Atomenergie für’s Klima: Ukraines strahlende Zukunft

AKW Khmelnitskiy, wo die zwei neuen Reaktoren gebaut werden sollen. Bild: RLuts/CC BY-SA-3.0

Der staatliche Konzern kauft unter „Mithilfe“ der Biden-Regierung zwei Westinghouse-Reaktoren, die Ukraine sieht sich als Vorreiter der Atomenergie: einer angeblich kostengünstigen, sicheren und Co2-freien Energie und will damit energieunabhängig und klima freundlich werden.

Jetzt haben der US-Atomkonzern Westinghouse und der ukrainische staatliche Stromkonzern Energoatom zwei Kooperationsabkommen unterzeichnet, um mit dem Bau von zwei AP1000-Druckwasserreaktoren am AKW Khmelnytsky zu beginnen. Die sollen sicherer, billiger, kompakter und schneller zu bauen und überhaupt die „weltweit fortschrittlichsten“ (Westinghouse) sein. Allerdings war mit dem Bau der Reaktoren 3 und 4 schon Mitte der 80er Jahren begonnen worden. Ein Vertrag betrifft den Bauplan des Reaktors, der andere den Kauf eines Simulators, mit dem man das Personal bereits schulen kann, wenn die Reaktoren noch nicht fertiggestellt sind.

Das ist eine gute Idee, weil der Bau von neuen Atomkraftwerk sich nicht nur lange hinziehen und deutlich teurer als angenommen werden kann, sondern auch des Öfteren abgebrochen wird. Das hat sich nicht nur bei den EPR-Reaktoren von Areva (jetzt Orano) gezeigt. Mit dem Bau eines EPR-Reaktors im finnischen Olkiluoto wurde 2005 begonnen, die Fertigstellung wurde immer wieder verschoben, jetzt soll er nächstes Jahr ans Netz gehen. Der Bau sollte 3 Milliarden Euro kosten, es werden 11 Milliarden und mehr sein. Der Reaktor in Flammanville, mit dem Bau wurde 2007 gestartet, ist heute noch nicht fertig, die Kosten sind von 3,3 Milliarden auf 19 Milliarden Euro angestiegen. Der Bau von zwei EPR-Reaktoren von EDF im britischen AKW Hinkley Point kommt seit Jahren nicht voran. Man geht mittlerweile von 10 Jahren Planung und 10 Jahren Bauzeit für neue AKW aus.

Aber ein gutes Beispiel für die Kostenexplosion und das Scheitern von Bauprojekten ist Westinghouse selbst. Zwar wurden 4 AP1000-Reaktoren in China gebaut, die auch am Netz sind, aber 2017 ging der Konzern wegen überlaufender Kosten beim Bau von vier Reaktoren in den USA. Die Kosten für zwei zu etwa 30 Prozent fertiggestellten Reaktoren für das AKW  Virgil C. Summer waren von anfänglich 10 Milliarden (2008) auf 25 Milliarden US-Dollar (2017) angestiegen. Zwei Reaktoren im AKW Vogtle sind noch im Bau, mit dem 2009 begonnen wurde. Ursprünglich lagen die erwarteten Kosten bei 14 Milliarden US-Dollar, jetzt sind es mindestens 25 Milliarden. Ob die Reaktoren 2022 bzw. 2023 wirklich fertiggestellt sind, wie zuletzt angekündigt, ist zumindest fraglich.

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Der Bau der Reaktoren in der Ukraine ist ein politisches Projekt. Das erste Abkommen, das als historisch bezeichnet wurde, wurde im August im US-Energieministerium Energieministeriums in Anwesenheit des ukrainischen Präsidenten Volodymyr Selenskij, der US-amerikanischen Energieministerin Jennifer Granholm und des ukrainischen Energieministers German Galushchenko unterzeichnet. Die Atomenergie ist also ein Projekt, dass die Biden-Regierung der Ukraine aufgedrängt hat, um sich aus der Abhängigkeit von Russland zu lösen und sich in Abhängigkeit von amerikanischen Unternehmen zu begeben. Verkauft werden die amerikanischen Reaktoren mit der Propaganda, der Ukraine zu helfen, ihre „Ziele bei der Dekarbonisierung durch den Einsatz sauberer, zuverlässiger und kostengünstiger Kernenergie zu erreichen“. Westinghouse sieht jetzt über die Chance, Profite mit der angeblich sauberen Atomenergie zu machen, beispielsweise auch in Polen, das dringend einen Kohleausstieg machen müsste.

Bei der Unterzeichnung des Vertrags am 22.11. über den Verkauf der Reaktoren an die Ukraine,  führte Petro Kotin, der Direktor von Energoatom, natürlich auch patriotische Gründe an. Die neuen Reaktoren seien „entscheidend für die Energieunabhängigkeit“ der Ukraine. Man werde dadurch auch gleich noch zu „einer treibenden Kraft, die für Europa den Weg zur CO2-Neutralität ebnet“. Man bewerkstellige mit den „amerikanischen Partnern … den grünen Übergang zu einer sauberen und günstigen Energie“. Über sauber könnte man streiten, tatsächlich gibt es einen Konflikt in der EU zwischen den Staaten, die auf zentrale Atomenergie setzen, und denjenigen, die nach Tschernobyl und Fukushima, aber auch wegen der hohen Kosten auf eher dezentrale Erneuerbare Energien setzen.

Die Kosten für einen  Reaktor werden auf 5 Milliarden US-Dollar veranschlagt, was kaum – siehe oben – realistisch erscheint. Den Kredit gibt es natürlich von einer amerikanischen Bank. Kotin ist da natürlich ganz optimistisch und sieht in dem Bau der Reaktoren einen Multiplikatoreffekt, was doch stark nach Propaganda oder Desinformation klingt. Der Bau würde der Ukraine 12 Milliarden US-Dollar einbringen, das BIP würde während der Betriebszeit um 25 Milliarden US-Dollar ansteigen, beim Bau würden 8000 Arbeitsplätze entstehen und während des Gesamtbetriebs 50.000. 2027, also in sechs Jahren, sollen die Reaktoren ans Netz gehen.

Schönes Märchen. Der ukrainische Energieminister Herman Galushchenko kündigte auch gerade an, dass die Ukraine bei der Entwicklung kleiner Atomkraftwerke eine entscheidende Rolle spielen soll: „Wir haben die Einstellung zur Atomenergie geändert, der Staat sieht die Atomenergie als Grundlage der Energie des Landes. Die Energiekrise, die jetzt in Europa und in der Welt stattfindet, lässt uns verstehen, dass die Atomenergie unsere dekarbonisierte Zukunft ist.“ Tschernobyl scheint jedenfalls die amtierende Regierung nicht von einer strahlenden Zukunft der Atomenergie abzuschrecken.

2 Kommentare zu Atomenergie für’s Klima: Ukraines strahlende Zukunft

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