Führt die Pandemie zu einem Exodus aus den Städten?

Idylle Landleben für digitale Nomaden? Bild: F.R.

In den USA verlieren die größeren Städte an Bevölkerung, nach den digitalen Nomaden ermöglicht Homeoffice eine freiere Wahl des Wohnorts, auch fern des Arbeitgebers.

 

Die Corona-Pandemie hat in den USA dazu geführt, dass die größeren Städte an Bevölkerung verloren haben. Mit den Lockdowns hatte ein Exodus begonnen, weil die Städte unwirtlich wurden, das kulturelle und Freizeitleben war oft eingeschränkt, die Arbeitslosigkeit stieg, wer konnte, arbeitete im Homeoffice, die Innenstädte verödeten, auch weil die Universitäten geschlossen waren und viele Studenten wegen der Kosten wieder zu ihren Eltern zogen. Wir hatten bereits darüber berichtet (Niedergang der großen Städte?).

Das Wall Street Journal vermutete kürzlich, bei den jüngeren Stadtflüchtlingen einen Trend auszumachen, der direkt mit der Pandemie zu tun haben soll. Sie fliehen zumindest vorübergehend die Stadt, weil es dort billiger  und weniger stressig ist und es mehr Raum sowie eine grüne Umwelt gibt. Um nicht zu vereinsamen, würde sich nun dort der in Städten begonnene Trend zur Bildung von temporären Wohngemeinschaften in Form von Co-Living-und Co-Working-Räumen fortsetzen.

Das wurde vor allem in Städten mit teuren Miet- und Immobilienpreisen entwickelt, um für digitale Nomaden, die sich nur zeitweise dort aufhalten, im Unterschied zu Hotels preiswertere Unterkünfte anzubieten, in denen meist auch Co-Working-Möglichkeiten angeboten werden. Für Co-Living-Wohnungen werden in der Regel alte Gebäude so umgebaut, dass einzelne Zimmer vermietet werden können und es für alle Gemeinschaftsräume gibt. Zentral ist auch die  Idee, für die Singles über die Gemeinsamkeit des Wohnens eine Gemeinschaft zu schaffen. Dazu werden dann auch Freizeitangebote gemacht, um sich besser kennenzulernen oder gemeinsame Aktivitäten zu verfolgen (Co-Living: Kleine Räume mit Gemeinschaft, profitabel für Investoren  und Neuer Wohntrend? „Die Zukunft ist Zugang, nicht Besitz“).

Austarierung von Nähe und Distanz

Jetzt wollen die digitalen Nomaden angeblich aus der Enge der Stadt mit vielen Ansteckungsmöglichkeiten fliehen, um sich auf dem Land in einer Gemeinschaft zu befinden, die es ermöglicht, die soziale Distanzierung bei gleichzeitiger Gemeinsamkeit zu wahren. Vielleicht ist die Corona-Krise mit den neuen Geboten der Distanzwahrung und der Abwehr des Atemstroms der Anschub für die Entwicklung veränderter Nähe- und Distanzverhältnisse. Diese regeln immer das menschliche Miteinander und sind kulturell und schichtenspezifisch verschieden. Auch im Außenbereich geht man nicht mehr gedankenlos aneinander vorbei, sondern macht einen Bogen, ebenso wie man in Warteschlangen Abstand hält und eine Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln meidet.

Artur Schopenhauer hat die Austarierung Nähe- und Distanzfindungen, die sich durch viele Faktoren verändern können, anthropologisch als Suche nach einer mittleren Entfernung so beschrieben:

„Eine Gesellschaft Stachelschweine drängte sich an einem kalten Wintertage recht nah zusammen, um sich durch die gegenseitige Wärme vor dem Erfrieren zu schützen. Jedoch bald empfanden sie die gegenseitigen Stacheln, welches sie dann wieder von einander entfernte. Wann nun das Bedürfnis der Erwärmung sie wieder näher zusammenbrachte, wiederholte sich jenes zweite Übel, so daß sie zwischen beiden Leiden hin und her geworfen wurden, bis sie eine mäßige Entfernung voneinander herausgefunden hatten, in der sie es am besten aushalten konnten.

 

So treibt das Bedürfnis der Gesellschaft, aus der Leere und Monotonie des eigenen Innern entsprungen, die Menschen zueinander; aber ihre vielen widerwärtigen Eigenschaften und unerträglichen Fehler stoßen sie wieder voneinander ab. Die mittlere Entfernung, die sie endlich herausfinden, und bei welcher ein Beisammensein bestehen kann, ist die Höflichkeit und feine Sitte. Dem, der sich nicht in dieser Entfernung hält, ruft man in England zu: keep your distance! – Vermöge derselben wird zwar das Bedürfnis gegenseitiger Erwärmung nur unvollkommen befriedigt, dafür aber der Stich der Stacheln nicht empfunden.“

 

Möglicherweise gibt man sich nicht mehr die Hand, wenn nicht ein Desinfektionsmittel vorhanden ist, wird Niesen und Husten ebenso verpönt, wie das Spucken geworden ist, verzichtet man auf Umarmung und das Küsschen auf die Backe, und müssen die Körper noch weiter gereinigt und geruchsneutral bzw. von Parfüms und Deos eingehüllt werden, um Nähe zu ermöglichen. Die während der Lockdowns und der vorgeschriebenen Abstandsregeln erfolgte Ausweichung der Kontakte in den virtuellen Raum, hat Partnerbörsen, aber auch Pornoseiten noch einmal attraktiver gemacht. Damit wird Distanzliebe und -sex der Weg geebnet. Man vermeidet, sich körperlich zu begegnen und die Säfte sich vermischen zu lassen: vom Safe Sex zum Clean Sex, zu dem auch Sexroboter gehören.

Flucht aus den Städten, Ende der Zentren und der räumlichen Verdichtung? Bild: JaxsonD/CC BY-SA-4.0

Co-Living und Co-Working auf dem Land

Das WSJ verweist als Beispiel auf das seit 2017 bestehende Coconat (Community – Concentrated Work – Nature) in einem ehemaligen Gutshof mit einem großen Garten, einem Weiher und einem Kunstwanderweg. Das ist einer der „Kreativorte“ in Brandenburg („innovative Wohn- und Arbeitsprojekte“ für den „Traum von einem Leben außerhalb der Großstadt“), der „digitalen Arbeitern“, die nicht an einem bestimmten Ort arbeiten müssen, Unterkunft in Zimmern (aber auch im Zelt) und Co-Working-Räume und Versorgung mit Mahlzeiten oder Kochen in einer Gemeinschaftsküche in einer angenehmen ländlichen Umgebung bietet.

Man könnte dafür auch Hotel oder Pension sagen, aber das klingt nicht so interessant, ist es doch ein „Ort, an dem sich digitale Arbeiter*innen von einer kreativen Gemeinschaft inspirieren lassen, konzentriert arbeiten und die Natur genießen“. Es soll ein Idyll sein. Flucht aus der Stadt, die mit Stress, Lärm und Grau verbunden ist, auf auf das Land mit „Stille und Grün“: „Zu hören gibt es nichts außer Wind, Vögeln und dem sanften Klappern der Computertastaturen.“

Das zieht nicht nur einzelne an, sondern auch Firmen, die hier Teams für einen längeren Workshop oder nur zur Steigerung der Bindung an den Arbeitgeber, Gemeinschaftsbildung oder Zufriedenheit unterbringen können.  Gegenüber dem WSJ sagte Mitbegründerin Julianne Becker; Coconat sei voll belegt: „Die Menschen wollen wirklich aus den Städten heraus.“ Das versprochene „ausgewogene Gleichgewicht aus Einsamkeit und Gemeinschaft“ soll jetzt eben auch Corona-geeignet sein, wenn die Distanz wichtiger ist.

Wer nicht ganz aus der Stadt wegziehen will, beispielsweise in ein smart village, wo es auch Co-Living- und Co-Working-Angebote gibt, hat in Angeboten wie Coconat den Ausweg, zwischen Stadt und einem Landhaus zum Einmieten mit möglichem Anschluss an andere Digital-Arbeiter zu ziehen.

Es könnte sich aber nur um die erste Welle des Auszugs aus den Städten handeln, in der schon einmal ausprobiert wird, welche Wohn- und Gemeinschaftsmodelle praktikabel sind. Jetzt erst sind die technischen Möglichkeiten vorhanden, sofern Anschluss an ein schnelles Internet besteht, auf das Land oder die Kleinstadt umzuziehen. Die Pandemie wird die Digitalisierung verstärken und ubiquitär machen, die weiterhin das Potenzial enthält, auf räumliche Dichte, wie die Stadt sie ermöglicht, zu verzichten und durch virtuelle Dichte der Vernetzungen zu ersetzen.

Eine Folge könnte die Verstärkung einer Entwicklung sein, vor der Anton Hofreiter in einem Interview warnte, wofür er viel Kritik von Leuten erhielt, die sich weigern, über ihren Tellerrand zu schauen: „Einparteienhäuser verbrauchen viel Fläche, viele Baustoffe, viel Energie, sie sorgen für Zersiedelung und damit auch für noch mehr Verkehr.“ Mit der Digitalisierung könnten die Innenstädte wieder/weiter veröden.