Vom Ende des Kükentötens

Wer darf wachsen, wer wird abgetrieben? Das ist die Frage bei der In-Ovo-Geschlechtsbestimmung der Hühner im Ei. | Foto: Comfreak / Pixabay

Seit Anfang des Jahres gilt ein Tötungsverbot für Eintagsküken in Deutschland. Damit können die Brüder der Legehennen nicht mehr direkt nach dem Schlupf weggeworfen werden, wie das bislang mit rund 45 Millionen Küken im Jahr geschah. Stattdessen können die Hähne aus den Legehennenlinien schon vor dem Schlupf erkannt werden, indem mit In-Ovo-Analytik das Geschlecht schon im Ei bestimmt wird. Wenn die Hahnenküken dann mit Eihülle aussortiert werden, ist das eine staatlich geförderte Abtreibung, denn die In-Ovo-Technik wurde mit Fördergeldern vom Bundeslandwirtschaftsministerium entwickelt. Sie steht aber längst nicht für alle Bruteier zur Verfügung. Es müsste also schon tausende Bruderhähne geben, die irgendwo aufgezogen werden. Nur, wo sind die?

Die Bio-Anbauverbände Demeter, Naturland, Bioland und Biokreis lehnen die In-Ovo-Geschlechtsbestimmung und das Abtreiben der Hähne ab. Sie wollen alle Bruderhähne aufziehen, obwohl das eigentlich ein Verlustgeschäft ist. Finanziert wird das Überleben der Bruderhähne von ihren Schwestern – wie die Brudertier-Initiative das vorgemacht hat – durch einen kleinen Obolus auf die Eier. Die Höfe der Bioverbände vermarkten auch das Fleisch der Bruderhähne, entweder direkt in Teilen, oder als Hühnerfrikassee, oder sie geben es an Babynahrungshersteller wie Hipp ab. Auch als Biofutter für Hund und Katze taucht das Fleisch der Bruderhähne vermehrt auf. Wer konventionelle Bruderhahn-Produkte sucht, tut dies allerdings zumeist vergeblich.

Wo sind die Bruderhähne?

Diese Frage habe ich Henner Schönecke gestellt, selbst konventioneller Legehennenhalter mit Geflügelbetrieb südlich von Hamburg und dreizehn Verkaufsstellen in und um Hamburg, und Vorsitzender des Bundesverbandes Ei, BVEi: Wo sind die Bruderhähne?

„Die werden in Partnerbetrieben der Brütereien aufgezogen“, sagt Henner Schönecke. Das Prozedere, das sich eingespielt hat, seit der Lebensmitteleinzelhandel schon im vergangenen Jahr aus dem Kükentöten aussteigen wollte: Die Brütereien suchen sich Betriebe, die die Bruderhähne aufziehen. Das können Geflügelhalter sein, die aus der Mast von Pekingenten ausgestiegen sind, weil sie davon nicht mehr leben können. Das könnten aber auch Betriebe sein, die bisher normale Hähnchen gemästet haben, also die auf Fleischansatz gezüchteten schnell wachsenden Broiler, sagt Henner Schönecke.

Huch, weshalb sollte ein Hähnchenmäster auf Bruderhähne umsteigen? Die Aufzucht der Hähne aus den Legehennenlinien der industriellen Geflügelzucht ist doch eigentlich ein Verlustgeschäft. Die Legehennen sind so sehr auf Eierproduktion gezüchtet, dass für den Aufbau von Muskelfleisch genetisch kaum noch Reserven bleiben. Deshalb setzen auch die Hähne wenig Fleisch an; sie sind schlechte Futterverwerter und müssen länger gemästet werden, als die Hähnchen aus der Broilerzucht. Henner Schönecke denkt anders herum: „Das Aufziehen von Bruderhähnen hat viele Vorteile für den Tierhalter. Die sind nicht so anstrengend, die werden länger gemästet. Sie müssen den Stall zum Beispiel nur viermal im Jahr grundreinigen und desinfizieren, statt achtmal.“ Und die finanzielle Frage ist auch gelöst: Der Legehennenhalter zahlt beim Kauf neuer Legehennen für die Aufzucht der Bruderhähne mit. Refinanziert wird das nach dem Prinzip der Brudertier-Initiative durch einen höheren Eierpreis.

Und dieser höhere Eierpreis gilt in deutschen Supermärkten übrigens schon seit vergangenem Jahr und wurde von den Verbraucherinnen und Verbrauchern offenbar akzeptiert. Zuerst waren die Discounter vorgeprescht. Sie wollten nicht bis zum Inkrafttreten des Gesetzes zum Kükentöten warten, sondern Eier ohne Kükentöten anbieten, als das in der öffentlichen Diskussion war. Edeka, Rewe & Co. zogen dann nach. „Der Preissprung bei den Schaleneiern hat uns zum ersten Mal auf die Titelseite der Bild-Zeitung gebracht“, sagt Henner Schönecke: „als Inflationstreiber!“

Nur in einer deutschen Brüterei wird das Verfahren der Geschlechtsbestimmung im Ei überhaupt angewendet, berichtet Henner Schönecke, der Vorsitzende des Bundesverbandes Ei. Alle anderen Bruderhähne werden auch konventionell aufgezogen. | Foto: Schönecke

Geschlechtsbestimmung im Ei?

Warum werden eigentlich im konventionellen Bereich überhaupt Bruderhähne aufgezogen? Die Bioverbände lehnen die Geschlechtsbestimmung im Ei als ethisch nicht vertretbar ab, aber die konventionellen Halter doch nicht. Die Bundesregierung hat die Technik zur In-Ovo-Geschlechtsbestimmung mit Fördergeldern entwickeln lassen und Ex-Ministerin Julia Klöckner hat sich dafür vielfach selbst gefeiert. Aber nur in einer einzigen Brüterei in Deutschland wird die Technik überhaupt angewandt. „Ganz einfach“, sagt Henner Schönecke, „die Änderung des Tierschutzgesetzes zum Kükentöten hat zwei Stufen. Die erste trat am Anfang 2022 in Kraft: das Verbot des Tötens von Eintagsküken. Die zweite folgt in zwei Jahren: das Verbot der In-Ovo-Geschlechtsbestimmung nach dem sechsten Bruttag. Und die Technik, die das kann, gibt es noch nicht. Deshalb halten sich die Brütereien in Deutschland mit Investitionen zurück.“ Verboten werden soll die Geschlechtsbestimmung nach dem sechsten Bruttag, weil die Hühnerembryonen dann wahrscheinlich schon Schmerz empfinden. Auch dieses Verbot wird nur in Deutschland gelten, weshalb die hier entwickelte Technik derzeit fast nur in den Niederlanden angewandt wird. Dort ausgebrütete Legehennen dürfen aber nach Deutschland exportiert werden, egal wie ihre Brüder getötet wurden. Das gleiche gilt für die Eier. So etwas nennt man dann wohl Marktverzerrung.

Bleibt die Frage nach den Produkten. Jetzt gibt es seit Monaten Bruderhähne, aber noch immer steht nur auf Bioware, dass da Bruderhahn drin ist. „Das ist ein schwieriges Thema. Es gibt tatsächlich wenig Produkte, auf denen seht, dass dort Bruderhahn drin ist. Es gibt solche Konzepte, aber zumeist im Biobereich und eher regional. Das Fleisch der Bruderhähne ist ja auch nicht zu vergleichen mit dem Hähnchenfleisch. Es ist viel fester, viel kräftiger, viel geschmacksintensiver als normales Hähnchenbrustfilet oder Hähnchenschenkelfleisch. Und dementsprechend ist das ein anderer Zielmarkt. In der Hauptsache wird das in der Weiterverarbeitung verwendet. Das ist im Hühnerfrikassee oder in Suppen, da wo bisher auch schon das Fleisch der Legehennen verwendet wurde.“ Henner Schönecke würde sich allerdings wünschen, „dass wir im Supermarkt oder auch in der Gastronomie Produkte finden könnten, wo dann Bruderhahn draufsteht und drin ist. Aber da können wir als Erzeuger wenig machen.“

Hier sind die Bruderhähne!

Dass Erzeuger, also die Geflügelhalter selbst, auch in der Vermarktung viel machen können, haben die Biobauern bewiesen. Bei den Bruderhähnen allen voran der Bauckhof in Klein Süstedt bei Uelzen. Carsten Bauck hat vor zehn Jahren die Bruderhahn-Initiative-Deutschland mitbegründet, die sich inzwischen auch um Kälber kümmert und deshalb in Brudertier-Initiative umbenannt wurde. Auf dem Bauckhof werden die Bruderhähne schon seit Jahren aufgezogen und auch direkt vermarktet. Von Anfang an haben die Schwestern die Brüder subventioniert, indem ihre Eier für vier Cent mehr verkauft werden.

Während im konventionellen Bereich die Broiler nach etwa sechs Wochen geschlachtet werden und die Bruderhähne doppelt so alt werden, leben auf dem Bauckhof die Bio-Hähnchen mit vierzehn Wochen schon mehr als doppelt so lang wie ihre konventionell gemästeten Artgenossen. Und die Bruderhähne, die langsamer wachsen und mehr Futter verbrauchen, werden noch einmal sechs Wochen älter. Dennoch bleibt von ihnen am Ende weniger Fleisch. Von einem Broiler mit 2,4 Kilo Lebendgewicht bleiben 1,7 Kilo Fleisch. Bei gleich großen Bruderhähnen kommt man auf 1,4 Kilo Schlachtgewicht. Und das besteht dann aus deutlich weniger Brust- und ganz viel Keulenfleisch. „Der Schlachtkörper lässt sich gar nicht vergleichen“, sagt Carsten Bauck. Schon deshalb ist für ihn die Aufzucht der Bruderhähne nur eine Zwischenlösung.

Die Biobranche will weg von den industriell gezüchteten Legehennenlinien, die nur auf die Eierproduktion optimiert sind. Deshalb wird seit geraumer Zeit viel Geld und Zeit in die Zucht eines ökologischen Zweinutzungshuhns gesteckt. Das es inzwischen auch schon gibt, das aber für die Geflügelhalter ganz neue, oder auch alte, aber in Vergessenheit geratene Probleme mit sich bringt. Dazu demnächst an dieser Stelle mehr, wenn wir uns einer kleinen Eier- und Hühnerkunde widmen.

Lässt die Bruderhähne zwanzig Wochen alt werden. „Die Tiere sollen sich gespürt und ausgelebt haben,die sollen alles gemacht haben, was ein Huhn natürlicherweise machen kann und muss“, sagt Bio-Geflügelhalter Carsten Bauck. | Foto: Bauckhof

Solange es aber Bruderhähne im Biobereich gibt, will Carsten Bauck sie auf alle Fälle älter werden lassen, als das im konventionellen Bereich der Fall ist. „Die Tiere sollen ihre arteigenen Verhaltensmuster ausgelebt haben. Die sollen alles gemacht haben, was ein Huhn natürlicherweise machen kann und machen muss. Die sollen richtig draußen gelaufen sein, die sollen im Sand gebadet haben, die sollen sich rumgeprügelt haben. Die sollen sich gespürt und ausgelebt haben.“

Auch das ist außerhalb Deutschlands anders. Dort müssen Bruderhähne nicht so alt werden, auch nicht im Biobereich. Sie müssen auch kein Schlachtgewicht erreichen, mit dem die Metzger umgehen können. Das Trennen von Fleisch und Knochen übernehmen Maschinen, sogenannte Separatoren. In Deutschland muss Separatorenfleisch deklariert werden, und da die Verbraucherinnen und Verbraucher darauf sensibel reagieren, ist es damit unverkäuflich. In Österreich gilt zwar dasselbe EU-Recht, wird aber anders ausgelegt. Deshalb muss in Österreich hergestelltes Separatorenfleisch nicht deklariert werden und kann auch in Deutschland bestens als Henne & Hahn Bioprodukt vermarktet werden. So mancher Bio-Geflügelhalter in Süddeutschland dürfte deshalb seine Legehennen in Österreich kaufen, den üblichen Ablass dafür zahlen, dass die Bruderhähne dortbleiben, und damit den Umsatz österreichischer Bioprodukte steigern. So etwas nennt man dann auch Marktverzerrung, was an der Tatsache aber nichts ändert.

 


Mehr zur In-Ovo-Geschlechtsbestimmung gibt es hier: https://www.florianschwinn.de/wordpress/blut-klebt-am-fruehstuecksei/
Und zur zugehörigen Politik hier: https://www.florianschwinn.de/wordpress/kuekentoeten-vorverlegt/

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Ähnliche Artikel