„Wie ist es eigentlich gewesen?“

 

Eugène Delacroix: Die Freiheit führt das Volk.

 

 

Was ist es an der modernen Geschichtsschreibung der Moderne, das immer wieder Kontroversen, mitunter auch schlimme Geschichtsklitterungen zeitigt?

 

„Kollektive Erinnerung“ erfährt in den letzten Jahren in den Bereichen der Geisteswissenschaften und des Feuilletons eine bemerkenswerte Konjunktur. Dies hat zum einen etwas mit dem Anspruch eines bewussteren Umgangs mit geschichtlicher Vergangenheit zu tun, wobei der „Erinnerung“ ein positiver Wert der Bemühung um Verdrängtes beigemessen wird. Zum anderen rührt aber die Popularität des Begriffs gerade von der markanten Erosion her, die historische Vergangenheit als real geschehene in den letzten Dekaden durchläuft.

Nicht zuletzt postmoderne Diskurse der Hinterfragung von geschichtlicher „Wahrheit“ oder gar Realität haben dazu geführt, dass es zuweilen erscheinen mag, als sei das Geschichtsereignis durch seine Repräsentation, welche ihrerseits zunehmender Beliebigkeit ausgeliefert ist, ein für allemal ersetzt worden. Dabei spielen zwar erkenntnistheoretische Erwägungen eine nicht zu unterschätzende Rolle: In der Tat lassen sich Probleme widerstreitender paradigmatischer Ansätze, der Materialselektion und -anordnung, der notwendigen Wertbezogenheit und des fragmentarischen Charakters aller historischer und kultureller Wahrnehmung nicht leichterdings von der Hand weisen, was Jean-François Lyotard nicht von ungefähr den agonalen Charakter aller historischer Narrative hat hervorheben lassen.

Aber diese epistemologisch begründete Erschütterung des Wahrheits- und Wesensbegriffs schufen zugleich die Freiräume für einen interessengeleiteten Umgang mit Realität, bei dem sich die Repräsentation des real Geschehenem in einem solchen Maß von ihrem Gegenstand abgekoppelt hat, dass das real Vergangene vollends als unerkenn- und begreifbar apostrophiert, die Wirkmächtigkeit des von der gegenwärtigen Interessensheterogenität herrührenden, dem Repräsentierten letztlich indifferent gegenübertretenden Streit um die Vormacht der Repräsentation und der Deutungshoheit dafür umso emphatischer hervorgehoben wurde.

 

Diese aus koketter Erkenntnisnot mit frivoler Radikalität gemachte narzisstische Tugend darf sich freilich auf eine seriösere Denktradition berufen, die von jeher das Heteronome der Geschichtserinnerung bzw. ihren historisch geformten Konstellationscharakter zum Gegenstand ihrer Erörterung erhoben hat. Schon bei Marx und – anders – bei Nietzsche kündigt sich theoretisch wie politisch-polemisch das an, was bei Walter Benjamin im Diktum, dass die Geschichte stets die Geschichte der Sieger sei, kulminieren sollte.

Mit Marx gesprochen, geht es dabei um den Ideologiecharakter dessen, was für geschichtliche Vergangenheit, mithin als für gesellschaftliche Gegenwart bestimmend, ausgegeben wird. Dass dabei das Ideologische nicht im luftleeren Raum, schon gar nicht als Produkt zweckloser Verspieltheit entsteht, sondern erkennbaren Interessen verschwistert ist, rückt Geschichte als Ideologie unweigerlich in den Wirkbereich von Herrschaft. Dies ist nun aber nicht unbedingt als grobe, bewusst betriebene Manipulation „von oben“ zu verstehen (wiewohl es natürlich auch diese gibt), sondern als Affinität zwischen dem vorherrschenden, „natürlich“ erscheinenden Denken übers Vergangene, mithin über die je eigene Gegenwart, und der real vorwaltenden Herrschaft in Wirtschaft, Politik und Kultur, wenn man will: als eine prästabilisierte Stimmigkeit zwischen beiden, deren rigorose Durchbrechung und Hinterfragung als bedrohlich und von der Majorität als unerwünscht empfunden wird. Das ideolgisch gestimmte Subjekt weiß ja zumeist nicht um die manipulativen Fangnetze, in denen sein Bewusstsein verstrickt ist. Nicht zuletzt das macht institutionalisierte Ideologie so „unwiderstehlich“, wie Althusser eindrücklich dargelegt hat.

Kontext und Ideologie

So besehen, erschließt sich der Ideologiecharakter historiographierter Geschichte aus dem Kontext ihrer je spezifischen Entstehung und „Verwendung“, zugleich aber auch aus der Immanenz ihrer fachspezifisch etablierten Kriterien, Postulaten und Axiomen, ihrer Darstellungsmechanismen und Diskurspraktiken. Als ideologisch kann sich dabei schon die Bestimmung des Zeitrahmens eines geschichtlichen Ereignisses erweisen, und zwar nicht nur im generellen Sinne, dass der unhintergehbar partikulare Charakter einer jeden Geschichtsdarstellung sie notwendig wertgebundenen Voraussetzungen unterwirft, sondern durchaus auch im politischen Sinne der Verbindung des historischen Datums mit einer Deutungsabsicht.

So ist die Frage, wann die Französische Revolution beendet worden sei (und somit, wie weit sich ihre historiographische Darstellung zu erstrecken habe) schon bzw. gerade im 19. Jahrhundert zu Politikum geraten: Je nachdem, ob man 1793, 1795 oder 1799 wählte, entschied man sich auch für ein Revolutionsparadigma, das die bürgerliche Republik (unter Ausschluss von Robespierre und Terror), die potentielle soziale Demokratie (wie sie sich gerade mit Robespierre ankündigte) oder den bourgeoisen Rückschlag (den Napoleon mit der offiziellen Verkündung der Revolutionsbeendigung abschloss) zum Ziel hatte.

Wollte man die napoleonische Ära, mithin das Umschlagen der Republik ins Kaiserreich, mit hinzunehmen – Napoleon war ja ein Zögling des Jakobinertums –, streckte man die Revolutionsdarstellung bis zum Wiener Kongress von 1814-15. Marx deutete die 1789er Revolution als eine bürgerliche und ließ sie folgerichtig in der Julirevolution von 1830, dem Sturz der Bourbonen und der bürgerlichen Rückeroberung der Macht, kulminieren. Der revisionistische Revolutionshistoriker François Furet hingegen, bestrebt, das linke marxistische Revolutionsethos zu untergraben, verkündete im Jubiläumsjahr 1989, die große Französische Revolution habe alles, was ihre Urheber zu erreichen gedachten, bereits im Revolutionsjahr 1789 erlangt; alles Nachfolgende, die Radikalisierung und der Terror, seien nichts als „Entgleisung“ gewesen – folglich sei die Revolution, was ihre historische Wirkmächtigkeit anbelangt, bereits 1789 an ihr Ende gelangt.

Gerade weil im Jahrzehnt von 1789-1799 sämtliche Politformationen, die für die Moderne relevant werden sollten, gleichsam in nuce phasenmäßig durchlaufen wurden – von der konstitutionellen Monarchie über den bürgerliche Republikanismus, die ersten Blüten der sozialen Demokratie bis hin zu den Vorahnungen eines künftigen Kommunismus bei Babeuf –, erlangten die sie personifizierenden Gestalten einen paradigmatischen Stellenwert. Während orthodoxe Monarchisten das tragische Schicksal der Königsfamilie in epischer Länge beklagten, hielten konstitutionelle Monarchisten Mirabeau hoch, republikanische Demokraten vergötterten, je nach Grad der Gesinnungsradikalität, ihren Danton oder Robespierre, während Frühsozialisten sich an Babeuf und Buonarroti hielten.

Bei Danton und Robespierre konnte es dabei harsch ideologisch zugehen: Zeichnete sich Alphonse Aulards Geschichtsschreibung durch eine mit einem dezidierten Robespierre-Hass einhergehende Danton-Apotheose aus, so hielt Albert Mathiez mit seiner Verachtung für Danton nicht hinterm Berg, während er Robespierre zu seinem historiographischen Hausgott machte. Signifikant war dabei der erkennbare Übergang von einer nationalstolzen republikanischen Revolutionshistoriographie bei Aulard zu einer (von Jean Jaures inspirierten) zunehmend marxistisch ausgerichteten bei Mathiez, welche dann mit Georges Lefebvre, Ernest Labrousse und Albert Soboul über Jahrzehnte die akademische Revolutionsrezeption beherrschen sollte, bis im Jubiläumsjahr 1989 – zusammen mit dem Zusammenbruch des osteuropäischen Kommunismus – diese Vorrangstellung kollabierte.

Geistesgeschichtlich (und nicht minder ideologisch) war in diesem Zusammenhang der Übergang von purer politischer Geschichte bei Aulard zu einer Mischform von politischer und Sozialgeschichte bei Mathiez, die dann mit Lefebvre zur reinen Sozialgeschichte gerinnen sollte. In den 1990er Jahren gab die besonders von französischen Historikern praktizierte Revolutionsgeschichtsschreibung nach und nach ihren Geist auf, um ethnologischen bzw. kulturwissenschaftlichen Untersuchungen über diese Zeit politischer und sozialer Umbrüche Platz zu machen bzw. ideologiekritischen und theoretischen Arbeiten über die Geschichtsschreibung selbst.

Ideologisierung der Revolution

Die Zäsur von 1989 liegt dabei ganz auf der Traditionslinie einer diachronisch sich abzeichnenden Ideologisierung der Revolution und ihrer historiographischen Repräsentationen. Das Abflauen der Hochkonjunktur des Revolutionsparadigmas, welches vom Ende des Blocksystems und des Kalten Krieges, mithin der Auflösung der ideologischen Ost-West-Konfrontation, herrührte, korrespondierte mit vergleichbaren Phasen und Zäsuren der Revolutionsrezeption im 19. Jahrhundert.

Allein schon der jeweilige Bezug der 1830er, 1848er und 1871er Revolutionen Frankreichs auf das revolutionäre Großereignis am Ende des 18. Jahrhunderts war von einem je politisch-ideologisch gewandelten Zeitgeist durchweht. Denn die von Cavaignac im Juni 1848 niederkartätschten Aufständischen waren schon keine kleinbürgerlichen Sansculotten mehr, sondern klassenbewusst sich empörende Arbeiter (für Marx ging es um einen Kampf „um die Erhaltung oder Vernichtung der bürgerlichen Ordnung“), und in der Pariser Kommune von 1871 manifestierte sich bereits nicht weniger als der frühe Versuch, die französische Hauptstadt nach sozialistischen Vorstellungen zu verwalten.

Von selbst versteht sich dabei, dass die Französische Revolution im Verlauf dieser auf sie selbst Bezug nehmenden, mithin aus ihrem Geist geborenen Ereignisse eine sich progressiv wandelnde Kodierung erfuhr, und zwar sowohl in pejorativem wie auch im enthusiastisch affirmativen Sinn. Hyppolyte Taines „Les origines de la France contemporaine“, Albert Sorels „L’Europe et la Révolution française“ und Alphonse Aulards „Histoire politique de la Révolution française“ sind Paradebeispiele für den divergenten historiographischen Umgang mit der Revolution als Folge der für alle Parteien traumatisch verlaufenen Erfahrungen des Jahres 1871.

Nicht nur war es also im 19. Jahrhundert eine sprachliche Gesinnungsfrage, ob man behauptete, der französische Monarch sei am 21.Januar 1793 „ermordet“, „bestraft“ oder schlicht „hingerichtet“ worden, sondern es kam durchaus auch darauf an, wann im Verlauf jenes politisch turbulenten Jahrhunderts die jeweilige Wortwahl getroffen wurde. Ob solche Zentralereignisse wie die Hinrichtung Ludwigs XVI überhaupt zum Gegenstand größerer historiographischer Darstellung und Erörterung erhoben wurden, hing ebenfalls vom ideologischen Paradigma ab, dem sich die Revolutionshistoriker jeweils verpflichtet sahen: Königstreue Monarchisten und individualistisch orientierte Liberale, die auf den Glauben, dass Geschichte von „großen Männern“ gemacht werde, eingeschworen waren, ließen sich vom Drama des „Königsmordes“ in weit größerem Maße historiographisch beeindrucken, als marxistische Geschichtsschreiber, die mehr an Strukturen und – wenn schon Drama – am tragischen Pathos einer „Geschichte von unten“ interessiert waren.

Und insofern Geschichtsschreibung institutionalisiert war (was im Deutschland und Frankreich des 19. Jahrhunderts auch staatliche Absegnung meinen mochte), manifestierte sich die Verschwisterung von Geschichte, Herrschaft und Ideologie im Hinblick auf die Französische Revolution als nahezu staatstragender Konnex: Spätestens seit der Dritten Republik (1870 – 1944) war das Selbstverständnis des französischen Staates vornehmlich vom Ethos der Großen Revolution geprägt – mithin ideologisch prästabilisiert.

Diesen allgemeinen, eher heteronome Gesichtspunkte anvisierenden Einsichten in den Wirkzusammenhang moderner Geschichtsschreibung war von Anbeginn eine immanente Entwicklung der Geschichte als wissenschaftliche Disziplin anverwandt. Das Attribut „wissenschaftlich“ ist dabei mitnichten für selbstverständlich zu erachten. Denn wie schon der innere Bezug von storia und historia bzw. von story und history indiziert, bestand von jeher ein Affinität zwischen der Geschichte als einem Wissenskörper über das real Vergangene und der Geschichte im Sinne einer fiktionalen Erzählung. Nicht von ungefähr verwendet man im Deutschen für beide Bedeutungen ein und denselben Begriff. Es war andererseits aber auch gerade der deutsche akademische Diskurs im 19. Jahrhundert, der Geschichte in den Stand der Wissenschaft zu erheben trachtete; den Begriff Geschichtswissenschaft gibt es wohl nur im Deutschen. Leopold von Ranke ist als bedeutender Pionier in die Annalen dieses epochalen geistesgeschichtlichen Ereignisses, der Begründung des Historismus als paradigmatische Vorgabe für die historiographische Ergründung des Vergangenen, eingegangen.

Der Historismus

Der Historismus geht von der geschichtlichen Gewachsenheit des Menschen aus, sieht mithin alle Wesenhaftigkeiten, die sein Kollektives ausmachen (Volk, Nation, Staat), als geschichtlich hervorgebracht an. Er verabschiedet sich darin (dem Anspruch nach) von metaphysischen Konstruktionen und abstrakten Grundannahmen über das menschliche Sein. Die Sicht des Menschen als ein Geschichtswesen zielt demnach auf das Erfassen seiner historischen Gewordenheit, wobei das Spezifische (das jeweils Individuelle) einer jeden Epoche, der sie bevölkernden Menschen und deren Werke unvoreingenommen anvisiert und aus der ihnen eigenen geschichtlichen Logik verstanden werden soll.

Entsprechend stellte Leopold von Ranke eine wertgebundene Hierarchie der Epochen in Abrede: „Jede Epoche ist unmittelbar zu Gott, und ihr Wert beruht gar nicht auf dem, was aus ihr hervorgeht, sondern in ihrer Existenz selbst, in ihrem Eigenen selbst.“ Der darin angelegte Relativismus muss nicht voreilig kritisch abgewiesen werden. Denn indem er einem metaphysisch konstruierten Absoluten abschwört (dem etwa ein dominanter Strang des philosophischen Historizismus das Wort redet), bekräftigt er den realen Geltungsanspruch alles Bestehenden, eben als geschichtlich Gewordenes. Ein elementarer Positivismus ist dem verschwistert, aber auch eine gewisse „demokratische“ Matrix.

Es war gleichwohl genau diese Tugend, aus der man am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhundert eine Not machte. Die von Ernst Troeltsch eingeläutete und inhaltlich auf den Punkt gebrachte „Krise des Historismus“ hatte mit mehrerlei zu tun, vor allem aber eben mit besagtem (von Rankes Diktum ableitbaren) Relativismus, den man insofern als Werterelativismus kritisieren zu sollen meinte, als er zumindest indirekt einen Angriff auf den vom Historizismus postulierten Fortschrittsbegriff der Geschichte in der Weltschau der westlichen Aufklärungsmoderne beinhaltete.

Wenn Geschichte einen Fortschrittsfahrplan hat, dann müssen kollektive Entitäten, die noch nicht „auf der Höhe der Zeit“ sind, als rückständig angesehen werden. Wenn aber jede Epoche (und somit alle in ihr sich geschichtlich manifestierenden Kollektivitäten) „unmittelbar zu Gott“ ist, dann darf das Rückständige nicht als solches apostrophiert werden, schon gar nicht als Gegenstand der Forschung. „Wie es eigentlich gewesen ist“ heißt also auch, das spezifisch Andere als dem Eigentlichen zugehörend anerkennen – eben als das geschichtlich Nun-mal-Daseiende, welches man nicht wertgebunden zu rezipieren hat.

Diese Schlussfolgerung musste dem entgegenstehen, was marxistische Theortiker und Geschichtsforscher als unabdingbar für ihren Geschichtsbegriff ansahen, namentlich Geschichte als menschliche Fortschrittspraxis. Denn wenn, dem Grundglauben der westlichen Aufklärung gemäß, der Mensch Subjekt der Geschichte geworden ist (und Freiheit als sein Wesen verstanden wird), muss davon ausgegangen werden, dass seine Praxis auf die immerwährende Verbesserung seiner Daseinsbedingungen ausgerichtet ist, somit also einem progressiven Geschichtsverlauf folgt.

Der Historismus hob zwar die historische Gewordenheit des Menschen hervor, sah aber das geschichtlich Gewordene nicht als einem zwangsläufigen Fortschrittsmuster gehorchend an, sondern legte seine Erkenntnisemphase eher aufs organisch Gewachsene als aufs Konstruierte, mithin „künstlich“ Hervorgerufene, wie etwa den bewusst-revolutionär heraufbeschworenen Nationalstaat. Schon darin musste der Historismus dem marxistischen Paradigma als rückständig erscheinen.

Dem anverwandt war auch die Kritik am individualistischen Ansatz des Historismus, wobei als Individuum nicht nur der Einzelmensch sondern auch Entitäten wie Ethnie, Volk und Staat angesehen wurden. Als wissenschaftsgeschichtlichen Kontext dieser Kritik darf man die von Wilhelm Windelband vorgenommene Unterscheidung zwischen nomothetischen und idiographischen Wissenschaften annehmen. Denn insofern man Wissensgebiete, die den Einzelfall beschreiben und erörtern, neben solchen, die sich als gesetzbildend verstehen, stellt, kann dieses Nebeneinander als legitime, den nominalen Unterschied betonende Kategorisierung begriffen werden, oder aber als Konstellation, die zwangsläufig auf den Vergleich aus ist. Im zweiten Fall musste die nomothetisch ausgerichtete Sozialwissenschaft – also die, die sich im 19. Jahrhundert das physikalische (Comte) bzw. biologische (Spencer) Paradigma zum Vorbild genommen hat – den wissenschaftlichen Anspruch des Historismus, wie ihn Ranke postulierte, in Abrede stellen.

Anspruch auf Wissenschaftlichkeit

Aber die Krise des Historismus generierte sich auch aus einem immanenten Grund, und zwar einem, der sich gerade aus den methodischen Postulaten des Historismus ergab. Als anerkannte Forschungsdisziplin musste seine Wissenschaftlichkeit auf einer intersubjektiv hand- und kontrollierbare Methode basieren, auf einem sich zum Regelwerk zusammenfügenden Kompendium von prozeduralen Vorgehensweisen.

Im Falle des Historismus waren es Quellen und Quellenkritik, die als unhintergehbare Voraussetzung für die schiere Feststellung von Tatsachen als Grundlage des „Wie es eigentlich gewesen“ postuliert wurden. Eine Tatsache konnte demzufolge nur dann wissenschaftlichen historischen Stellenwert beanspruchen, wenn sie sich durch ein (geschriebenes) Dokument belegen ließ – besser noch durch mehrere Dokumente unterschiedlicher Provenienz, die man gegeneinander in den kritischen Vergleich stellen konnte.

„Gewesen“ war somit nur das, was quellenmäßig nachweis- bzw. belegbar war. Das war zum einen nachvollziehbar, insofern es darum ging Geschichte als Wissenschaft dem Erzählen von Geschichten zu entwinden, wobei bei derlei abzufordernden Geschichten nicht nur rein Fiktionales gemeint war, sondern auch das einer Erzählung vergangener Realitäten ergänzend Hinzufabulierte. So besehen redete der Historismus einer empirisch erforschbaren geschichtlichen Wahrheit das Wort – und erforschbar war diese Wahrheit nur, wenn sie dokumentiert war. Das Dokument (und seine hermeneutisch geschulte Auslegung) gerann so zum Postulat der gefestigten Forschungsmethode des Historismus.

Diese positivistisch ausgerichtete Voraussetzung der historistischen Wissenschaft implizierte zum anderen aber auch zwangsläufig das Defizitäre an ihrem Anspruch, das Gewesene wahrheitsgetreu zu rekonstruieren. Denn wenn nur Dokumentiertes Eingang in die wissenschaftliche Geschichte beanspruchen durfte (was nicht quellenmäßig zu belegen war, wurde als Spekulation ausgesondert), dann musste sich früher oder später die Frage erheben, wie mit dem umzugehen sei, was in der Geschichte undokumentiert geblieben ist. Von selbst versteht sich, dass eine solche Frage nicht nur den Bestand realer Möglichkeiten der Geschichtsforschung belangte, sondern auch das Problem der gesellschaftlichen Voraussetzung der Dokumentation, mithin die Ideologie des Dokumentationspostulats. Denn geschriebene Quellen finden sich natürlich nur dort, wo geschrieben wurde, bzw. wo man sich leisten konnte, das zu Dokumentierende schreiben zu lassen. Bei der Geschichte einer sich über weite Strecken durch Analphabetismus kennzeichnende Menschheit, stellte dies eine ernste Herausforderung dar, und zwar sowohl epistemisch als auch moralisch.

Der Historismus rationalisierte dieses Problem – seiner eigenen Methodik gehorchend –, indem er die Not erst gar nicht als solche gelten ließ, sondern sie ideologisierte. Als Geschichte habe eben (wohldokumentierte) Kirchen-, Militär-, Monarchiegeschichte und dergleichen mehr Geschichtsbereiche der oberen Sphären der Gesellschaft zu gelten. Heinrich von Treitschke radikalisierte gar diese Vorstellung einer „oben“ sich vollziehenden Geschichte, indem er die Sphären im erklärten Geltungsbereich des Historismus dahingehend individualisierte, als er postulierte, (große) Männer machten Geschichte, ein Diktum, das seine Entsprechung in der Behauptung Thomas Carlyles fand, die Weltgeschichte sei nichts als „die Biographie großer Männer“.

Ungeachtet der patriarchalen, heute längst nicht mehr hinnehmbaren Gender-Ideologie, die sich in diese (dem Zeitgeist entsprungenen) Ansichten eingefräst hat, bezeugt die Apodiktik dieser Ansichten vor allem die sich aus der methodologischen Begrenzung ergebende politisch-soziale Beschränkung des historistischen Forschungsgegenstand, mithin die damit einhergehende Legitimation bestehender Macht- und Herrschaftsstrukturen. Die Krise des Historismus wies, so besehen, sowohl eine immanente als auch eine sich aus dieser Immanenz ableitende ideologische Problematik auf, welche durch zwei gegenläufige Paradigmata konterkariert werden sollten.

Die Annales-Schule

Als herausragend darf in diesem geistesgeschichtlichen Zusammenhang die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nach und nach in Frankreich etablierte Annales-Schule gelten. Ihre Definition fällt weniger strikt aus als die des Historismus im 19. Jahrhundert. Das hat seinen zentralen Grund darin, dass während der Historismus erst eigentlich als wissenschaftliche Disziplin konstituiert, gleichsam „aus dem Nichts“ erschaffen werden musste, die Annales-Schule sich reaktiv bildete, sowohl als Gegenentwurf zum Historismus, aber nicht weniger auch als Reaktion auf die „Bedrohung“ durch benachbarte Wissensdisziplinen wie Soziologie, Ökonomie, Ethnologie und Kulturwissenschaft. Sie machte aber aus dieser Not eine Tugend.

Im Gegensatz zu Disziplinbildungen im 19. Jahrhundert, die ihr Eigenständiges und Spezifisches durch die Differenz zu anderen Bereichen und dezidierte Exklusion zu etablieren trachteten, zeichnete sich die Annales-Schule durch ihren integrativen Zugang, also durch Inklusion und Integration bestimmter Elemente von benachbarten Disziplinen in ihren Geltungsbereich, aus; sie befleißigte sich schon damals dessen, was man in nachfolgenden Zeiten als Interdisziplinarität apostrophieren wird.

Dieser amalgamierende Ansatz zeitigte die gemeinhin in diesem Zusammenhang aufgeführten Neuerungen der Annales-Schule. Indem sie sich zu Wirtschaft und Gesellschaft hinwandte, verschrieb sie sich zunehmend der Strukturgeschichte, was zur Folge haben musste, dass sie sich von der dem Historismus eignenden, dem Individuellen frönenden Ereignisgeschichte und der Konzentration auf deren Heroen verabschiedete. Die Annales-Schule interessierte jene überindividuellen Kräfte, die die Ereignisse generierten, und nicht die Ereignisse, die sich aus dem Wirken der „großen Männer“ ergaben. Aus diesem Grund modifizierte sie auch den historischen Zeitbegriff: Statt der linearen Zeit des Historismus unterschied sie die longue durée genannten lange Zyklen (Fernand Braudel), die für das Zusammenwirken von Geographie (gar Geologie) und das menschliche Dasein bestimmend seien, von den kürzeren Zeitrhythmen ökonomischer Perioden und den in noch kürzeren Zeiteinheiten sich manifestierenden politischen Abläufen.

Diese Orientierung an langfristigen Entwicklungen machte es mutatis mutandis auch notwendig, sich einer neuen Art von Quellen zu verschreiben, sich mithin von den strikten methodischen Vorgaben des Historismus zu verabschieden. Herausragende Historiker wie Marc Bloch und Lucien Febvre sahen sich darin vom Methodenstreit der deutschen Geschichtswissenschaft am Ende des 19. Jahrhunderts inspiriert, allen voran von Karl Lamprecht, dem es um die von ihm sogenannten „Gesetzmäßigkeiten“ zu tun war, auf deren Grundlage sich staats- und ereignisgeschichtliche Darstellungen erst eigentlich ermöglichten.

Um den materialistischen Bestand der Statistiken, deren man sich zu bedienen begann, zu erhärten, wandte man sich bislang außer Acht gelassenen Quellen zu – Testamenten, Heiratsurkunden und Musterungsakten. Man befasste sich wirtschaftsgeschichtlich und ethnologisch mit dem Leben der „einfachen Leute“, die historiographisch somit in bewusstem Gegensatz zu den „großen Männern“ gesetzt wurden, die dem Historismus gemäß Geschichte machten.

Dieser zunächst noch stark von der materialistischen Soziologie beeinflusste Ansatz sollte in einer späteren Phase der Annales-Schule durch die kulturwissenschaftlich affizierte Mentalitätsgeschichte angereichert werden. Den neuen Fundus von Quellen mochten nunmehr alte Gemälde, volkstümliches Kunsthandwerk, Sprichwörter, traditionelle Sitten, folkloristische Gebräuche und viele andere ethnologische Manifestationen des anonym gebliebenen Daseins der Menschen in der Geschichte abgeben.

Es war aber gerade diese Quellenvielfalt, die die Annales-Schule in den letzten Jahren zunehmender Kritik aussetzte. Vor allem die wissenschaftlich unhaltbare Entfernung von gesicherten Fakten wurde moniert sowie die Vernachlässigung politischer Faktoren. Im hier erörterten Zusammenhang muss gleichwohl auf Gravierenderes hingewiesen werden. Denn der Ruhm der Annales-Schule, immerhin die bedeutendste Strömung der europäischen Geschichtsschreibung im 20. Jahrhundert, verblasste nach und nach, weil ihre Konturen sich merklich verwischten.

Das hatte zum einen etwas mit besagter Interdisziplinarität zu tun, zu deren Wesen nun einmal die Vermischung ursprünglich dezidiert autonomer Wissensgebiete gehört. Durch die zunächst primär methodologische Vermengung der Bereiche durchmischte sich auch Klarheit und Distinktion von Theorie und stringenter Wissenschaftlichkeit, nicht zuletzt, weil das Allumfassende des interdisziplinären Paradigmas ins Grenzenlose umzukippen begann. Wenn sich unter der Obhut der Annales-Forschungsheimat Marxismus, positivistische Wirtschaftsgeschichte, ethnologische Fallstudien, Mentalitäts- und Kulturgeschichte sowie einiges mehr zusammenfinden konnten, dann war das zwar reich und bereichernd im Vergleich zu dem, was der Historismus noch zu leisten vermochte, zugleich aber (im Hinblick auf den ursprünglichen Anspruch der Schule) eben auch verschwommen und diffus.

Cultural Studies und Postmodernismus

Zum anderen verdankte sich diese Entwicklung aber auch dem unübersehbaren Übergang der Sozialwissenschaften von einem bereits im 19. Jahrhundert entfalteten Gesellschaftsbegriff zu dem von den cultural studies propagierten Kultur-Paradigma. Was der Postmodernismus der 80er und 90er Jahre auf den Punkt bringen sollte, zeichnete sich schon früher ab. An der Geschichtsschreibung der Französischen Revolution in Frankreich lässt sich dies deutlich ablesen, ja nachgerade mit genauer Datierung versehen.

Die Historiographie der Französischen Revolution wurde im 20. Jahrhundert vom marxistischen Ansatz dominiert. Nimmt man Jean Jaures zum Ausgangspunkt, so lässt sich über Albert Mathiez, Georges Lefebvre bis hin zu Albert Soboul eine historiographische Dynastie aufzeigen, welche die Marschroute für die Geschichtsschreibung des bedeutendsten historischen Ereignisses der frühen Moderne angab. Aber schon in den 60er Jahren trat mit François Furet ein erster Vertreter des Revisionismus gegen die marxistische Hegemonie auf. Selbst ursprünglich vom Marxismus herkommend, wandte er sich von ihm ab, um sich dem Paradigma der Annales-Schule zu verschreiben. Das war insofern nachvollziehbar, als sich in der Annales-Schule, wie erwähnt, viele marxistische Historiker einfanden, die eine größere (methodologische) Affinität zu ihr aufwiesen als zum Historismus. Aber der revisionistische Ansatz Furets läutete einen umfassenden „Aufstand“ gegen das bis dahin dominierende marxistische Deutung der Revolution: Während die Marxisten vor allem die gesellschaftlichen Dimensionen des (welt)geschichtlichen Umbruchs herauszuarbeiten trachteten, insistierte Furet darauf, dass die Revolution allenfalls eine neue politische Kultur erbracht hatte. Parallel dazu versuchte sich Mona Ozouf in einer Annales-beseelten Mentalitätsgeschichte der Französischen Revolution.

Die „Entscheidung“ im agonalen Kampf der Paradigmata sollten dann anlässlich des 200jährigen Jubiläums der Revolution im Jahre 1989 fallen. Seine historiographisch wie publizistisch zentralen Kontrahenten (vieles spielte sich damals auch im Feuilleton ab) waren der Marxist Michel Vovelle und der Revisionist François Furet. Vovelle schien ein ideologisches Rückzugsgefecht zu führen, Furet saß auf dem hohen Ross der (zeitweiligen) konjunkturellen Popularität seines wissenschaftlichen Ansatzes. Beide wurden alsbald vom Weltgeschehen überrannt.

Der Zusammenbruch des sowjetischen Kommunismus bewirkte in kürzester Zeit die Erschütterung des marxistischen Paradigmas im allgemeinen und seiner traditionellen Dominanz in der Geschichtsschreibung der Französischen Revolution im besonderen. Aber auch Furets Wirken blieb vom großen globalen Umbruch der Politik nicht verschont – das Schreiben über die Revolution selbst geriet ins Hintertreffen und nahm sich bald als obsolet aus. Eine Zeitlang schrieb man noch über die Geschichtsschreibung der Französischen Revolution, bis auch dies versiegte. Mit dem globalen Untergang der Revolution als Möglichkeit gesellschaftlicher Veränderung ging gleichsam auch ihre Relevanz für die Geschichtsforschung unter – ein Zustand, der sich bis heute nicht verändert hat.

Es ist nun dies der geistesgeschichtliche wie reale politische Hintergrund, vor dem der Postmodernismus ein leichtes Spiel hatte, sich das entstandene Vakuum zunutze zu machen, um, wie eingangs dargestellt, die Geschichtswissenschaft insgesamt von Grund auf zu desavouieren. Frederic Jameson war zu Beginn der 1990er Jahre noch gnädig genug, von Postmodernismus als der kulturellen Logik des Spätkapitalismus zu reden. Es scheint indes, an der Zeit zu sein, einen Schritt weiter zu gehen, und – gemessen daran, dass sich am Bestand der großen Institutionen und Formationen der Moderne, mithin des Kapitalismus und des Nationalstaates, nichts Wesentliches geändert hat – die Auffassung, derzufolge die Postmoderne eine neue, der Moderne folgende Geschichtsphase mit eigener, sich von der vorhergehenden unterscheidenden Daseinsrealität darstelle, schlicht über Bord zu werfen und den ihr verschwisterten Postmodernismus als das zu dekonstruieren, was er von seinem Anbeginn war: eine neue Ideologieform des Spätkapitalismus.

Wenn der Postmodernismus vorgab, den „Anderen“ der außerkapitalistischen, aber auch diverse „Andere“ innerhalb der kapitalistischen Welt als seine neuen diskursiven Heroen hochzuhalten, muss dieses Postulat einer sensibilisierten Wahrnehmung des „Anderen“ im besten Fall als Ohnmachtsattitüde wohlmeinender, rigoroser Systemkritik müde gewordener Gutmenschen, objektiv aber als die massive Ideologisierung des (kapitalistisch) Bestehenden gedeutet werden, welche der affirmativen Absegnung dieses Bestehenden – bewusst oder unbewusst – so sehr das Wort redet, da sie das Wort seiner (pejorativen) Benennung nicht mal mehr in den Mund zu nehmen vermag. Dies soll hier aber nicht geleistet werden.

Fraglich, ob es sich jetzt, da der ursprüngliche Glanz des Postmodernismus ohnehin zu verblassen beginnt, überhaupt noch lohnt, eine solche Ideologiekritik vorzunehmen – zu evident ist sein Ideologiecharakter angesichts gegenwärtiger globaler Entwicklungen. Zu erörtern wäre gleichwohl die Behauptung, das autonome Subjekt, wie ihn das westliche Denken seit der frühen Neuzeit und gesteigert eben im Kulminationspunkt der Moderne postulierte, habe sich in eine Reihe pluraler, polymorpher, sprachlich konstruierter Subjekt-Positionen aufgelöst. Hier trifft sich die postmoderne Kritik mit einer anderen Kritiktradition, die sich freilich bei aller Kritik nie hätte einfallen lassen, sich als außerhalb der Moderne und der Aufklärung stehend zu begreifen.

1 Kommentar zu „Wie ist es eigentlich gewesen?“

  • Hochinteressant, mit Vergnügen und Gewinn gelesen. Mich gegen Ende gefragt, wo hier Koselleck hingehöre, der sich selbst ja ebenfalls ausgiebig in der Metaebene seiner Wissenschaft herumtrieb.

    Bei dieser Feststellung… „Denn wenn, dem Grundglauben der westlichen Aufklärung gemäß, der Mensch Subjekt der Geschichte geworden ist…“ …spontan gedacht, was für eine Hybris das darstelle.

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