Covid-Müll: Kehrseite der Pandemie-Bekämpfung

Auch in Vogelnestern wird Covid-Müll verbaut. Bild: Auke-Florian Hiemstra/Animal Biology

Die Sorge um die Gesundheit produziert für die Umwelt gefährliche Müllmassen, das ruft nun selbst Archäologen auf den Plan, die auch ihren Berufsstand von der Pandemie profitieren lassen wollen.

 

Lockdowns können zwar CO2-Emissionen und Luftschadstoffe senken, aber die Kontaktsperren, Schließung von Geschäften und Restaurants und vermehrter Aufenthalt in der Wohnung führen zu mehr Glas-, Altpapier- und Kunststoffabfällen. Man trinkt eben Zuhause und dann vielleicht auch gerne ein bisschen mehr, man bestellt sich Waren online und lässt sich Essen liefern, was die Menge an Pappe, Kartons und Leichtverpackungen aus Kunststoffen, Metallen und Verbundmaterialien anschwellen lässt. Und dazu kommen Massen an Masken, Plastikhandschuhen, Behälter für Desinfektionsmittel und zuletzt auch der durch Schnelltests entstehende Abfall. Allerdings ist die Verpackungsmüllmenge in den Privathaushalten schon vor der Pandemie immer weiter angestiegen.

Vermehrter Müll durch Test- und Impfmaterialien, Masken, Handschuhe, Schutzkleidung und Desinfektionsmittel entsteht natürlich auch in den Krankenhäusern, Arztpraxen und Test- und Impfzentren. Problematisch sind alleine schon die Masken mit ihrem Chemiecocktail, wie Florian Schwinn ausgeführt hat (Maskenpflicht: Gift im Gesicht), der Abfall aber ist eigentlich Sondermüll, zumal er teilweise auch kontaminiert sein kann. Infektiöse Abfälle – dazu gehören in Kliniken und Heimen auch persönlichen Schutzkleidung (Handschuhe, Maske, Einwegkleidung) – müssen in „reißfesten, feuchtigkeitsbeständigen und dichten Behältnissen“ gesammelt werden, Schnelltests in „einem reißfesten, feuchtigkeitsbeständigen und dichten Behältnis“.

Werden Schnelltests in der Privatwohnung vorgenommen, sollen diese wie  „Taschentücher und andere Abfälle“ von Kranken und deren Betreuern in „reißfesten, feuchtigkeitsbeständigen und dichten Behältnissen  (z. B. in verschlossenen Plastik-/Mülltüten)“ gesammelt und verschlossen entsorgt werden. Verpackungsabfälle, Biomüll oder Altpapier von infizierten Personen, die sich in häuslicher Quarantäne befinden, gelten ebenfalls als Restmüll, der in verschlossene Säcke gehört: „Taschentücher oder Mund-Nasen-Schutz dürfen nicht lose in Abfalltonnen geworfen werden.“ Das dürfte am Verhalten der Menschen weitgehend vorbeigehen.

Vogel, der sich in einer Maske verfangen hat. Bild: Sandra Denisuk/Aninal Biology

Niederländische Biologen haben in eine Studie, die in Animal Biology erschienen ist, eruiert, ob Tiere durch den Covid-Müll beeinträchtigt werden. Tatsächlich werden Gesichtsmasken oder Plastikhanschuhe versehentlich gefressen, Tiere verheddern sich, Vögel bauen damit Nester. „Tiere werden geschwächt, wenn sie sich verfangen, oder verhungern aufgrund des Plastiks in ihren Mägen“, sagt Liselotte Rambonnet. Das betreffe viele Tiere, Wirbeltiere und Wirbellose auf dem Land, im Süßwasser und im Meer. Überdies zerfalle das Plastik in Mikro- und Nanoteile mit möglicherweise gefährlichen Folgen für Mensch und Tier. Da Sars-CoV-2 auch tagelang auf Plastik überleben kann, könnten Tiere davon infiziert werden, die wiederum Menschen anstecken können.

Archäologen und der Covid-Müll

Archäologen haben mit der Müllschwemme, die mit der Pandemie einhergeht, ein Aufgabengebiet entdeckt, das nur fälschlicherweise nicht ihrem Fach zugeordnet wird. Archäologie beschäftige sich eben nicht nur mit menschlichen Spuren der Vergangenheit, sondern ihre Methoden und Perspektiven können „auf materielle Spuren des menschlichen Verhaltens von allen Zeiten, die Gegenwart eingeschlossen, angewendet werden“. Es würde trotz aller Unterschiede dieselben Fragen gestellt: „Was ist das? Warum ist es hier? Welche Verhaltensweisen stellt es dar? Welchen Prozessen war es seit seiner Deponierung unterworfen?“

Archäologen beschäftigen sich beispielsweise mit den gewaltigen Mengen an Plastikmüll, der zum überwiegenden Teil in den Meeren landet, und sprechen analog etwa zur Stein- oder Bronzezeit von der Plastikzeit. Untersucht wurde beispielsweise, woher auf den Galapagos-Inseln gefundene Plastikbeutel stammen, die aufgrund von menschlichem Verhalten in die Umwelt gelangen, um dieses zu verändern. In einem Artikel, der in der archäologischen Zeitschrift Antiquity erschienen ist, führen Archäologen der Universität York aus, wie man mit ihren Mitteln die materielle Kultur von Covid-19 (Covid-Müll) am Beispiel der Persönlichen Schutzausrüstung wie Masken und Plastikhandschuhe erforschen könne, um der Politik bei der Wahrnehmung des Problems und beim Umweltschutz zu helfen. Nebeneffekt soll natürlich sein, der Archäologie und damit ihrem Berufsstand durch die Orientierung auf Politik, Umweltschutz und Zukunft größere Bedeutung zukommen zu lassen.

 

In Wuhan ist durch die Pandemie der klinische Müll auf 200 Tonnen täglich angewachsen. In Großbritannien wurden schon zu Beginn der Pandemie in zwei Monaten ab Ende Februar an die Krankenhäuser 360 Millionen Plastikhandschuhe und 158 Millionen Masken geliefert. Einmalmasken bestehen u.a. aus Polipropylen, das sich nur langsam abbaut. Die Wissenschaftler argumentieren, dass in vielen Ländern solche Massen an Covid-Müll weggeworfen werden, dass sie bereits Teil der archäologischen Hinterlassenschaften der Jetztzeit und zum Symbol der Pandemie wurden. Die Archäologie könne den anfallenden Müll dokumentieren und auch Soziale Medien als eine Ressource verwenden, um dem Phänomen auf die Spur zu kommen. Man gräbt gewissermaßen nicht mehr im Boden, sondern im Internet. Und die Archäologen legen den Politikern nahe, wiederverwendbare Persönliche Schutzkleidung anzuordnen und entsprechend zu versuchen, das Verhalten der Menschen zu verändern.

„Wir behaupten aus einer Vielzahl von Perspektiven auf die Umweltverschmutzung“, sagen die Wissenschaftler, „dass die Archäologie durch ein Verständnis des soziokulturellen Lebens der Objekte einen einzigartigen Blick auf die Umweltverschmutzung anbietet, auch auf die die durch den Covid-Müll verursacht wird.“ Wirklich erschließt sich nicht, warum hier ausgerechnet die Archäologie wichtige Einsichten liefern könnte, die andere Umwelt- und Gesellschafswissenschaften nicht leisten können.

Profiteure der Pandemie

Im Aufzeigen des Umweltproblems des Covid-Mülls wird aber letztlich deutlich, wie  Wissenschaftler eben auch darum kämpfen, von der Pandemie zu profitieren, selbst wenn sie nicht nur auf den ersten Blick wenig mit ihr zu tun haben. Es gibt viele Profiteure, nicht zuletzt die Medien, die Angst und Widerstand zu ihren Gunsten ausbeuten wollen. Das schließt die „alternativen“ Medien ein, die mit ihrer scheinbaren Systemkritik, die im Wesentlichen darin besteht, bestimmte Kreise mit vermeintlichen dunklen Interessen zu beschuldigen und sich als im Geheimwissen auszeichnende Avantgarde zu gerieren, Quote und Geld machen.

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