Notwendigkeit von Propaganda

Es ist falsch, die Masse als passives Opfer der Propaganda zu sehen, zumal Propaganda in allen Bereichen des öffentlichen Lebens zu finden ist.

Eine geläufige Vorstellung von Propaganda besagt, sie sei das Werk von einigen falschen Führern, von böswilligen Naturen, die blenden und verführen, von autoritären Anführern, die die Menschen beherrschen wollen, von mehr oder weniger unrechtmäßigen Mächten und Kräften. Wir haben es hier stets noch mit einer voluntaristischen Bestimmung von Propaganda zu tun: Eine Person entscheidet, „Propaganda auszuüben“, ein Staat richtet ein Propagandaministerium ein, von dem dann alles seinen Ausgang nimmt. Damit wird die Öffentlichkeit als ein Gegenstand, eine passive Masse betrachtet, die bearbeitet, benutzt und beeinflusst werden kann. Ein solcher Begriff von Propaganda herrscht sowohl bei denen vor, die der Ansicht sind, die Menge könne wirklich bearbeitet und gehandhabt werden, als auch bei jenen, die glauben, Propaganda entfalte nur geringe Wirksamkeit und der Mensch könne sich ihrer sehr gut erwehren.

In dieser Konzeption gibt es also einen aktiven Faktor, den Propagandisten, und ein passives Element, die Menge, die Masse, den Menschen (Damit sei sie „eine unselige Erfindung einer militärischen Kaste“, während sie doch in Wirklichkeit Ausdruck der modernen Gesellschaft im Ganzen ist. Speier, „Morale and propaganda“). So lässt sich die Reaktion von Moralisten, die Propaganda feindlich gegenüberstehen, durchaus verstehen: Der Mensch, dieses unschuldige Wesen, dieses Opfer, wird durch den Propagandisten dazu gebracht, Böses zu tun; der Propagandierte selbst ist vollkommen unschuldig, da er getäuscht wurde, er kann nichts dafür. Der engagierte Nationalsozialist, der aktive Kommunist sind Leidtragende, die es nicht zu bekämpfen, sondern psychologisch aus dieser Umklammerung zu befreien gilt, sie müssen wieder ans freie Leben gewöhnt werden, falls nicht sogar dafürgehalten wird, sie sollten gleich über die Wahrheit aufgeklärt werden. Doch in jedem Falle findet sich derjenige, auf den Propaganda ausgeübt wird, als arme Wurst wieder, die gar nicht anders kann, die sich nicht zu wehren vermag und auf die sich der Raubvogel aus der Luft herabstürzt. So wird der Käufer in den Untersuchungen zur Werbung als Opfer, als Beute dargestellt. Der Propagandierte trägt innerhalb des gesamten Phänomens, das von ihm unabhängig erschaffen wird und von außen auf ihn einwirkt, keine Verantwortung.

Mir scheint diese Sichtweise absolut falsch zu sein und eine einfache Feststellung sollte uns zumindest eine kritische Bemerkung in dieser Hinsicht erlauben: Heutzutage begegnet man Propaganda in exakt allen Bereichen des öffentlichen Lebens. Man hat begriffen, dass der psychologische Faktor (der, daran sei erinnert, Elemente von Kontrolle, Einbezug in eine Gruppe und aktive Teilhabe und nicht nur innere Überzeugung beinhaltet) von entscheidender Bedeutung ist. Es reicht nicht aus, eine Organisation, einen Arbeitsplan, eine politische Methode oder Institutionen nur auf dem Papier hervorzubringen, das Individuum muss mit seinem ganzen Herzen, mit gutem Glauben, mit Freude dabei sein und darin tiefste Befriedigung erfahren. So ist das Fernsehen nur dank Propaganda erfolgreich.

Der Europäische Binnenmarkt soll gegründet werden, also wird eine Abteilung zur psychologischen Vorbereitung auf diesen gemeinsamen Markt geschaffen (1958), denn man weiß sehr wohl, dass es ohne sie nicht funktionieren wird, dass die Institutionen, die eingerichtet wurden, nichts von alleine bewirken können. Auch die atlantischen Beziehungen bedürfen einer Propagandamaschine bei den Verbündeten. Gasperis Vorschlag (1956) zur Schaffung einer Demform im Gegensatz zur Kominform ist in dieser Hinsicht sehr bezeichnend. Political Warfare reicht bei Weitem nicht aus.

Aus ökonomischer Sicht ließ sich 1959 sagen, dass das Rezessionsproblem sehr viel mehr psychologischer denn technischer oder wirtschaftlicher Natur war. (Bereits 1928 stellte Edward L. Bernays fest: „Kluge Menschen müssen sich darüber klar werden, dass Propaganda das moderne Instrument ist, mit dem sie für konstruktive Ziele kämpfen können, und das hilft, Ordnung ins Chaos zu bringen.“ Propaganda. Die Kunst der Public Relations, Freiburg 2007, siehe hierzu unter anderem Speier, „Morale and propaganda“. Valéry Giscard d’Estaing sagte im April 1961 ebenso, eine „Mystik des Plans“ müsse geschaffen werden.)

Um den Willen zu Reformen und dann ihre Wirksamkeit zu gewährleisten, muss zunächst die französische Öffentlichkeit davon überzeugt werden, dass nicht wirklich Rezession herrscht, dass es nichts zu befürchten gibt. Autosuggestion à la Émile Coué reicht nicht, es bedarf auch der aktiven Anteilnahme an einem tatsächlichen Reformkurs.

Ähnliches lässt sich ganz sicher über die landwirtschaftliche Neuordnung sagen, die zunächst von einer psychologischen Problematik abhängt. Vor allem anderen geht es um die Schaffung dessen, was „Abteilungen für Popularisierung“ genannt werden kann, in denen zwar Experten für den technischen Aspekt, jedoch mehr noch psychologische Agitatoren in der Art jener berühmten county agents in den USA oder der Berater in Skandinavien zum Zuge kommen. Man ist um Popularisierung und Überzeugung zugleich bemüht.

Gewiss, die UdSSR ist auf dieser Ebene schon sehr viel weiter. Technisch perfekt gestaltete Propagandakampagnen direkt zur Erntezeit, mit Hunderttausenden von Propagandaagenten, die in die Dörfer strömen und Vaterland und Produktion leidenschaftlich rühmen, die mit Radios, Filmen und so weiter anrücken und jeden Tag, wie bei einem Wettbewerb, neue Ernteergebnisse verkünden. An dieser Kampagne partizipieren die lokalen Zeitungen, die Komsomolzen sowie die Transportunternehmen. Dann gibt es noch das „Fest“, folkloristische Tänze und Gesänge und so weiter, und schließlich die Belohnungen, Auszeichnungen und Ordensverleihungen.

Doch in der Welt der Arbeiter wird Propaganda nicht weniger als eine Notwendigkeit angesehen. Es ist müßig, darauf hinzuweisen, was in der UdSSR diesbezüglich geschieht, denn alle Welt weiß Bescheid, seit vor Kurzem die Fünfjahrespläne mit ihrem früheren Leitbild Alexei Stachanow durch eine analoge Bewegung mit dem neuen Leitbild Valentina Gaganowa übernommen wurden. Folgende Formel erklärt alles: „Die Einsicht der Arbeiter ist der entscheidende Faktor der Produktivität.“(Georges Lasserre, „La Productivité. Panacée ou récompense“, in: Le Monde, 28. Juli 1952) Es geht darum, die Arbeiter für die Sache der Produktivität einzunehmen – Neuerungen zu akzeptieren und danach zu suchen, guten Willen bei der Arbeit zu zeigen, Gewerkschaften einzubinden, sich zur Arbeit berufen zu fühlen und so weiter. All das kann durch psychologische Manipulation erreicht werden, durch über einen ziemlich langen Zeitraum in richtiger Form ausgeübte Propaganda.

Es ist bekannt, welche Bedeutung dieser Technik auf einem anderen Gebiet, der Armee, zugemessen wird. Das beste Beispiel hierfür bildet die deutsche Armee. In der neuen deutschen Armee, so könnte man sagen, ist der Soldat überzeugt von der Wahrheit, die er verteidigt, und der Patriotismus nicht mehr territorial, sondern ideologisch gebunden. Es geht nicht darum, Deutschland zu verteidigen, sondern die Rechte und Freiheiten der deutschen Nation, so wie der Soldat sie als Bürger anerkennen und praktizieren wird. (Vgl. etwa den von Wolf Graf von Baudissin geprägten Begriff innere Führung: „Staatsbürger in Uniform“.)

Durch derlei psychologische Maßnahme soll beim Soldaten eine individuelle Disziplin, eine Fähigkeit, selbst Entscheidungen zu treffen, wiederhergestellt werden. Die militärische Form der Technik allein reicht nicht mehr aus. All dies ist jedoch reine Propaganda, einschließlich des Moments persönlicher Entscheidbarkeit, denn ist das Individuum einmal von dieser Wahrheit überzeugt, wird es wie erwartet handeln und dabei „spontan“ seinem Gewissen folgen. Angemerkt sei noch, dass Propaganda bei der Bildung der Wehrmacht nichts anderes im Sinn hatte (was 1940 bewundert wurde, war gerade die Fähigkeit deutscher Soldaten zur Eigeninitiative!).

Noch ein letztes Beispiel aus einem ganz anderen Bereich. Bei der letzten Volkszählung in der UdSSR 1959 wurde bekanntlich eine riesige Propagandakampagne gefahren, da auf der einen Seite ein zügiger Ablauf der Zählung vom guten Willen der Bürger und auf der anderen Seite die Echtheit der Ergebnisse von der Ernsthaftigkeit der befragten Personen abhängt. Damit es zügig und seriös zugeht, wurde Stimmungsmache betrieben. Die gesamte Presse und alle Massenorganisationen wurden aktiv, um die Bürger zu überzeugen und einzubinden; Propagandisten zogen durchs Land, um der Bevölkerung die Bedeutung dieser Unternehmung im Vorhinein zu erklären und mögliche Vorurteile, Zweifel und so weiter zu zerstreuen.

Wir haben soeben sehr unterschiedliche Beispiele für Anwendungsmöglichkeiten von Propaganda kennengelernt. Damit diese einen derartigen Verbreitungsgrad erreicht, muss sie einem Bedürfnis, einer Notwendigkeit gehorchen. Es ist sicherlich richtig, dass sie für den Staat, für die Behörden ein notwendiges Instrument darstellt. Doch wenn diese Feststellung auch die Ansicht, Propaganda sei Hexenwerk, obsolet erscheinen lassen kann, so bleiben wir noch immer dem zu Beginn gezeichneten Schema verhaftet: aktive Macht, unschuldige Masse. Nun, wir hegen den Anspruch, etwas weiterzugehen.

Wenn Propaganda erfolgreich ist, dann weil sie beim Individuum auf ein Bedürfnis nach Propaganda antwortet. Einen Esel, der keinen Durst hat, bringt man nicht zum Trinken. Wer nicht braucht, was sie mitbringt, lässt sich durch Propaganda nicht fassen. Der Propagandierte ist keineswegs unschuldig, er ist kein schlichtes Opfer. Er verlangt von sich aus nach der psychologischen Maßnahme; nicht nur setzt er sich ihr aus, er findet darin auch Befriedigung. Gewiss wird Einfluss auf ihn ausgeübt, wird er bearbeitet, doch er ist der perfekte unabsichtliche, unbewusste Erfüllungsgehilfe dieser Propaganda. Sie kann sich nur auf Grundlage dieses impliziten Einverständnisses, angesichts jenes Bedürfnisses nach Propaganda ausbreiten, das sich praktisch bei allen Individuen, die an der technologisierten Kultur teilhaben, wiederfindet.

Es gibt keinen böswilligen Propagandisten, der Mittel zur Beherrschung unschuldiger Bürger erschafft. Es gibt einen Bürger, der vom Grunde seines Wesens nach Propaganda ruft, und einen Propagandisten, der diesem Ruf antwortet. Es gäbe keinen Propagandisten, würden vorab keine potenziellen Propagandierten existieren. Darum ist die Feststellung wesentlich, dass Propaganda keine willentliche Schöpfung darstellt und auch nicht willkürlich von irgendeiner amtlichen Institution erzeugt wird. Sie bildet insofern ein streng soziologisches Phänomen, als sie ihre Wurzeln und ihren Grund in der Notwendigkeit der Gruppe selbst hat, die insofern Träger von Propaganda sein wird. Wir sehen uns hier also einer doppelten Notwendigkeit gegenüber, jener der Macht und jener des Propagandierten. Beide entsprechen einander und wirken gemeinsam an der Entfaltung und Entwicklung von Propaganda mit.

Der Text wurde dem Buch „Propaganda. Wie die öffentliche Meinung entsteht und geformt wird“ von Jacques Ellul. Es ist ein Standardwerk zur Propagandaforschung. Die Originalausgabe erschien 1962. Im Westend Verlag ist nun die erste deutsche Übersetzung erschienen.

Jacques Ellul (1912-1994) war in der Résistance aktiv und rettete Juden vor der Deportation. 1944-1980 war er als Professor in Bordeaux tätig und bekannter Vertreter des christlichen Anarchismus. Als Autor zahlreicher und oft aufrüttelnder Werke, gilt er heute als einer der wichtigsten französischen Philosophen des 20. Jahrhunderts.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ähnliche Artikel