweiten Handel damit. Gerade erschienen ist die Palmöl-Scorecard 2021. Am Roundtable on Sustainable Palm Oil (RSPO) also dem Runden Tisch für nachhaltiges Palmöl, haben sich auf Initiative des WWF Hersteller, Händler und Verarbeiter von Palmöl mit Umweltverbänden zusammengesetzt und Kriterien für eine nachhaltigere Produktion erarbeitet. Seit 2011 gibt es mit dem RSPO-Siegel zertifiziertes Palmöl. Und der WWF untersucht nun regelmäßig, wie weit sich das zertifizierte Öl am Markt durchsetzt. Zehn Jahre später schreibt der WWF: „Die Bilanz ist ernüchternd: Trotz zahlreicher Zusagen der großen Markenhersteller und Supermarktketten, bis 2020 Naturzerstörung aus ihren Palmöl-Lieferketten zu beseitigen, hält sich die große Mehrheit nicht an ihre Versprechungen.“

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Nur 20 Prozent des Palmöls auf dem Weltmarkt ist überhaupt zertifiziert, und selbst Hersteller, die mit zertifiziertem Palmöl oder mit palmölfreien Produkten Werbung machen, haben keine saubere Bilanz.

Begehrter Rohstoff: Palmölfrüchte. Nur 20 Prozent der Weltproduktion ist zertifiziert, nur ein Prozent wird ökologisch ohne Pestizide produziert. | Foto: Mazidi Abd Ghani / WWF

Als eines der Negativbeispiele stellt Ilka Petersen, Referentin Landwirtschaft und Landnutzungswandel beim WWF Deutschland, den US-Lebensmittelkonzern Mondelēz vor. Der stellt hauptsächlich Snacks und Süßwaren her und vertreibt sie unter Markennamen wie Oreo, Cadbury, Milka und Toblerone. Für den Milka-Brotaufstrich „ohne Palmöl“ heimste Mondelēz viel Lob in der Presse und im Netz ein. Das täuscht wunderbar darüber hinweg, dass in anderen Produkten sehr wohl Palmöl steckt, und dass in den restlichen Produkten des Konzerns jedes Jahr 300.000 Tonnen Palmöl verarbeitet werden. Davon waren im vergangenen Jahr tatsächlich physisch zertifiziert nur zwei Prozent.

Das heißt, nur bei zwei Prozent des verarbeiteten Palmöls handelt es sich um Palmöl, bei dem die Herkunft klar ist. Zwei Prozent des von Mondelēz verarbeiteten Öls waren überhaupt nicht zertifiziert. Für den großen Rest wurden sogenannte B&C-Zertifikate zugekauft. B&C steht für Book and Claim. Da werden von irgendwo Zertifikate gekauft, die aber mit dem Palmöl, das tatsächlich verarbeitet wird, nichts zu tun haben müssen. „Das wollen wir eigentlich nicht mehr“, sagt Ilka Petersen. Ein solches System des Zukaufs von Zertifikaten könne man betreiben, wenn ein Zertifizierungssystem noch ganz am Anfang ist, wenn die zertifizierte Menge noch klein ist und Lieferketten noch nicht in alle Länder reichen. „Das ist beim Palmöl nicht mehr der Fall“, sagt Ilka Petersen. Lebensmittelhändler wie Coop in der Schweiz beweisen, dass sie Waren mit real zertifiziertem Palmöl bis zu ihren Kunden bringen können. „Dazu versuchen wir die Hersteller zu drängen“, sagt Ilka Petersen, „der Druck von Umweltverbänden und Verbrauchern scheint aber nicht auszureichen, damit sich alle wirklich bewegen.“

Der US-Konzern Mondelēz befindet sich im schlechten Mittelfeld der Hersteller, weit abgeschlagen hinter der Schweizer Groß- und Einzelhandelsgenossenschaft Coop, die das Ranking mit 22,4 von 24 möglichen Punkten anführt. Das beste deutsche Unternehmen ist Kaufland mit 21,6 Punkten. Aber Vorsicht: Wer bei Kaufland seinen Einkaufswagen füllt, kann nur dann sicher sein, dass zumeist zertifiziertes Palmöl drin ist, wenn es um die Eigenmarken des Konzerns geht. Wer bei Kaufland andere Marken kauft, hat es sehr wahrscheinlich wieder mit nicht zertifiziertem Palmöl zu tun …

Nachhaltiges Palmöl?

Die Ölpalme, Elaeis guineensis, ist eigentlich eine wunderbare Pflanze. Ihre Früchte liefern dreimal so viel Öl wie der Raps von unseren Feldern. Zudem kann man auch noch die Kerne auspressen und erhält dann Palmkernfett. Das macht die Margarine der Butter ähnlich und lässt sie auch entfernt so schmecken. Das Fett schmilzt bei Temperaturen um 25 Grad Celsius und lässt uns Kakaoglasuren oder Eiskonfekt im Mund zergehen. Die Kohlenwasserstoffketten des Palmöls ähneln zudem denen von Mineralölen, weshalb Palmöl auch dem Diesel beigemischt werden oder diesen ersetzen kann. Oder es lassen sich daraus Tenside herstellen für die Waschmittelindustrie. Und die Abfälle der Ölmühlen können als Dünger zurück in die Plantagen.

Die Ölpalme ist also eine vielfältig verwendbare, hocheffektive Energiepflanze. Aufgrund des hohen Ertrags ist Palmöl zudem recht preiswert zu haben. „Was allerdings nicht so wäre, wenn die Umweltkosten und die sozialen Kosten eingerechnet würden,“ sagt Ilka Petersen vom WWF. Die sozialen Kosten zahlen die Menschen, die auf den Plantagen arbeiten, teilweise Kinder oder Zwangsarbeiter, die sich dort mit Pestiziden vergiften, und die Menschen, die von ihrem Land vertrieben wurden, um dort Ölpalmen anzupflanzen. Die Umweltkosten zahlen wir alle durch das Aufheizen des Weltklimas bei der Vernichtung von Regenwald und durch die klimaschädliche Produktion auf den Plantagen, deren Absetzbecken Methan produzieren. In Indonesien, dem größten Palmölproduzenten der Erde, erhöht allein der Methanausstoß der Plantagen die Treibhausgasemissionen des Landes um ein Drittel. Tendenz steigend, denn Indonesien baut die Ölplantagen weiter aus.

„Es gibt aber auch wirklich nachhaltiges Palmöl“, sagt Ilka Petersen. Palmöl, für das kein Regenwald abgeholzt wurde, für das keine Arbeiter geknechtet werden und das fair gehandelt wird. „Einige Plantagen und viele Kleinbauern haben schon recht gute Standards, und es gibt auch pestizidfrei produziertes Bio-Palmöl.“ Das allerdings macht gerade einmal ein Prozent des Weltmarktes aus. Daneben gibt es seit 2011 eben das RSPO-Siegel, das Nachhaltigkeit verspricht. Wer das RSPO-Siegel haben will, darf eigentlich keinen Regenwald mehr abholzen und keine Torfböden umwandeln, muss Artenschutz betreiben, darf keine Kinder mehr arbeiten lassen und muss den Erwachsenen Mindestlohn zahlen. Offenbar halten sich aber manche der zertifizierten Firmen auch nicht an ihre eigenen Kriterien. Organisationen wie Greenpeace und „Rettet den Regenwald“ kritisieren, dass genau diese Kriterien nicht erfüllt werden. Von Zwangsarbeit und Kinderarbeit auf zertifizierten Plantagen wird ebenso berichtet wie vom Einsatz des Pestizids Paraquat, das in Europa verboten ist. „Natürlich kann und muss man ein Siegel kritisieren, dessen Umsetzung nicht ausreichend kontrolliert wird“, sagt Ilka Petersen vom WWF, „aber nur wenn man ein Siegel hat, kann man daran arbeiten, es zu verbessern.“

„Es gibt auch wirklich nachhaltiges Palmöl“, sagt Ilka Petersen, Referentin Landwirtschaft und Landnutzungswandel beim WWF. Marktanteil: ein Prozent. | Foto: Daniel Seiffert / WWF

Einstweilen ist die Bilanz des WWF zum Palmöl negativ. Das Fazit der Umweltorganisation: „Die vergangenen zehn Jahre haben gezeigt: Freiwillige Selbstverpflichtungen der Industrie reichen nicht aus, um die riesigen Probleme in der Palmöl-Lieferkette zu bewältigen.“ War da nicht was mit einem Lieferkettengesetz in Deutschland und der EU, frage ich Ilka Petersen. „Ja da wäre was,“ sagt sie. Etwas, woran die nächste Bundesregierung arbeiten sollte.

Für uns bleibt beim Einkaufen einstweilen das Ausweichen auf Bioprodukte. Darin darf sich nur bio-zertifiziertes Palmöl befinden, oder eben der wiederum biologisch angebaute Ersatz: Kokos oder Raps zum Beispiel. Wenn es das Gewünschte in Bioqualität nicht gibt, dann ausweichen zu Kaufland oder bei Süßigkeiten vielleicht zu Ferrero – mit 21,7 von 24 möglichen Punkten auf Platz zwei des Rankings. Und die Weihnachtskerzen vielleicht bei Ikea kaufen – mit 21,5 Punkten auf Platz drei. Das am besten platzierte konventionelle Kosmetikunternehmen ist übrigens Estée Lauder mit 19,6 Punkten.

 


Die Palmöl-Scorecard – das Ranking der Nachhaltigkeit: https://palmoilscorecard.panda.org/#/home

Das Methanproblem der Palmölplantagen in einem Beitrag in Spektrum der Wissenschaft: https://www.spektrum.de/news/palmoel-ist-noch-umweltschaedlicher/1251550

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