Slowakei: Atomkraftwerk ohne Containment und Schutz gegen Flugzeug-Abstürze soll ans Netz

AKW Mochovce. Screenshot von YouTube-Video

Schon seit 1985 bastelt man im slowakischen Mochovce am dritten Reaktorblock herum, der nun mit Flugzeug-Crashnetzen ans Netz gehen soll, die bestenfalls ein kleines Sportflugzeug abfangen

Die immer wieder beschworene „Renaissance“ der Atomkraft will in Europa nicht gelingen, wie Krass & Konkret zum Beispiel schon am Beispiel Frankreich ausgeführt hatte. Wie in Frankreich, wo ein Meiler in Flamanville unbedingt mit schon 10 Jahren Verspätung ans Netz gebracht werden soll, obwohl er große Sicherheitsmängel am Reaktorbehälter aufweist, will auch die Slowakei mit der Brechstange in Mochovce zwei neue Meiler alsbald in Betrieb nehmen.

Schon im Mai hat der dritte Uraltmeiler sowjetischer Bauart, dessen Planungen noch 1978 in der aufgelösten Tschechoslowakei auf den Weg gebracht wurden, eine Betriebsgenehmigung erhalten. Die Inbetriebnahme wurde aber durch den Einspruch der österreichischen Umweltorganisation „GLOBAL 2000“ bei der slowakischen Atomaufsicht ÚJD bisher aufgehalten. Die hatte in Vergangenheit immer wieder auf die verheerende Sicherheitsmängel in den „neuen“ Meilern hingewiesen. Das Atomkraftwerk liegt nur etwa 100 Kilometer von der österreichischen Hauptstadt Wien entfernt.

GLOBAL 2000 wird immer wieder mit Material von Whistleblowern versorgt. Nun weist die Organisation auf eine eher lächerlich anzumutende Nachrüstung der Meiler gegen Flugzeugabstürze hin, die über kein „Containment“ (Sicherheitsbehälter) verfügen. Per Nachrüstung angebrachte sogenannte „Flugzeug-Crashnetze“ halten nach Berechnungen eines renommiertes Wiener Ingenieursbüro „höchstens“ dem Absturz eines kleinen Sportflugzeugs stand. Der Organisation waren die Konstruktionspläne für die Crashnetze zugespielt worden. Nach den Berechnungen halten sie nicht einmal einem kleineren Verkehrsflugzeug stand, geschweige denn einer größere Frachtmaschine, erklärt GLOBAL 2000 gegenüber Krass & Konkret. Dabei liegt das Kraftwerk sogar unter einem viel beflogenen Flugkorridor.

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Der Aufprall eines üblichen Verkehrsflugzeugs würde die Auslegung der Netze mehr als dreizehnmal übersteigen – im Fall eines gezielten Terrorangriffs nach Vorbild der Twin Towers am 11. September 2001 sogar um mehr als 52-mal. Die Ingenieure kommen zum Schluss, dass nicht einmal eine kleine zweimotorige Düsenmaschine aufgehalten werden könnte. Der Atom-Sprecher von GLOBAL 2000 ist der Ansicht, dass die Netze „ganz klar nur zur Beruhigung der besorgten Bevölkerung“ dienen. „Im Ernstfall eines Flugzeugabsturzes können sie weder die Sicherheit der veralteten Reaktoren, noch den Schutz der Bevölkerung gewährleisten“, erklärt Dr. Reinhard Uhrig. Es ist klar, dass ein Unfall oder ein Terrorangriff mit einem Flugzeug katastrophale Auswirkungen hätten.

Damit nicht genug wurde beim Anbringen der Netze offensichtlich auch noch gepfuscht. Stahlklammern, die zur Fixierung der Stahlnetze verwendet wurden, drücken aufgrund falscher Dimensionierung in die Seile der Netze und führen zu Beschädigungen. Auf Fotos ist zudem zu sehen, dass es schon vor Inbetriebnahme der Reaktoren Roststellen gibt, weshalb man es zudem noch mit „ungeeignetem“ und „minderwertigen“ Material zu tun habe.

Bild: GLOBAL 2000

Als skandalöses Sahnehäubchen kommt hinzu, dass zusätzliche Barrieren zwischen den Reaktorblöcken nicht installiert wurden. Die sollten gemäß der Konstruktionspläne die unterirdisch verlaufenden Strom- und Steuerkabelkanäle vor herabfallenden Trümmern schützen. Diese Kabelkanäle verbinden die Reaktoren mit den Notstrom-Dieselgeneratoren. Aus Fukushima ist bekannt, was passiert, wenn die Generatoren ihren Betrieb nicht aufnehmen können, also die Kühlung des Reaktors ausfällt: Dann kommt es zur fatalen Kernschmelze.

Fotos von Whistleblowern belegten, dass diese Zusatz-Barrieren „schlichtweg vergessen“ wurden, erklärt Uhrig. Das sei der slowakischen Atomaufsicht aber offensichtlich nicht aufgefallen. „Offenkundig ist die Baustelle mehrere Jahre nach dem Beginn der Enthüllungen durch kritische Ingenieure weiterhin völlig außer Kontrolle.“

GLOBAL 2000 fordert die österreichische Bundesregierung deshalb auf, „entschlossen bei ihren slowakischen Kollegen gegen die Inbetriebnahme des verpfuschten Reaktors einzutreten – wie im Regierungsprogramm vorgesehen“. Klimaschutzministerin Leonore Gewessler hatte nach der Betriebsgenehmigung im Mai ohnehin eine „genaueste Prüfung“ angekündigt. Die grüne Ministerin hatte schon dabei darauf verwiesen, dass der Atommeiler „bereits in der Vergangenheit aufgrund großer Baumängel immer wieder für Schlagzeilen gesorgt“ habe.

So hatte zum Beispiel ein Video eines Whistleblowers gezeigt, dass die Notstrom-Generatoren sich in einem schlechten Zustand befanden. Der Versuch der Inbetriebnahme endete in einer Explosion. Dokumentiert wurden auch tausende „unkontrollierte Bohrungen mit bis zu 10 cm Durchmesser und ein Meter Tiefe in den Wänden der hermetischen Kammern des Reaktors“, wie auch Beweisfotos gezeigt haben.  Sogar die Kriminalpolizei ermittelte schon wegen Verdachts auf Betrug und Korruption. Und die Atomaufsicht musste zwischenzeitlich auch zugeben, dass Sicherheitszertifikate von Bauteilen gefälscht waren und an Hochdruckleitungen minderwertiges Material verwendet wurde.

EU-Kommission drückt trotz der Mängel die Augen zu

Die Skandal-Liste ist lang, aber in Brüssel drückt man bei der EU-Kommission trotz allem weiter beide Augen angesichts skandalöser Vorgänge in der Slowakei zu, die nicht abreißen wollen. Dabei hatte sie schon 2008 festgestellt, dass der Bau nicht dem Stand der Technik entspricht: „Obgleich das Projekt mit den geltenden nationalen Vorschriften der Slowakischen Republik sowie internationalen Empfehlungen konform ist, hat die Kommission bei ihrer Bewertung auf die besten verfügbaren Methoden gestützt und eine Reihe zusätzlicher Maßnahmen empfohlen. Der Grund hierfür ist, dass die vom Investor vorgeschlagenen Reaktoren vom Typ WWER 440/V213 keine Volldruck-Containment-Struktur besitzen, wie sie bei der neuesten Auslegung von Kernkraftwerken, die in Europa geplant oder im Bau sind, verwendet wird.“

Doch statt den Weiterbau schon deshalb zu untersagen, wurde dem  slowakischen Energiekonzern SE (Slovenské Elektrárne) – Mehrheitseigentümer ist inzwischen der italienische Energiekonzern Enel – 2008 die Auflage gemacht, den Schutz auf den in Europa üblichen Mindeststandard zu heben, der ohnehin niedrig ist. Empfohlen wurden „zusätzliche Maßnahmen“, um einem „potenziellen deterministischen Aufprall von außen (z. B. einem böswilligen Aufprall eines kleinen Flugzeugs) standzuhalten“.

Für den Atom-Sprecher von GLOBAL 2000 ist klar, dass die EU eine Absicherung fordert, die mindestens einem Verkehrsflugzeug standhält – nicht nur einer kleinen Sportmaschine. „Da diese Auflage nicht erfüllt ist, wird GLOBAL 2000 bei der EU-Kommission eine Beschwerde wegen Nichtumsetzung der Mindestanforderungen einlegen“, kündigte Uhrig an.

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