Deep Fake: Russische Scherzbolde führen Politiker und Prominente vor

Der echte und der falsche Wolkow: Deep Fake oder Doppelgänger?

Zuletzt führten sie Video-Meetings mit Politikern und dem gefakten Wolkow, dem „Stabschef“ von Nawalny, aus. Das wird nun im Westen als russische Desinformationskampagne bezeichnet. Spaß kann es da nicht mehr geben.

 

Ein Gespenst geht um.  Leonid Wolkow, der in Litauen lebende „Stabschef“ von Nawalnys Organisation, die Russland wegen extremistischer Umtriebe verbieten will, taucht als Deep-Fake-Phantom auf. Zuletzt gab das Phantom, das wie Wolkow aussah, ein Zoom-Gespräch mit niederländischen Abgeordneten. Zuvor war das Phantom bereits bei estländischen und einem britischen Abgeordneten aufgetreten.

 

Für Wolkow ist alles klar, dahinter stünden gut bezahlte Agenten der russischen Regierung. Die verwende Zoom als Waffe. Das sei ernsthafter, als es erscheine. Immer öfter werde über Videokonferenzen gesprochen, aber mit den Deep Fakes, also täuschend echten Simulationen, werde es zunehmend unsicher, mit wem man wirklich spricht. Mit der Hilfe Künstlicher Intelligenz ist es möglich, bei Videoaufnahmen etwa Gesichter auszutauschen, um sie mit entsprechender Mimik und Lippenbewegungen, die von einer anderen Person übernommen werden, etwas sagen zu lassen. Dabei treten KI-Systeme zur Schaffung und zur Erkennung von Deep Fakes in ein Wettrüsten ein.

Die Entwicklung könnte fördern, nach Corona wieder verstärkt auf reale Begegnungen zu setzen, also wieder auch vermehr zu reisen, um sicher zu gehen, dass der Gesprächspartner auch derjenige ist, mit dem man sich treffen wollte.

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Aber egal, ob Deep Fakes aktuell für russische Zwecke verwendet werden oder ob sich jemand einen Hackerspaß macht, wird es schwieriger, dem Anschein oder dem ersten Eindruck zu vertrauen. Das wird gerne als Destabilisierung  bezeichnet, wogegen man mit Desinformationskampagnen und Faktenchecks ankämpfen müsse, aber es bringt auch schlicht eine gesunde Skepsis zurück, die das Fundament der Aufklärung ist, nämlich selbst zu denken und sich nichts vorgeben zu lassen.

Zugegeben, meist ist die Skepsis wiederum einseitig auf den Gegner ausgerichtet, weswegen auch Desinformationskampagnen in der Regel Beeinflussungskampagnen mit halbwahren Elementen sind, aber ein kritischer Blick auf die politische Theaterbühne ist essentiell für eine aufgeklärte Demokratie, in der ja immer mehr oder weniger offene oder verdeckte Interessen miteinander konkurrieren und nicht primär die Einlösung von Wahrheit. Dabei ist es eigentlich auch egal, ob der Gesprächspartner virtuell gefälscht oder real da ist, schließlich kommt es darauf an, was dieser sagt und ob man dies für überzeugend hält.

Die niederländischen Abgeordneten des Ständigen Parlamentsausschusses haben die Identität des Wolkow-Phantoms anscheinend nicht überprüft, und auch nicht geschaut, ob es sich um einen Deep Fake handelt. Da könne man, so ein Experte, in einem Live-Meeting beispielsweise die auf dem Video erscheinende Person bitten, ihr Gesicht zu berühren, zu grinsen oder ihren Kopf umzuwenden (worauf sich freilich die Deep-Faker auch einstellen könnten). Ruben Brekelmans (VVD), ein Ausschussmitglied, sagte, der Vorfall sei „extrem beunruhigend“. Abgeordnete könnten davon abgeschreckt werden, mit ausländischen Oppositionsparteien zu sprechen: „Wir dürfen dies nicht geschehen lassen. Wir müssen sicherstellen, dass wir mit allen sicher sprechen können.“

Es haben bereits zuvor Abgeordnete aus dem Baltikum und in Großbritannien mit dem falschen Wolkow gesprochen. Über was der falsche Wolkow mit den niederländischen Politikern gesprochen hat, geht aus den Berichten nicht hervor.

Rihards Kols, der Vorsitzende des Ausschusses für Auswärtige Angelegenheiten des lettischen Parlaments, hat im März bereits mit dem falschen Wolkow gesprochen, das Gespräch sei „kurz und vage“ gewesen. Es sei um russische politische Gefangene und die Annexion der Krim gegangen. Und Wolkow habe Lettland für die Unterstützung, die harte Haltung zu den europäischen Sanktionen und den Druck auf Moskau zur Freilassung von Nawalny gedankt. Das hätte wohl auch der richtige Wolkow gemacht, der in der EU unterwegs war, um für schärfere Sanktionen gegen Russland zu werben.

Am 21. April erzählte der falsche Wolkow dem lettischen Fernsesender LTV in einem Zoom-Gespräch, dass der bekannte YouTuber und Journalist Yury Dud neuer Wahlkampfmanager werden wird, damit werde man Wahlen gewinnen. Der Sender brachte dies als Exklusivmeldung, um kurz danach einräumen zu müssen, einem Schwindel aufgesessen zu sein.

Das in Lettland residierende russische Online-Magazin Meduza sagt zurecht, dass hinter dem Deep Fake die Russen Vladimir Kuznetsov und Alexey Stolyarov stehen, die als die Prankster „Vovan“ und „Lexus“ auftreten und seit Jahren Politiker und Prominente reinlegen, indem sie sich als andere Person ausgaben (Beispiel: Gespräch von Swjatlana Zichanouskaja mit dänischen Abgeordneten). Ob sie nur gegen Kreml-Kritiker und Oppositionelle vorgehen, wie es manchmal dargestellt wird, ist wenig glaubwürdig, Opfer wurden etwa auch David Lynch, Ashton Kutcher, Kamala Harris, Prinz Harry oder Elton John, Justin Trudeau fiel auch herein, der glaubte mit Greta Thunberg zu sprechen, und Norbert Röttgen, aber das dürfen wir auf YouTube in Deutschland nicht sehen.

Ein größerer Coup war ihnen gelungen, als sie in einem Video-Meeting Julie Verhaar, die Generalsekretärin von Amnesty International, und zwei andere Amnesty-Mitarbeiter noch einmal löcherten, nachdem die Organisation Nawalny wegen seiner politischen Vergangenheit nicht mehr als politischen Gefangenen bezeichnet hat. Die Amnesty-Crew glaubte auch hier, mit Wolkow zu sprechen.

Vovan und Lexus machen auch kein Hehl daraus, dass sie für den falschen Wolkow verantwortlich sind. Ironisch führen sie auch die Ratschläge des Experten zur Entzauberung von Deep Fakes bei einem Live-Meeting vor. Und sie machen ihre Scherze über Wolkow: „Wolkow ist selbst wie ein Schluckspecht. Keiner weiß, wo der echte ist. Und wozu.“

Für die gelackmeierten Abgeordneten aus den baltischen Ländern ist jedoch klar, dass es sich um russische Angriffe handelt. Rihards Kols sieht alles nur als „einen Angriff auf die Kremlkritiker“, der sich lustig über sie machen wollte, aber nur „unsere Entschlossenheit verstärkt hat, die russische Opposition zu unterstützen“. Kols hat mit den Vorsitzenden der Ausschüsse für Auswärtige Angelegenheiten des estnischen und litauischen Parlaments eine Stellungnahme über „Cybermanipulation“ veröffentlicht. Man nimmt das also sehr ernst oder versucht, das öffentliche Vorführen von Politikern und Prominenten politisch und mit den Buzzwords gegen Russland zu instrumentalisieren.

Es handle sich um „Desinformationsoperationen“. Es sollen „Falschinformationen verbreitet, die russische Opposition diskreditiert und die Unterstützung der baltischen Politiker für sie untergraben sowie Uneinigkeit zwischen demokratischen Gesellschaften und Staaten gesät werden“. Deep-Fake-Techniken sind natürlich nur Risiken, wenn sie „ausländische und kriminelle Akteure“ einsetzen. Die Gleichsetzung von ausländisch und kriminell ist vielsagend.

Beunruhigend sind Deep Fakes natürlich, zumal wenn sie weiter perfektioniert werden. „Vovan“ und „Lexus“ machen daraus Unterhaltung, die fies ist, weil sie die Leichtgläubigkeit und den Narzissmus von Menschen entlarven oder vorführen. Da gibt es also, auch wenn es sich um Politik handelt, einen doppelten Boden und eine kritische Einstellung. Wenn Deep Fakes gezielt eingesetzt werden, um die Öffentlichkeit zu beeinflussen, Falschinformationen oder Propaganda zu verbreiten, Panik oder Aufruhr anzustiften oder Menschen zu diffamieren, wird es bedenklich. Aber darüber will man nicht sprechen, sondern die Politiker üben selbst eine Manipulation oder verbreiten eine Halbwahrheit im Dienste politischer Interessen.

Aber unsicher ist, ob das Phantom Wolkow wirklich ein Produkt von Deep Fake oder ein Doppelgänger ist.

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