Werte der Erinnerungskultur

Holocaust-Mahnmal Berlin
Holocaus-Mahnmal in Berlin. Bild: Pim Zeekoers/CC BY-SA-3.0

 

Über das Grundverhältnis von Herrschaft, Erinnerung und Werten

Es liegt im Wesen von Werten, dass die (wertende) Einschätzung ihrer Funktion ambivalent ausfallen muss. Werte sind zum einen für jegliche menschliche Interaktionspraxis unabdingbar, zum anderen aber auch Resultat eines fundamentalen „Defizits“ der menschlichen Wahrnehmung von Wirklichkeit, mithin ein Notbehelf für den regulierten Ablauf nämlicher Praxis, und darin Behelf, aber eben aus der Not geboren.

Dieses von Neukantianern stark gemachte Grundverhältnis ist besonders prägnant in Max Webers metatheoretische Überlegungen zur Logik und Methode der Sozial- bzw. Kulturwissenschaften eingegangen. Im Bestreben beides, Besonderheit und Objektivität dieser Wissenschaften zu begründen, sah sich Weber vor dem grundsätzlichen Problem gestellt, dass der Kulturwissenschaftler stets gefordert ist, eine Auswahl aus der Unendlichkeit der wahrnehmbaren Welt zu treffen, um das Besondere wissenschaftlich erfassen zu können. Webers Wissenschaftsbegriff grenzt das Idiographische der Kultur- vom Nomothetischen der Naturwissenschaften ab, trachtet aber zugleich, doch eine Brücke zwischen ihnen herzustellen. Das geisteswissenschaftliche „Verstehen“ und das naturwissenschaftliche „Erklären“ sollen zwar voneinander abgesetzt werden, aber auch eine Art Synthese erfahren, wenn schon nicht zwischen beiden Wissenschaftsbereichen, so doch zumindest als Modus gegenseitiger Durchdringung innerhalb der Kulturwissenschaften.

Besagte Auswahl aus der Unendlichkeit, deren Notwendigkeit sich der Kulturwissenschaftler ausgesetzt sieht, vollzieht sich nun für Weber durch „Beziehung auf Werte“, namentlich deshalb, weil der Wissenschaftler sich genötigt sieht, aufgrund seiner subjektiven Interessen seinen Forschungsgegenstand – eine historische Tatsache, einen kulturellen Prozess, eine wirkmächtige sozial-ökonomische Erscheinung und dergleichen – zu isolieren und ihr eine „Bedeutung“ zuzuschreiben.

Weber erblickt darin durchaus eine Tugend des forschenden Kulturwissenschaftlers, nicht zuletzt, weil die Rolle der ethischen, ästhetischen oder etwa religiösen Normen, kraft derer er Stellung zur Wirklichkeit bezieht, dadurch eine Anerkennung erfahren. Zu erwarten steht dabei, dass der Kulturwissenschaftler die Gegenstände seiner Forschung mit Bezug auf seine eigenen Werte auserwählen wird – er wird also von einer normativ prästabilisierten Position seine Fragen an die Geschichte, an die Gesellschaft oder an die Kultur stellen, womit seine Wissenschaft notwendig partiell wird. Hat der Wissenschaftler aber seine Wahl erst einmal getroffen, ist er, Weber zufolge, strikt an die empirischen Bestände seines Forschungsbereichs gebunden, mithin rigoros darauf verwiesen, subjektive, d.h. auch wertgebundene Momente seiner Ausrichtung auf den eigentlichen Forschungsakt sich selbst zu verbieten.

Die Methode hat Schule gemacht, ohne freilich je aus dem Zirkel der Unvereinbarkeit von subjektiv beschränktem Wahrnehmungsvermögen der Welt und wissenschaftlichem Anspruch auf objektive Repräsentation der Weltwirklichkeit, herauszugelangen. Werte sind, so besehen, ein menschlich Konstruiertes, dessen man sich gleichwohl aus der nun mal evolutionsgeschichtlich so gewordenen conditio humana nicht entschlagen kann. Lässt man sich aber auf eine solche Sicht der menschlichen Grundverhältnisse ein, verfällt zunächst die Frage der Objektivität und räumt ihren Platz der Frage nach der historischen Genese von Werten, nach ihrer gesellschaftlichen Bedingtheit und – damit aufs engste zusammenhängend – nach ihrer Funktion in der Etablierung von Herrschafts- und Machtverhältnissen im kollektiven menschlichen Kontext.

Von diesem Wirkzusammenhang ist auch das, was man als Erinnerungskultur zu apostrophieren pflegt, nicht ausgenommen. Das mag sich merkwürdig anhören. Ist doch das Eingedenken, mithin das Paradigma der Erinnerung ans kollektiv Vergangene, spätestens seit Walter Benjamin nicht nur positiv konnotiert, sondern regelrecht Voraussetzung für die säkulare Form „messianischer Erlösung“ (bzw. –profaner – für jegliche Ausrichtung aufs Vergangene, die sich als Prädisposition des emanzipativ erstrebten Künftigen begreift).

Indes, es war auch Walter Benjamin, der im gleichen Zusammenhang behauptete, Geschichte sei stets „Geschichte der Sieger“, der, als solcher, ein Doppelcharakter inhäriert: In ihren künstlerischen (und man mag hinzufügen: allgemeinen kulturellen) Manifestationen dokumentiere sich ihre „Barbarei“, die sie durchziehenden „Gewalt und Ausbeutung“. Zugleich fungierten sie aber auch als „Medium, in dem die vergangenen Generationen ihre Hoffnung auf Befreiung an die Nachgeborenen weitergeben“.

Nimmt man aber das Grundpostulat, wonach Geschichte stets „Geschichte der Sieger“ sei, beim Wort, so sieht man sich unweigerlich dem Ideologiecharakter von Werten – mithin von Werten der Erinnerungskultur – gegenübergestellt. Denn nicht nur wohnt Werten eine partikulare, ihren gesellschaftlichen Trägern aber als solche nicht bewusste Dimension inne, wie oben dargelegt, sondern Werte sind zwangsläufig interessengeleitet, wenn sie als Werte einer „Geschichte der Sieger“ auftreten, eben als das, dessen Dominanz sich durch die Logik der real Herrschenden bzw. durch die von ihnen hergestellte geistige Hegemonie speist. Dass der Kontext dieser Prädominanz sich wandeln, gar inhaltliche Modifikation des normativ Erinnerten zeitigen mag, ändert nichts an besagtem Grundverhältnis von Herrschaft, Erinnerung und Werten. Die Struktur erhält sich im Wesentlichen gleich.

1 Kommentar zu Werte der Erinnerungskultur

  • Gerät da nicht etwas durcheinander? Werte könnte man funktionalistisch als Entscheidungshilfen verstehen, die Bereitstellung von Kriterien. Geschichte ist der Oberbegriff für die Vergangenheit der politischen Entwicklungen, idealiter objektiv Geschehenes. Leicht metaphorisch gewendet unter anderem aus den Folgen von Entscheidungen gebildete Substrate. In menschlicher Praxis entscheidet Erfolg über Bewertung. Daher die Rede von der Geschichte als derjenigen der Sieger.
    Aber wie nun ist das Verhältnis zwischen den Werten einer Gesellschaft und der von ihr als gültig angesehenen Geschichte? Ist da nicht stets ein Hiatus zwischen Wert und Bewertung? Einfach aus der trivialen Tatsache heraus, dass Entscheidungen, gerade unter Druck, oft nicht wertebasiert fallen?

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