Framing im Journalismus am Beispiel des Instituts für Medienverantwortung

Bild: Matt-Chesin/unsplash.com

Dieses kleine Lehrstück, wie unsere Medien sich ihr Medienbild vom Institut für Medienverantwortung schaffen und selbst auf die eigene Konstruktion hereinfallen, entstand über einige Jahre hinweg und wurde bisher nicht veröffentlicht. Die Absage der Publikation meines Interviews zu Faktenchecks, rief nicht nur die im Folgenden geschilderten Erfahrungen in Erinnerung, sondern bestätigte erneut einen Teufelskreis, den Google-Recherchen noch verstärken mögen… nämlich, wenn sich Medienmachende nicht als Gestalter erkennen, als Gatekeeper im medienwissenschaftlichen Sinne, sondern glauben, sie könnten etwas beobachten und abbilden „wie es ist“.

 

Im Sommer 2012 erhielt ich eine Anfrage zu einem Telefoninterview von Spiegel Online bezüglich eines neuen Computerspiels aus dem Iran: „Attack on Tel Aviv“. Nach einigem Hin und Her über Sinn und Zweck der Anfrage, schilderte ich meine Sicht zu dieser Art von Computerspielen, die ich nicht anders bewerte, wenn sie gegen den Iran Stimmung machen oder aus dem Iran gegen andere gerichtet sind.

Ich gab also meine Statements ab und war mit den zusammenfassenden Formulierungen des Journalisten vom Spiegel auch einverstanden und autorisierte schließlich folgende Zeilen:

Die Expertin für mediale Kriegspropaganda Sabine Schiffer zeigt sich beunruhigt. „Computerspiele wie ‚Battlefield 3′ spiegeln den Zeitgeist an Feindbildern wieder, der auch in entsprechenden Action-Filmen zum Ausdruck kommt“, erklärt die Leiterin des Erlanger Institutes für Medienverantwortung. „Ich halte diese Art von Spiele-Kult für perfide und menschenverachtend – egal von welcher Seite die Propaganda kommt“, sagt sie. Besonders problematisch seien diese Spiele, „weil sie dazu beitragen, den gesellschaftlichen Konsens gegen Gewalt zu verändern und Gewalt als eine ’normale‘ Form der gesellschaftlichen Konfliktlösung darzustellen“, erklärt sie.

Anzeige

„Gestern war der Feind des Westens ‚rot‘, heute ist er islamisch ‚grün‘ und morgen ist er vielleicht gelb“, sagt die Medienexpertin Schiffer. „Wenn nun auch der Iran perfide politische Spiele entwickelt, kann das ein Anstoß sein, die Produktion dieser menschenverachtenden Spiele generell zu problematisieren“, erklärt sie.

Anschließend wollte ich im Institut wetten, dass meine Aussagen schließlich doch nicht veröffentlicht werden würden. Aber im Kollegium fand sich niemand, der oder die dagegen halten wollte. Eine Kollegin und dann noch eine Freundin meinten unisono, dass das wohl wieder so eine Nebelkerze sei. Und so war es auch. Wie schon so oft und häufig ohne Begründung, sind in den windigen Gängen der höheren Redaktionsstuben meine Aussagen verschwunden. In diesem konkreten Fall nachzulesen seit dem 29. Juni 2012 auf Spiegel Online unter dem Titel „Computerspiele aus Iran: Feuer frei auf den Westen.

Der interviewende Kollege schien sich dafür entschuldigen zu wollen und schrieb:

„Sehr geehrte Frau Doktor Schiffer,

wie abgesprochen, möchte ich Sie über die Veröffentlichung des Artikels zu neuen iranischen Computerspielen benachrichtigen. Ein Artikel geht bis zur Veröffentlichung durch viele Hände und wird an vielen Stellen bearbeitet. Leider sind ihre Zitate nicht mehr im Artikel enthalten. Es tut mir leid, aber ich hoffe, Sie haben Verständnis dafür. Ich danke Ihnen trotzdem für Ihre Einschätzung.“

Das kennen wir im IMV schon und ist nicht das erste Mal passiert. Dies ergeht speziell mir schon seit dem Erscheinen meiner offensichtlich unbequemen Doktorarbeit im Jahre 2005 so. Damals befand eine Redakteurin der Wochenzeitung Die Zeit die Ergebnisse für wichtig und wollte mich entweder für einen Gastbeitrag oder ein Interview gewinnen. Lange hatte man auch sie hingehalten mit fadenscheinigen Argumenten, wie das Thema nicht oder jetzt nicht oder nicht so bearbeitet werden könne. Schließlich aber kam eine ganz klare Absage, die sie persönlich wohl auch erschütterte: Von „oben“ wurde verlautbart, dass „Sabine Schiffer nichts in der Zeit veröffentlichen wird“. Das waren klare Worte und das hat man schon fast gern in Zeiten von Desinformation und vermeintlicher Pressefreiheit. So klipp und klar bekommt man selten Auskunft. Die Hintergründe blieben freilich im Dunkeln.

Seither informiere ich neu interessierte KollegInnen des Wochenblattes gleich vorab, dass ich nur dann Interviews oder dergleichen Zeitaufwändiges von mir zu geben bereit bin, wenn ein Abdruck gesichert ist. Auf Nachfrage in den höheren Redaktionsstuben folgte stets die Bestätigung der alten Aussage bzw. Absage und so sparen wir uns die vergebliche Liebesmüh. Eine Ausnahme habe ich während meiner Tätigkeit im Arbeitskreis „Medien und Wirtschaft als Brücke“ der Deutschen Islamkonferenz gemacht. Aber auch von dem damals gegebenen Interview erschien nie etwas in dem genannten Blatt.

Ausblenden und Übernahmen

Anders verlief es vor einigen Jahren, als ich in der Journalistenfachzeitschrift message eine Recherche über die Hintergründe der Einstellung der Berichterstattung über die Folgen des Einsatzes von Uranmunition (in Kosovo, Irak, Afghanistan) veröffentlichen konnte. Daraufhin gab es eine Anfrage vom Bayerischen Rundfunk und Aufnahmen im Hörfunkstudio in München für eine einstündige Reportage. Diese wurde auch gesendet und der verantwortliche Redakteur, Claus Biegert, bekam anschließend von der Süddeutschen Zeitung die Möglichkeit, auf einer ganzen Seite die Ergebnisse noch einmal in Schriftform zu veröffentlichen. Ich erhielt den Text zur Autorisierung vorab und fand alles korrekt wiedergeben. Meine Arbeit wurde als Recherche des Instituts für Medienverantwortung in einem Nebensatz erwähnt. Genau dieser fehlte dann in der tatsächlich gedruckten Version. Soweit ich es übersehen konnte, war dies die einzige redaktionelle Kürzung am Text Biegerts.

Diese Ausblendetechnik könnte natürlich dem Zufall geschuldet sein. Dennoch hat sie in der Überschau System und für uns entsprechende Folgen. Nicht selten finden wir unsere Analysen in fremden Medienbeiträgen ohne uns als Quelle. Unsere Vorarbeit wird damit geleugnet.

Dies ist übrigens auch in der Wissenschaft ein bekanntes Problem. So übernehmen einige KollegInnen gerne unsere Recherchen aus dem Buch „Antisemitismus und Islamophobie“ (Schiffer/Wagner 2009) über die Agitation der Christlichen Mitte und deren Kurier in den 1990er Jahren gegen Islam und Muslime. Wir werden dabei als Quelle nicht genannt. Und diese, wie vergleichbare Übernahmen, fallen zu wenig auf, weil offensichtlich die Primärtexte nicht gelesen werden. Dieses Phänomen ist bekannt. Es wird in den Medien  kritisiert, sobald es das Wissenschaftskollegium betrifft. Selbstkritisch sind Medienvertreter dabei weniger. Betroffen sind davon vor allem Werke aus kleineren Verlagen und betreffende Internetpublikationen. Diese werden zwar oft argumentativ ausgeschlachtet, jedoch selten zitiert.

Nicht ausgeblendet, jedoch abgeblendet wurde unser Buch übrigens auch in der FAZ-Sammelrezension dreier Bücher zum Thema „Islamophobie“ von Patrick Bahners. Der Rezensent verwendet in der insgesamt guten Besprechung nicht wenige Beispiele aus unserem Buch „Antisemitismus und Islamophobie“, allerdings unter der Überschrift des Buches von Kay Sokolowsky. Als Bild wurde ebenfalls das andere Cover gewählt, so dass viele übersehen konnten, dass neben den ausführlichen Zitationen aus unserem Buch auch der Sammelband von Thorsten Schneiders besprochen wurde (in dem übrigens wiederum ein Beitrag von mir zu finden gewesen wäre – ein inzwischen viel zitierter zu islamophobem HateSpeech im Internet).

Sicher auch keine böse Absicht lag beim Online-Portal Telepolis vor, als über unsere Veranstaltung mit dem ehemaligen CIA-Mitarbeiter Ray McGovern in Berlin berichtet wurde. Aber der Effekt bleibt der gleiche. Die Nichterwähnung des Veranstalters und der Moderatorin in der ausführlichen Würdigung des Engagements McGoverns vom 9. September 2014 mit dem Titel „Warum im Empire die Sonne niemals untergeht“ hilft das reduzierte Wahrnehmungsprofil des IMV zu schärfen – während McGovern ebenso verkürzend auf seiner Website nur den „imv-speech“ ankündigte, obwohl wir insgesamt vier veranstaltende Parteien waren.

Für uns hat das Ausblenden, also Verschweigen, der Herkunft so mancher Forschungsergebnisse aus unserem Hause massive Folgen. Hier konzentrieren wir uns auf die Frage des falschen Framings, das durch Zeigen und Ausblenden entsteht – also durch mehr oder weniger gezieltes Weglassen. Denn durch die Auswahlentscheidungen der Medienmachenden, welche unserer Ergebnisse einem breiteren Publikum vorgestellt werden und welche nicht und welche als von uns kommend, formt man das Bild von unserer Arbeit.

Dieses Bild ist also erwartbar einseitig verformt und verzerrt. Es gibt allenfalls einen kleinen Ausschnitt unseres Profils wieder, und nicht viele machen sich die Mühe, mal das Themenprofil auf unserer Website Medienverantwortung.de und den beiden Blogs Medien-Meinungen und Generation Medien einzusehen oder einmal die Twitter-Accounts @IMVErlangen und @IMV_Berlin zu screenen. Deshalb werden wir nicht selten auf Migrationsthemen oder Islambilder angesprochen, so als wären wir ausschließlich auf diese Themenbereiche spezialisiert.

Anzeige

So kam tatsächlich eine Journalistin 2014 in unsere Ausstellung „Im Osten nichts Neues – alte Feindbilder, moderne Propaganda“ in den Berliner Sprechsaal anlässlich der Ukraine-Krise und fragte mich allen Ernstes, warum wir jetzt „ein anderes Thema“ bearbeiten würden. Auf Rückfrage „belehrte“ sie uns, dass das IMV doch nicht für die kritische Analyse von Ukraine- und Russlandberichterstattung bekannt sei, sondern nur für die Themen „Islam“ (sic!, nicht etwa Islamberichterstattung) und Integration und Migration zuständig sei. Soviel zum Thema Framing, fehlende Selbstreflexion von Medienmachenden und dem konstruktivistischen Potential ihrer eigenen Mediendarstellungen.

Meinungsfreiheit nur für Rassisten?

Für eine unreflektierte Widersprüchlichkeit schlechthin und dies in einer Person steht für mich Novo Argumente als prototypisches Beispiel. Ein Redakteur des Debatten-Magazins fragte auf Grund eines meiner Vortragsmanuskripte zum Thema „Islamfeindlichkeit in den Medien“ einen Beitrag an. Dieser sollte wenig aufwändig – sprich: mit wenigen Veränderungen – für eine Publikation im Print bearbeitet werden. Besonders wies er darauf hin, dass sich die Zeitschrift der Meinungsfreiheit verpflichtet fühle und ich darauf besonders achten solle. Das tat ich natürlich und war dann befremdet, als ihm einige Passagen der Medienanalyse nicht passten und er den Beitrag daraufhin mit dem Hinweis auf die „Meinungsfreiheit“ zurück wies. Das ist nicht nur kurios, sondern auch bezeichnend. Rassismuskritik fällt demnach nicht unter Meinungsfreiheit, sondern damit ist wohl eher die Freiheit der anderen gemeint, die der Rassisten, die ihre Menschenverachtung so leicht hinter diesem hehren Ziel verstecken können. Die Meinungsfreiheit der rassismuskritischen Stimmen wird jedoch selten verteidigt. Dieses konkrete Beispiel ist dafür exemplarisch. Ich lehnte die Möglichkeit, meinen Beitrag zu „überarbeiten“ und so Novo-Argumente-tauglich zu machen, ab und so blieb er ungedruckt.

Anders im Ablauf, aber ähnlich im Ergebnis, verlaufen in der Regel Castings für Talk-Shows. Völlig freihändig agieren die beauftragten Castingfirmen, wenn sie für eine Talkshow geeignete Gäste finden müssen. Natürlich richten sie sich dabei nach einer vorgegebenen Dramaturgie für Inhalt und Argumentation. Gecastet wurde ich schon oft, eingeladen auf Basis eines solchen Castings bisher zwei Mal. Einmal vom rbb zur Talk-Show „Klipp & Klar“ und das andere Mal von einem großen deutschen Sender. Letzteren möchte ich hier nicht nennen, weil es dem Redakteur, der mich einlud, bis heute peinlich ist, dass die gute Diskussion, die mit dem damaligen stellvertretenden Chefredakteur aufgezeichnet wurde, nicht ausgestrahlt wurde. Sie wurde schließlich zu einer internen Bildungsveranstaltung umdeklariert – obwohl sie die Fortsetzung einer Talkreihe sein sollte, deren erste Folge schon gesendet worden war und die die üblichen Klischees bediente.

Ganz offensichtlich wird lieber auf die immer gleichen Talkingheads gesetzt, die man einschätzen kann und die eine gewisse  Rollenerfüllungsgarantie mitbringen. Denn darum geht es meistens im Talk: Zumindest die reichweitenstarken TV-Formate sollen ja nicht unbedingt zur Klärung von Sachverhalten führen, sondern möglichst endlos weitergehen, wie ich im Buch Medienanalyse ausführe. The Show must go on!

Um hier keinen einseitigen Eindruck zu erwecken, es gibt auch sachorientierte Talk-Formate, bei denen ich für das IMV zu Wort komme, wie hier im RBB Inforadio  oder in Form eines Interviews im BR. Aber die auch unter Journalisten bevorzugte Suchmaschine Google zeigt diese Quellen nicht präferiert an und so mancher Google-User fällt auf die Behauptung von „optimierter“ Suchanzeige und „Relevanz“ herein und erkennt dahinter nicht die eigenen Auswahl-Algorithmen – ein Google-Profil zu analysieren, erfordert noch einmal eine ganz eigene Medienkompetenz; so findet man zur bereits erwähnten Ukraineberichterstattung die Aufklärungsberichterstattung, die meist nach den ersten Aufregern einsetzt, kaum wieder.

Dies sind nur wenige Beispiele von vielen, wie ein mediengemachter Eindruck das Gesamtbild verzerrend wiedergeben kann. Das gilt immer und nicht nur in eigener Sache. Das zu durchschauen, müsste unbedingt Teil der Medienbildung an Schulen sein. Eine systematische Medienbildung, die die Konstruktion von Eindrücken und die Reflexion von Framing als Teil von Meinungsbildungsprozessen kritisch in den Blick nimmt, ist ein Muss in einer Demokratie – und der Journalistenausbildung täte sie auch nicht schlecht.

1 Kommentar zu Framing im Journalismus am Beispiel des Instituts für Medienverantwortung

  • „Medienmachende“

    Wieso übernehmen Sie deren verhunzte Sprache ?

    Antwort

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.