Der Krieg im Hühnerhof

Eine Gruppe Bio-Legehennen mit ihrem Hahn im Freiland: Was es hier zu picken gibt, reicht nicht für die Ernährung. Und die Futtermittel, die es in den Ställen gibt, könnten bald knapp werden. | Foto: Florian Schwinn

Um das gleich mal vorweg zu sagen: Ja, die Gasversorgung in Deutschland ist gefährdet, wenn aus Russland nichts mehr nachkommt. Aber nein, wir sind nicht abhängig von der Versorgung mit Lebensmitteln aus der Ukraine und Russland. Nicht in Deutschland und nicht in Europa. Auch wenn die Versorgung mit Gas und Getreide derzeit ständig zusammengeworfen wird.

Es gibt allerdings Lebensmittel, die knapp werden könnten, auch in der EU und in Deutschland. Vielleicht kommt durch den Krieg ja doch noch das vielfach geforderte Ende des Billigfleischs beim Discounter. Spätestens dann, wenn die Schweinemast tatsächlich heruntergefahren wird, um mehr Getreide für die Versorgung der Menschen vorzuhalten. Und vielleicht wird das kommende Osterfest das letzte mit ausreichender Versorgung an gentechnikfrei erzeugten Eiern zum Beispiel. Und vielleicht wird es auch bald viel weniger Bio-Eier auf dem europäischen und vor allem dem deutschen Markt geben, als nachgefragt werden.

Biomarkt Ukraine

Dass Russland gerade Krieg führt in Europas Kornkammer, dass die Ukraine und Russland zu den weltweit größten Lieferanten von Getreide gehörten, darüber habe ich hier schon vor Wochen berichtet. Auch dass Bauernverband und Agrarlobby den Krieg nutzen, um Ökoregelungen in der EU zurückzudrängen. Es bedarf schon besonderer Chuzpe, um die Krisen gegeneinander auszuspielen: den Krieg gegen Klima und Artensterben. Auch dass selbst die deutsche Bio-Landwirtschaft teilweise abhängig ist von Importen aus der Ukraine, war hier schon Thema.

Aber halt, das lohnt doch die Nachfrage: Wieso sorgt der Ausfall des vergleichsweise winzigen Biosektors der ukrainischen Landwirtschaft für Engpässe beim Hühner- und Schweinefutter in Deutschland? Das war die Nachricht, die ein großer Futtermittelanbieter seinen Bio-Kunden nach Kriegsbeginn übermittelte. Also Nachfrage bei Toralf Richter, beim Departement für Internationale Zusammenarbeit des Forschungsinstituts für Biologischen Landbau FiBL unter anderem zuständig für die Ukraine. „Auch wenn die biologisch bewirtschaftete Fläche nur ein Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche der Ukraine ausmacht“, sagt der Agraringenieur, „ist die absolute Zahl von über vierhunderttausend Hektar doch recht groß.“ Zum Vergleich: In Deutschland bewirtschaften die Biohöfe zurzeit 1,8 Millionen Hektar und damit knapp elf Prozent der Flächen. In der Schweiz werden über sechzehn Prozent der Flächen biologisch bewirtschaftet, in Österreich ist es mehr als ein Viertel. Aber ein großer Anteil der Bioflächen bei uns sind Weiden und Wiesen. Auf den fruchtbaren Schwarzerden der Ukraine wird hauptsächlich Ackerbau betrieben, oder wurde, muss man derzeit wohl sagen. „Und die Ukraine exportierte über fünfundneunzig Prozent ihrer Bioproduktion,“ gibt Toralf Richter zu bedenken, denn der nationale Biomarkt begann gerade erst zu wachsen und der Export sei attraktiv gewesen.

Ein Bild aus besseren Zeiten: Toralf Richter (links) vom Forschungsinstitut für Biologischen Landbau mit ukrainischen Kollegen auf der Biofach Messe in Nürnberg 2018. | Foto: privat

Andersherum betrachtet: Was macht den Import ukrainischen Biogetreides oder Futtermittels nach Deutschland attraktiv? „Die Ukraine hat in den letzten Jahren in ihren Schwarzmeerhäfen große Exportkapazitäten aufgebaut, sodass ganze Schiffsladungen auf einmal gekauft werden konnten von den Importeuren und Futtermühlen in Westeuropa“, sagt Toralf Richter. Hatten wir uns Bio so vorgestellt, dass mit dem Schiff das Hühnerfutter durch das Schwarze Meer, durch das Mittelmeer und dann die ganze Atlantikküste entlang bis in die Nordsee gefahren wird? Wir Verbraucher und Verbraucherinnen wohl eher nicht, die Europäische Union aber schon, ihre Bio-Verordnung lässt so etwas jedenfalls zu. „Allerdings wird dadurch auch deutlich, dass der Biosektor in Westeuropa häufig nicht so kreislaufmäßig aufgestellt ist, wie sich manche Konsumenten das vorstellen“, sagt Toralf Richter. Es sei nicht mehr so, dass alle Biobetriebe das Futter für ihre Tiere weitgehend selbst oder mit benachbarten Partnern produzieren. „Wenn Ackerbau betrieben wird, dann produzieren die Biobetriebe in Westeuropa mehr Getreide für die menschliche Ernährung und importieren Futtermittel aus der Ukraine, Ungarn oder Rumänien.“

Dass Futtermittel nicht unbedingt Getreide sein muss, das auch für die menschliche Ernährung taugt, habe ich hier bereits dargestellt. Ein Beispiel dafür war der Sonnenblumen-Presskuchen, ein Abfallprodukt der Herstellung von Sonnenblumenöl, beides Exportprodukte der Ukraine. Dennoch fressen Schweine und Hühner, die direkten Nahrungskonkurrenten der Menschen, natürlich auch Getreide, wenn auch vielleicht nicht in der Qualität, die sich deutsche Biobäcker wünschen. Und dafür gesorgt, dass zunehmend biologische Futtermittel gerade nach Österreich, in die Schweiz und Deutschland importiert werden, haben mittelbar auch wir Verbraucherinnen und Verbraucher. Und zwar ganz einfach, indem wir immer mehr Eier gekauft haben und die konventionell erzeugten stehenließen.

Importtreiber Bio-Ei

Die Nachfrage nach Bioeiern ist in den letzten Jahren stetig gestiegen. Und mit ihr die Produktion. Der Bundesverband Ökologische Lebensmittelwirtschaft BÖLW zeigt in seinem Branchenreport 2022 die Entwicklung auf: 2010 wurden in Deutschland von den Biohennen 621 Millionen Eier gelegt, zehn Jahre später waren es bereits 1,8 Milliarden Bioeier, fast dreimal so viel. Allein von 2019 auf 2020 stieg die Zahl der verkauften Bioeier um 6,1 Prozent. Gleichzeitig gibt der BÖLW auch an, dass drei Viertel der Biobetriebe ihre Rohstoffe aus einem Umkreis von maximal 230 Kilometern beziehen. Das könnte man mit einigem guten Willen noch regional nennen, die Ukraine kann da jedenfalls nicht als Herkunftsland gelten. Aber was ist mit dem fehlenden Viertel der Betriebe?

„Es sind viele neue Bioställe für Legehennen gebaut worden“, sagt Toralf Richter, „und die kann man ja überall hinstellen.“ Was dann auch geschah. „Es wurden auch in Berggebieten Ställe für Bio-Legehennen gebaut. Dort gibt es zwar ausreichend Grünland, auf dem die Hühner laufen können, aber kein Ackerland für den Anbau der Futtermittel. Eine standortangepasste Bio-Landwirtschaft im Berggebiet würde eigentlich nur aus Grasfressern bestehen, also Rindern, Schafen oder Ziegen.“ Es ist in Teilen der Biobranche inzwischen nicht anders, als im sogenannten konventionellen Bereich: Futtermittelbetriebe liefern Spezialmischungen überall hin, „und die Futtermühlen schauen halt, wo sie die Ware am günstigsten bekommen.“ So kam es, dass die Ukraine als günstiges Exportland für große Mengen auch im Biobereich ihren Aufschwung erlebte. Und so könnte es auch kommen, dass im Westen Europas die Bioeier knapp werden. Aber nicht nur die. Auch die Eier, die als Kennzeichnung der Haltungsform die Eins für konventionelle Freiland- oder die Zwei für ebensolche Bodenhaltung tragen, könnten knapp werden.

Henner Schönecke, der Vorsitzende des Bundesverbandes Ei spricht von Existenzangst: „Die Preise für Futtermittel haben sich in kürzester Zeit mehr als verdoppelt. Gentechnikfreie Soja ist kaum noch zu bekommen. Viele Halter können deshalb nicht mehr neu einstallen.“ Will sagen, die nächste Generation Legehennen fällt aus, auch oder sogar gerade bei den konventionell wirtschaftenden Betrieben, die noch mehr auf importiertes Futter gesetzt haben. Henner Schönecke rechnet damit, dass spätestens ab August die „Versorgungssicherheit mit Eiern aus Deutschland“ nicht mehr gewährleistet ist. Selbst für Biobetriebe, die ihr Futter nicht komplett selbst, sondern in Kooperation mit Nachbarn produzieren, wird es eng, denn auch im regionalen Bezug sind die Preise angestiegen.

1 Kommentar zu Der Krieg im Hühnerhof

  • Und wie war das mit dem Dünger? Importiert unsere Landwirtschaft da nicht auch eine Unmenge aus Russland, weil es dort preistwert auf Erdgasbasis hergestellt werden kann.

    War es nicht so, dass schon vor dem Krieg einige Düngemittelhersteller ihre Produktion eingestellt haben, weil dies bei den Endverbraucherpreisen keinen Sinn mehr gemacht hat.

    Und nein, wir sind nicht abhängig von Weizenlieferungen. Das trifft die Afrikaner besonders die Länder am Mittelmeer.

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