Wolfsfreie Zonen

Nein, der will nicht nur spielen. So viel ist sicher. Ansonsten gibt es Streit darüber, wie mit dem Wolf umzugehen ist und ob es „wolfsfreie Zonen“ braucht. | Foto: Marcel Langthim / Pixabay

Das fordert das „Aktionsbündnis Aktives Wolfsmanagement“ in Niedersachsen: Wolfsfreie Zonen! Zusammen mit der noch jungen Bauernvereinigung LsV, Land schafft Verbindung, hat das Aktionsbündnis gerade wieder einen Aktionstag mit Info-Veranstaltungen und Mahnwachen durchgeführt.

Aktives Wolfsmanagement soll heißen, dass ab einer bestimmten Anzahl Wölfe im Land geschossen wird. Der Bauernverband, der in Niedersachsen Landvolk heißt, und mit Schaf- und Pferdezüchtern Teil des Aktionsbündnisses ist, fordert eine Obergrenze für den Wolfsbestand. Dem schließt sich auch der Verband der Jagdgenossenschaften an, ebenfalls Mitglied des Aktionsbündnisses. Dieser Front unversöhnlich gegenüber steht der Naturschutz, allen voran der Nabu, der lediglich Problemwölfe „entnehmen“ lassen will. Das ist die übliche Umschreibung fürs Totschießen.

Wolf im Wahlkampf

In Umfragen zeigt sich eine deutliche Mehrheit zufrieden mit der Rückkehr der Wölfe. So auch jetzt wieder in Niedersachsen. Gleichzeitig ist eine Mehrheit aber auch für den Schutz der Weidetiere. Von denen soll es ja möglichst mehr geben. Weide steht für Tierwohl.

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Und warum geht das nicht alles zusammen? Weshalb stehen sich die Fronten so unversöhnlich gegenüber? Weshalb wird nicht miteinander geredet? Wie und worauf könnte man sich in Sachen Wolf eigentlich einigen?

Alles Fragen, die man mit den aufgeregten Aktivisten beider Seiten nur schwer erörtern kann. Also stelle ich sie einem nicht unbeteiligten Dritten: Eckhard Fuhr, Autor von Büchern über Wölfe und Schafe, und stellvertretender Vorsitzender des Ökologischen Jagdvereins Brandenburg-Berlin, der viel Erfahrung hat mit Wölfen.

Sie fordern eine Obergrenze des Wolfsbestands in Niedersachsen und den Abschuss aller „überzähligen“ Tiere: die im „Aktionsbündnis Aktives Wolfsmanagement“ zusammengeschlossenen Verbände, inklusive Bauern- und Jagdverband. | Foto: Landvolk Niedersachsen

Eckhard Fuhr, wenn Sie nach Niedersachsen schauen, wo es im Wahlkampf jetzt um den Wolf geht, was sehen Sie? Eine politische Zuspitzung?

Eckhard Fuhr: Die Konflikte verschärfen sich, wo die Wolfsrisse zunehmen. Interessanterweise verschärfen sie sich aber auch, wo dies nicht der Fall ist. Und speziell in Niedersachsen hat das tatsächlich den Charakter eines politischen Showdowns. Die Aktivisten auf beiden Seiten wollen offenbar nicht, dass man sich einigt. Der Nabu hat auf Bundesebene inzwischen eine sehr pragmatische Position, was die Entnahme von Wölfen angeht, die Weidetiere reißen. Aber die politische Linie des Nabu in Niedersachsen scheint zu sein, dass man erfolgreich erst dann ist, wenn man alles verhindert, was Umweltminister Olaf Lies will. Und die Maximalposition auf der anderen Seite wird von der mächtigen Landesjägerschaft vertreten. Die will den Wolf im Jagdrecht haben, so dass die Jäger für ihn zuständig sind. Da geht es darum, alles zu verhindern, was nach professionellem Wildtiermanagement aussieht und neben der Jägerschaft etabliert wird. Da geht es um Macht, nicht um den Wolf.

Wie sieht es denn anderswo aus, wo es ebenfalls schon lange, oder noch länger etablierte Wolfsterritorien gibt, als in Niedersachsen? Warum ist die Debatte in Brandenburg zum Beispiel wesentlich ruhiger?

Eckhard Fuhr: Weil hier zum Beispiel der Ökologische Jagdverein mit dem Landesschafzuchtverband sehr eng zusammenarbeitet. Was den Umgang mit Wölfen angeht, sind wir da einer Meinung: Herdenschutz ist die Lösung, nicht die Jagd. Aber es gibt erhebliche Hindernisse, den Herdenschutz flächendeckend zu etablieren.

Grenzen des Herdenschutzes

Herdenschutz heißt zum Beispiel höhere Wolfsschutzzäune und Herdenschutzhunde, die ihre Schafe verteidigen. Welches sind die Hindernisse, solchen Herdenschutz zu etablieren?

Eckhard Fuhr: Das sind zumeist landschaftliche Hindernisse. In Brandenburg sind die seltener, außer vielleicht an den Elbdeichen, die man nicht überall mit Wolfsschutz versehen kann. Das ist in Niedersachsen und Schleswig-Holstein anders: die Nordseedeiche lassen sich nicht wolfssicher einzäunen.

Dazu hat der niedersächsische Umweltminister schon das Passende gesagt. Das Aktionsbündnis fordert wolfsfreie Zonen und Olaf Lies hat die Deiche zu solchen Zonen erklärt. Wenn sich Wölfe dort niederlassen, werden sie getötet. Man muss also nicht jedes Schaf einzäunen.

Eckhard Fuhr: Und manchmal kann man es auch nicht, oder manche Schäfer können es nicht. Das zweite Problem ist nämlich die Größe der Betriebe. Es gibt eine Betriebsgröße, die zwischen Hobbyhaltung und professionellem Schafbusiness liegt. Hobbyhalter können ihre Schafe nachts in die Garage sperren und die großen Schäfereien kommen mit dem Herdenschutz zurande. Aber für Landwirte, die nebenher ein paar Schafe halten, wird es schwierig. Herdenschutz für fünfzig Schafe ist eben fast so aufwendig wie Herdenschutz für fünfhundert Schafe.

Und ein drittes Problem ist mentaler Art. Das haben wir jetzt in Brandenburg erlebt, wo wir eigentlich auf einem guten Weg waren. Die Zahl der Wölfe nahm zu, die Zahl der Wolfsrisse nahm im Verhältnis ab. Und diese Entwicklung ist dann unterbrochen worden, weil einige Kleinschäfer einfach nicht mitmachen beim Herdenschutz, obwohl der komplett für alle Tierhalter vom Land bezahlt wird. Dadurch werden manche Wölfe doch wieder auf Schafe geprägt. Damit wird das ganze System des Herdenschutzes geschwächt durch Wölfe, die gelernt haben, dass Schafe leicht zu kriegen sind.

Wölfe schießen

Solche fehlgeprägten Wölfe würden Sie dann „entnehmen“, wie das immer genannt wird?

Eckhard Fuhr: Ja, ich würde die totschießen. In der Wolfsverordnung steht, wenn der Wolf trotz ordnungsgemäßem Herdenschutz zwei Mal zugreift, ist er fällig. Und da wird dann genau geschaut und nachgemessen, ob der Herdenschutz auch ordnungsgemäß war. Das halte ich für wirklichkeitsfremd. Wölfe, von denen man weiß, dass sie an Schafe gehen, muss man abschießen. Aber das scheitert im Moment noch an der Rechtslage, außer an den Seedeichen.

Wolfsfreie Zonen am Wattenmeer. Und was ist mit den Almen? Da ist das Geschrei auch groß, wenn der Wolf kommt.

Eckhard Fuhr: Es ist für die Schäfereien und Ziegenhalter dort natürlich eine riesige Umstellung, wenn sie die Tiere nicht einfach im Frühsommer auf die Almen treiben können und im Herbst wieder runterholen. Wobei sie auch nur ins Tal holen können, was da oben überlebt hat. Die meisten Schafe sterben ja dort, weil sie abstürzen oder an Parasiten eingehen. Auf den Almen sollte man zurückkommen zum Hirten. Das wäre auch aus Gründen des Tierwohls und der Ökologie besser. Den Schafen würde es besser gehen und den Almen letztlich auch. Da muss man halt ein paar Herden zusammenlegen, damit sich der Hirte wieder lohnt. Die Schweizer können das, warum soll das auf deutschen Almen nicht gehen.

Ganz generell wollen wir ja, dass die Tiere rauskommen aus den Ställen. Weidehaltung soll gefördert werden. Sagt die EU, sagt die Zukunftskommission Landwirtschaft.

Eckhard Fuhr: Ja, es geht um das Tierwohl und es geht um die Biodiversität. Denn unsere Kulturlandschaft weist gerade da Hotspots der Biodiversität auf, wo Weidewirtschaft betrieben wird. Unter dem Gesichtspunkt Biodiversität ist jede Schafherde wichtiger als ein Wolf. Der Wolf trägt zur Biodiversität nicht viel bei. Weder ist er ein Treiber der Artenvielfalt, noch trägt er zur Reduktion der aus dem Ruder gelaufenen Wildbestände bei. Das Ökomärchen vom Wolf als prägendem Tier des Yellowstone Nationalparks lässt sich auf eine menschgemachte Kulturlandschaft nicht übertragen. Schon gar nicht, wenn die Landschaft von einer industrialisierten Landwirtschaft vollkommen überdüngt wird, die so viel Wild ernährt, wie es in einer natürlichen Landschaft niemals geben könnte. Da fallen die Wölfe, die Frischlinge reißen oder Rehkitze, überhaupt nicht auf. Solange sie nicht auf Schafe geprägt sind.

Er will ein professionelles staatliches Wildtiermanagement neben den Jagdverbänden und Pächtern etablieren: Wolfsexperte Eckhard Fuhr vom Ökologischen Jagdverein Brandenburg-Berlin. | Foto: privat
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Professionelles Wildtiermanagement

Wie könnte es jetzt sinnvoll weitergehen mit dem Wolf?

Eckhard Fuhr: Wir könnten den Wolf zum Anlass nehmen, ein professionelles Wildtiermanagement zu etablieren und das neben das Jagdrecht zu stellen, das ja an das Eigentum von Land gebunden ist. Immer dann, wenn es wirklich schwierig wird, sieht man, dass das System der Verpachtung des Jagdrechts an seine Grenzen stößt. Derzeit zum Beispiel bei der Afrikanischen Schweinepest. Da gibt es Jagdpächter, die einfach nicht mitmachen, weil es ja darum geht, in bestimmten Gebieten den Wildschweinbestand praktisch gegen null zu bringen. Und das wollen die nicht.

Was brauchen wir also?

Eckhard Fuhr: Wir brauchen Jagdbehörden, in denen nicht Verwaltungsbeamte sitzen, sondern Wildbiologen, die ein Netzwerk von erfahrenen ehrenamtlichen Helfern haben, die dann so etwas wie eine Wolfsentnahme machen können, wenn sie dann nötig ist. Die aber auch mal Nutrias bejagen, wenn es an den Deichen mit den Wühlern schwierig wird, oder die eingreifen, wenn es in der Landwirtschaft starke Wildschäden gibt. Also ein Wildtiermanagement, das wirklich etwas tut.

 

 

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