Erich Fried und Israel

Bild: Bundesarchiv, B 145 Bild-F088808-0036 / Thurn, Joachim F. / CC-BY-SA 3.0

Erich Fried war Jude – das war seine Abstammung. Er war Marxist – den Marxismus hat er sich angeeignet. Er war auch Antizionist – zu einem solchen ist er allmählich herangewachsen.

Diese Koordinaten im Leben Erich Frieds sind variierbar. Fried war etwa Antizionist, obwohl er dem Judentum entstammte, weil er Marxist war. Oder er wurde Marxist, weil er den Zionismus nicht als Konsequenz des Judeseins akzeptieren mochte. Oder er verschrieb sich als Marxist gerade der Kritik am Zionismus, um der radikalen humanistischen Konsequenz des Judeseins im 20. Jahrhundert Folge leisten zu können. Es ist nicht ausgemacht, welche Variante die stimmige ist – im Wesen von Variationen liegt es, daß sie im Verhältnis zu dem, was sie variieren, miteinander verschwistert sind. Und doch erfordert diese Konstellation von Judesein, Marxismus und Antizionismus eine Gewichtung ihrer einzelnen Bestandteile und ihrer kausalen Zuordnung zueinander.

Judesein

Das Judesein war die bestimmende, wiewohl fremdbestimmte Grunderfahrung in Erich Frieds Leben. Er wurde in einem Wien geboren, das zur Zeit seiner Geburt bereits auf eine ausgewachsene antisemitische Tradition zurückblickte. Keine zwölf Jahre alt war er, als der Österreicher Adolf Hitler in Deutschland an die Macht gelangte, und erst siebzehn, als er aus seinem an das nazistische Deutschland „angeschlossene“ Heimatland nach England flüchten musste.

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Fried teilte darin die existenzielle Weltwahrnehmung vieler europäischer Juden seiner Generation: Ungeachtet ihrer Identität als religiöse, säkulare oder assimilierte Juden, unabhängig von ihrer Klassenzugehörigkeit und ethnischen Eigenheit, und entgegen ihrem Selbstverständnis und ihrer bewussten Selbstbestimmung waren sie tendenziell alle Objekte der sozialen Verfemung, Exklusion und Verfolgung. Mit dem Holocaust manifestierte sich dann die zur verwirklichten Ausrottungspraxis geronnene kollektive Gefahr, welche die europäische Judenheit schon lange vor der real eingetretenen Katastrophe umtrieben hatte. Auschwitz bildete gleichsam die kopernikanische Wende der jüdischen Welterfahrung – die apokalyptische Realisierung des Rückfalls in die Barbarei und des Eingangs in eine Welt „nach Auschwitz“, in der Ausmaß und Grauen der zur traumatischen Gewissheit gewordenen permanenten Bedrohung ein neues welthistorisches Maß setzten.

Marxismus

Der Marxismus bzw. die Vision des Sozialismus galt vielen Juden Europas als eine der drei „Strategien“, die man als Reaktion auf das von Nichtjuden den Juden im 19. Jahrhundert gleichsam vorgesetzte „jüdische Problem“ verfolgen konnte. Die beiden anderen waren Assimilation und Zionismus. Während aber Assimilation die Aufgabe der eigenen Identität zu Anpassungszwecken an fremdbestimmte Forderungen und der damals erst in seinen Anfängen steckende Zionismus das Verlassen der eigenen Heimat bedeutete, lag dem marxistischen Kampf um den Sozialismus das Bestreben zugrunde, eine Gesellschaft zu errichten, in der sich die Autoemanzipation der Juden über die allgemeine Befreiung des Menschen vollziehen würde.

Erich Fried beging diesen universalistisch ausgerichteten Weg. Die Bereitschaft zum Kampf war ihm bereits als Kind zueigen, wie er selbst bezeugte: „Ich habe schon als Kind gegen vieles angekämpft, ich habe manchmal Lügenwände durchbrochen, und später habe ich auch anderen geholfen.“ Diese Mischung aus emphatischer Unangepasstheit, rigorosem Kampf um Wahrheit und unerschütterlicher Menschenliebe sollte sich zu Frieds Lebenselexier verdichten. Sein zutiefst humanistisch fundierter Marxismus ermöglichte es ihm, um die Verwirklichung der Marxschen Ziele zu kämpfen, ohne dabei in den orthodoxen Dogmatismus dessen Nachfolger zu verfallen oder sich gar mit den von ihnen errichten autoritären Gebilden überzuidentifizieren.

Zionismus

Der Zionismus als Spätfolge der europäsischen Nationalstaatsideologie war schon von Anbeginn von strukturellen Defiziten geschlagen. Theodor Herzls Diktum „In Basel gründete ich den Judenstaat“ enthält bereits das ganze Paradox: Der Staat der Juden wurde in der Tat im Überbau einer nicht existierenden Basis gegründet. Damit die Basis bestehe, war es notwendig, ihr Territorium zu bestimmen. Damit dieses das seine werde, mußte es erobert werden. Für diese Eroberung aber war eine besiedelnde Bevölkerung nötig; so sorgte man für die Ankunft eines kolonisierenden Volkes. Erst dann konnte der Staat als formaler Rahmen jener kolonisierenden Bewegung gegründet werden. Und erst nach der Gründung des Staates wurde die kritische Masse seiner Bürgerbevölkerung importiert.

Der Staat der Juden ist der einzige Staat der Welt, der ideell bestimmt wurde, bevor es die materielle Basis für die Verwirklichung der Idee gab; der territorial bestimmt wurde, ehe es das Kollektiv für die Besiedlung dieses Territoriums gab; der gegründet wurde, ehe die notwendige Bürgermasse für seine Existenz bestand. Ein basisloser Überbau also? Ein Überbau ohne soziale Praxis?

Nein. Denn das Bewusstsein der „Notwendigkeit“ der Gründung eines Staates für die Juden ist durch das soziale Sein der (europäischen) „Diaspora“ bestimmt worden. Das ist der Grund für die zentrale Rolle, die das Postulat der „Diaspora-Negation“ in der zionistischen Ideologie spielt(e). Der „Neue Jude“ sollte das negative Dispositiv des „diasporischen Juden“ bilden. Es ereignete sich dann der Holocaust. Die Eliminierung der realen Praxis dessen, was die „Diaspora-Negation“ aufzuheben gedachte, ist primär nicht durch die Ideologie des Postulats bewerkstelligt worden, sondern durch die Verwirklichung der rassistischen Vernichtungsideologie der Nazis.

Instrumentalisierung des Holocaust

Erich Fried stand im Wirkungsbann dieser Koordinaten, sah sich mithin den sich von ihnen ableitenden Dilemmata und Wiedersprüchen ein Leben lang ausgesetzt. Vielen Juden galt die Gründung des israelischen Staates nach dem Holocaust als historische Notwendigkeit, die ihnen eine Fluchtstätte nach dem Katastrophenereignis, aber auch bei künftigen Gefahren zu bieten versprach. Das zionistische Israel und die jüngste geschichtliche Erfahrung als Juden verschmolz ihnen zur Identitätssymbiose, die sich mit der emphatisch propagierten Ideologie des Judenstaates eins wußte.

Nun ging aber die für Juden Euphorie auslösende Staatsgründung Israels mit der von den Zionisten verursachten kollektiven Katastrophe der Palästinenser einher. Den israelischen Juden (wie letztlich den allermeisten Juden in der Welt) war dieser fatale Grundumstand, der als bedeutendste Manifestation des späterhin so genannten Nahostkonflikts gelten darf, gleichgültig. Man war ja mit eigenen Problemen befasst – was gingen sie die Palästinenser an? Hatten die Juden nicht die größere Katastrophe „vorzuweisen“? Israel jedenfalls verstand es von Anbeginn, dieses Selbstverständnis ideologisch auszuschlachten und die Instrumentalisierung des Holocaust für fremdbestimmte Interessen staatsoffiziell zu betreiben.

Solidarität mit dem palästinensischen Volk

Der humanistische Marxist Erich Fried konnte sich mit dieser Ausrichtung des Staates, den man als den „seines“ Volkes ausgab, nicht abfinden, sondern avancierte bald schon zu einem seiner mächtigsten Kritiker im deutschsprachigen Raum. Sehr früh schon fand er sich im Gesinnungsumfeld der Matzpen-Organistaion, jener Affiliation von jüdischen und arabischen marxistisch-sozialistischen Aktivisten, die aus der Kommunistischen Partei Israels wegen derer dogmatischen Moskautreue ausgeschieden waren.

Matzpen hing dem revolutionären Sozialismus an, profilierte sich aber auch antizionistisch, indem sie das an den Palästinensern von Zionisten begangene historische Unrecht mit großer Emphase anprangerte und ihre Solidarität mit dem nationalen Anliegen der Palästinenser bekundete. Fried wusste sich dieser eher randständigen Gruppe in Israel gesinnungsmäßig verbunden, und als infolge des 1967er Krieges die Barbarei der unmittelbaren Unterdrückung der Palästinenser sich in den von Israel besetzten Gebieten zunehmend manifestierte und sich parallel dazu die palästinensische nationale Befreiungsbewegung zu formieren begann, bekundete er seine Solidarität mit den Unterdrückten: Die Schreie der gefolterten Palästinenser im Gefängnis von Hebron und in den anderen israelischen Geheimdienstkellern und auch die Schüsse, die palästinensische Kinder und Jugendliche auf der Straße niedergestreckt haben, seien nicht ungehört verhallt.

„Als von Hitler vertriebener Jude“ und in der Welt herumgekommener Schriftsteller erklärte er seine Solidarität mit dem palästinensischen Volk. Alle Welt sei aufgerufen zu verhindern, dass Terror und Unrecht eskalieren. Alle Welt müsse endlich offenen Auges Solidarität üben. Der Terror müsse aufhören. Er beendete seine Solidaritätsbekundung mit den Worten: „Freiheit und Selbstbestimmung für die Palästinenser!“

Von besonderer Bedeutung war bei dieser Solidaritätsbekundung die Hervorhebung der Zeile „Als von Hitler vertriebener Jude“. Denn nicht nur drückte Fried damit seine aus eigener lebensgeschichtlicher Leiderfahrung sich speisende Empathie mit dem Leid anderer aus, sondern er setzte sich auch mutatis mutandis von denen in Israel ab, die unter Berufung auf ebendiese Leiderfahrung die anderen gerade unterdrücken zu dürfen meinten. Fried widersetzte sich jeglicher Vereinnahmung des eigenen Leids als Mittel der Legitimierung des Leids, das man anderen zufügt. Er verwies dabei auf den historischen Wirkzusammenhang von Schuldübertragungen, die das ursprüngliche Täter-Opfer-Verhältnis dialektisch aufheben, mithin eine dezidierte Zuweiseung von Verantwortung postulieren. Er schrieb:

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„Die geschrien haben / ‚Die Juden sind schuld‘ / sind schuld daran / dass die Zionisten schuld werden konnten // Die geschrien haben / ‚Die Juden sind unser Unglück‘ / sind das Unglück der Juden / und der Palästinenser geworden // Das befreit nicht die Zionisten / von Schuld an den Palästinensern / und die Juden nicht / von Verantwortung für Zionisten“. (Benennungen, aus: Erich Fried, Höre, Israel! Gedichte und Fußnoten, Frankfurt am Main 1993)

Fried war und blieb in Israel ein Tabu

Von selbst versteht sich, dass derlei Äußerungen Fried zum Objekt von Hass und perfider Verleumdung werden ließen. In seinem Gedicht „Zeit der Verleumder“ nimmt er darauf direkten Bezug, spricht davon, wie er Verräter an seinem Volk und „jüdischer Antisemit“ genannt wird, und wie man sich nicht nur gegen Palästinenser und Araber insgesamt, sondern auch gegen Juden, „die totgeschwiegen werden“, wendet.

Er selbst wurde in Israel totgeschwiegen. Seine Gedichte und Texte wurden (mit ganz wenigen Ausnahmen) schlicht nicht ins Hebräische übersetzt. Man polemisierte nicht einmal gegen ihn, sondern überging einfach sein dichterisches Werk.

Interessant ist, dass der heutige Leiter des Feuilleton-Ressorts der Wochenendausgabe der „Haaretz“, Benny Ziffer, immerhin Chefredakteur der bedeutendsten Kulturbeilage israelischer Tageszeitungen, im Jahre 2006, als er in Berlin weilte, einen Artikel schrieb, in dem er postulierte, Fried müsse man ins Hebräische übersetzen. Es ist bezeichnend, dass Ziffer inzwischen eine Wende von 180 Grad vollzogen hat und als rechter Netanjahu-Anhänger zur ausgemachten Hassfigur israelischer Linker avanciert ist. Aber auch er hat seinerzeit, als er noch anderer Gesinnung war, nichts unternommen, um Fried der israelischen Bevölkerung bekanntzumachen.

Fried war und blieb in Israel ein Tabu, das man nicht einmal als solches verkündete (wie es etwa im Fall Richard Wagner geschah) – und das gereicht ihm nur zur Ehre. Denn er hat mit seinen Attacken gegen den zionistischen Staat recht behalten. Das Israel, das er noch angriff und an welches er noch mit dem hehren Gebetsdiktum „Höre Israel!“ appellieren zu sollen meinte, ist inzwischen zu einem Land verkommen, das selbst er, der Hellsichtige, sich nicht hätte vorstellen können: Ein Apartheidstaat, der die gerechte Aussöhnung mit den Palästinensern strukturell verunmöglicht hat und ihre permanente Unterdrückung seit vielen Jahrzehnten steigert; ein ideologisch ganz nach rechts gerücktes, zunehmend faschisiertes Land, das von einem korrupten und perfiden Premier geführt, von einem Alltagsrassismus durchwirkt und von einem ideologisch propagierten Kapitalismus beherrscht wird.

Erich Fried, der einem humanistischen Judentum anhängende, den Zionismus rigoros kritisierende Marxist wäre in dieser „Heimat der Juden“ endgültig zum Heimatlosen geworden.

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