Es ist Krieg – Was dürfen Medien zeigen?

Kaum mehr erkennbarer Toter nach angeblichem russischen Beschuss in Korosten. Bild: Ukrainischer Grenzschutz

 

Medien sollen/wollen ihre Konsumenten vor grausamen Bildern schützen. Wird damit nicht die Grausamkeit des Kriegs verschleiert und damit die Führung von angeblich sauberen Kriegen erleichtert?

In Kriegen entsteht immer die Frage, welche Bilder Medien zeigen können oder wollen bzw. welche sie lieber unterdrücken. Das wird als moralische Frage behandelt, während die Bilder über den Schrecken des Kriegs in den sozialen Netzwerken zirkulieren und von den Kriegsparteien gepostet werden, um die jeweils andere Seite zu demoralisieren. In Deutschland gibt es beispielsweise den Pressekodex, genannt „ethische Standards für den Journalismus“.  Da wird von der „Wahrung der Menschenwürde“ gesprochen und von der „unangemessenen Darstellung“ einer „Sensationsberichterstattung“, die mit dem Jugendschutz verbunden wird.

Im Krieg sterben Menschen schnell und qualvoll, werden sie verletzt und verstümmelt. Das ist die blutige und grausame Wahrheit des Kriegs. Aber die sollen wir nicht wirklich sehen, was auch heißt, dass uns relativ saubere Bilder präsentiert werden, die dann in der Konsequenz wiederum Kriege als nicht weiter schlimm darstellen. Es werden die Gegner „eliminiert“, aber wir sollen nicht sehen, was das heißt.

Weil das keine objektive Berichterstattung sein kann, muss zusätzlich der Jugendschutz aufgerufen werden. Die Kinder und Jugendlichen, die ja auch vom Krieg betroffen sind, sollen allgemein vor grausamen Bildern geschützt werden, um ihnen vorzuenthalten, was Krieg bedeutet. Das hat die Konsequenz, dass Kinder und Jugendliche keinen Abscheu vor Krieg entwickeln sollen, was diesen wiederum gangbarer macht. Wenn man auf der richtigen Seite steht, sind sowieso immer die anderen böse und die eigenen Streitkräfte gut.

„Die Presse verzichtet auf eine unangemessen sensationelle Darstellung von Gewalt, Brutalität und Leid. Die Presse beachtet den Jugendschutz.

Richtlinie 11.1 – Unangemessene Darstellung

Unangemessen sensationell ist eine Darstellung, wenn in der Berichterstattung der Mensch zum Objekt, zu einem bloßen Mittel, herabgewürdigt wird. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn über einen sterbenden oder körperlich oder seelisch leidenden Menschen in einer über das öffentliche Interesse und das Informationsinteresse der Leser hinausgehenden Art und Weise berichtet wird. Bei der Platzierung bildlicher Darstellungen von Gewalttaten und Unglücksfällen auf Titelseiten beachtet die Presse die möglichen Wirkungen auf Kinder und Jugendliche.“

Natürlich ist verständlich, dass Kinder nicht traumatisiert werden sollen, wenn sie der Realität ins Auge schauen. Auch Erwachsene werden aus ihrer Distanz zum Geschehen und ihrem Alltag aufgeschreckt. Ein Schiffbruch mit Zuschauern am Ufer ist immer leichter zu ertragen und wegzustecken, als wenn man schockierende Bilder sieht, die das Leid und das Grauen in die eigene Wirklichkeit einbrechen lassen und zumindest kurzzeitig dazu führen, wegschauen zu müssen oder sich aufgerufen zu fühlen, etwas zu machen bzw. Hilflosigkeit und Entsetzen zu verspüren.

Es mag einzelne Menschen geben, die sich an der Grausamkeit und dem Leid berauschen oder es zwanghaft als Voyeur sehen müssen, mitunter vielleicht ähnlich wie diejenigen, die sich riskanten Situationen aussetzen, um endlich das Gefühl zu erhalten, im Angesicht des möglichen Tods die Wirklichkeit zu spüren. Aber vor allem wird Moral aufgeboten, um die Menschen davor zu schützen, zu unangenehm berührt zu werden, was auch heißt, wegen des Kriegsgrauens nicht Leser oder Zuschauer zu verlieren.

Wir sehen vor allem die Zerstörungen von Gebäuden oder Fahrzeugen, die darauf hindeuten, wie es Menschen ergangen sein könnte, die sich darin oder in der Nähe aufgehalten haben.  Warum aber ist es „unangemessen“, Bilder von Opfern militärischer Gewalt zu zeigen? Oder wäre es auch unangemessen, etwa verstümmelte Leichen mit Worten zu beschreiben? Warum ist es den Folgen eines Kriegs angemessener, nur von Opfern zu sprechen? Wird man damit dem gerecht, was ein Krieg ist? Sind die Folgen eines Krieges, wenn sie menschliche Opfer verursachen, „sensationell“, weswegen sie nicht gezeigt werden sollen?

„Es war ein Foto, das die Welt sehen musste“

Die New York Times veröffentlichte am 7. März auf der Titelseite ein  Foto, auf dem mehrere Zivilisten – eine Mutter mit ihren zwei Kindern und einem weiteren Mann – auf einer Straße in Irpen zu sehen sind, die durch „russischen Mörserbeschuss“ getötet wurden, als sie dabei waren, eine Brücke nach Kiew zu überqueren, um hier Schutz zu finden. Umringt werden sie von ukrainischen Soldaten oder bewaffneten Mitgliedern der Territorialen Verteidigung. Das Bild wird unter dem Titel „Wie Journalisten entscheiden, welche Bilder aus der Ukraine zu schrecklich sind, um sie zu veröffentlichen“ von der Washington Post als Beweis vorgeführt, dass russische Truppen doch auf Zivilisten schießen (und als Anlass genommen, selbst ein Foto von einem ebenfalls getöteten Zivilisten zu veröffentlichen, der das Gesicht abgewandt neben seinem Fahrrad liegt). Verwiesen wird auf Putin, der versichert hat, dass Zivilisten kein Ziel seien. Angeblich hätte es an dem Ort nur wenige Soldaten gegeben, sie seien nicht in Kampfhandlungen verwickelt gewesen, sondern hätten Zivilisten bei der Flucht geholfen. Auf dem Foto sieht man keine größeren Verletzungen, die Toten sehen wie Schlafende aus, aber es sind Tote, die zum Opfer militärischer Gewalt wurden. Weswegen geschossen wurde, ist unbekannt, aber der Artikel suggeriert, dass gezielt auf Zivilisten geschossen worden sei.

Vor Veröffentlichungen habe es eine erhitzte Diskussion unter den Redakteuren gegen, ob das  Foto veröffentlicht werden soll. „Das Bild war so außergewöhnlich anschaulich, dass die Diskussion ziemlich schnell erregt wurde“, sagte Meaghan Looram, die Fotodirektorin der NYT. „Aber die Stimmung war allgemein. Es war ein Foto, das die Welt sehen musste, um zu verstehen, was in der Ukraine vor sich geht.“ Die Welt muss nicht sehen, wie Soldaten oder Bewaffnete, die freiwillig oder nicht in den Krieg zogen, getötet werden, aber sie muss sehen, wie flüchtende Zivilisten getötet werden. Das ist grauenvoll, das ist nicht verzeihbar, auch wenn man nicht weiß, was der Kontext des Beschusses ist und wer geschossen hat. Sind die Zivilisten zufällig in die Schusslinie geraten, haben die Schützen nicht aufgepasst oder war es eine gezielte Beschießung, um die Zivilbevölkerung einzuschüchtern?

Natürlich fällt einem dabei das Video „Collateral Damage“ ein, das WikiLeaks veröffentlicht hat und das zeigt und beweist, dass amerikanische Soldaten 2007 in Bagdad gezielt unbewaffnete Zivilisten niedermetzelten, darunter zwei Reporter.  Auch dafür wurde Chelsea Manning bestraft und sitzt Julian Assange weiter im britischen Hochsicherheitsgefängnis, um womöglich in die USA ausgeliefert zu werden. Immerhin, die New York Times hat 2011 online das Video veröffentlicht. Das Pentagon behauptete, einige seien bewaffnet gewesen bzw. dass man die Fotoapparate leicht mit Waffen verwechseln konnte. Auch wenn hier der Fall relativ klar war, wurden die beteiligten Soldaten nicht belangt und die USA nicht wegen Kriegsverbrechen angeklagt.

Im Fall des Fotos aus Irpin verfolgte die NYT einen moralischen Zweck, der offenbar es ermöglicht, die Leichen zu zeigen, weil sie auch weitgehend unverletzt aussehen, was die Leser ertragen können: „Sie zeigte Zivilisten, die auf einer bekannten Evakuierungsroute absichtlich angegriffen wurden, ein mögliches Kriegsverbrechen“, sagte Looram. „Meiner Meinung nach war das, was hier passiert ist, schrecklich. Das Foto, das diesen Schrecken dokumentiert, war notwendig.“

Warum dieses Foto notwendig war und viele andere nicht, wird nicht weiter begründet, aber es scheint durch, dass damit die Brutalität von Putins Krieg herausgestellt werden sollte. Damit hat es einen Zweck, aber offenbar hat es keinen Zweck und dient auch nicht der gewünschten Moral, wenn die Brutalität eines Krieges anhand auch anderer Opfer dargestellt wird – von Soldaten beider Seiten, die oft als junge Menschen im vermeintlichen Dienst des Vaterlands verheizt werden. Aber die NYT ist weit entfernt davon, gegen den Krieg einzutreten, der ja schließlich auch das Geschäft der weltweit größten Streitmacht war und ist, und an seine Schrecklichkeit auch mit Bildern zu erinnern, es geht gegen um die Aussendung einer Botschaft: „Anstatt in einem Fotoarchiv zu landen, wurde das Bild zu etwas anderem: zu einem Symbol und einem Schlachtruf.“ Die NYT rechtfertigt mithin die Veröffentlichung des Fotos, weil sie damit einen Schlachtruf macht. Ist dann die Darstellung angemessen?

3 Kommentare zu Es ist Krieg – Was dürfen Medien zeigen?

  • Tja, dazu passt, dass durch die Covid-Pandemie Ältere von Jüngeren getrennt wurden. So konnten die Alten, die teilweise noch über Kriegserfahrung verfügten, diese Erfahrung nicht mit ihren Enkeln/Urenken teilen. Ich habe vor einigen Jahren noch einen Mann getroffen, der als Kind den Hamburger Feuersturm im Luftschutzkeller überlebte. Er erzählte mir folgendes: Als er nach dem Sturm mit seiner Mutter durch die Strassen ging, ragten verkohlte Gestalten von der Grösse von Kindern aus dem Asphalt. Es waren aber keine Kinder, sondern Erwachsene, die auf der Flucht im von der Hitze geschmolzenen Asphalt stecken geblieben und deren Körper durch die Hitze zusammengeschrumpft waren. Weitere Berichte: In die Luftschutzkeller musste man sich teilweise mit Gold und Schmuck einkaufen. Wer das nicht hatte, blieb draussen. Manche hatten allerdings Glück, wurden gewarnt und konnten sich vor dem Bombenhagel rechtzeitig in den Hammer Park retten, der verschont blieb und wo heute noch alte Bäume stehen.
    Jede Waffenlieferung an die Ukraine bedeutet zahllose Tote und Verletzte, auf beiden Seiten. Diejenigen, die die Waffen anwenden, haben teilweise keine andere Wahl, sie werden von Selenski (dem „Komiker“(laut Böhmermann)) dazu gezwungen, zu kämpfen.
    Die gespendete panzerbrechende Uranmunition vergiftet die Umgebung dauerhaft radioaktiv und wird auf Generationen zu schrecklichen Fehlbildungen bei Neugeborenen führen. Das einzig Sinnvolle ist daher die Einstellung jeglicher Waffenlieferungen und Druck auf die Ukraine, die Grenzen für kampfunwillige Männer zu öffnen. Am lächerlichsten ist die Behauptung, dort werde Europa verteidigt. Auf dem Maidan hatten Pro-EU-Demonstranten Polizisten Benzin ins Gesicht geschüttet und angezündet, wie auf Videos zu sehen ist, eine potentiell tödliche Prozedur, die auf jeden Fall zu schweren Entstellungen führt. Was ist eigentlich aus den Opfern geworden?
    Dem Westen jedoch geht es nicht um die Menschen in der Ukraine, sondern darum eigene Supermacht- und Aufrüstungsprojekte durchzudrücken. Z. B. hier:
    http://akin.mediaweb.at/2005/11/11bertel.htm
    Dem sollten wir uns entgegenstellen.

    Antwort
  • Es fällt schon auf, dass die Mainstream-Presse bei der Kriegsbebilderung ein sehr einseitiges Angebot auf den Markt wirft. Grausamkeiten zu dokumentieren ist in der Tat nur ein Viertel der Wahrheit: Die Botschaft ist Schlachtruf, wie ausgeführt. Was und wie da dokumentiert wird ist Kriegslogik, denn die Opfer müssen sich wehren, also ihrerseits den Gegner totschießen. Nur ist das eine „Selbstverteidigung“, das andere „Aggression“. Im Ergebnis machen beide Seiten dasselbe, nur die Rechtfertigung für das Gemetzel macht den Unterschied: Einmal moralisch einwandfrei, auf der anderen Seite gewaltbereite Psychopathen – also ein Argument erst recht fürs schießen. Und die Waffenlieferungen (plus Dollar-Milliarden) zeigen ja auch den ganzen Zynismus der Stoppt-den-Krieg-Eiferer: Die Ukrainer sollen so lange schießen, bis der letzte Mann tot umfällt (Klitschko). Dafür bewaffnet man auch noch Ottonormalverbraucher oder holt Gewaltverbrecher aus dem Gefängnis und drückt denen die Schiesseisen in die Hand. Ob die dann die richtigen abknallen, ist schwierig zu kontrollieren. Stoppt die Russen wäre doch eigentlich ganz einfach zu haben: Niederlegen der Waffen, Einhalten Minsker-Abkommen, Neutralität der Ukraine (die Schweiz machts vor). Dazu muss man offensichtlich die ukrainische Polit-Elite zwingen. Deren Kalkulationen sehen halt völlig anders aus: Weitermachen bis die Nato eingreift. Die Kapitulation der russischen Seite ist illusorisch. Immerhin ein veritabler Staatsapparat mit atomarer Bewaffnung. Den zu knacken, daran arbeiten die USA schon seit zig Jahren.

    Antwort
  • Was auf der Tagesordnung steht, wenn Staaten die Waffen rausholen ist wirklich kein Geheimnis. Das passiert jeden Tag auf der Welt, egal mit welchen Titeln und Werten sich die Oberkommandierenden umgeben. Selbst die Russen bezeichnen ihr Vorgehen als Verteidigungsfall zum Selbsterhalt gegenüber einem immer bedrohlicheren Vorrücken der NATO-Kräfte. Das wird hierzulande nur völlig ignoriert.

    Antwort

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Weitere Artikel aus ,