Der Krieg auf dem Acker

So sieht eine ältere Brache als ökologische Vorrangfläche aus. So etwas soll jetzt wegen des Ukrainekriegs einmal gemäht werden dürfen, um Viehfutter zu werden. Was bringt das, außer toten Insekten und Kleinsäugern und vertriebenen Vögeln? | Foto: Gottfried Briemle

Die Ukraine fällt aus als Getreidelieferant für die Welt. UNO und Hilfsorganisationen warnen vor kriegsbedingtem Hunger in den Ländern der Erde, die von Lebensmittelimporten abhängig sind. In der Europäischen Union und in Deutschland ist die Debatte darüber angelaufen, wie wir mehr Getreide auf die heimischen Märkte und den Weltmarkt bringen können. Bauernverband und Agrarindustrie fordern die Rücknahme der zaghaften Agrarwende der EU, also der Farm-to-Fork Strategie, das Einstampfen von Ökoregeln und das Ende des Ausbaus der Biolandwirtschaft. Unterstützt werden solche Forderungen in Deutschland von der Regierungspartei FDP.

Sollen wir wegen des Vormarschs von Putins Truppen in der Ukraine in der Europäischen Union ökologisch den Rückwärtsgang einlegen? „Jetzt nicht die alten Sprechzettel herausholen“, sagt Cem Özdemir. Wir sollten nicht eine Krise gegen die anderen ausspielen. Klimakrise und Biodiversitätskrise gibt es weiter. Gleichzeitig gibt der Bundeslandwirtschaftsminister sogenannte ökologische Vorrangflächen für die Nutzung als Tierfutter frei. Das bedeutet den Tod von Millionen Insekten und Kleinsäugern und die weitere Verdrängung von Wiesenvögeln. Bringt das Getreide auf den Weltmarkt?

Cem Özdemir diskutiert mit seinen G7-Kolleginnen und Kollegen die Lage auf dem internationalen Agrarmarkt. Die G7 könnten beschließen, die Beimischung von Biosprit auszusetzen und so Getreide für die vom Import abhängigen Länder zu gewinnen. | Foto: BMEL

Weniger Fleisch

Das Bundeslandwirtschaftsministerium erteilt für dieses Jahr eine Ausnahmegenehmigung für die Nutzung der ökologischen Vorrangflächen der Kategorien „Brache“ und „Zwischenfrüchte“ für die Futtergewinnung. Das waren im vergangenen Jahr etwas mehr als eine Million Hektar Zwischenfrüchte und 170.000 Hektar Brache. „Damit kann ein Beitrag zur Futterversorgung geleistet und die Wirkungen der steigenden Futtermittelpreise für die Landwirtinnen und Landwirte abgemildert werden.“ Einmal mit dem Kreiselmäher über eine Brache oder eine Kleegraswiese fahren tötet aber gut achtzig, in manchen Fällen auch neunzig Prozent der Insekten, die sich dort angesiedelt haben. Und es zerstört den temporären Lebensraum, den solche Flächen darstellen. Was gewinnt die Landwirtschaft bei dieser Mahd? Futter für Kühe und Rinder. Setzt das Getreide frei, das sonst im Futtertrog gelandet wäre? Schon deshalb nicht, weil das meiste Getreide an Schweine und Geflügel verfüttert wird.

Dabei wäre der Ansatz, beim Tierfutter etwas an der derzeitigen verschwenderischen Praxis zu ändern, schon der richtige, sagt der Agrarökonom Prof. Sebastian Lakner von der Universität Rostock. Das fordert neben anderen auch der Biobauer und Europaabgeordnete Martin Häusling, wie ich an dieser Stelle schon berichtet habe. Denn über die Hälfte des Getreides landet weltweit in den Futtertrögen; in Deutschland sind es sogar 62 Prozent.

Wie aber wäre die Getreidemenge in den Futtertrögen zu verringern und das jetzige Futtergetreide für die menschliche Ernährung zu sichern? Man kann Schafe, Ziegen und Rinder ohne Getreide ernähren. Nicht aber die direkten Nahrungskonkurrenten des Menschen unter unseren Nutztieren – die Schweine und das Geflügel. Das Getreide, das diese Tiere fressen, für uns Menschen zu sichern, bedeutet schlicht: Weniger Tiere halten. Und das bedeutet: Weniger Fleisch essen! Das ist ohnehin ein Trend, zumindest in Deutschland ist der Fleischkonsum in den letzten Jahren ebenso gesunken, wie die Zahl der Nutztiere. Aber das ist nichts, was die Politik verordnen kann.

„Man kann natürlich über eine Fleischsteuer nachdenken“, sagt Sebastian Lakner, „oder über eine Anhebung der Umsatzsteuer für Fleischprodukte auf den normalen Umsatzsteuersatz. Es gibt auch schon länger die Überlegung, Stilllegungsprämien für Tierhalter zu zahlen. Aber das sind alles keine kurzfristig einsetzbaren und wirkenden Mittel. Und wenn die Nachfrage nach Fleisch unterdessen gleichbleibt, dann springen ganz schnell andere Produzenten in der Welt ein und liefern das, was wir gerade einsparen wollten. Das ist die Schwierigkeit der Futtermitteldebatte.“

Links im Satellitenbild die Getreidespeicher der Ukraine. Von diesem Hafen in Odessa aus wurden immer mehr Grundnahrungsmittel in die inzwischen über hundert Länder geliefert, die darauf angewiesen sind. | Foto via Google World

Weniger Biosprit

Der Rostocker Agrarökonom Sebastian Lakner hat deshalb mit Kollegen vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung iDiv in Leipzig und der renommierten Agraruniversität im niederländischen Wageningen der EU-Kommission einen Vorschlag gemacht: Statt über eine weitere Intensivierung der Landwirtschaft und die Rücknahme von Ökoregulierungen zu diskutieren, möge sie für die Dauer der Krise die Beimischung von Biodiesel und Bio-Ethanol zum fossilen Sprit beenden, denn beide Produkte „basieren auf landwirtschaftlichen Erzeugnissen, die für die Versorgung der Welt mit Lebensmitteln verfügbar gemacht werden könnten.“ Die EU-Kommission sollte das aber mit den G7-Partnern koordinieren, „da die USA erhebliche Teile ihrer Maisproduktion für Bio-Ethanol nutzen.“ Der G7-Vorsitz liegt zurzeit bei Deutschland.

Schlägt mit Wissenschaftskollegen eine Aussetzung der Beimischung von Biosprit vor, weil dadurch Getreide für das World Food Programme frei würde: Agrarökonom Sebastian Lakner | Foto: Heidrun Fornahl / Thünen-Institut

Ob das in den Raffinerien für Biosprit genutzte Getreide für die menschliche Ernährung taugt, ist nicht sicher. Aber man könne ja, falls die Qualität nicht ausreicht, die schlechteren Chargen zu Futtermittel machen und dafür die besseren aus den Futtertrögen herausnehmen, sagt Sebastian Lakner: „Aus dem Raps, der für den Biosprit verwendet wird, könnten wir dann Speiseöl machen, da uns ja gleichzeitig das Sonnenblumenöl aus der Ukraine fehlt. Wobei sich da wieder ein Problem der Qualität des Öls und der Verarbeitungskapazität ergeben könnte.“ Aber wenn wir es nicht versuchen, erfahren wir auch nicht, ob es geht.

Außerdem schlagen die Wissenschaftler in ihrem Brief an die EU-Kommission vor, die Agrarsubventionen zu kürzen, „die die bekanntermaßen klimaschädliche Massentierhaltung unterstützen. Stattdessen sollte der Fokus auf der Unterstützung einer Kreislauf-Landwirtschaft liegen. Das bedeutet a.) die Nutzung fruchtbaren Bodens zum Anbau von Pflanzen für den menschlichen Verzehr, b.) die Ernährung der Tiere mit Abfallprodukten und auf schlechteren Böden, und c.) eine Ernährungsumstellung auf mehr pflanzliche Lebensmittel.“

Weniger Futter

Unterdessen ist der Ukrainekrieg auch bei den Biobetrieben in Deutschland angekommen. Einer der großen Saatgut-, Futtermittel- und Mehlproduzenten hat seine Kunden vor Engpässen gewarnt und um Mithilfe bei der Versorgung mit Biofutter gebeten. „Ein ungewöhnlicher Appell“ ist der Brief überschrieben, in dem Gut Rosenkrantz aus Schleswig-Holstein mitteilt: „Wir sehen uns gezwungen, alle noch verfügbaren Bio-Ölkuchen ins Geflügel- und Ferkelfutter umzuschichten. Wir bitten Sie daher eindringlich, alle noch verfügbaren Bio-Leguminosen und Bio-Futtergetreide anzubieten, damit wir weiterhin in der Lage sind, bedarfsgerechtes Rinderfutter ohne Bio-Presskuchen zu produzieren.“

Der Grund für den Brandbrief ist einerseits die Verschärfung der Bio-Verordnung der Europäischen Union, durch die seit Anfang des Jahres die bislang erlaubte fünfprozentige Beimischung konventionell erzeugter Produkte im Biofutter wegfällt, andererseits der kriegsbedingte Ausfall des Imports von Sonnenblumenkuchen aus der Ukraine. Der Sonnenblumenkuchen ist ein protein- und rohfaserhaltiges Futtermittel, das bei der Ölpressung entsteht. Bei der konventionellen Herstellung von Sonnenblumenöl entsteht als Abfallprodukt konventionelles Schrot, bei der Bioproduktion aber ein Presskuchen mit höherem Restfettgehalt. Das liegt daran, dass der Einsatz chemischer Mittel wie Hexan, mit dessen Hilfe der letzte Rest an Fett aus den Sonnenblumenkernen herausgepresst wird, bei der Bioproduktion verboten ist.

„Sonnenblumenkuchen ist sehr wichtig geworden im Bereich der Geflügelfütterung, nachdem die Ausnahmegenehmigung zum Einsatz von konventionellen Anteilen nicht verlängert worden ist,“ sagt Louisa von Münchhausen, Geschäftsführerin beim Familienunternehmen Gut Rosenkrantz „Damit sind verschiedene konventionelle Proteinkomponenten wie Kartoffeleiweiß oder Maiskleber nicht mehr zulässig. Vorher wurde zum Beispiel der Bedarf an essentiellen Aminosäuren von Hühnern zum Teil über konventionellen Maiskleber gedeckt. Als Substitut dienen Mittelproteine wie Ölkuchen und Leguminosen. Durch den Krieg sind die Lieferketten für Bio-Ölkuchen aber unterbrochen worden.“

Gut Rosenkrantz kauft wenig im Ausland ein. Die meisten Zutaten, sowohl für die von der hauseigenen Mühle belieferten Bäckereien, als auch für die Futtermischungen, kommen aus der Region. Aber der Sonnenblumenkuchen, der kam zum Teil aus der Ukraine. „Es gibt auch in Deutschland Sonnenblumenverarbeitung, aber nicht in ausreichender Menge, um den hiesigen Bedarf zu decken“, sagt Louisa von Münchhausen: „Ziel müsste der Ausbau der regionalen Öl-Verarbeitungskapazitäten sein, damit mehr heimische Ölsaaten angebaut und verarbeitet werden können.“

Und warum gibt es kein Kartoffeleiweiß und keinen Maiskleber in Bio-Qualität, den man in das Futter von Hühnern und Schweinen mischen könnte? Diese Frage hat Jürgen Zankl von Bioland schon Ende vergangenen Jahres im Interview mit dem Branchendienst top agrar beantwortet: „Derzeit entsteht nur wenig Biokartoffeleiweiß in der Stärkeherstellung. Die konventionelle Lebensmittelindustrie verwendet Kartoffel- oder Maisstärke in vielen Produkten. Ob der Biomarkt jemals so einen hohen Absatz erreicht, ist fraglich. Große deutsche Stärkehersteller tasten sich erst an die Biostärkeproduktion heran.“

Zu dem auch von ihr unterschriebenen „ungewöhnlichen Appell“ von Gut Rosenkrantz an die „lieben Berufskollegen und Berufskolleginnen“, sagt Louisa von Münchhausen: „Wir versuchen natürlich, das zu kaufen, was an verfügbaren Mengen vielleicht noch an Hülsenfrüchten im Markt ist. Daraus könnten wir einen Mix produzieren, der einem tiergerechten Futter entspricht.“

Ohne den Krieg in der Ukraine hätten auch die Bios wohl nicht so schnell bemerkt, wo es in ihrem eigenen Marktsektor noch hapert.

 


 

2 Kommentare zu Der Krieg auf dem Acker

  • Eine erste Özdemir’sche Fehlentscheidung und interessante Zusammenhänge im ‚Bio‘-Agrarbereich. Weitere Beispiele dafür, wie umfassend auf Kante genäht das Funktionieren der globalisierten Wirtschaft ist.

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  • Dieser Artikel reiht sich ein in die vielen Texte, die jetzt, angesichts einer so nicht vorhersehbaren Krise, gleich wieder die Schuldigen ausgemacht haben.
    Und die, die für komplexe Probleme einfache Lösungen bereit haben. Wie wäre es, wenn der Autor sich einmal die Mühe machen würde, sich vor Veröffentlichung eines solchen Textes einmal diejenigen zu fragen, die sich mit der Fakten auskennen? Die Telefonnummern hat er ja…
    Ich bin so enttäuscht…

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