Hans Rott – zu früh verstorben

 

Hans Rott. Screenshot von YouTube-Video mit der Aufnahme seiner Symphonie, gespielt vom Orchester der Tiroler Festspiele Erl

Wer war Hans Rott? Und warum stellt sich diese Frage überhaupt? Handelt es sich doch um ein musikalisches Genie.

 

Mendelssohn war in der Tat ein eher eleganter Komponist. Wagner hatte recht in diesem Punkt. Gleichwohl zeichnet sich sein Spätwerk „Elias“ durch Tiefe aus, und sein Schaffen hätte wohl noch an Tiefe gewonnen, wenn er länger gelebt hätte (eine eigentlich paradoxe Aussage – war doch Mendelssohn in seiner Jugend schon in vielerlei Hinsicht erwachsen und „perfekt“).

Was hätte alles noch geschrieben werden, was noch entstehen können, wenn nicht so viele Geistes- und Kulturheroen so jung verschieden wären. Einige Möglichkeiten sind denkbar: Mozart war schon in seiner frühen Jugend vollendet; nicht auszumalen, was er der Welt noch geschenkt hätte, wären ihm weitere dreißig oder vierzig Jahre vergönnt gewesen. Hätte er wohl die ganz große Formüberbietung vollbracht? Beethoven ist nur allmählich herangereift. Bedenkt man jedoch, bis wohin er sich in seinen späten Streichquartetten herangewagt hat, ahnt man wohl, was „dort“ alles noch angelegt war (er war bei seinem Tode ganze 57 Jahre alt).

Der junge Brahms kündigte zwar bereits in seinen frühen Werken den späten Brahms an, und doch lässt sich ein wundersam herbstliches Heranreifen in seinem Spätwerk ausmachen (man denke nur an die Kompositionen für Klarinette). Wagner begann als mittelmäßiger Schöpfer, hob aber in der Folge zu solch steilen Höhen ab, dass er zu einem der bedeutendsten musikalischen Revolutionäre des 19. Jahrhunderts (womöglich gar der gesamten westlichen Musikgeschichte) avancierte.

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Welches Potential barg also Mendelssohns Genius? Mit einiger Boshaftigkeit lässt sich behaupten, er habe mit dem „Sommernachtstraum“, einem Werk, das er mit 17 Jahren schrieb, bereits alles ausgedrückt, was er in seinem kurzen Leben zu sagen hatte. Verweist etwa sein spätes Werk „Elias“ auf eine andere Möglichkeit?

Zukurzgekommene

Bei den hier aufgezählten Personen handelt es sich um Künstler, die immerhin Weltruhm erlangt haben. Ihr früher Tod war tragisch, aber eben deshalb tragisch, weil sich an dem, was sie schufen, ermessen lässt, was da alles an künstlerischem Potential und kreativer Weiterentwicklung angelegt war.

Aber es gibt auch die Tragik derer, die von Nietzsche (sarkastisch) als die „Zukurzgekommenen“ apostrophiert wurden. Das sind Künstler, die man übersehen hat und übersehen konnte, weil sie zu früh starben, vor allem aber auch Opfer der Umstände ihres kurzen Lebens waren. Es geht hier nicht um zu Lebzeiten bereits bekannten Künstler, die dann vergessen wurden (um dann eventuell wiederetdeckt zu werden), sondern um solche, die in ihrem kurzen Leben eine auf Genialität weisende Begabung an den Tag legten, jedoch keine Anerkennung für ihre Kunst fanden und daher gar nicht erst ins Bewusstsein der Kulturrezeption drangen, geschweige denn, in den kulturellen Kanon. Als der wohl (im Wortsinne) eklatanteste Fall in dieser Kategorie darf wohl Hans Rott gelten.

Hans Rott

Über den 1858 geborenen und 1884 kaum 26jährig verstorbenen Hans Rott haben bedeutende Musiker Bedeutendes gesagt. Er war Gustav Mahlers Altersgenosse und saß mit ihm in der Kompositionsklasse von Anton Bruckner am Konservatorium von Wien. Gerade 20 Jahre alt, komponierte er eine Sinfonie in E-Dur, deren ersten Satz er bei einem Concours für Komposition 1878 als Arbeit einreichte. Als die Ausschuss-Mitglieder sich über das Werk lustig machten, rief Bruckner verärgert: „Lachen Sie nicht, meine Herren, von dem Manne werden Sie noch Großes hören.“ Dazu ist es nicht gekommen.

Als Rott seine Sinfonie Johannes Brahms 1880 zur Begutachtung vorlegte, hat dieser bärbeißig negativ reagiert, mithin bezweifelt, dass Rott dieses Werk allein geschrieben hätte. „Neben so Schönem wieder so viel Triviales oder Unsinniges“ sei in der Komposition, sagte er, dass das Schöne nicht von Rott herrühren könne.

Der Gedemütigte hat seine Niederlage nicht verwunden. Er reiste von Wien ab, im Zug kam es zur Katastrophe: Rott bedrohte einen Mitreisenden mit dem Revolver, als der sich eine Zigarre anzünden wollte, weil Brahms den Zug mit Dynamit habe füllen lassen. Nach dem psychischen Kollaps wurde Rott in eine Nervenheilanstalt eingeliefert, wo er den Rest seines kurzen Lebens verbrachte, bis er 1984 an Tuberkolose verstarb.

Für Hugo Wolf war Brahms Rotts Mörder. Auch Bruckner machte Brahms am Grab Rotts schwere Vorwürfe wegen der Behandlung seines Lieblingsschülers. Zwar kann man davon ausgehen, dass sowohl Wolf als auch Bruckner authentisch waren in ihrer stark emotionalisierten Empörung, aber man darf nicht vergessen, dass beide zum Lager der Brahms-Gegner gehörten im musikalischen Kulturkampf, der sich zur damaligen Zeit zwischen Anhängern der absoluten Musik und den „neudeutschen“ Befürwortern der Programmmusik zutrug. Und da Wagner als Führungsgestalt der letzteren galt, wurde Brahms (vor allem vom einflussreichen Wiener Musikkritiker Eduard Hanslick) zum „Gegenpapst“ gekrönt (wie seine Feinde höhnten).

Es ist nicht ausgeschlossen, dass Brahms selbst gegen Rott aus nämlichen heteronomen Gründen voreingenommen war – was damit zusammenhängen mag, dass viel Wagner und Bruckner in seiner Sinfonie steckte, aber auch (und das ist nun bemerkenswert) viel Brahms im letzten Satz der Sinfonie zu erkennen war. Hans Rott selbst, obwohl in seiner Kunst gravierend von Bruckner beeinflusst, wird sich wohl keinem der beiden Lager dezidiert zugezählt haben. Er war kein polemischer Kämpfer, wohl auch zu nervenschwach dafür.

Die Sinfonie

Was nun seine Sinfonie selbst anbelangt, so wurde sie 100 Jahre nach Rotts Tod zufällig entdeckt und gelangte 1989 zur Uraufführung. Sie erregte sofort weltweites Aufsehen. In der Tat ist es so, dass man beim ersten (vor allem unvorbereiteten) Hören zumindest teilweise vermeint, eine unbekannte sinfonische Komposition Mahlers zu hören.

Eine 1880 geschriebene Sinfonie, bei der man meint, einen Mahler zu hören? Seine erste Sinfonie schrieb Mahler erst im Jahre 1888. Und wenn man den Scherzo-Satz von Rotts Sinfonie nimmt, so korrespondiert er gar mit den Scherzo-Sätzen noch späterer Sinfonien Mahlers. Mahler hatte offenbar einen Vorläufer – es ist kaum zu überhören. Es erhoben sich Stimmen, die gar behaupteten, Gustav Mahler hätte Hans Rott plagiatiert. Das ist Unsinn. Aber kein anderer, als Mahler selbst bekundete (um 1900 herum): „Was die Musik an ihm verloren hat, ist gar nicht zu ermessen“, denn er, Rott, sei der „Begründer der neuen Symphonie, wie ich sie verstehe“.

Wie immer man die Interaktion der beiden Kompositionsschüler Bruckners beurteilen möchte, und ungeachtet der Frage, ob da perfider Hinterhalt am Werk war (ich halte dies für ausgeschlossen), es ist völlig klar, dass zwischen beiden eine musikalische Affinität bestanden hat, die für gravierend erachtet werden muss. Denn es geht nicht nur um Fragen der Urheberschaft, sondern auch um die musikalische Konstellation, die den Übergang von der späten Romantik zur Moderne bewirkte.

Mahler wird in dieser Hinsicht Revolutionäres zugeschrieben – zu Recht! Was er schuf, war, ähnlich wie das Werk Debussys und Ravels, unabkömmlich für diesen Übergang. Zu fragen gilt es gleichwohl, ob solche kulturellen Umbrüche je das Werk von isoliert wirkenden Individuen war (und ist). Gemeint ist damit nicht die Infragestellung der genialen Einzigartigkeit eines Beethoven, Goethe oder Picasso, sondern die nicht minder wichtige Frage, welcher Wechselwirkung mit ihrem Umfeld bedurften diese Genies, damit ihre Genialität sich manifestierte. Und auch die Spekulation: Wie hätte wohl diese Wechselwirkung und die Gesamtstruktur der kulturellen Entwicklung ausgehen können, wenn Genies wie Hans Rott nicht zu kurz gekommen wären und einem Mendelssohn ein längeres Leben beschieden gewesen wäre.

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