Transparente Milch

Kühe auf dem Weg auf die Weide
So soll es sein nach dem Willen der Verbraucherinnen und Verbraucher von „Du bist hier der Chef“: Milchkühe auf dem Weg zum täglichen Weidegang. | Foto: Florian Schwinn

Stühlerücken bei den Verhandlungen über Lebensmittelpreise und Produktionsbedingungen. Jetzt sitzt eine Verbraucherorganisation mit am Tisch, und sie bestimmt, wie die Kühe leben, wie die Milch gemacht wird und was sie im Supermarkt kostet. Und wird dafür mit dem Siegel-Preis „Faire Partner“ belohnt.[1] Der gemeinnützige Verein „Du bist hier der Chef“ hat die erste „Verbrauchermarke“ kreiert und am Markt platziert. Wir können jetzt mitbestimmen, wie es den Tieren geht und was die Bäuerinnen und Bauern für ihre Arbeit bekommen.

Was kostet ein Liter Milch? Bei Edeka gerade für 85 Cent im Angebot. Biomilch gibt’s für 90 Cent. Was bleibt da für die Milchviehbetriebe? Viel zu wenig![2] Sie leben von der Substanz und geben dann irgendwann auf, spätestens wenn sie ihre Tiere und auch sich selbst ruiniert haben. Tierausbeutung und Selbstausbeutung für Billigpreise beim Lebensmitteleinzelhandel. Das kann nicht so bleiben, und das muss auch nicht so bleiben. Der Beweis steht jetzt im Supermarktregal: für 1,45 Euro.

Die Verbrauchermarke

„Die Verbraucher sagen uns, dass ihnen mehr Tierwohl auch mehr wert ist“, sagt Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner bei jeder passenden und gerne auch unpassenden Gelegenheit. Die Verbraucherinnen sagen das tatsächlich in den einschlägigen Umfragen immer wieder mit deutlicher Mehrheit. Und dann greift eine ebenso deutliche Mehrheit beim Discounter doch immer wieder zum Billigprodukt – sagt der Handel. Kann nicht ganz stimmen, weil der Bio-Sektor seit Jahren wächst. Und stimmt dann doch, weil auch bei Bio die Macht der wenigen Lebensmittelketten inzwischen durchschlägt. Auch da sind die Preise nicht mehr überall das, was die Landwirte brauchen.

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Nun also eine neue Marke: die Verbrauchermarke. So nennt der gemeinnützige Verein „Du bist hier der Chef“ aus Eltville am Rhein das, was er seit einem halben Jahr voranbringt, trotz Corona. Angefangen hat das Ende 2018, als der Gründer Nicolas Barthelmé seine Eltern in Frankreich besuchte. Dort fand er im Eisschrank die Biomilch der Initiative „C’est qui le patron?!“ Im Französischen klingt das hübscher, weil es gleichzeitig Frage und Aussage ist. Sei’s drum, Nicolas Barthelmé hat die Idee nach Deutschland transferiert, einen Verein gegründet und via Internet eingeladen, Kriterien für die von den Verbraucherinnen und Verbrauchern gewünschte Milch zu erstellen. Über Neuntausend haben mitgemacht und ein Pflichtenheft für die Milch erarbeitet, nach der nun die ersten fünfzehn Milchbetriebe in Nordhessen produzieren.

Nordhessen, weil die Upländer Bauernmolkerei in Willingen bereit war, die Milch für die neue Marke getrennt zu erfassen und zu verarbeiten, und weil sie die Betriebe an der Hand hatte, die mitmachen wollten. Die Upländer Bauernmolkerei ist die einzige reine Biomolkerei im Bundesland Hessen und die einzige, bei der die Genossenschaftsmitglieder wirklich noch mitreden. Außerdem hat sie schon 2005 zunächst mit einem Versuchsprojekt ein eigenes Label für faire Preise eingeführt und dies, nach unerwartetem Erfolg in den Bioläden und Supermärkten, zwei Jahre später auf alle ihre Milchprodukte ausgeweitet. Die Molkerei zahlt ihren Biobetrieben derzeit zwischen 48 und 50 Cent für den Liter Milch. Wenn die Milch für die Verbrauchermarke „Du bist hier der Chef“ erfasst wird, gibt es bis zu zehn Cent mehr, mindestens 58 Cent.

Gründer von du bist
Initiator Nicolas Barthelmé und drei der Gründerinnen des Vereins „Die Verbrauchermarke“: Von links Stephanie Antoni, Anika Fischer und Elena Barthelmé. | Foto: Die Verbrauchermarke

Die Kriterien

„Wir mussten mehr Grünland in die direkte Beweidung nehmen, um die Kriterien der neuen Marke zu erfüllen“, sagt der grüne Europaabgeordnete Martin Häusling, der mit den Söhnen den Kellerwaldhof in Oberurff betreibt. Was die Verbrauchermarke vorgibt, ist nämlich mehr, als der Anbauverband Bioland, bei dem Häusling Mitglied ist, seinen Betrieben vorschreibt. In dem Pflichtenheft für die Betriebe, die Milch für die Verbrauchermarke liefern, ist nicht nur Weidegang vorgeschrieben, sondern auch eine Mindestfläche von 2000 Quadratmetern Weidefläche pro Kuh. Ein Betrieb mit achtzig Milchkühen, wie der von Martin Häusling, muss also sechzehn Hektar Grünland tatsächlich in der direkten Beweidung haben. Es reicht nicht, das Gras zu mähen und zu den Kühen zu karren.

Nun liegen sechzehn Hektar Grünland nicht mal eben so um jeden Stall herum. Die Kühe müssen also auch auf entferntere Weiden geführt werden und von dort zum Melken wieder zurück. Dazu müssen die Wege gepflegt werden. Und wenn es über eine Straße geht, muss man schon zu zweit mitlaufen und möglichst einen ausgebildeten Hund dabeihaben. Außerdem verlangt das Pflichtenheft ausschließlich regional hergestelltes Futter. Die Hälfte muss vom eigenen Hof kommen, der Rest darf zugekauft werden. „Das kann schwierig werden“, sagt Biobauer Häusling. Im vergangenen Sommer, dem dritten, der zu trocken war, gab es kaum mehr Ackkerbohnen oder andere eiweißreiche Hülsenfrüchte in Bioqualität aus Hessen zu kaufen. Und die eigenen Äcker warfen auch zu wenig ab. Stellt sich die Frage, was „regional“ ist. Darf es für die Nordhessen auch aus dem angrenzenden Niedersachsen kommen?

Milchpreis Skala von Du bist der Chef

 

Auch andere Kriterien der neuen Milch sind nicht immer leicht zu erfüllen. Wenn die Kälber den Müttern nicht weggenommen werden, sondern bei ihnen saufen dürfen, gibt es bei der Verbrauchermarke nochmal einen Cent pro Liter Milch. Aber auch das ist Mehrarbeit. Beim Kellerwaldhof ist das durch die Betreuung mit Ammenkühen gelöst. Nach ein paar Tagen bei der leiblichen Mutter übernimmt eine Amme mehrere Kälbchen und zieht sie auf. Dazu braucht es allerdings möglichst einen eigenen Stall und eine eigene Weide.

Der Markt

In Frankreich ist „C’est qui le patron?!“ seit der Gründung 2016 zu einer erfolgreichen Marke gewachsen. In Deutschland dürfte das noch ein längerer Weg sein. Gründer Nicolas Barthelmé hat erlebt, wie sehr die Vertreter des Lebensmittelhandels fremdeln, wenn am Verhandlungstisch neben den Molkereien und den Produzenten plötzlich auch eine Verbraucherorganisation sitzt. Bei den wegen des Lockdowns digital geführten Gesprächen zur Einführung der neuen Milchmarke verhandelten die Vertreter des Lebensmittelhandels nicht gleich mit offenem Visier. „Während wir bei den Videokonferenzen von Anfang an die Kameras angeschaltet hatten, war der Lebensmitteleinzelhandel zunächst unsichtbar“, erzählt er. Auf dem Bildschirm zu sehen nur die Gesichter seiner Vereinsmitglieder und die der Upländer Bauernmolkerei. Dabei haben die großen Lebensmittelketten inzwischen Erfahrung im Verhandeln mit ungewohnten Partnern. Seit im vergangenen Jahr die Bauernproteste von LsV (Land schafft Verbindung) und AbL (Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft) die Lagerhallen und Supermärkte der Ketten blockierten, hat es mehrere Verhandlungsrunden um faire Preise gegeben. Mit äußerst mäßigem Erfolg zwar, aber doch Verhandlungen mit den Produzenten, die zuvor gar nicht mit am Tisch saßen.

Nun aber die Verbraucher, die nicht nur Forderungen stellen, wie man das von Food Watch oder Greenpeace kennt, sondern auch noch ein neues Produkt in die Regale stellen wollen. Biobauer Martin Häusling, als Europaabgeordneter erfahren auch im Verhandeln mit den Lobbyisten der Lebensmittelketten, kann deren Fremdeln verstehen. „Noch eine Milch“, sagt er: „Wohin soll die gestellt werden? Zu Bio oder zu Regional? Wer macht die Werbung dafür? Wer bezahlt die?“ Der Verein „Du bist hier der Chef“ hat inzwischen zwar gut tausend Mitglieder, aber neben Nicolas Barthelmé nur zwei Halbtagskräfte fest angestellt. Nicolas Barthelmé hat Betriebswirtschaft studiert und dann viel Erfahrung im Marketing und Vertrieb von Lebensmitteln gesammelt. Er hat zwanzig Jahre lang für verschieden Markenhersteller gearbeitet. Aber ein Betriebswirt macht noch keine neue Marke, schon gar nicht, wenn es dabei um so etwas gänzlich Neues wie eine Verbrauchermarke geht.

In einigen Supermärkten schon angekommen. Wo tatsächlich sagt der Store-Finder auf der Internetseite der Verbrauchermarke: https://dubisthierderchef.de/store-finder | Foto: Die Verbrauchermarke

Dennoch geht es voran mit der Milch von „Du bist hier der Chef“. Mit einer zweiten Molkerei in Schleswig-Holstein sind die Verhandlungen abgeschlossen. Es wird also auch im Norden die neue Milchqualität geben. Rewe, Edeka und Aldi sind dabei und mit Alnatura hat auch ein echter Biovertrieb die Milch gelistet. Andere Biogroßhändler fremdeln noch, wie zuvor die Lebensmittelketten. „Die haben noch nicht verstanden, worum es geht“, sagt Nicolas Barthelmé: „Wieso lässt eine Verbraucherorganisation Lebensmittel herstellen? Was soll das?“

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Waren es doch bislang die Händler und Großhändler, die wussten, was „der Verbraucher“ will. Die den Produzenten immer sagen konnten, dass „der Verbraucher“ immer nur von Tierwohl redet, dann aber das Billigste aus dem Regal nimmt. Weshalb nichts weiter zähle als der Preis. Nun kommen da Verbraucher her und setzen selbst die Qualitätskriterien und den Preis hoch. Kann das funktionieren?

In Frankreich tut es das. Frankreich ist aber auch kein Billigpreisgebiet in Sachen Lebensmittel. Ob das in Deutschland auch gelingt, wird die Zukunft zeigen. „Du bist hier der Chef“ arbeitet jedenfalls unverdrossen weiter. Gerade wird das nächste Produkt vorbereitet. Via Internet haben diesmal 15.000 Verbraucherinnen und Verbraucher die Kriterien für die Eier der Zukunft festgelegt.

 


Die Website von „Du bist hier der Chef“: https://dubisthierderchef.de

Produktionskriterien der Milch von „Du bist hier der Chef“: https://dubisthierderchef.de/produkte/milch

Rewe zu „Du bist hier der Chef“: https://www.supermarkt-inside.de/rewe-du-bist-hier-der-chef

 

[1] Der Preis „Faire Partner“ wird vergeben von den Fachmagazinen top agrar und Lebensmittel Praxis

[2] Nach langem Verharren bei etwa 30 Cent pro Liter ist der Preis für „konventionelle“ Milch derzeit aufgrund temporärer Nachfrage aus China auf 34 Cent gestiegen. Immer noch nicht kostendeckend.

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