Zeige mir, was du speicherst, und ich sage dir, was dein Geschmack ist

 

Zur Erhöhung des Bedienkomforts wird so allerhand sehr Aussagekräftiges gespeichert

Die fast unbegrenzte Speicherkapazität unserer elektronischen Geräte ist ein Segen für die Menschheit. Ermöglicht sie doch die lückenlose und dauerhafte Aufzeichnung fast aller unserer hochrelevanten Äußerungen. Diesen Segen musste erst kürzlich ein österreichischer ex-Bundeskanzler anerkennen, der daraufhin beschloss, dass der Blick in die vollen Windeln seines gerade geborenen Sohnes doch angenehmer sei als der Blick in die abgespeicherten Chatprotokolle seiner engeren Umgebung.

Ein anderer Segen der Menschheit ist die fast unbegrenzte Bandbreite von Fernsehkabeln und Satelliten. Aber dieser Segen, also die Bandbreite, nützte uns allein wenig. Erst ein wenig vom ersten Segen, also Speicher, macht dem Betrachter die Fülle der Fernsehprogramme auch praktisch nutzbar. Stellen Sie sich vor, sie müssten sich erst Kanal für Kanal vom Kanal 1 bis zum Kanal 378 durchtasten, bis sie ihren Lieblingskanal mit der Übertragung aller regionalen britischen Snookerwettbewerbe finden! Erst die Speicherung der Programme ermöglicht den wahlfreien Zugriff – der Informatiker sagt random access – auf ihre Lieblingsprogramme.

In dieser Glosse geht es um diese Programmierung der Senderliste in Fernsehgeräten, welche ja bei manchen Fernsehgerätetypen angeblich auch einem nicht akademisch gebildeten Besitzer gelingt. Diese Programmierung kommt i.A. nicht dadurch zustande, dass der Bediener die Reihenfolge der Sender so übernimmt, wie der Senderdurchlauf sie ihm abliefert. Nein, im Gegenteil, die Ordnung der verschiedenen Kanäle drückt Relevantes über die Sehgewohnheiten der Gerätebesitzer aus.

Man bekommt allerdings selten bei anderen Familien die Programmierung zu sehen. Führt aber ein Wander- oder Fahrradurlaub einen jeden Abend in ein neues Hotelzimmer, so findet man dort einen an der Wand hängenden Fernseher mit einer vom Hotelier oder Haustechniker vorgenommenen Programmierung vor und kann daraus etliches über deren Präferenzen lernen. Auf einer kürzlich gemachten Radtour längs den nach der Wolga zweitlängsten europäischen Fluss – so lernten wir es auf einer empfehlenswerten Schiffspassage durch den Donau-Durchbruch – waren das etliche Studienobjekte, die erstaunliche Erkenntnisse zutage förderten.

Ein Fernsehgerät, bei dem auf den ersten 20 Programmplätzen 17 Verkaufssender zu finden sind, deutet auf einträgliche Beziehungen des Hoteliers zu Firmen der Werbebranche hin. Dominieren Trashversender mit Oberweiten- bzw. Tattoo-dominiertem Personal die ersten Listenplätze, so erwartet er eher ein prekäres Publikum. Sind die angeblich seriösen, öffentlichen Langweilerprogramme unter den ersten in der Programmliste vertreten, dann erwartet das Hotel ein bürgerliches Publikum jenseits der 60 mit Interesse an geographisch bestimmten Krimiprodukten oder Tier- und Bergwelten.

Wenn Programme wie Arte, 3SAT und ausländische Kulturkanäle erst in den späten 70ern auftreten, kann man vermuten, dass der Hotelier die intellektuelle Leistungsfähigkeit und Neugier seiner Kundschaft als durchaus überschaubar einschätzt. Softpornokanäle auf den ersten Kanalplätzen hingegen lassen vermuten, dass in der Gegend eine größere Baustelle, Autobahn, Kraftwerk oder Fabrikanlage betrieben wird. Wenn schließlich die Programmierung der Fernsehkanäle eine wilde Mischung von „seriösen“ Sendern, Trashversendern und Verkaufsplattformen ist, würde ich vermuten, dass im Hotel auch einiges sonst durcheinander geht.

So zeigt sich neben der Entsorgung untragbar gewordener Politiker eine weitere segensreiche Auswirkung des elektronischen Speichervermögens. Sie erlaubt hochinteressante soziologische Feldstudien.

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