Jüdischer Humor

Bild: Marija Zaric/unsplash.com

 

Die Kulturwissenschaft redet von der Spezifität des jüdischen Humors. Was hat es mit ihm auf sich? Was sind seine historischen, was seine kulturellen Hintergründe?

Die Frage, ob es einen spezifisch jüdischen Humor gebe, beschäftigt die Forschung seit langem. Es ist klar, dass es Witze von und über Juden gibt, auch den sogenannten „Judenwitz“; aber ist der sich in ihnen manifestierende Humor spezifisch jüdisch?

Ohne dies apodiktisch beantworten zu wollen, kann zweierlei mit Bestimmtheit behauptet werden: Zum einen, die von Nichtjuden über Juden gemachten Witze müssen von den Witzen von Juden über Juden unterschieden werden. Denn wie Freud hervorhebt, sind die Witze, die von Fremden über Juden gemacht werden, zumeist „brutale Schwänke, in denen der Witz durch die Tatsache erspart wird, daß der Jude den Fremden als komische Figur gilt“. Was diesen Witzen abgeht, ist – zum anderen – eine für die von Juden über Juden gemachten Witze charakteristische, im allgemeinen wohlwollend augenzwinkernde, nicht selten aber auch sarkastisch-bittere Selbstironie.

Dass diese Selbstironie historisch die Funktion eines kulturellen Schutzmechanismus erfüllte, dürfte dabei außer Frage stehen. Klar sind auch die Gründe für die Notwendigkeit eines solchen Mechanismus: Die lange Verfolgungsgeschichte von Juden im christlichen Abendland, welche im modernen Antisemitismus des 19. Jahrhunderts kulminierte, zeitigte die Leiderfahrung von sozial Exkludierten in ihren jeweiligen Residenzgesellschaften, in einem sozialen Rahmen also, in welchem sie angesiedelt waren, ohne an ihm legitim partizipieren zu dürfen – als von Nichtjuden für „Fremde“ im eigenen Land erachtet, bildeten sie eine habituelle Enklave, entweder in der Form des ihnen (bereits in Italien des 16. Jahrhunderts) zugewiesenen Ghettos oder als die sich im osteuropäischen Raum des 19. Jahrhunderts heranbildende und bis zum 2. Weltkrieg anhaltende geschlossene Gemeinschaft von Juden im „Schtetl“.

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Es sei gleichwohl hervorgehoben, daß die Ausgeschlossenheit zum Teil auch insofern selbstgewollt war, als das Judentum sich als eine nichtmissionarische, mithin exklusive Religion versteht, welche die Aufnahme von Nichtjuden nicht befürwortet bzw. erheblich erschwert. Zur Krise entwickelte sich dieser Grundumstand, als sich die bürgerliche Gesellschaft Europas auch den Juden graduell öffnete, was im Zuge der Reformbewegung des Judentums und seiner Säkularisierungstendenzen neuartige Diskrepanzen im Verhältnis von Nichtjuden und Juden sowie von Juden zu sich selbst zeitigte.

Jüdischer Humor und jüdische Leiderfahrung

Vor diesem Hintergrund erwies sich die Witzerzählung unter Juden zunehmend als eine selbstgeschaffene kulturelle Praxis kathartischer Erleichterung angesichts erlittener Unterdrückung, sozialer Erniedrigung und individueller Entehrung seitens der judenfeindlichen Umwelt. Der Versuch, sich symbolisch selbst aus der erfahrenen Erniedrigung zu erhöhen, mag dabei mit eine psychische Rolle gespielt haben, wie folgendem Witz zu entnehmen ist:

Zwei in Landestracht gekleidete Bayern stehen am Bahnsteig des Münchner Bahnhofs und sehen einer Judendeporation zu. Sagt der eine: „Ich verstehe diese Juden nicht. Würden sie sich so anziehen wie wir, würde sie doch niemand erkennen, und sie könnten entkommen.“ Antwortet der andere: „Wemen sogt ihr dos“ (Jiddisch: Wem sagen Sie das).

Eine solche Übertölpelung des Nichtjuden nimmt sich freilich im Kontext der Witzhandlung als erbärmlich aus. Was vermag schon der kleine „Sieg“ über den ignoranten Nichtjuden gemessen an der real sich vollziehenden Katastrophe. Der Witz zeichnet sich auch nicht durch Selbstironie aus. Eine solche beseelt eher folgenden markanten Witz:

Ein Jude geht auf der Straße. Ein Vogel, der zufällig über ihm fliegt, kackt just in diesem Moment und trifft den Juden. Der Jude erhebt zu ihm seinen Blick und sagt: „Und für die Gojim singst du…“

Die Übertragung der Wahrnehmung überall lauernder Judenfeindschaft selbst auf „die Natur“ und einen nichtigen kontingenten Vorgang bespöttelt das Paranoide am Juden, ohne aber die Judenfeindschaft als solche infrage zu stellen. In ähnlicher Weise kann sich der schwer stotternde Jude, der sich als Radiosprecher beworben hat, darüber beklagen, dass er wegen Antisemitismus abgewiesen worden sei.

Die Religion

Einen besonderen Stellenwert nimmt das religiöse Leben des diaporischen Judentums im jüdischen Witz ein. Dies rührt daher, daß die jüdische Religion die praktische Einhaltung von 613 Geboten anweist, welche zwar die enge Konsolidierung der Gemeinschaft im diasporischen Exil garantierte, von vielen Juden aber nicht im vollen Umfang befolgt wurde – sei es wegen der sich in der nichtjüdischen Umwelt bietenden verbotenen Verlockungen, sei es wegen der merklichen Auflockerung der Gebotsstringenz im Reformjudentum des 19. Jahrhunderts.

Bis zum heutigen Tag sehen die orthodoxen Juden Israels die vor allem in den angelsächsischen Ländern angesiedelten Reformjuden als ihre ausgemachten religiösen Feinde an. In diesem Zusammenhang entstand der Witz über den Reformrabbiner von London:

Dieser geht am Sabbat, dem strikt zu befolgenden Ruhetag, an dem keinerlei Arbeit verrichtet werden darf, zum Golfspielen. Im Himmel sieht dies Petrus und sagt zu Gott: „So sehen mittlerweile deine Rabbiner aus? Selbst den heiligen Sabbat können sie nicht mehr ehren?“ Gott antwortet, er werde den sündigen Rabbiner bestrafen. Der Rabbiner legt sich die Golfkugel zurecht, und mit einem mächtigen Schlag trifft er sie so, dass sie über hunderte Meter direkt im ersten Loch landet. „So bestrafst du ihn? Er war doch erfolgreich“, sagt Petrus. „Na, und wem wird er’s erzählen“, entgegnet Gott.

In nämlichen Zusammenhang des Sabbat-Gebots gehört der Witz über den Chassid des Wunderrabbis:

Der Rabbi saß mit seinen Chassidim in einem Zug, der Sabbatabend neigte sich allmählich und der Zug schaffte es nicht mehr, sein Ziel vor Einbruch der Dunkelheit zu erreichen. „Und siehe da“, preiste der Chassid die Wundertätigkeit seines Rabbis, „links von uns war Sabbat, rechts von uns war Sabbat, und in der Mitte fuhren wir.“

Was beide Witze kenntzeichnet, ist ihre Praxisbezogenheit, die der Lebensauffassung des Judentums im allgemeinen anhaftet. Gott bestraft den Reformrabbiner durch die soziale Sanktion der potentiellen Imageschädigung und des sozialen Gesichtsvelustes. Und die Lösung, die der Chassid für das Dilemma seines Rabbis anbietet, ist nicht nur eine Ironisierung sogenannter Wundertätigkeiten der enthusiastisch bewunderten Geistlichen, sondern zugleich auch eine Padebeispiel für einen Pragmatismus im Sinne von to-eat-the-cake-and-have-it.

Als die neben der Einhaltung der Sabbatruhe wohl strikteste Vorschrift im Judentum darf das Koscher-Gebot gelten. Unzählige Witze sind in seinem Kontext entstanden. Alle haben etwas mit seiner möglichen Übertretung zu tun.

Ein Jude geht in eine unkoschere Metzgerei und fragt nach dem Preis von 100 Gramm Schinken. In dem Moment ertönt ein Riesendonner im Himmel. Der Jude geht aus der Metzgerei und sagt, den Blick nach oben gerichtet: „Fragen wird man wohl noch dürfen.“

Ein diesem verwandter Witz lautet:

Ein Jude geht in eine unkoschere Metzgerei und fragt nach dem Preis des Fleischprodukts, das in der Vitrine liegt. Der Metzger höflich: „Aber Sie wissen doch, dass das Schinken ist“. Der Jude entrüstet: „Habe ich Sie nach dem Namen gefragt?“

Von selbst versteht sich, dass diese Witze keine orthodoxen Juden betreffen; diese kämen gar nicht erst auf die Idee, eine unkoschere Metzgerei zu betreten. Es sind Witze, die im Zuge des Eingangs der diasporischen Juden in die bürgerliche Gesellschaft Europas und der USA entstanden sein müssen – nicht vollends säkularisiert, durchaus noch traditionell gesinnt, aber doch schon den Fesseln der geschlossenen orthodoxen Schtetl-Gemeinschaft entwunden. Die Protagonisten stellen ja nicht das Koscher-Gebot an sich infrage, sondern hadern nur mit den Widersachern, die sie auf den Tabufrevel aufmerksam machen – ob es nun Gott selbst ist oder der gojische Metzger.

Jüdische Lebenswirklichkeiten

Viele jüdische Witze befassen sich mit jüdischen Lebenswirklichkeiten und den sich in ihnen bildenden Alltag. Ganze Bände könnten man allein mit ihnen füllen. Das Geschäftsleben spielt in dieser Witzkategorie eine prominente Rolle; so etwa beim folgenden Witz, an dem sich die sarkastische Selbstironie im jüdischen Humor vortrefflich nachweisen lässt, wobei allerdings nicht ausgemacht ist, ob etwas vom gängigen antisemitischen Klischee nicht vom Juden selbst verinnerlicht worden ist.

Das sterbende alte Familienoberhaupt liegt schon in halbem Dämmerzustand. Sichtlich geschwächt fragt er: „Sarale, meine Frau, bist du da?“ Die weinende Frau sagt „Ja, ich bin da.“ Der Vater fragt weiter: „Moischele, mein Sohn, bist du da?“ Auch Moishele bejaht die Frage. Der Vater sodann: „Und du, Rivkale, meine Tochter, bist du da?“ Auch Rivkale schluchzt, sie sei da. Mit letzter Kraft fragt dann der Vater: „Und du, Chaimke, mein Jüngster, bist auch du da?“ Chaimke bestätigt, dass auch er zugegen sei. Da richtet sich der Vater auf und schreit mit geöffneten Augen: „Und wer steht im Geschäft?“

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Dieser Witzbereich, zumeist der osteuropïschen Schtetlsphäre entstammend, bleibe hier unerörtert. Hervorgehoben sei hingegen, daß der diesem Habitus verhaftete jüdische Witz zweierlei Metamorphosen im Zuge der Migrationsbewegungen von Juden im 20. Jahrhundert erfahren hat: Zunächst die große Auswanderungsflut osteuropäischer Juden in die Vereinigten Staaten, die späterhin das (nach Israel) zweitgrößte jüdische Kollektiv auf der Welt generieren sollte. Bekannt ist, dass dabei nicht nur die gesamte amerikanische Filmindustrie, sondern mit ihr auch weite Bereiche des Humors in den USA, sowohl was Witzidee als auch was Produktion und Darstellung des Humors anbelangt, von Juden maßgeblich geprägt worden sind.

Protagonisten wie Groucho Marx, Danny Kaye, Jerry Lewis, Billy Crystal, Gene Wilder oder Woody Allan hatten nur noch entfernt etwas mit dem osteuropäischen Habitus zu tun, wiewohl sich das jiddische Idiom gerade in den USA in die Comedy-Welt eingefräst hat. Aber es kommt auch nicht von ungefähr, daß ein Film wie Mel Brooks‘ „The Producers“, in welchem „Springtime for Hitler and Germany“ im Rahmen einer grotesken Hollywood-Musicalrevue intoniert und getanzt wird, von einem Juden in den USA, und zwar bereits 1968, produziert wurde. In Europa oder gar in Deutschland – damals ein Ding der Unmöglichkeit.

Jüdischer Humor und die „Judenfrage“

Ausgesprochen europäisch war demgegenüber die Auseinandersetzung mit den Schwierigkeiten der Integration in die nichtjüdische Residenzgesellschaft, nach dem Holocaust zumal. Was die von Gojim kreiierte „Judenfrage“ an Juden über Jahrzehnte herantrug und von Juden verinnerlicht werden musste, fand seinen ironisierenden Niederschlag auch im jüdischen Witz.

Drei Wissenschaftler, ein Franzose, ein Deutscher und ein Jude verirren sich im Dschungel. Sie wissen, dass man sie retten werde, und so beschließen sie, sich die Zeit mit dem Schreiben wissenschaftlicher Bücher über Elephanten zu vertreiben. Nach vier Monaten findet man die drei. Den Franzosen mit zwei dicken Bänden über „Die Liebe bei den Elephanten“. Den Deutschen mit vier noch dickeren Bänden über „Die Disziplin bei den Elephanten“. Und den Juden mit sechzehn Bänden über „Die Elephanten und das jüdische Problem“.

Im Gegensatz zu den Juden in den USA blieben Juden in Europa Fremde, selbst dort, wo sie sich als assimiliert wähnten. Als solche, mithin auch als historisch zu Berufen der Zirkulationssphäre gezwungen, entwickelten sich dabei viele unter ihnen zu Polyglotten. Eine Ironisierung der dabei manchmal zustandegekommenen Sprachmelange von Jiddisch und Deutsch findet sich im folgenden, in Sprachrhytmik und -intonation typisch jiddischen Witz:

Aus Leipzig wollte ein Rabbi nach Eisenach fahren. Dem Schalterbeamten am Bahnhof sagte er: „Will ach nach Eisenach.“ Der Schalterbeamte vergewisserte sich: „Villach oder Eisenach?“ Worauf der Rabbi ungeduldig polterte: „Will ach Eisenach, will ach Eisenach! Will ach Villach, will ach Villach! Eisenach will ach“.

Jüdischer Humor in Israel

Die zweite große Migrationsbewegung der Juden vollzog sich im Verlauf des 20. Jahrhunderts, besonders aber nach 1945, mit der Masseneinwanderung in Palästina und (nach der Staatsgründung) in Israel. Der diasporisch-jüdische Humor gelangte dabei gleichsam an sein Ende. Was sollte der auf den Neuen Juden ausgerichtete Zionismus mit der Haltung und dem Lebenswitz des diasporischen Juden? Gerade er sollte ja zionistisch „überwunden“ werden.

Jiddisch verkam zu verpönten Sprache; der ihm eigene Humor unterwarf sich der neuen politisch-gesellschaftlichen Realität; ethnische Parodien und Persiflagen gewannen an Popularität im Einwanderungsland Israel, Witze über die Spannungen zwischen Religiösen und Säkularen, über Neueinwanderer und Alteingesessenen und letztlich über alle Erscheinungen, die die Konfliktachsen der neuen Gesellschaft im zionistischen Land zeitigten. Große Prominenz genossen auch Sketche und Witze über den Habitus und Gepflogenheiten des Militärs. Die politische und gesellschaftliche Satire zeitigten dabei beachtliche Errungenschaften. Unvergesslich etwa die drei hervorragenden Sketche der Comedy-Gruppe Ha’chamishia Ha’kamerit über die Instrumentalisierung des Shoah-Gedenkens in Israels politischer Kultur. In einem von ihnen traktiert ein Mitglied der israelischen Delegation zur Olympiade von München den deutschen Funktionär, der dabei ist, den Startschuß zu einem Rennen zu geben, mit der Bitte, dem schmächtigen israelischen Läufer einen Vorsprung zu gewähren. Und als dieser hilflos dreinblickt, versteigt er sich, außer sich geratend, zum (inzwischen ikonisch gewordenen) Spruch: „Haven’t the Jewish people suffered enough?“

Aber dies ist eher die Ausnahme. Der Zionismus lacht selten über sich, wenn es ans Eingemachte geht und seine Raison d’être infrage gestellt wird. Eines der wenigen Beispele einer solchen Selbstironie ist ein Witz, der auf der biblischen Erzählung basiert, derzufolge Moses eine „schwere Sprache und eine schwere Zunge“ gehabt habe – er stotterte.

Gott fragte Moses: Wohin sollen wir die Söhne Israels aus Ägypten führen? Moses wollte sagen: Nach Kalifornien, lieber Gott, oder wenigstens nach Kanada. Er stotterte aber, deshalb kam aus seinem Munde nur: K-K-K-K… So entschied Gott selbst und sagte: K-K-K-K… o.k. Kanaan, beschlossene Sache.

Und so sind wir alle dazu verurteilt, in Erez Israel statt in Kalifornien oder wenigstens in Kanada zu leben. Nicht schlecht, aber das Gelbe vom Ei an Humor ist dies nicht gerade. Der diasporische Witz hätte dazu mit Sicherheit einiges mehr vermocht.

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