Carmen: Verkörperung des Freiheitsprinzips

Carmen, Florida Gran Opera . Bild: Daniel Azoulay/CC BY-2.0

Eine deutliche Spannung der bürgerlichen Ideologie findet ihren prägnanten Ausdruck in George Bizets „Carmen“.

Bizet stellt in deren Mittelpunkt die faszinierende Gestalt Carmens: Sie ist zum einen Arbeiterin in einer Zigarettenfabrik, eine kleine Schraube im kapitalistischen Produktionsapparat der bürgerlichen Gesellschaft; zum anderen aber Mitglied einer Schmugglerbande, Mittäterin einer kriminellen, die gesetzlich gefestigte Wohlanständigkeit der bürgerlichen Besitzgesellschaft bewusst unterwandernde Aktivität.

Die Welt des Verbrechens wird hier aber nicht pejorativ aufgefasst, sondern als romantische Daseinssphäre, in der die Grenzübertretung sogar ein Stück Freiheit verheißt. Brechts berühmtes Diktum, was schon der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank sei, kommt in den Sinn. In der Tat sind die konkreten Verbrechen in nachsichtiges Licht getaucht, wohingegen die gesellschaftliche Ordnung, in der sie stattfinden und gegen die sie sich richten, so sehr als Gefängnis abgebildet ist, dass sich die Arbeitspause der Zigarettenfabrik im ersten Akt wie ein freiheitliches Intermezzo ausnimmt.

Vor diesem Hintergrund erscheint Carmen, Protagonistin der freien Liebe, der die Hingabe an ihre Leidenschaft zur Maxime geronnen ist, als Verkörperung des Freiheitsprinzips; und indem sie sich dem Freiheitsdrang radikal verschreibt, stellt sie eine reale Bedrohung für die bürgerliche Gesellschaftsordnung dar. Die transgressive „Unanständigkeit“ ihres Charakters und die Gefahr, die von ihr fürs anständige bürgerliche Dasein ausgeht, widerspiegeln sich aufs deutlichste in Don Josés verzweifelter Liebe zu ihr. Er fühlt sich von ihr angezogen, will sich ihr hingeben, sieht sich aber den moralischen Imperativen seiner bürgerlichen Welt verpflichtet (verkörpert in der Gestalt Michaellas, ihrer Vertreterin, die in sein außerbürgerliches Leben im Militär eindringt).

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Carmen, kompromisslos in ihrer Insistenz auf leidenschaftliche Sinnesfreuden, bezahlt ihre radikale Konsequenz mit dem Leben – sie wird Opfer einer gesellschaftlichen Ordnung, die die Botschaft der (formalen) Freiheit ideologisch proklamiert, aber stets darauf bedacht ist, jegliches Element wirklicher Freiheit, das diese Ordnung potentiell unterwandert, auszumerzen. Don José, prägnantes Produkt dieser Gesellschaftsordnung, bringt es nicht fertig, zwischen dem Es (welches sich in „Carmen“ als ein sich in der Lust manifestierendes Freiheitsprinzip darstellt) und dem Über-Ich (repräsentiert durch den verlängerten Arm der Gesellschaft in Form des repressiven „anständigen Lebens“) zu lavieren. Die infolgedessen aus ihm herausbrechende tödliche Gewalt bildet konsequent diesen dem Leben in der bürgerlichen Gesellschaft immanenten Widerspruch ab.

Adorno schrieb einmal: „Angemessen wäre es, die Oper als die spezifisch bürgerliche Form zu deuten, welche paradox inmitten der entzauberten Welt mit deren Mitteln das magische Element der Kunst zu bewahren trachtet.“

Unter anderen Argumenten, die er zur Rechtfertigung dieser Behauptung anführt, findet sich auch das hier angesprochene Spannungsverhältnis: „Halévys ‚Jüdin‘, Meyerbeers ‚Afrikanerin‘, die ‚Kameliendame‘ in Verdis Version und die ägyptische Prinzessin Aida, Delibes‘ ‚Lacmé‘, dazu noch der Zug der Zigeuner, kulminierend im ‚Troubadour‘ und der ‚Carmen‘: alles Fremde oder Verfemte, an denen Leidenschaft entflammt und in Konflikt gerät mit der etablierten Ordnung.“ So ist es; jedes weitere Wort erübrigt sich.

Die Frau als das eigentliche zivilisatorisch Bedrohliche

Aber handelt es sich da nur um das exotische, das ethnische, das klassenmäßig ferne Fremde? Lediglich um den weißen westlichen Blick aufs Orientalische? Gewiß auch, aber eben nicht nur. Ja, Carmen ist Zigeunerin, sie ist Proletarierin und Schmugglerin, verkörpert mithin gleich dreifach das ausgeschlossene Andere. Das bürgerliche Publikum des 19. Jahrhundert wusste sich an derlei zu ergötzen – sich im Theater- und Opernraum zu gestatten, was sich im realen Leben verbat; es lebte seine Sehnsüchte kulturell legitim aus.

Zu fragen bleibt gleichwohl, ob es sich dabei nicht nur um die spezifischen Attribute dessen handelt, was von jeher als das eigentliche zivilisatorisch Bedrohliche galt: die Frau. Im biblischen Mythos ist sie Ursprung der Sünde, die die Vertreibung aus dem Paradies zur Folge hat. Eva verführt – von ihr geht die menschliche Zivilisationstragödie aus. Was ist es, dass gerade sie zur Ursünde prädestiniert? Es ist ihre Weiblichkeit. Es sind auch Lots Töchter, die ihren Vater betrunken machen, um ihn zum Inzuchtsakt zu verführen. Man wird späterhin Argumente konstruieren, um den Frevel zu rechtfertigen, aber es steht fest: Der Tabubruch geht auf Konto der verführerischen Frau. Dalilas Verführungskünste sind es, die rekrutiert werden, um den mit physischer Kraft unbesiegbaren Samson zu überwinden. Judith setzt ihre weiblichen Reize ein, um den erobernden Kriegsherrn Holofernes siegreich zu töten. Ähnliches weiß auch der griechische Mythos zu berichten.

In der „Odyssee“ ist es die „hehre“ und „schöngelockte“ Kalypso, die den auf der Heimkehr schiffbrüchig gewordenenen Odysseus über Jahre erotisch an sich fesselt. Auf ebendieser Heimreise begegnet Odysseus auch den Sirenen, Mischwesen aus Frau und Vogel, deren Gesang so betörend ist, dass kein an ihrem Felsen vorbeiziehender Seemann ihm widerstehen kann. Wer sich aber der Quelle dieses Gesangs nähert, dem Standort der Sirenen, ist des Todes, von den Sirenen zerfleischt. Um sich ihrer gefährlichen Verführungskunst nicht aussetzen zu müssen, greift Odysseus zur List: Seinen im Schiffsinnern rudernden Gefolgsmännern stopft er Wachs in die Ohren, damit sie dem bedrohlich verführerischen Gesang nicht ausgeliefert sind. Sich selbst lässt er an den Mast des Schiffes fesseln, damit er den Gesang zwar hören kann, aber diesen Genuss nicht mit seinem Leben bezahlen muss.

Wichtig für den hier erörterten Zusammenhang ist die Verschmelzug von Mensch (Frau) und Tier (Vogel), womit die Verbindung von Mensch und Natur angezeigt wäre bzw. die näherliegende Verbindung von Frau und Natur.

Goethes „Faust“ endet bekanntlich mit dem Chrus Mysticus: „Alles Vergängliche / Ist nur ein Gleichnis; / Das Unzulängliche, / Hier wird’s Ereignis; Das Unbeschreibliche / Hier ist es gethan; / Das Ewig-Weibliche / Zieht uns hinan.“ Viel ist über die Bedeutung dieses „Ewig-Weiblichen“ gerätselt worden – für gewöhnlich, ohne mit einer schlüssigen positiven Antwort aufwarten zu können. „Faustisch“ darf nur der Mann sein, und was dies Faustische sei, weiß man sehr wohl; dafür haben männliche (von Männern verfaßte) Mythen über Jahrtausende gesorgt. Das Ewig-Weibliche bleibt aber im Unbestimmten; es ist wohl eine Antithese zum Faustischen, aber was besagt das genau? Hilfreich ist da vielleicht ein Blick auf Nietzsche.

Nietzsches Angst vor den Frauen

Man soll eigentlich das Denken eines Philosophen nicht anhand von Begebenheiten seines Lebens und seiner individuellen Persönlichkeitsstruktur beurteilen. Aber bei der Lektüre des baren Unsinns, den Nietzsche über Frauen geschrieben hat, wundert man sich doch, welche ungeheure Angst vor ihnen, ja bewusste wie unbewusste Verklemmungen er bei der philosophischen Auseinandersetzung mit ihnen zu überwinden hatte.

Was hat er nicht alles über sie geäußert? „Wenn ein Weib gelehrte Neigungen hat, so ist gewöhnlich Etwas an ihrer Geschlechtlichkeit nicht in Ordnung“; „Jeder Umgang, der nicht hebt, zieht nieder, und umgekehrt; deshalb sinken gewöhnlich die Männer etwas, wenn sie Frauen nehmen, während die Frauen etwas gehoben werden“; „Einige Männer haben über die Entführung ihrer Frauen geseufzt, die meisten darüber, dass Niemand sie ihnen entführen wollte“; „Die Frauen sind so geartet, dass alle Wahrheit (in bezug auf Mann, Liebe, Kind, Gesellschaft, Lebensziel) ihnen Ekel macht“; „Nichts ist von Anbeginn an dem Weibe fremder, widriger, feindlicher als Wahrheit, seine grosse Kunst ist die Lüge, seine höchste Angelegenheit ist der Schein und die Schönheit“ – und noch viele andere derartiger Auslassungen und Sophismen.

Gerade er aber, der von der Frau in solch doktrinärer Manier sprach, schrak nicht vor der sarkastischen Bemerkung zurück: „Das Weib will selbständig werden: und dazu fängt es an, die Männer über das ‚Weib an sich‘ aufzuklären.“ Und man kommt nicht um den Gedanken herum: Sollte etwa die Philosophie Schopenhauers – jenes Denkers, von dem behauptet wurde, die Sexualität sei seine große Feindin – Nietzsche auch in diesem Bereich affiziert haben? Oder sollte man eher annehmen, dass wenn Nietzsche einige gelungene Sexualerfahrungen in seiner Jugend gemacht hätte, diese sich auf seinen Zugang zur „Frau“ anders ausgewirkt hätten, er wäre womöglich weniger bedroht und verängstigt geworden, vielleicht auch – weiblicher.

Die Bedrohung durch das „Ewig-Weibliche“ und die Natur

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Wenn es, Goethe zufolge, das Ewig-Weibliche ist, was uns hinanzieht, dann ist es auch dies Ewig-Weibliche, was uns bedroht. „Uns“? Nun, die Männer. Kennt man das von irgendwoher? Ja, es ist die Bedrohung durch die Natur, die den gesamten Heimkehr-Epos des Odysseus durchzieht, kulminierend in der Begegnung des Helden mit den Sirenen: Der ewig-weibliche Gesang der Naturgeschöpfe zieht ihn hinan, aber die Attraktion ist mit einer Lebensbedrohung verbunden. Zivilisation kann der Natur nur herrschend und beherrschend begegnen. Sobald Natur „unvermittelt“ auftaucht, tun sich Abgründe auf.

Carmen ist keine Philosophin, sie sagt auch leichterdings „Liebe“ und meint „Leidenschaft“, „erotisches Begehren“, aber sie weiß um die Abgründe, die sich auftun, wenn sich das Liebesbegehren wie eine Naturgewalt ihrer bemächtigt: „Die Liebe gleicht Zigeunerart / Für sie ist keinerlei Gesetz gemacht / Auch wenn du mich nicht liebst: / Ich lieb‘ dich / Und lieb‘ ich dich / Nimm dich in acht!“

Auch Don Jose liebt, aber er hat die Probe im entscheidenden Moment nicht bestanden – er war nicht total in seiner Liebe (und Freiheit), gab für einen Moment der zivilisatorischen Beschränkung nach und verwirkte so die Liebesgunst der wie eine Naturgewalt ihn herausfordernden Carmen. Don Jose wird sie töten. Nichts anderes vermag er, der „faustisch“ getriebene Mann. Er herrscht über ihr Leben, nimmt es ihr. Aber sie stirbt frei. Keiner Herrschaft will sie sich unterordnen. Wo Freiheit ist, fühlt Herrschaft sich bedroht – und tötet die Freiheit.

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