Covid-19: Niedergang der großen Städte?

Die Städte stehen mit der Digitalisierung vor einem großen Umbruch, in den USA hat sich der Exodus aus den großen Städten während der Pandemie verstärkt.

Vor 60 Jahren diagnostizierte der amerikanische Medienphilosoph Marshall McLuhan in seinem Buch „Die magischen Kanäle“ mit seiner These, dass die elektrischen und elektronischen Medien die Welt zu einem Dorf machen, das Aussterben der mit der Schrift entstandenen Großstädte: „Mit der sofort verfügbaren Technik der Elektrizität kann die Erde nie wieder etwas anderes als ein großes Dorf sein, und die Wesensart der Stadt als Form größeren Ausmaßes muss verschwinden, wie eine Filmaufnahme beim Ausblenden.“

Eingestellt hatte sich das nicht, allerdings wucherten die Städte mit der Verbreitung von Autos erst einmal im Umland aus. Die Suburbanisierung führte zu einem Niedergang der Stadtzentren und dem Aufstieg der Speckgürtel. Doch ausgerechnet in den 1990er Jahren, als das Internet zum Massenmedium wurde und man die Notwendigkeit von räumlicher Nähe und Verdichtung mit den virtuellen Welten und der „City of Bits“ verschwinden sah, vollzog sich eine „Renaissance der Städte“ und ihrer Attraktivität.

Die Covid-Krise könnte aber nun mit dem Ausbau der Internetnutzung, dem Druck der hohen Miet- und Immobilienpreise und auch den übrigen den hohen Lebenskosten in vielen Städten einen Exodus der Bevölkerung in Gang bringen, wie Bloomberg Wealth berichtet. Die Angst vor der Covid-19-Pandemie, die zuerst in den Großstädten zirkulierte, ließ viele meist privilegierte Menschen aus den Städten auf die Datschas auf dem Land flüchten, wie das die reiche Schicht bereits in den Pestzeiten gemacht hat, was Giovanni Boccaccio in seinem Dekameron aus dem 14. Jahrhundert anschaulich geschildert hat. Der Exodus ließ sich anhand der Mobilfunkdaten deutlich erkennen.

In den USA verstärkt sich bislang der Trend, dass nicht nur Reiche wie Elon Musk oder Unternehmen wie Oracle wegen der Steuern umziehen, etwa nach Florida oder Texas, wo keine Einkommenssteuer gezahlt werden muss, sondern dass teure Städte wie New York City, Boston, Washington D.C. oder Chicago oder urbane Regionen San Francisco Bay Area stetig an Einwohnern verlieren. Sie ziehen teils in billigere Städte wie Austin, Phoenix oder Nashville, in Kleinstädte oder gleich aufs Land. Gefragt wird bereits: „Ist das das Ende der Städte in den USA?“ Auch in Deutschland haben zwischen 2010 und 2020 die meisten Großstädte mit Ausnahme von Berlin an Bevölkerung verloren. Das lag an den steigenden Mieten, Immobilienpreisen und anderen Lebenshaltungskosten, könnte sich aber mit Covid-19 auch verstärken. Warum in einer teuren Stadt in einer kleinen Wohnung leben, wenn man auch ohne den Zwang zum Pendeln in einem Vorort oder auf dem Land im Grünen besser und billiger leben kann?

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Telearbeit, Online-Shopping, Virtualisierung der Universitäten

Wahrscheinlich werden nach dem Abklingen der Corona-Pandemie einige Tendenzen, die schon zuvor bestanden, bestehen bleiben. Wechselwirkungen könnten Trends verstärken. So muss man davon ausgehen, dass in den Betrieben, in denen sich notstandsbedingt Homeoffice bewährt hat, viele Mitarbeiter weiter darauf bestehen werden, während manche Arbeitgeber ihren Widerstand verloren haben und auch aus Kostengründen Videoconferencing und Telearbeit weiter ausbauen. In Folge schrumpft der benötigte Büroraum, Bauvorhaben werden eingestellt, der Leerstand wächst, vielleicht werden mehr Büros in Wohnraum umgewandelt. Eine entscheidende Bevölkerungsgruppe, die Studierenden und das Lehrpersonal, könnte mit einer bleibenden Umstellung auf Online-Unterricht aus den Innenstädten abziehen, was erhebliche Auswirkungen auf das urbane Leben und die Kultur haben dürfte. Wenn dazu noch viele Läden dicht machen müssen und das Einkaufen verstärkt online geschieht, werden die Innenstädte veröden und brechen mit dieser Entwicklung die Einkünfte ein.

Eines ist klar: Die Gesellschaften wurden und werden mit den Notstandsregelungen plötzlich auf allen Ebenen digitalisiert. Auch wer vor Covid-19 noch zögerte, dies oder jenes mit digitalen Mitteln auszuführen, wurde nun dazu gezwungen, online zu arbeiten und zu organisieren, zu lernen und zu lehren, zu kommunizieren und zu interagieren. Auch Post-Covid-19 werden die Erfahrungen bleiben, sich die erlernten Möglichkeiten in manchen Hinsichten durchsetzen und sich realer und virtueller Raum weiter durchdringen.

Das biologische Virus, nicht einmal ganz Wetware, hat sich als gigantische Werbe- und Durchsetzungsmaschine für die Digitalisierung bzw. die Ferngesellschaft – und die damit verbundenen Fertigkeiten, Techniken, Produkte und Firmen – erwiesen. Die Menschen fliehen aus den kontaminierten Nahräumen der körperlichen Kontakte mit anderen Menschen und der Umwelt in die Reinräume der Clouds, die zwar andere Formen der Viralität kennen, aber deren Schnittstellen den unbedingten Abstand wahren, so nahe sich die Menschen darüber auch kommen mögen.

Hat Covid-19 den Boom der Städte endgültig beendet?

Kristin Tate, eine libertär-konservative Autorin, behauptet in The Hill, 2020 sei definitiv das Jahr, in dem der in den 1990er Jahren einsetzende Boom der Städte endgültig beendet sei. Das liege nicht nur an der Corona-Pandemie, die zunächst vor allem in den großen Städten gewütet hat, schon davor seien mehr und mehr Menschen darauf gekommen, dass sich das Leben in den Großstädten nicht mehr lohnt. Alleine in diesem Jahr hätten New York 300.000 Einwohner verlassen, San Francisco 90.000 und Zehntausende jeweils andere Städte. Das könnte auch, wie schon länger prophezeit wurde, die politische Landschaft verändern, weil die Großstädte und urbanen Regionen meist mehrheitlich demokratisch wählen, während der Exodus aus ihnen in republikanisch dominierte Bundesstaaten geht. Das hat sich vermutlich schon in Arizona und Georgia bei der Wahl gezeigt, wo Joe Biden knapp gewonnen hat.

Vor allem seien diejenigen Bevölkerungsschichten unterwegs, die während der Pandemie im Homeoffice arbeiten mussten oder konnten. Sie würden gerne in kleinere oder mittelgroße Städten ziehen. Nach Umfragen würden Zweidrittel der IT-Beschäftigten New York oder Boston den Rücken kehren, wenn sie könnten.

Bislang sei die professionelle Mittelklasse hingegen in die Großstädte gezogen, jetzt würden auch die Studienabgänger die „Betondschungel“ verlassen, in denen Armut und Kriminalität zunehmen, während die Pandemie die Kultur und Nachtleben fast geschlossen hat: „Viele haben wenig Lust, in einer Stadt zu leben, die 1000 Restaurants verloren hat und weitere verlieren wird.“ Dazu kommt, dass die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel weiter zurückgegangen ist, zumindest vorübergehend werden eng gedrängte Menschenmasse, vor allem in Innenräumen, eher vermieden.

2020 werde zu einer Goldgrube an Informationen für Demografen und Historiker werden, sagt sie und hat darin Recht, was man allerdings auch für die Medizin, die Datenwissenschaft, die Soziologie oder die Politologie sagen kann. Tate meint, es sei das Jahr, in dem Millionen von Menschen ihre Erleuchtung erlebt hätten, also ihre Ernüchterung über das Leben in den großen Städten. Allerdings dachte man ähnlich auch schon so, als mit 9/11 Hochhäuser und das Leben in den verdichteten Stadträumen zum Ziel des Terrorismus wurde, was sich aber nicht eingestellt hat. Das kann man auch jetzt bezweifeln, obgleich die Pandemie viele schon vorhandene Entwicklungen nur zuspitzt.

Viel wird daran hängen, ob die während der Pandemie teils enorm verstärkten Veränderungen wie Homeoffice mit neuen Wohnbedürfnissen und -zwängen, Online-Shopping auch für Lebensmittel und Essen und finanzieller Druck anhalten werden. Nicht nur der Büro-, auch der Immobilienmarkt in den Städten könnte einbrechen, so dass das Leben in den Städten wieder preiswerter würde. Auf der einen Seite würde das Land weiter zersiedelt, was auch schon aus klimatischen Gründen eine unheilvolle Entwicklung wäre, auf der anderen Seite würden wie schon einmal in die Stadtzentren die durch Gentrifizierung vertriebene und ökonomischen Druck gelähmte kreative Klasse einziehen und eine neue Stadtkultur aufblühen lassen. Wie auch immer, für die Städte wird eine interessante Zeit des Umbruchs werden.

 

Von Florian Rötzer ist beim Westend Verlag gerade das Buch erschienen: „Sein und Wohnen. Philosophische Streifzüge zur Geschichte und Bedeutung des Wohnens“.

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