Was war noch mit Tierwohl?

Trotz aller Ankündigungen und Appelle: Der Preiskampf beim Fleisch geht weiter! Hier bei der Edeka-Tochter Netto. “Der Ort, an dem nicht der Preis Bio sagt, aber die Qualität” ist zudem ein irreführender Werbespruch. Auf dieser Prospektseite steht ein einziges EU-Bio-Angebot. | Bild: Netto-Prospekt

Vor anderthalb Jahren hat das von der Bundesregierung einberufene „Kompetenznetzwerk Nutztierhaltung“ seine Vorschläge zum Umbau der Tierhaltung in Deutschland vorgelegt. Nach den Vorschlägen der Kommission unter dem Vorsitz des ehemaligen Bundeslandwirtschaftsministers Jochen Borchert soll bis 2040 mehr Tierwohl in alle Ställe einziehen. Finanziert werden soll das durch eine Abgabe auf tierische Lebensmittelprodukte.

Was ist seitdem passiert? Von Seiten der Politik, die die Borchert-Kommission beauftragt hatte, nicht viel. Sonst müsste die scheidende Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner nicht im Wahlkampf uns Verbraucherinnen und Verbraucher zu Hilfe rufen, um den Preiskampf auf dem Lebensmittelmarkt zu mildern. Wir sollen „lieber weniger, dafür höherwertiges Fleisch“ kaufen.

Haltungsfragen

Anders als die Ministerin könnte der Lebensmitteleinzelhandel mehr liefern als Ankündigungen. Zuerst hat sich die Rewe-Gruppe eigene Ziele in Sachen Tierwohl gesetzt. Schon seit vier Jahren führen die Rewe- und Penny-Märkte sukzessive die Kennzeichnung aller Fleischprodukte nach vier Haltungsstufen ein. Inzwischen kennzeichnen die Märkte der großen vier des Lebensmitteleinzelhandels, also Aldi, Lidl, Rewe und Edeka, und die Unternehmensgruppe Bünting, zu der unter anderem die Supermarktkette Markant gehört.

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Bei der Kennzeichnung nach Haltungsstufen handelt es sich um keine gesetzliche Vorgabe, sondern um einen Alleingang des Lebensmit­tel­ein­zel­handels. Der wollte nicht mehr auf die Politik warten und sich vor allem nicht mehr mit Horrorbildern aus tierquälerischer Stallhaltung auseinandersetzen müssen.

Was von den Supermarktketten als Haltungsstufe 1 gekennzeichnet wird, entspricht dem gesetzlichen Mindeststandard. Das ist das, was laut Borchert-Kommission komplett verschwinden soll und was der Deutsche Bundestag längst hätte abschaffen können. Die Haltungsstufe 4 ist Bio-Standard, wobei die Lebensmittelketten nicht zwischen EU-Bio und den deutlich höheren Anforderungen der ökologischen Anbauverbände unterscheiden. Auf mehrere Bioqualitäten im Regal und der Theke wollte sich der Handel wohl nicht einlassen.

Ein ähnliches Kennzeichnungssystem hat sich schon bei den Hühnereiern bewährt, nur dass dort die Stufe 0 für Bio steht. Und dass sich bei der Einführung dieser Kennzeichnungen Politik und Lebensmittelhandel darum gedrückt haben, auch verarbeitete Lebensmittel einzubeziehen, weshalb die in den Nudelfabriken und Backstraßen verarbeiteten Eier häufig weiter von Hennen gelegt werden, die in Käfige gepfercht sind. Die Käfighaltung ist in Deutschland verboten, nicht aber bei Importeiern. Die EU hat das Ende der Käfighaltung von Nutztieren gerade erst für 2027 angekündigt. Und Rewe zumindest scheint die Geschichte mit den Käfigeiern bei der Haltungskennzeichnung in Sachen Tierwohl nicht wiederholen zu wollen. Der Konzern kündigte in diesem Monat an: „auch verarbeitete Eigenmarkenprodukte (Wurstwaren, Convenience, Konserven und ausgewählte Tiefkühlprodukte) werden ab sofort auf die Haltungsform 2 umgestellt.

Die Ankündigung mit hübschem Schweinchen: Umstellung auf Fleisch nur noch aus Haltungsstufe 3 und 4 bis 2030 und kurzfristig bei Schweinefleisch auf Haltungsstufe 2. Einschränkung: Nur bei Rewes Eigenmarken. | Bild: Rewe Group
Die Realität im dunklen Stall: So leben die meisten Schweine in Deutschland. Bei Haltungsstufe 2 gibt es gerade mal 750 Quadratzentimeter mehr Platz pro Tier – und dafür schon das Siegel der “Initiative Tierwohl”. | Foto: Hans Braxmeier

Zentimeterkleine Verbesserungen

Nur, was ist wirklich besser an der Haltungsform 2? Was ist der konkrete Unterschied zum gesetzlichen Mindeststandard, der eine Kennzeichnung als „mehr Tierwohl“ rechtfertigt. Schauen wir auf die Schweinemast; das ist einer der Bereiche, in dem gewissermaßen schon traditionell der härteste Preiskampf tobt. Auch während Rewe, Aldi und Co. über Tierwohl reden, gibt es weiter die Sonderangebote von Schnitzeln und Steaks.

Während einem Mastschwein in Haltungsstufe 1 ganze 0,75 Quadratmeter Stallfläche zustehen, sind es bei der Haltungsstufe 2 gerade mal 0,825 Quadratmeter, also 750 Quadratzentimeter mehr. Das ist ungefähr die Größe von Briefumschlägen, mit denen wir ungeknickt Din A4 Papiere verschicken. Und das ist dann schon das Siegel der „Initiative Tierwohl“ wert. Ach ja, zusätzlich gibt es bei Haltungsstufe 2 noch Raufutter, also Heu oder Stroh, aber nicht etwa als Einstreu. Die Tiere leben auf Spaltenböden. Erst in Haltungsstufe 3 gibt es pro Schwein dann etwas mehr als einen Quadratmeter Platz. Außerdem eine Stallhaltung „mit Außenklimareizen“. Das heißt, die Tiere bekommen etwas mit vom Wetter, es gibt offene Stallfronten, sie dürfen aber immer noch nicht raus. Das dürfen nur die Bioschweine, die dann mindestens anderthalb Quadratmeter Platz im Stall haben und einen kleinen Auslauf. Freilandhaltung ist auch das noch lange nicht, mehr Tierwohl aber schon.

Aldis Ankündigung

Zuletzt ist nun Aldi vorgeprescht und hat für Staunen und Skepsis bei Bauernverband und Verbraucherorganisationen gesorgt. Der Discounter will bis 2030 sein komplettes Frischfleisch-Sortiment auf die Haltungsformen 3 und 4 umstellen. Kann man Aldi das abnehmen oder geht es mal wieder nur um Marketing? Und ist das Ziel überhaupt erreichbar? Zumal die Konkurrenz von Rewe inzwischen das Gleiche angekündigt hat. Die Borchert-Kommission hält diesen Umbau in der Tierhaltung deutschlandweit erst bis 2040 für machbar. Wobei die großen Lebensmittelketten nur etwa die Hälfte des Frischfleischmarktes in Deutschland abdecken und der nur etwa dreißig Prozent des gesamten Fleischmarktes ausmacht. Also vielleicht geht dann doch mehr Tierwohl in kürzerer Zeit für viel mehr Tiere.

Wobei Aldi-Manager Tobias Heinbockel schon bei der Verkündung des Haltungsform-Projektes einen Satz sagte, den man auch als Drohung hören kann: „Aldi tritt den Beweis an, dass ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis und Nachhaltigkeit sich keineswegs ausschließen.“ Gemeint war hier der steigende Absatz an Biowaren, vielleicht aber auch die versteckte Ankündigung, den Preiskampf stärker noch in dieses Marktsegment zu tragen. Außerdem hat Aldi auch gleich wieder Ausnahmen eingebaut, die sich ein wenig so anhören, wie die Sache mit dem Käfigei: ausgenommen von der speziellen Tierwohl-Initiative sind nämlich sogenannte Spezialitäten und Tiefkühlware. In den Kühltruhen soll es dann wohl auch weiterhin das Hähnchen für 3,99 geben oder ein Kilo Schweinenacken für 4,99. Aber da müssen wir ja nicht zugreifen …

 


Die Kriterien der Haltungsformen der Lebensmittelketten: https://www.haltungsform.de/wp-content/uploads/20210812_ITW_Haltungskriterien_Tabelle_ganz_neu.pdf

Die Vorschläge der Borchert-Kommission: https://www.bmel.de/SharedDocs/Downloads/DE/_Tiere/Nutztiere/200211-empfehlung-kompetenznetzwerk-nutztierhaltung.pdf?__blob=publicationFile&v=3

 

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