Alternative Medien: Hans Demmel über sein neues Buch „Anderswelt“

Der Journalist Hans Demmel über sein Buch „Die Anderswelt“, in dem er von seinem „Selbstversuch“ berichtet, sich ein halbes Jahr ausschließlich aus rechten alternativen Medien zu informieren

 

Sie haben mit Friedrich Küppersbusch das Buch „Die Anderswelt“ geschrieben und versucht, sich in die Welt der „alternativen“ Medien einzuleben, die Sie als durchwegs rechts bezeichnen. Sie hatten ein paar dieser Medien ausgewählt und beschlossen, sich ein halbes Jahr nur aus diesen zu informieren. Wie kam es überhaupt zu diesem Projekt?

Hans Demmel: Es gab für mich  mehrere Gründe. Es hat damit begonnen, dass  ich mich auch während meiner Zeit als aktiver Journalist und Medienmanager verschiedene Finanzierungs- und Weiterentwicklungsversuche des Journalismus angesehen habe. Dazu gehörten solche Modelle wie Tichys Einblick oder Gabor Steingart, die sehr personenbezogen und die in den USA sehr erfolgreich sind. Ich bin zweitens bei einer Reihe von ehemaligen Kollegen vor allem über Social Media-Kanäle darauf gestoßen, was und wo sie neuerdings schreiben. Ich habe mich gefragt, was die jeweils dazu gebracht hat, in eine, im Regelfall rechte Ecke abzudriften. Drittens gab es den Versuch eines dänischen Wissenschaftlers, der sich vier Wochen nur über Social Media informiert hat.

So ist langsam die Idee gewachsen, wie es wäre, wenn ich mich mal vier Wochen nur dort informiere. Das war die ursprüngliche Idee im Sommer 2020. Ich bin dann im Herbst aus meiner Verbandstätigkeit ausgeschieden und hatte so erstmals auch die Möglichkeit, mich vom normalen Informationsstrom abzukoppeln. Dann entstand die Idee bei mir, einen Koautor mit hereinzunehmen, der das, was ich beobachtet habe, mit dem vergleicht, was in den sogenannten Mainstream-Medien passiert und was letztlich der allgemeingültigen Wahrheit entspricht. Der Koautor sollte das konterkarieren, was ich erlebe. Aus diesen vier Wochen sind nach Gesprächen mit Friedrich Küppersbusch und Barbara Wenner, unserer Literaturagentin, sechs Monate geworden, weil wir sicher waren, dass vier Wochen als Beobachtungszeitraum zu kurz wären.

Am 28. August 2020 ging es dann los. Ich dachte eigentlich, ich schreibe mich an diesem Wochenende mal warm, als die zweite große Corona-Demonstration in Berlin stattfand. An diesem Wochenende gab es dann den  Sturm auf den Reichstag, der in den Alternativmedien so nie benannt wurde und auch nicht richtig vorkam.  Wir haben dann beschlossen, ab eben diesem 28. schon weiter zu machen. Es wurden dann nicht ganz sechs Monate, aber es gab nach der US-Wahl Anfang Januar den Sturm auf das Kapitol. Das ist ein nicht vorhersehbarer Bogen gewesen, der beschreibt, was in dieser Zeit passiert ist.

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Sie haben einige Medien ausgewählt, auf die Sie sich konzentriert haben, also Tichys Einblick, MMNews, KenFM, Compact und die Zeitung Junge Freiheit, die eher ein konventionelles rechtes Medium ist. Was ist denn für Sie die Klammer um diese sogenannten alternativen Medien?

Hans Demmel: Die Klammer war, auch nach Diskussionen mit meinem Koautor, Journalistenkollegen und Freund Friedrich Küppersbusch, die Frage, welche von diesen Medien eine größere Rolle im Alltag spielen. Das ist nicht wissenschaftlich belegt, sondern unser Bauchgefühl aus einer langen journalistischen Erfahrung. Die ausgewählten Medien sind die bekannteren sind und haben in den letzten Jahren eine bestimmte Breite an Zuhörerschaft erreicht. Die Auswahl deckt auch eine gewisse Breite ab, angefangen von Tichys Einblick, der scheinbar noch am bürgerlichen Rand ist, bis hin zum unverhohlenen Rechtsradikalismus und Antisemitismus bei Compact.  Wir haben im Lauf der Zeit natürlich auch noch viele andere Medien kennengelernt wie Epochtimes oder Politically Incorrect.

Würden Sie denn sagen, dass diese alternativen Medien zusammenhängen? Die sagen gerne, es gibt die Systemmedien oder die Lügenpresse, die hängen alle miteinander zusammen oder sind gleichgeschaltet. Ist es denn aus Ihrer Sicht ähnlich bei diesen alternativen Medien und den Personen, die diese tragen?

Hans Demmel: Das ist nicht ganz so einfach zu beantworten. Die Behauptung, dass die sogenannten Systemmedien alle zusammenhängen, ist aus meiner Sicht wirklich Unsinn. Würde man diesen Unsinn des Zusammenhängens auf die Alternativmedien übertragen, dann würde dies auch nicht stimmen. Es gibt Autoren, die für unterschiedliche Publikationen schreiben oder Videos produzieren, sie interviewen sich gerne auch mal gegenseitig. Diese Zusammenhänge gibt es schon, ansonsten gibt es auch eine wirtschaftliche Konkurrenzsituation. Und man muss auch fair sein und jedes Medium einzeln für sich betrachten.

Kürzlich hatten wir den Fall, dass eine Professorin für Journalismus vor vielen Jahren Ken Jebsen ein Interview gegeben hat. Kürzlich wurde sie aufgrund des Erscheinens eines Buchs von ihr zum Thema Faktenchecks von einem großen Magazin interviewt. Das Interview blieb wochenlang erst einmal liegen und dann hieß es vom Redakteur, er könne das leider nicht machen, er und sein Medium würden damit beflecken. Es gibt also auch eine große Scheu vor den alternativen Medien, also eine Angst, so dass jeder, der damit mal in Kontakt gekommen ist, verpönt ist.

Hans Demmel: Ich hoffe nicht, dass ich verpönt werde, weil ich in intensivem Kontakt war …

Sie haben ja nur von außen auf diese geschaut …

Hans Demmel: Man muss einfach genau hinschauen. Das ist ja das Stichwort der cancel culture. Wen lädt man in Fernsehsendungen ein, mit wem redet man noch? Ich persönlich bin dafür, weitest möglich, aber dann auch sehr kritisch und sehr genau mit dem einen oder anderen auch aus einer anderen, wegdriftenden Welt zu reden. Sie als Publizisten zu befragen, ist nicht nur ok, sondern auch notwendig. Als Experten für Corona beispielsweise kann ich mir keinen, von dem ich in dieser Zeit gelesen habe, vorstellen. Diese  Gegenseite wollte aber auch mit uns nicht reden. Interviewanfragen wurden entweder nicht beantwortet oder zum Teil ganz höflich abschlägig beschieden.

Man muss also hinschauen, was da passiert, auf der anderen Seite darf man natürlich vieles an Hanebüchenem, ob es sich um Corona, Geschichtsbegradigungen oder unverhohlen Antisemitismus handelt, nicht einfach so stehen lassen. Das Totschweigen ist garantiert nicht wirklich der richtige Weg. Es gab viele, die sagten, schreibt doch dieses Buch nicht, lasst sie in der Ecke, ihr macht sie dadurch vielleicht stärker und bekannter. Ich bin wirklich für Hinschauen. Bei Einzelfällen wie bei dieser Professorin muss man sehr genau hinschauen. Im Zweifelfall bin ich für einen fundierten Dialog.

 

Würden Sie sich beispielsweise von Ken Jebsen interviewen lassen?

Hans Demmel: Nein.

Aus welchem Grund?

Hans Demmel: Das kam jetzt relativ schnell dieses Nein. Ich halte speziell Ken Jebsen nicht für eine Person, die ich noch als Journalisten sehe, sondern er ist jemand, der  Ziele verfolgt, die ich einfach  nicht mehr verstehe. Ich wüsste nicht, worüber ich reden sollte mit ihm, ich wüsste nicht, welche Frage ich beantworten soll, und ich würde mich nicht von jemanden, der sich offensichtlich als Lügner erwiesen hat, interviewen lassen. Er sich von mir wahrscheinlich auch nicht. Er hat ja auch auf die Interviewanfrage von uns nicht geantwortet.

Das ist natürlich auch feige. Sehen Sie denn innerhalb dieser Alternativmedien eine formale Gemeinsamkeit? Gibt es eine Schreib- oder Berichtsweise, die ähnlich ist und die abweicht von dem, was Sie als ernsthaften Journalismus bezeichnen?

Hans Demmel: Formal gibt es Unterschiede. Bei KenFM gibt es beispielsweise stundenlange Interviews. Das ist wirklich schwer anzuhören. Es gibt die Junge Freiheit, die im Wesentlichen als klassische Tageszeitung auftritt und zumindest optisch so ähnlich aussieht wie die FAZ oder die Süddeutsche. Tichys Einspruch ist ein Magazin, ähnlich wie Compact. Es gibt auch inhaltliche Unterschiede in der Diktion, aber es gibt bei allen eine grundsätzlich defätistische Haltung gegenüber dem Mainstream und den Mainstream-Medien sowie gegenüber dem, was ein Großteil des Landes als allgemeingültige Wahrheit ansieht.

Für mich gibt es einen Ausdruck, der mir weitergeholfen hat, das zu verstehen: Das ist destruktiver Journalismus. Wenn Sie Tag für Tag alternative Medien verfolgen, dann erfahren Sie, dass praktisch alles schlecht ist. Es ist immer alles negativ, das Glas ist immer halbleer, die Kanzlerin muss weg, weil sie völlig unfähig ist, Flüchtlinge und Migranten sind alle eine Bedrohung für dieses Land, das Finanzsystem steht kurz vor dem Kollaps, die öffentlich-rechtlichen Medien sind nur Lügenpresse. Die Alternativmedien sehen sich alleine für die Wahrheit zuständig.

Und hier werden Begriffe verschoben. Wenn gesagt wird, wir allein erzählen die Wahrheit, dann ist das einfach eine Lüge. Das ist so im speziell während der Corona-Pandemie aufgekommenen Begriff der Freiheit. Ausgerechnet Rechte, die immer für den autoritären Staat stehen, haben den Begriff der Freiheit gekapert. Dadurch werden sie auch zu Menschenfängern. Grundsätzlich kann man nichts gegen Freiheit haben, aber man muss bedenken, dass die Freiheit des einen bei den Interessen des anderen endet. Diesen Freiheitsbegriff, wie er in den alternativen Medien verstanden wird hat die amerikanische Rechte immer für sich vereinnahmt: freedom to speech, freedom to wear firearms etc. Das war bei der deutschen Rechten nie so und hat sich in den letzten Monaten deutlich verändert.

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Das wäre ja dann eigentlich ein positiver Begriff gegenüber der Schwärze, die Sie gesehen haben?

Hans Demmel: Wenn man das zu Ende denkt, dann wird  Freiheit gefordert, und  an allen Ecken und Enden geschrieben, dass sie nicht da ist. Deutschland wird als  autoritärer Staat beschrieben, Polizeieinsätze bei Demonstrationen werden in einer Form beschrieben, die selbst dann, wenn sie ruppig sind, nicht den Fakten entsprechen. Es wird das Bild eines Überwachungsstaats gezeichnet, in dem wir leben. In diesen alternativen Medien wird einfach der Begriff pervertiert, wenn beispielsweise Michael Mross Dubai als „Land der Freiheit“  preist. Einen Staat, in dem Homosexuellen die Todesstrafe droht.

Würden Sie sagen, es wird mehr Hass oder mehr Angst verbreitet?

Hans Demmel: Beides. Vieles ist in der Wortwahl Hetze, vieles ist Hass auf Andersdenkende. Angst wird unterschiedlicher Form verbreitet. Angst ist  auch bei mir aufgekommen, aber das ist die Angst vor dem, was die schreiben. Aber diese Medien prägen auch Angst vor einem immer übergriffigeren, unfähigen Staat und vor unfähigen Medien.  Das trifft, das höre ich aus meinem Bekanntenkreis sehr häufig, auf die Stimmung vieler Menschen und führt zu einer Kritik am Staat, am Gemeinwesen, auch an Medien. Die Zahl derer, die an Verschwörungserzählungen und -ideologien glauben oder sagen, die Wahrheit steht doch im Netz und nicht in den Mainstreammedien, wird immer größer. Das macht mir schon auch Angst.

Könnte das nicht ein Folge davon sein, dass die traditionellen Massenmedien, die Qualitätsmedien, wie sie sich selbst nennen, zu wenig kritisch berichten? Woher kommt dieser Trend zu der anderen Seite? Es gibt doch auch tatsächlich Verschwörungserzählungen, die von staatlicher Ebene ausgehen, wenn man an das Vorfeld des Irakkriegs denkt, wo die britische und die US-Regierung eine Verschwörungserzählung über die angeblichen Massenvernichtungswaffen von Saddam Hussein als Kriegsrechtfertigung fabriziert. Die großen deutschen Medien haben da auch nicht groß kritisch berichtet, sondern sind dem auch erst einmal auf den Leim gegangen. Aber ganz allgemein: Könnte es nicht sein, dass auf der Seite der Mainstreammedien ein Manko besteht?

Hans Demmel: Ich habe das Thema Irak etwas anders im Gedächtnis. Wie groß die Beweislage für Nuklearanlagen im Irak ist, wurde schon hinterfragt, wenn ich mich recht entsinne, aber hätte sicherlich stärker hinterfragt werden müssen. Was hinter Ihrer Frage steht, ist die Idee von Mainstreammedien, die sich in der linken Mitte tummeln, die linksversifften Medien, wie es gerne in der Alternativmedienszene heißt. Ich sehe das nicht so, auch wenn das Narrativ verbreitet ist. Wir haben aber die taz auf der einen Seite und auf der anderen Seite die Welt, die FAZ, die Bildzeitung, die NZZ und die eine oder andere Regionalzeitung, die sehr konservativ ist. Die Bandbreite des deutschen, sauber an Fakten orientierten Journalismus ist  ziemlich groß.

Sie sehen also keine Ursache in der Art der Berichterstattung der Mainstreammedien. Sind Sie denn bei Ihrer Lektüre auf einen Grund gekommen, warum das Interesse an alternativen Medien und an Verschwörungserzählungen, wie Sie ja sagten, ebenso wie die Distanz zum Staat zugenommen hat?

Hans Demmel: Das war der Herbst 2015. Die Zahl der Flüchtlinge, die ins Land geströmt sind, hat bei vielen Menschen Ängste ausgelöst, die von den sogenannten Mainstreammedien lange nicht beachtet wurden. Dann sind es diese Attacken von ganz rechts aus der Pegida-Bewegung gegen die sogenannte Lügenpresse. Dann hat natürlich die Diskussion um Corona, ob es die Infektion wirklich gibt oder wie gefährlich sie ist, ob die Maßnahmen gerechtfertigt sind, das Ganze noch einmal befeuert.

Ich habe zweitens beim Schreiben festgestellt, dass die Zahl derer, die nur noch Meldungen glauben, die in ihrem Mind-Set passen, deutlich  zunimmt. In der Psychologie gibt es dazu den Begriff information bias, d.h. Meldungen, Sätze, Interviews oder Gespräche, die dem eigenen Denken entsprechen, hält man für deutlich hochwertiger und glaubwürdiger. Die Fähigkeit, oder besser die Bereitschaft, sich mit einer anderen Meinung auseinanderzusetzen, ist geschrumpft.

Und drittens: Die meisten Menschen neigen dazu, dass sie gerne etwas Besonderes oder Anderes wären, sich also von anderen unterscheiden wollen. Das war mal das größere Auto, das größere Haus, der bessere Job, oder man versteht mehr vom Wein oder kann die Mozart-Symphonien auseinanderhalten und von Mahler und Beethoven unterscheiden. Jetzt ergibt sich auch mit dem Wissen aus dem Internet eine Differenzierung. Ich kenne die Wahrheit, die du nicht kennst, ist etwas, was viele Menschen als Alleinstellungs- oder Differenzierungsmerkmal für sich in Anspruch nehmen.

Also dass sie selbst Teil einer Elite oder einer Avantgarde sind?

Hans Demmel: Genau so.

Sie stellen sich im Buch die rhetorische Frage, ob es die Gefahr gab, in diesen Blasen abzutauchen. Ist Ihnen mal der Gedanke gekommen, dass bei einigen Inhalten etwas dran sein könnte, so dass Sie sich vorstellen konnten, dass Sie davon eingewickelt werden könnten?

Hans Demmel: Es gab eine Zeit, in der intensiv ich über den Mainstream nachgedacht habe. Das war die Phase um die US-Wahl und die Tatsache, dass über Trump in den sogenannten Mainstreammedien sehr häufig negativ berichtet wurde. Da kamen schon Zweifel auf, ob es nicht auch anderes gibt. Bei mir ist dazu ein Misstrauen gegen jede Veröffentlichung und jede Information entstanden. Ich habe natürlich in meinem Beruf gelernt, dass man hinterfragt und Meldungen prüft. Mittlerweile misstraue ich sogar dem von mir selbst Geschriebenem. Da sitzt etwas ganz tief, da ist viel Vertrauen erschüttert. Tief sitzt auch die Angst, dass Menschen, die nicht den Erfahrungspanzer wie ich ihn nach 40 Jahren in unterschiedlichen journalistischen Funktionen um mich herum habe, dem einfach auf den Leim gehen. Ohne arrogant sein zu wollen, ich kann mich gegen die Infiltration dieser alternativen Medien, die ja oft genug einfach nur hanebüchenen Unsinn verbreiten, schon ganz gut wehren. Doch was ist mit jemand, der diesen Erfahrungsschatz nicht hat. Der sitzt schnell in der Falle und denkt quer.

Der Titel des Buchs ist „Anderswelt“. Würden Sie denn sagen, dass das, was Sie entdeckt haben und beschreiben, Ausdruck für eine weiter sich polarisierende Gesellschaft ist, die in verschiedene Medien, Blasen oder Öffentlichkeit  auseinanderfällt? Man sieht es auch bei den Parteien, die sich immer weiter fragmentieren. Haben Sie Angst vor der zersplitterten Öffentlichkeit, die daraus entstehen kann?

Hans Demmel: Vor verschiedenen Meinungen braucht man eigentlich keine Angst zu haben. Verschiedene Meinungen und Bewertungen muss eine demokratische Gesellschaft auch aushalten. In dem Fall der Alternativmedien reden wir aber sehr häufig über Lügen, Hass und Hetze. Das ist  Ausdruck einer weiteren Polarisierung der Gesellschaft, die sicherlich schon sehr viel früher begonnen hat. Wir konnten beobachten, dass die Bindungskräfte verschiedener Institutionen wie Kirchen, Parteien, vielleicht sogar Sportvereine, konstant in den letzten 10-15 Jahren abgenommen haben. In diese Risse in einer demokratischen Öffentlichkeit gießen die Alternativmedien, das sage ich jetzt ganz bewusst, ihr Gift.

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7 Kommentare zu Alternative Medien: Hans Demmel über sein neues Buch „Anderswelt“

  • Chapeau, Herr Rötzer! Bemerkenswert, wie Sie durch geschicktes Nicht-Nachfragen Herrn Demmel Gelegenheit geben, sich zu entlarven … oder sollte ich schreiben“sich zum Brot zu machen“?

    Antwort
  • Erschreckend ist der Realitätsverlust im Interview. Es gibt eine Geschichte der analogen „Alternativpresse“ seit der 1970ern, die Herrn Demmel offensichtlich unbekannt ist. Sie etablierte u.a. das Thema Ökologie gegen den „Mainstream“. Die Reduzierung der Internet-Medien auf „Rechtsradikales“ reduziert die Wirklichkeit des realen Netzjournalismus noch einmal. Einschlägige „Blogs“ wie Telepolis, Nachdenkseiten, oder Reitschuster usw. kommen in seiner Wahrnehmung nicht vor. Eben weil er ganz propagandamäßig Internetnews = rechtsradikal setzt. So geht eben Propaganda.

    Antwort
  • Für den immer genau zuhörenden Herrn Demmel zum Thema Irakkrieg:
    „US-Außenminister Colin Powell präsentiert am 5.2.2003 vor dem Weltsicherheitsrat in New York ein Röhrchen mit weißem Pulver, das angeblich Antrax-Erreger enthält.“ (Deutschlandfunk)
    Diese Show mit der Glasampulle ging um die Welt. Nur die dummen unter den Anwesenden in der UNO hörten nicht ganz genau Powell´s Rede zu, sondern starrten bestimmt wie hypnotisiert auf dieses „hochgefährliche“ Ding und die Medienvertreter des Mainstreams schleuderten diesen Fake absichtlich in die Gesichter von TV-Zuschauern.

    PS:
    im übrigen wurde ich vor etwa fünf Jahren von einem ZEIT-Leser als Verschwörungstheoretiker bezeichnet, da ich offenbarte, gerne im Telepolis-Universum unterwegs zu sein. Um das Bild zuvervollständigen, wäre auch das doch einmal eine Diskussion wert, Herr Demmel.

    Ich weiß nicht, was daran falsch sein sollte, einmal Informationen qua alternativer Medien über die aktuelle Polizeigewalt in Bild und Schrift zu erhalten (Nils Melzer kümmert sich) um danach erstaunt festzustellen, dass Google-Startseiten und der deutsche Mainstream zynischst ausblenden.

    Auch hatte Telepolis vor Jahren ihre unbequemen Anfragen und einige der folgenden Antworten von SPIEGEL, etc in einem schönen Artikel zur Diskussion gestellt.
    Der Mainstream darf sich nicht wundern, wenn deren fehlende Transparenz eine wütende Gegenbewegung generiert, die Häme und Spott vergießt.
    Altmeister Georg Schramm beklagte früher einmal den mangelnden „Zorn“. Jetzt ist er da. Und, Herr Demmer, wie geht es jetzt weiter? Söder poltert schon, dass sich der Staat solche Verunglimpfungen nicht mehr gefallen lassen wird.

    Argo Nerd`s Gegenüberstellungen auf Twitter gefallen mir ausserordentlich.

    Antwort
    • Nun sei aber auch gesagt, dass tp vor fuenf+ jahren deutlich weniger wert auf qualität u gesinnung legte als mittlerweile.

      Keine sorge, lese tp seit ca 20 jahren … Aber, zwischenzeitlich war es einfach mau.

      Antwort
  • Sehr einfühlsames Interview.
    Tja, wo fing das an, mit der Verrohung des Diskurses, mit der Polarisierung, mit „Lügen, Hass und Hetze“? Meines Erachtens stellte das Erscheinen von Thilo Sarrazins Bestseller „Deutschland schafft sich ab“ eine Art Startschuss dar. Aggressive, beleidigende Pöbelei, diskriminierende Verächtlichkeit gegen Minderheiten wurde Talk-Show-tauglich und durfte sich gleichzeitig selber als verfolgte Unschuld präsentieren. Doch es war nicht irgendeine rechtspopulistische Splitterpartei, der Sarrazin entstammte! Nicht einmal Pegida! Die gab es damals ebenso wenig wie die AfD. Auch verhält es sich nicht so, dass er seine Popularität KenFM-Interviews oder gar Roland Tichy oder Compact oder der Jungen Freiheit zu verdanken hätte. Schon seine Doktorarbeit hatte Sarrazin in rassistischer Sprache verfasst, und zwar in den 70er Jahren als Stipendiat der Friedrich-Ebert-Stiftung, Thema: die Rentabilität der Sklavenarbeit in den USA. Zitat:

    “Die Arbeit auf den Plantagen des Südens dagegen war zwar körperlich anstrengend,
    aber einfach. ​Die Sklaverei gab die nötige Anleitung und Aufsicht, welche der Neger
    brauchte, um produktiv zu sein.​ Sie konnte überhaupt nur deshalb Fuß fassen, weil die
    wirtschaftliche Lage günstig und Arbeitskräfte knapp waren.​ Die Kosten der
    Sklavenhaltung waren so gering, daß dadurch die niedrige Produktivität der Neger
    ausgeglichen wurde.​” (Quelle: Die Anstalt – Der Faktencheck zur Sendung vom 5. November 2019: file:///tmp/faktencheck-5-november-2019-100.pdf)

    Dergestalt qualifiziert, machte Sarrazin Karriere im Bundesministerium für Finanzen. Es war auch nicht irgend ein „rechter“ oder irgandwie „alternativer“ Verlag, der Sarrazins Buch veröffentlichte, sondern die zum Bertelsmann-Konzern gehörige DVA, also «Mainstream» durch und durch. Ja, die Idee für das Buch kam nicht einmal von Sarrazin selbst, sondern Bertelsmann-Verlagsmitarbeiter Tobias Winstel hatte die Idee, und meldete sich von sich aus bei Sarrazin mit dem Buchvorschlag, wie Sarrazin im Nachwort der ersten Ausgabe dankend hervorhebt.

    Desweiteren ergänzt Karl-Heinz Schubert für die trend-onlinezeitung den Beitrag weiterer Personen:

    Friedrich Thelen, Wirtschaftsjournalist und selbständiger Unternehmensberater, übernahm inhaltliche Beratung und Ghostwriting. Thelen ist Mitglied bei der „Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik“ (DGAP), damals geleitet von Arend Oetker, im Tönnissteiner Kreis, sowie bei der Atlantik-Brücke. In Bildungsfragen liess sich Sarrazin von seiner Ehefrau, der Grundschullehrerin Ursula Sarrazin beraten, das Lektorat übernahm Ditta Ahmadi.
    http://www.trend.infopartisan.net/trd1210/t351210.html

    Der Hinweis auf die DGAP ist deshalb interessant, weil im Mai 2010, noch vor Erscheinen des Buches, der bekannte Politikwissenschaftler Prof. Herfried Münkler in der DGAP-Zeitschrift „Internationale Politik“ einen obskuren Artikel publizierte, in der er den „Auftritt von Propheten“ diskutiert, die sich auf „krude Rassenideen, aber auch ökologische Einwände gegen Wachstumsökonomien“ berufen könnten, dies, um eine in seinen Augen veraltete politische Ordnungen zu „verjüngen“. Der Gedanke an Sarrazin oder Thunberg drängt sich elf Jahre später irgendwie auf. https://internationalepolitik.de/de/lahme-dame-demokratie

    Bertelsmann-Chef Ostrowski, der damals für seinen Konzern Schulden abbezahlen musste, freute sich gegenüber der SZ über die hohen Verkaufszahlen von „Deutschland schafft sich ab“:

    Ostrowski: Wir liegen jetzt bei gut einer Million. Es ist nicht nur das erfolgreichste Sachbuch des Jahres, sondern zumindest des Jahrzehnts. Das Buch hatte offensichtlich seine Berechtigung, sonst wäre es ja nicht so oft gekauft worden.

    Frage: Es ist Ihnen nicht peinlich, dass das Buch in Ihrem Hause erscheint?

    Ostrowski: Nein, überhaupt nicht. Ich habe das Buch gelesen. Es ist ein Aufruf zu einer gesellschaftlichen Diskussion. Es ist viel wissenschaftlicher, als man gemeinhin annimmt. Ob ich jetzt mit allem, was in dem Buch steht und mit allem, was darüber gesagt wird, einverstanden bin? Nein. Aber ich bin froh, dass ein Verlag aus dem Haus Bertelsmann eine gesellschaftliche Diskussion unterstützt hat. Dieses Buch wird in die Geschichte eingehen, da bin ich sicher.
    https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/bertelsmann-chef-ostrowski-starke-medienmarken-geben-den-menschen-orientierung-1.1028996-2

    Erfreut über den Erfolg zeigte sich auch Gunter Thielen, Ostrowskis Vorgänger als Bertelsmann-CEO und inzwischen auf den Chefposten der migrationspolitisch aktiven Bertelsmann-Stiftung vorgerückt. Er war es auch, der einige Jahre zuvor die suggestive Kampagne „Du bist Deutschland“ für ein Stärkung des deutschen Nationalgefühls und einen „unverkrampften Patriotismus“ initiiert hatte. Die Kampagne dürfte dem Verkaufserfolg von „Deutschland schafft sich ab“ jedenfalls nicht abträglich gewesen sein. Denn wer („Du bist Deutschland!“) will schon abgeschafft werden?

    Von Sarrazins rohem Tonfall distanziert er sich:

    „Bertelsmann steht für Meinungsvielfalt. Die Firma braucht sich für die Veröffentlichung des Buches überhaupt nicht zu schämen. Sarrazin hat mit seinen Thesen einen Nerv getroffen, auch wenn er sich im Ton bisweilen vergreift. Natürlich verurteile ich die beleidigenden Passagen. Aus Sicht der Bertelsmann Stiftung ist eine offene Diskussion über das Thema Integration längst überfällig und wir beteiligen uns intensiv daran.“
    https://www.handelsblatt.com/unternehmen/it-medien/gunter-thielen-wir-sind-keine-heimliche-regierung-seite-2/3572788-2.html

    Doch die Verkaufszahlen waren auch dank aggressiver PR so hoch, ein beleidigendes Vorabinterview in Bertelsmanns Stern sorgte für eine medienwirksame Distanzierung seitens Sarrazins damaligem Arbeitgeber, der Bundesbank, in Spiegel und BILD erschienen Vorabdrucke (https://taz.de/Sarrazins-Thesen-im-Spiegel/!5136627/) und Sarrazin wurde durch öffentlich-rechtliche Talk-Shows gereicht. In Folge verdiente er mit seiner rassistischen und beleidigenden Ausdrucksweise Millionen, ein Geschäftsmodell, das wenig überraschend weitere Nachahmer fand.

    Kritik an seinen Pöbeleien konterten Sarrazin und der Bertelsmann-Verlag mit einer weiteren Buchveröffentlichung: «Der neue Tugendterror».

    Die Folge: Hass-Kommentare in den sozialen Medien nahmen zu und Wissenschaftler sind sich heute einig, dass das Phänomen Sarrazin entscheidend zu Aufstieg des „Rechtspopulismus“ in Deutschland beigetragen hat.

    Von „linker“ Seite setzte man zwecks zusätzlicher Verhärtung des Diskurses die Amadeu-Antonio-Stiftung dagegen, die dem Freudenberg-Konzern („Vileda“), bzw. seiner Stiftung, und damit dem früheren Vereinsvorstand der wegen sexuellen Missbrauchs in die Kritik geratenen und mittlerweile geschlossenen Odenwald-Schule und dem Verfassungschutz (https://taz.de/Zoff-um-die-Amadeu-Antonio-Stiftung/!5321974/) nahesteht, und förderte sie staatlicherseits mit hohen Summen (Familienministerium!).

    Dabei betont Stiftungsleiterin Anetta Kahane, Mitglied im Kuratorium der Theodor-Heuss-Stiftung, dass sie durchaus keine Linke sei:
    https://diekolumnisten.de/2016/08/25/ich-bin-nicht-fuers-beliebtsein-geboren-im-gespraech-mit-anetta-kahane/

    Die AAS wurde im Herbst 1998 als Auslagerung eines unter der Leitung von Anetta Kahane befindlichen Projektes der Freudenberg-Stiftung gegründet, kurz nachdem im Juni 1998 zwei Altschüler der Odenwaldschule in einem Brief an die Schule dem ehemaligen Schulleiter Gerold Becker sexuellen Missbrauch vorgeworfen hatten.
    https://www.fr.de/politik/chronik-skandals-11694484.html

    Zum Gründungsvorstand der Amadeu-Antonio-Stiftung gehörte der Industrielle Hermann Freudenberg, zuvor jahrzehntelang Vorsitzender des Trägervereins der Odenwaldschule, desweiteren Christian Petry, Ehemann der Odenwald-Lehrerin Benita Daublebsky, die ebenfalls im Vorstand des Trägervereins der Odenwaldschule sass.
    https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/ueber-uns/gremien/

    Bis heute hat die Amadeu-Antonio-Stiftung enge Beziehungen zur Freudenberg-Stiftung. Auf der Website der AAS heisst es:

    „Beide Stiftungen kooperieren in verschiedenen Feldern und stimmen sich über ihre Inhalte und Strategien regelmäßig ab.“
    https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/ueber-uns/geschichte-der-stiftung/

    Alle Genannten wurden mehrfach von Missbrauchs-Betroffenen wegen indifferenter Haltung/Wegsehen im Hinblick auf sexuellen Missbrauchs kritisiert, z. B. hier:

    „Im Vorstand der Theodor-Heuss-Stiftung sitzt auch Christian Petry, langjähriger Geschäftsführer der Freudenberg Stiftung und seit 2010 deren Kuratoriumsmitglied. Dessen Frau, die Psychologin Benita Daublebsky, war unter Gerold Becker Mitarbeiterin der Odenwaldschule und jahrelanges Vorstandsmitglied der Odenwaldschule. Immer wieder war Gerold Becker bei Familie Petry-Daublebsky zu Gast.
    Die Freudenberg-Stiftung zählt zu den wichtigsten Unterstützern der Theodor-Heuss-Stiftung. Ihr Vorsitzender, Hermann Freudenberg, war zudem während der Amtszeit des Schulleiters Gerold Becker Vorstandsvorsitzender des Odenwaldschule e.V.
    Alle genannten Personen wussten um die „dunklen Seiten“ des Schulleiters Gerold Becker und haben ihn und die Mittäter an der Odenwaldschule gewähren lassen.“
    https://glasbrechen.de/2013/04/zur-preisvergabe-des-theodor-heuss-preises-an-daniel-cohn-bendit-am-20-april-2012-in-stuttgart/

    Ironischerweise beauftragte man dann ausgerechnet die Bertelsmann-Tochter Arvato und die Amadeu-Antonio-Stiftung mit der Identifizierung und Löschung von Hass-Kommentaren in sozialen Medien. So konnte Bertelsmann ein weiteres Mal an Sarrazin verdienen.

    Antwort
  • Huibuih, ein Selbstversuch mindestens so gefährlich wie 4 Wochen lang Fastfood zu essen oder immer so viel zu essen, wie einem angeboten wird, wie es tapfere Journalisten-Kollegen in den USA schon vorgemacht haben. Wahrscheinlich sah auch Herrn Demmlers Blutbild nach dem halben Jahr entsprechend aus und die geistige Zerrüttung ist sicher auch unübersehbar.

    Antwort

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