Ein Gespräch über Ernährung … in Zeiten des Krieges

Seit Russland Krieg führt in der Kornkammer Europas, reden wir über den Weizen, der dadurch auf dem Weltmarkt fehlt. Was bedeutet, dass wir auch über Hunger reden müssen. Foto: Broin / Pixabay

Am 24. Februar hat die russische Armee die Ukraine überfallen. Zum dritten Mal seit der Einmischung in den Separatistengebieten und der Annexion der Krim. Und dieses Mal hat der Krieg Auswirkungen in der ganzen Welt. Und bei uns. Deshalb kann ein Blog, der sich mit Landwirtschaft, Ernährung und Umwelt beschäftigt, daran nicht vorbeikommen, und deshalb habe ich dreimal hintereinander hier im Blog den Krieg auch im Titel gehabt.

Auf einen dieser Beiträge hat „Bauer Willi“ mit harscher Kritik geantwortet: „Wie wäre es, wenn der Autor sich einmal die Mühe machen würde, vor Veröffentlichung eines solchen Textes diejenigen zu fragen, die sich mit den Fakten auskennen? Die Telefonnummer hat er ja … Ich bin so enttäuscht.“ Es stimmt, die Telefonnummer habe ich und ich hatte ihn nicht angerufen. Das habe ich jetzt nachgeholt, um nachzufragen.

Die üblichen Leute

Bauer Willi plädiert dafür, im nächsten Jahr die geplante Stillegung von vier Prozent der Landwirtschaftsflächen in der EU auszusetzen, um die durch den Krieg in der Ukraine fehlenden Getreidemenge nicht noch zu vergrößern. | Foto: privat

Bauer Willi“ ist Dr. Willi Kremer-Schillings, konventionell wirtschaftender Landwirt mit einem kleinen Ackerbaubetrieb in der Köln-Aachener Bucht. Er hat früher in der Zuckerindustrie gearbeitet und war bis 2020 ehrenamtlich im Vorstand einer Agrargenossenschaft. Im Ruhestand wurde er einer der erfolgreichsten und streitbarsten Blogger zum Thema Landwirtschaft.

Florian Schwinn: Was hat Dich also enttäuscht?

Bauer Willi: Es werden die üblichen Leute zitiert, also Martin Häusling und Phillip Brändle undsoweiter. Deren Meinung wird dargestellt, und dann wird von der bösen Agrarlobby berichtet, die jetzt mit dem Argument Krieg alle ökologische Entwicklung aufhalten wollte. Und das ist genau dieser Sprech, von dem ich angenommen habe, dass der nun endgültig vorbei ist, seitdem die Zukunftskommission Landwirtschaft ZKL getagt hat. Da haben sich dreißig Verbände und Organisationen in einer Art und Weise zusammengerauft, die ich nicht für möglich gehalten hatte, wo ich auch an manchen Stellen gedacht habe, da hat sich die landwirtschaftliche Seite aber ganz schön übern Tisch ziehen lassen. Aber sei’s drum: Es gibt mit dem Abschlusspapier der ZKL das, was sich alle wünschen – einen Gesellschaftsvertrag. Da kommt auch jetzt keiner mehr dran vorbei.
Warum verwendest Du dann immer noch Begriffe wie Agrarlobby. Da sind wir doch längst drüber hinaus.

Florian Schwinn: Das war mein Eindruck bei der Zukunftskommission auch. Ich hatte sehr gehofft, dass nun alle auf dem aufbauen, was da geschaffen wurde. Aber warum sind dann, kaum dass Russland die Ukraine angegriffen hat, und jetzt sage ich „die üblichen Leute“ aufgestanden und haben gefordert, alle Ökoregelungen zurückzunehmen, die ökologischen Vorrangflächen umzupflügen und die für 2023 geplanten Flächenstilllegungen auszusetzen?

Bauer Willi: Das hat kein Mensch gemacht.

Florian Schwinn: Ich könnte jetzt die Zitate heraussuchen, aber das bringt uns nicht weiter. Sag, was Du für sinnvoll hältst, Du forderst das ja auch.

Bauer Willi: Ich war einer der ersten, der das geschrieben hat, aber nicht so, wie Du das formulierst. Was ich gesagt habe war: Wir müssen uns darüber klar werden, welche Mengen Getreide jetzt auf dem Weltmarkt fehlen, wenn die Ukraine ausfällt und Russland nicht mehr liefert. Man kann sich darüber streiten, ob das 35 oder 50 Millionen Tonnen Getreide sind, jedenfalls sind es gewaltige Mengen. Die Ukraine hat knapp viermal mehr Ackerfläche als Deutschland. Und dann sage ich: Angesichts dieser Situation hat es doch keinen Sinn, im kommenden Jahr die geplante Flächenstilllegung von vier Prozent in der EU mit aller Gewalt durchzuboxen. Wenn man diese 4,2 Millionen Hektar in Europa nicht stilllegt, sondern darauf Weizen anbaut, dann ergibt das bei dem europäischen Durchschnittsertrag von 6,1 Tonnen rund 25 Millionen Tonnen Getreide. Der jährliche Bedarf an Brotweizen in Nordafrika beträgt 28 Millionen Tonnen. Das heißt, ich lege den Bedarf Nordafrikas still.

Florian Schwinn: Das würde im Umkehrschluss bedeuten, dass wir in diesem Jahr 25 Millionen Tonnen Weizen ausführen könnten, weil wir ja noch keine Stilllegung haben.

Bauer Willi: Nein, die Lücke kommt zusätzlich auf uns zu. Wenn Cem Özdemir und auch unser Bauernpräsident derzeit sagen, die Versorgung sei gesichert, dann sind das auch nur Sprüche. Das kann im Frühjahr noch keiner wissen. Wir hatten im vergangenen Jahr eine Selbstversorgung von 106 Prozent in Deutschland. Das können aber genauso gut auch 97 Prozent sein und dann importieren wir Getreide. Deshalb bin ich dafür, die Stilllegung nur für 2023 auszusetzen. Und ich habe nicht von den ökologischen Vorrangflächen gesprochen.

Geisterdiskussion Vorrangflächen

Florian Schwinn: Aber die anderen haben von den ökologischen Vorrangflächen gesprochen und sie sind ja dann auch zur Bearbeitung freigegeben worden in diesem Jahr. Und ich sage dann nur dazu: Wenn man Brachen und Flächen mit Gründüngung mäht, dann vernichtet man achtzig bis neunzig Prozent der Insekten und Kleinsäuger, die sich dort angesiedelt haben, und vertreibt die Vögel.

Bauer Willi: Ich halte das nicht für sinnvoll und ich werde das auf meinen Flächen auch nicht tun. Die Vorrangflächen gehören in meine Fruchtfolge, die Böden brauchen das. Ich kann die jetzt nicht umpflügen und nutzen, weil da in diesem Jahr gar nichts wachsen würde, was für die menschliche Ernährung zu verwerten wäre.

Florian Schwinn: Dennoch werden die ökologischen Vorrangflächen hergenommen.

Bauer Willi: Stopp! Es ist gestattet worden, das zu tun. Das heißt noch lange nicht, dass das auch gemacht wird. Ich werde es nicht machen, aber vielleicht einige, die im Herbst noch Futter brauchen. Das war in den trockenen Jahren im Übrigen auch schon mal erlaubt, und ist in den meisten Fällen auch nicht gemacht worden. Also lass uns das vergessen.

Florian Schwinn: Dann ist das eine Geisterdiskussion. Das habe ich aber gesagt.

Bauer Willi: Ja, das sage ich auch. Es geht nicht um die Zwischenfrüchte und die Brachen. Es geht darum, dass wir im kommenden Jahr die Fehlmenge aus der Ukraine haben und uns selbst noch einen zusätzlichen Mangel verordnen. Und es geht ja nicht darum, das Stilllegungsprogramm abzuschaffen. Es soll nur ausgesetzt werden.

Florian Schwinn: Andererseits ist das Stilllegungsprogramm ja aufgelegt worden, um etwas gegen die Biodiversitätskrise zu tun, in der wir ja neben Klimakrise und Krieg auch noch stecken. Wir verschieben damit den Kampf gegen die Biodiversitätskrise. Damit wird der Krieg gegen die anderen Krisen gesetzt.

Bauer Willi: Ja, das habe ich auch so vernommen: Es werde die eine gegen die andere Krise ausgespielt. Und ich sage: Ja. Weil ich nicht Menschen verhungern lassen will.

Florian Schwinn: Und Du gehst davon aus, dass auf den stillzulegenden Flächen tatsächlich auch Weizen angebaut werden könnte. Kann man das wissen?

Bauer Willi: Nein, was da angebaut wird weiß niemand, aber es wird auch Weizen sein. Es geht einfach nur darum, dass diese Fläche für die Lebensmittelproduktion zur Verfügung steht. Aber es wäre ja auch nichts Neues, was wir da tun, sondern nur eine Fortschreibung des Status quo. Und schon wenn wir den beibehalten, wird es schwierig werden.
Du hast ja selbst darüber berichtet, dass es Fehlmengen auch jetzt schon bei den Biofuttermitteln gibt. Und auch das wird sich verschärfen, gerade bei Geflügel, weil dort sehr viel Getreide verfüttert wird.

Futtertrog und Biosprit

Florian Schwinn: Dann bleiben wir doch gleich mal beim Futtergetreide. Das ist die heiße Diskussion um die Tierhaltung und das Getreide im Futtertrog.

Bauer Willi: Diese Diskussion finde ich vollkommen daneben, weil einfach so getan wird, als könne alles Futtergetreide für die menschliche Ernährung genutzt werden.

Florian Schwinn: Das war auch mein Einwurf dazu. Das wenigste davon dürfte für die menschliche Ernährung geeignet sein.

Bauer Willi: Es ist die Rede von sechzig Prozent des Getreides, das im Futtertrog landet. Und das hört sich dann eben so an, als sei das alles der direkten menschlichen Ernährung entzogen.
78 Millionen Tonnen Futter im Jahr geht bei uns in die Tröge – in Getreideeinheiten gerechnet. Das ist nötig, um die Zahlen vergleichen zu können (Anmerkung: Ohne diese Umrechnung sind nur 12,7 Prozent Getreide im Futter). Davon sind 25 Millionen Tonnen tatsächlich Getreide. Da ist Roggen dabei, der nicht verbacken werden kann, dann ist das Gerste, die wir nicht essen können. Ich schaue aus dem Fenster und sehe da Gerste wachsen. Und die wird Futter werden. Ich muss sie aber anbauen, um meine Fruchtfolge einzuhalten. Ich kann nicht Weizen auf Weizen anbauen, also brauche ich die Gerste.
Dann haben wir Körnermais, der in Deutschland auch nicht gegessen wird. Und dann bleiben noch sieben Millionen Tonnen Futterweizen. Und wenn man jetzt unterstellen würde, dass sämtlicher Futterweizen auch nur annähernd Backqualität hätte – was er nicht hat –, dann würden wir unter zehn Prozent Futter aus den Trögen nehmen. Wenn ich die Getreidemenge im Futter als Bezugsgröße nehme, liegen wir unter dreißig Prozent.
Die Rede ist aber die ganze Zeit von sechzig Prozent des Getreides, die in den Futtertrog gehen. Das ist die Zahl, die sich in den Köpfen festsetzt. Und die ist falsch.

Die größte Bioethanolanlage Europas betreibt Südzucker in Zeitz in Sachsen-Anhalt. | Foto: High Contrast / Wikipedia

Florian Schwinn: Was ist mit dem Getreide, das in den Biosprit geht?

Bauer Willi: Da sind wir uns einig: Das ist die schnellste Möglichkeit, wirkliche Mengen von Getreide für den menschlichen Verzehr nutzbar zu machen. Da muss man schlicht die Beimischung aussetzen. Und dann haben wir sofort europaweit Millionen von Tonnen von Getreide, das für den menschlichen Verzehr in den meisten Fällen nutzbar sein dürfte, denn das ist in den meisten Fällen Weizen und Roggen. Komischerweise geht an diese schnelle Lösung in der ganzen Diskussion niemand ran. Es wird immer nur das Futter problematisiert. Und da frage ich mich, warum? Weil man den Biosprit in der Klimadiskussion dringend braucht?

Florian Schwinn: Und dann könnten wir den guten Weizen aus den Futtertrögen herausnehmen, so es ihn im Futter denn gibt, und durch schlechte Chargen aus der Biospritproduktion ersetzen.
Haben wir am Schluss noch etwas gefunden, wo wir uns einig sind. Es war doch eigentlich Einiges dabei.
Um zum Anfang zurückzukommen: Ich fände es wirklich gut und der Sache angemessen, wenn die Zukunftskommission Landwirtschaft sich nochmal zusammensetzen würde und eine gemeinsame Linie finden könnte. Dann würde ich auch nicht wieder „Agrarlobby“ sagen …

3 Kommentare zu Ein Gespräch über Ernährung … in Zeiten des Krieges

  • Erstens ist es unrealistisch anzunehmen, dass die Ukraine Weizen-bezogen ein Totalausfall sein wird. Zweitens gibt es bis auf Weiteres noch genügend Reserven. Das Problem liegt nicht im Mangel an Weizen oder andere Grundnahrungsmittel, sondern an der schwindenden Kaufkraft. Die Leute können sich ihre Ernährung schlicht nicht mehr leisten. Einerseits sind die Preise zu hoch und klettern weiter – angetrieben auch von einem gerüttelt Mass an Spekulation -, andererseits sind die Löhne zu niedrig und werden aufgrund der – nicht hauptsächlich wegen des Krieges – kurz bevorstehenden Rezession auch nicht steigen.
    Bei diesen Ausführungen schweben mir ärmere Volkswirtschaften vor, aber zum Teil trifft es auch auf reiche Industriestaaten zu.

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    • 1. Niemand redet von Totalausfall.
      2. Das Problem ist die Verfügbarkeit. Es lagert noch sehr viel Getreide in der Ukraine, aber zum einen werden Silos zerstört, zum anderen besteht keine Möglichkeit des Exports, weil die Häfen gesperrt sind. Es liegen dort viele beladene Schiffe, die aber nicht losfahren können.
      3. Zur Pflege und Ernte der Agrarrohstoffe braucht es Traktoren, Traktorfahrer (sind im Krieg) und Diesel.
      4. Mit Geldspenden ist nichts erreicht, wenn physisch keine Ware gehandelt werden kann. Das Problem liegt am Mangel und an der schwindenden Kaufkraft.
      5. Wir Europäer werden den Armen das Essen wegkaufen.

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  • „Am 24. Februar hat die russische Armee die Ukraine überfallen. Zum dritten Mal seit der Einmischung in den Separatistengebieten und der Annexion der Krim. “

    Das ist mal ne einfache Zählweise, die es nicht so genau nimmt mit den Details.

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