Schwein gehabt

Schwein gehabt: Sie gehören zu den wenigen Schweinen, die das ganze Jahr über draußen sein dürfen und damit so artgerecht gehalten werden, wie uns Menschen das möglich ist. | Foto: Florian Schwinn

Was macht ein Schweinehalter, der seinen Tieren ein besseres Leben verschaffen will? Er lässt die Sau raus! Was aber, wenn er von den Eltern einen Hof mit zweitausend Mastplätzen in Ställen mit Spaltenböden übernommen hat. Kann er es sich auf dieser Basis überhaupt leisten, auf Freilandhaltung umzusteigen? Wie lässt sich mehr Tierwohl schaffen, so wie das angeblich alle wollen?

Im Südwesten Schleswig-Holsteins versucht genau das der Schweinemäster Thies Mohr. Das Besondere an seinem Hohenfelder Hof: Hier gibt es beide Haltungsformen, hier lassen sie sich direkt vergleichen. In den Ställen wird weiter gemästet wie gehabt, während andere Schweine bereits im Freiland wühlen und sich suhlen dürfen. Was ist besser für die Tiere, was ist besser für das Budget des Landwirts?

Freiland

Es gibt Hofläden, denen sieht man mit etwas Erfahrung schon von weitem an, dass sie hauptsächlich Marketing verkaufen. Neben dem Parkplatz scharren dann gerne mal ein paar Hühner. Das Hühnermobil hat Räder, steht aber nach einem halben Jahr immer noch an derselben Stelle. Und die Eier, die der Hofladen verkauft, stammen aus der Bodenhaltung ein paar Kilometer weiter, wo die Hühner niemals die Sonne sehen. Auch die anderen rustikal drapierten Produkte im Laden sind ziemlich genau die gleichen, die sich in jedem Supermarkt finden.

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Das ist auf dem Hohenfelder Hof anders. Da gibt es am kleinen Parkplatz auch ein Hühnergehege. Aber da scharren unter Bäumen tatsächlich die vierzig Hühner, deren Eier man im Laden kaufen kann. Und die eigentliche Attraktion des Hofes, die freilaufenden Schweine, wird überhaupt nicht ausgestellt. Um sie zu sehen, muss man schon mit dem Bauern zusammen um die Ställe herumlaufen, in denen ihre eingesperrten Artgenossen gemästet werden. Hinter allen Hofgebäuden liegt dann der Auslauf, den Thies Mohr seit fünf Jahren seinen Schweinen gönnt.

„Viel zu klein“, sagt er, und will die zweitausend Quadratmeter noch in diesem Jahr auf zwei Hektar, also 20.000 Quadratmeter erweitern. Hätte längst passieren sollen, aber die Coronapandemie hat sich bekanntlich auch zu einer Rohstoffkrise ausgewachsen. Noch nie war das Material so teuer, das für die vorgeschriebenen Doppelzäune zur Schweinehaltung im Freiland nötig ist. Die Schweine indes wissen nichts von den Zukunftsplänen und davon, dass es ihnen noch besser gehen könnte. Sie fühlen sich sichtlich und hörbar wohl im Hier und Jetzt.

Ein Experiment mit inzwischen gesichertem Ausgang: Freilandhaltung am Hohenfelder Hof in Schleswig-Holstein. Angler-Sattelschweine, Husumer Protestschweine, Duroc und weiter hinten auch ein paar der üblichen Hybridschweine. | Foto: Florian Schwinn

Ökonomie

Womit wir bei der ökonomischen Frage angelangt wären. Der Landwirt Thies Mohr ist gelernter Ökonom. Er hat in Halle Betriebswirtschaft studiert und in Leipzig promoviert. Danach hat er in der Hamburger Finanzwirtschaft für die Schifffahrt gearbeitet, und dann erst 2014 den elterlichen Hof übernommen. Bauer zu werden war eine gefestigte „Kindheitsvorstellung“, Traum will er es nicht nennen. Er hat immer auf dem Hof mitgearbeitet, auch als Student, aber er ist kein studierter Landwirt.

Auch deshalb war es für ihn ein Experiment, nach der Hofübernahme mal ein paar Schweine versuchsweise rauszulassen. Vielleicht hätte ein gelernter Landwirt das aber auch gar nicht gewagt. Das Risiko ist hoch bei den Kosten der Tierhaltung und den Preisen für Lebensmittel. Thies Mohr hat es gewagt und zuerst einen Stall separiert und einen Ausgang drangebaut. Den hat er sich vom Veterinäramt genehmigen lassen und dann ein paar seiner Hybridschweine, also die ganz normalen Mastschweine, umgesiedelt und rausgelassen. Sorgsam getrennt von den anderen, die weiter in der konventionellen Mast auf Spaltenböden leben. „Die durften das nicht wissen und nicht sehen“, sagt Thies Mohr. Jeder Bauer weiß, was er seinen Tieren antut, wenn er sie nicht rauslässt, denn: „Die Tiere gehören eigentlich raus!“

Dann hat Thies Mohr erst einmal Verhaltensstudien betrieben und, wie er es nennt, „Anfängerfehler gemacht“. Er hatte alles gelesen, was es über die Freilandhaltung von Schweinen gab, war danach – zumindest gefühlt – aber auch nicht viel schlauer als zuvor. Also mit ein paar Tieren das Ganze ausprobieren.

Erste Erkenntnis: Das Schwein weiß, was es will. Auch nach Jahrzehnten Zuchtverformung, nachdem wir ein Schwein „hergestellt“ haben, das auf Spaltenböden in abgeschotteten Ställen auf maximal einem Quadratmeter Raum leben kann und dabei sehr schnell wächst bei bester Futterverwertung, wird das Schwein wieder Schwein, wenn es rauskommt. Tatsächlich fingen die Hybridschweine, also die für die Turbomast Gezüchteten, draußen fast sofort mit dem Wühlen an; sie verhielten sich schlicht wie Schweine. Wir haben ihnen also ihr natürliches Verhalten nicht weggezüchtet. Umso schlimmer, dass sie es normalerweise nicht ausleben dürfen.

Zweite Erkenntnis: Das Schwein ist draußen gesünder. Die Tierarztkosten reduzieren sich deutlich. Und das nicht nur bei den rustikalen alten „Rassen“ wie Angler Sattelschwein, Bentheimer oder Duroc, die auf dem Hohenfelder Hof inzwischen gehalten werden, sondern auch bei den hochgezüchteten Hybridschweinen, mit denen die Freilandhaltung vor gut fünf Jahren anfing. Wenn in der engen Stallhaltung drinnen ein Tier einen grippalen Infekt bekommt, haben ihn alle; draußen gibt es meist nur einzelne Kranke, die behandelt werden müssen. Es sei denn, eine Gruppe neu angekommener Ferkel infiziert sich mit einem der vielen Keime, die aus den Ställen nach draußen drücken. „Das ist die besondere Situation, die wir hier haben“, sagt Thies Mohr, „durch die zwei nebeneinander existierenden Haltungsformen ist die Keimlast aus den Mastställen auch im Freiland spürbar.“ Und dann muss eben notfalls auch dort ein Antibiotikum gegeben werden, wohl wissend, dass die Kundinnen und Kunden des Hofladens das nicht wollen. „Bei den Schweinen draußen warte ich immer, ob sich das kranke Tier von selbst erholt“, sagt Thies Mohr, „aber wenn nicht, dann muss ein Medikament gegeben werden. Alles andere wäre Tierquälerei.“

Dritte Erkenntnis: Das Experiment funktioniert auch finanziell. Die Freilandhaltung ist deutlich kostenintensiver, schon weil die Schweine draußen länger leben, sie bringt aber durch die Direktvermarktung im Hofladen und an die Gastronomie auch deutlich mehr ein. In den Mastställen des Hofes leben derzeit sechsmal so viele Schweine wie draußen, dennoch tragen die Freilandschweine schon fast ein Drittel zum Umsatz bei. Thies Mohr ist allerdings zwei Bauern. Einmal noch immer der konventionelle Schweinemäster und damit abhängig vom Markt, der bestimmt wird von ein paar wenigen Schlachthofkonzernen wie Tönnies, und vom Lebensmitteleinzelhandel, den die großen Vier bestimmen: Rewe, Aldi, Lidl und Edeka. Der andere Thies Mohr ist ein Direktvermarkter, der sich seine Kunden selbst gesucht hat und seine Tiere so hält, wie ihm das gefällt. Und den Tieren auch, was für jeden Besucher deutlich sichtbar ist.

Der Schweinemäster am Freigehege: Thies Mohr möchte möglichst ganz weg von der konventionellen Schweinemast im Stall. Er setzt auf die Direktvermarktung im Hofladen und für die Gastronomie. | Foto: Florian Schwinn

Direktvermarktung

Nach fünf Jahren Freilandhaltung hat der Hohenfelder Hof einen Hofladen und eine eigene Fleischerei mit angestelltem Metzger. Die in den Ställen gemästeten Schweine sind von ehemals zweitausend Mastplätzen auf knapp neunhundert reduziert und draußen leben inzwischen gut 150 Schweine vorwiegend der alten und teilweise gefährdeten Nutztierrassen. Die Freilandschweine wachsen deutlich langsamer und leben schon dadurch viel länger als die in den Mastställen. Sie sollen das auch. Die Schweine in den konventionellen Mastställen werden nur ein halbes Jahr alt, auch Bioschweine in der üblichen Haltung mit einem kleinen Auslauf werden nur rund zwei Monate älter. Seine Freilandschweine lässt Thies Mohr mindestens doppelt so alt werden wie die reinen Stalltiere. „Sie haben das bessere und das längere Leben“, sagt er, „und das schmeckt man am Ende.“ Die Fleischqualität im Hofladen ist eine ganz andere als im Supermarkt. Die Kundinnen und Kunden, die der Hof inzwischen gefunden hat, wissen das zu schätzen. Sie finden den Weg in die ländliche Idylle am Naturschutzgebiet Hohenfelder Moor.

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Der Hof, der in Familienhand ist, seit er um 1750 gebaut wurde, liegt eigentlich sehr verkehrsgünstig in der Nähe einer Auffahrt zur A23 zwischen Elmshorn und Itzehoe, also im Einzugsgebiet der Elbmetropole Hamburg. Von einem geschotterten Pendlerparkplatz ausgehend windet sich eine schmale Straße an alten Höfen entlang ins Land. Längst nicht mehr alle sind landwirtschaftliche Betriebe, aber für die Städter auf dem Weg zum Hofladen ist das idyllische Bild vom Land perfekt: Weiden, Felder, Obstgärten, ein paar Kühe, Pferde und dann am Ende die Hühner und Freilandschweine vom Hohenfelder Hof.

Das passt. Und das soll ausgebaut werden. Noch in diesem Jahr will Thies Mohr die Mastplätze in den Ställen auf vierhundert reduzieren und die Zahl der Freilandschweine auf zweihundert erhöhen. Dafür soll das Außengelände zehnfach größer werden. Das bringt hohe Kosten für neue Zäune mit sich, denn Schweine müssen im Freiland mindestens doppelt umzäunt werden, damit sie keinerlei Kontakt mit ihren wilden Artgenossen haben können und Seuchen wie die Schweinepest draußen bleiben.[1] Nachdem es keinen weiteren bundesweiten Lockdown wegen Corona mehr geben soll, hofft Thies Mohr auch auf wieder steigende Nachfrage nach seinem Freilandfleisch aus der Gastronomie. Wenn der Ausbau fertig ist, möchte er eine Art Dreifelderwirtschaft betreiben. Das Areal soll unterteilt werden in abgegrenzte Bereiche, die unterschiedlich bestellt werden. Nur in jeweils einem Bereich dürfen dann die Schweine ernten, was zuvor gepflanzt wurde. „Ein Feld ist bewohnt“, wie Thies Mohr das nennt, die anderen Felder werden bestellt und es wächst dort die nächste Ernte für die Schweine heran.

Warum nicht Bio?

Die Freilandhaltung, die eigene Fleischerei, der Hofladen – das alles beim Hohenfelder Hof sieht sehr nach Bio aus. Und ist doch nicht zertifiziert, obwohl auch Thies Mohr zunächst daran dachte, als er anfing, auf Freilandhaltung umzustellen. Aber erstens akzeptieren die Bioanbauverbände sein paralleles Umstellungsmodell nicht. Ein Hof, der noch konventionelle Stallmast betreibt, ist nicht zertifizierbar, ganz oder gar nicht die Devise. Und zweitens hatte er am Anfang einen ganz speziellen Typus von Bioberater auf dem Hof. Der riet ihm von der echten Freilandhaltung ab. Auslauf ja, aber Freilandhaltung nicht. Das wäre schmutzig, wenn die Schweine alles zerwühlen, und das wollten die Verbraucher nicht sehen. Thies Mohr war verblüfft. Das hatte er sich so nicht vorstellen können. „Diese Aussage war schon fast eine Frechheit“, sagt Thies Mohr, „und sie war falsch.“  Er zeigt seine wühlenden Schweine den Kundinnen und Kunden, die bei ihm einkaufen. „Und sie wollen genau das sehen, weil sie wissen, dass Schweine das mögen und es ihnen dabei gut geht. Einige haben mich sogar gebeten, eine Bank vor das Gehege zu bauen, damit sie dort sitzen und Schweine beobachten können.“

Der Auftritt des Bioland-Beraters auf dem Hohenfelder Hof ist jetzt schon fünf Jahre her, aber Thies Mohr schüttelt beim Erzählen auch heute noch den Kopf. Als der Berater ihm sagte, er solle den Schweinen lieber nur den vorgeschriebenen Auslauf gönnen und nicht die Freilandhaltung, entstand bei ihm der Eindruck, „dass es bei der Biohaltung mehr um das Siegel geht, als um die Haltung.“ Also kein Biosiegel. Den Schweinen geht’s auch ohne gut.

[1] Zur Afrikanischen Schweinepest und der Freilandhaltung siehe die Beiträge vom 05.08.21 und vom 12.08.21

Der Hohenfelder Hof: http://hohenfelder-hof.de/

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