Meinungsfreiheit und Medienbildung

Bild: AbsoluteVision/unsplash.com

Die Kuriositätensammlung über ausgeblendete Inhalte aus dem IMV geht weiter, das Lehrstück auch – hier nun mit dem Blick auf das weitestgehend ausgeblendete Herzensthema des Instituts: Medienbildung – für Lehrkräfte und Schüler natürlich, aber auch für Journalisten.

Dass Journalisten unsere Fortbildungsangebote als Angriffe auf sich persönlich nehmen, ist ein Problem. Dabei sehen wir die Einladung zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Tun als Chance in zwei Richtungen: Selbstreflexion ist immer wichtig, für Journalismus und Wissenschaft gleichermaßen, der Politik würde es auch nicht schaden. Bei solchen Formaten, wo die eigenen Entscheidungen besprochen werden, erlebt das interessierte Publikum, dass Medien keine Blackbox sind und wie der jeweilige Eindruck einer immer viel komplexeren Sachlage entsteht. Das arbeitet Verschwörungsmythen entgegen, und insofern wäre hier ein wichtiger medien-bildungspolitischer Auftrag zu erfüllen – auch wenn man den früher nicht als genuine Aufgabe des Journalismus begriffen hat.

Kürzlich haben wir zu einem Online-Talk über den Schutz für sogenannte Ortskräfte eingeladen. Auslöser waren die unverpixelt gezeigten Fotos von Gefährdeten in Afghanistan, die teilweise selbst um Veröffentlichung gebeten hatten, weil sie vermutlich glaubten, dass man ihnen dann helfen würde. Hierüber kann man diskutieren, was medienethisch vertretbar oder geboten wäre. Auf unsere Einladung hin bekundete der Presserat Interesse, aber bisher wurde noch kein konkreter Teilnehmer benannt. Ein angefragter Chefredakteur ließ sofort aus Termingründen absagen – auch für einen möglicherweise erst im Herbst stattfindenden Termin. Eine direkte Zusage gab es vonseiten der Wissenschaft. Aber was sollen wir in Sachen Medienethik, Transparenz und Handlungsoptionen ausrichten, wenn es nicht „für Medien, durch Medien, mit Medien“ geschieht und damit Öffentlichkeit im eigenen Umfeld hergestellt wird?

Offensichtlich fehlt es an Problembewusstsein oder man hat schlicht Angst, wenn es eine kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Tun gibt. Dabei übersieht man, dass es immer besser ist, wenn die Blattkritik im eigenen Hause stattfindet. Warum also nicht transparent? Und in einzelnen Themenblöcken, die dem Publikum die teils schwierigen Entscheidungsprozesse vermitteln? Und ganz aktuell, wo es um Leben und Tod in Afghanistan geht – zumal ja Informantenschutz eine wichtige Aufgabe ist, die langsfristig das journalistische Arbeiten überhaupt erst ermöglicht – übrigens der einzige Grund, wo es Ausnahmen von Transparenzverpflichtungen zur Quellenlage und Arbeitsweise geben darf und muss. Wie viele Fehler hierbei gemacht werden, zeigt der Journalist Peter Welchering in seinem überaus lesenswerten Aufsatz “Bilder im Netz gefährden Ortskräfte und Journalisten” in “Menschen Machen Medien”, einem Medium der Gewerkschaft Verdi; er wäre auch bereit gewesen an einem entsprechenden Talk teilzunehmen.

Anzeige

Es ist natürlich nicht die genuine Aufgabe von Medien, Medienbildung zu betreiben. Das gehört in ein Schulfach Medienbildung – und zwar eines, das dem aufklärerischen Inhalt und nicht der IT-Branche verpflichtet ist. Unsere Pressemitteilungen hierzu gehören nicht zu den bevorzugt abgedruckten Texten in den meisten Medien. Wir geben ja nicht übermäßig viele heraus, aber das Thema Medienbildung ist in den letzten Jahren dominant. Haben Sie davon in Ihrem Medium Notiz nehmen können? Wie bereits hier  beschrieben, wird das Bild des IMV durch andere Themen dominiert, dieses weitestend ausgeblendet.

Eine verhinderte Debatte

Eine verfeinerte Nuance des Ausblendens stellt die Erfahrung mit dem Online-Portal Zweiwochendienst (ZWD) dar, der sich als Bildungsmedium geriert. Angefragt wurde ich für  eine Stellungnahme zum Zwischenbericht der Bundestags-Enquête-Kommission „Internet und digitale Chancen” vom 21.10.2011, der am 20.01.2012 im Bundestag vorgestellt wurde.  Der Text meiner Analyse ist auf der Website des IMV  in seiner Kürze nachzulesen. Das ausführliche Gutachten enthält viel Unbequemeres, weil es nachweist, dass die Kommission teilweise Werbetexte der Firma Microsoft nicht erkannt hat und diese als medienpädagogische Konzepte übernahm.

Die kurze Stellungnahme für den ZWD – der die Dominanz von Ausrüstungsfragen mit Technik bei gleichzeitig fehlenden medienpädagogischen Konzepten kritisiert – wurde zunächst in der Redaktion so verunstaltet und zudem einer zwischenzeitlich eingeholten Stellungnahme eines mitverantwortlichen Politikers der Kommission gegenüber gestellt, dass von meinen Kernaussagen nichts mehr übrig blieb. Ich zog meinen Beitrag zurück und war bereit, auf die Publikation zu verzichten. Daraufhin schaltete sich der Chefredakteur ein und schlug vor, dass man meinen Beitrag – so wie eingereicht – als Auftakt einer Debatte verwenden und dann die medienpolitischen Vertreter aller politischen Parteien zu einer Stellungnahme bitten würde. Auf diese Stellungnahme sollte ich dann abschließend noch einmal reagieren. Es sollte also eine richtige Debatte werden, dachte ich naiv optimistisch. Daher sagte ich zu.

Mein Beitrag erschien im März 2012. Wenig später traf ich auf einer anderen Veranstaltung eine solche medienpolitische Sprecherin einer großen Partei. Sie war erstaunt von dem Vorgang zu erfahren, von der ganzen Angelegenheit wusste sie nichts. Darüber hinaus wurde mir in Kopie ein Leserbrief zugesendet, der meine Analyse bestätigte und konkrete Erfahrungen in dem Bereich enthielt. Dieser wurde nicht veröffentlicht und damit war die Debatte endgültig beendet. Nach Wochen erhielt ich auf Nachfrage keine Erklärung für die Nichtfortsetzung der „Debatte“. Aus PR-Sicht ist es auf jeden Fall eine kluge Taktik, eine unliebsame Thematik totzuschweigen, anstatt sie in einer kontroversen Debatte auszubreiten und die Menschen zum Mitdenken anzuregen. So blieben die Lobbyisten in der Kommission, die ich kritisiert hatte, vor allem eins: unbekannt.

Die Aufgabe der Medien wäre natürlich genau das Gegenteil! Aber unsere Ansprüche prallen an einer Wirtschaftsunternehmensstruktur ab, die eigenen Regeln folgt und nicht dem Gemeinwohl verpflichtet ist – allen Idealisierungen zum Trotz. Hier berufe ich mich gerne auf Eckart Spoo, der in einem Bonmot das ganze Dilemma zusammen fasste: „Keine Demokratie, ohne die Demokratisierung der Medien!“

An dieser Stelle ergeht mein ausdrücklicher Dank an diejenigen Medienvertreter, die meine Ausführungen und unsere Arbeit nicht zensierten. Es ist dann auch nichts Schlimmes passiert, sondern bot stets – auch für unsere Arbeit – befruchtende Kommunikation; ganz im Sinne des Beutelsbacher Konsenses. Wir setzen derweil auf Medienkompetenz, auch bei Journalisten, die mich und das IMV recherchieren und dabei zum Beispiel erkennen könnten, dass so manches Interview älter ist, als sein Hochladezeitpunkt. Und dass natürlich nicht alles einen medialen Niederschlag gefunden hat, auch wenn es stattgefunden hat.

Obwohl das IMV zu Themen wie Vierte und Fünfte Gewalt (= PR und Lobbyismus), Energiepreise und Umwelt, Sexismus und Antisemitismus, ganz prominent zu den vielen Mitteln der Kriegspropaganda, sowie Sprach- und Medienbildungsfragen forscht und publiziert (zumeist im Internet und auf unserer eigenen Website), werden wir nach wie vor vorwiegend zu folgendem Themenkomplex angefragt: Islambild, Integrationsfragen, Migration und HateSpeech.

Hier schließt sich der Kreis dieser kleinen Beitragsserie und des medialen Framings von Personen und Institutionen, der mit dem Beitrag über das unterdrückte Interview  aus Angst vor „Reputationsverlust“ begann. Unser Institutsmotto muss darum heute als weitestgehend gescheitert angesehen werden – wir halten dennoch daran fest: Verantwortung durch Medien, für Medien, mit Medien. Einfach, weil es notwendig ist.

Diese Schilderungen aus den gesammelten Erfahrungen im IMV, die hier noch lange nicht vollständig wiedergegeben wurden, bilden keine Ausnahme. Vielleicht fühlen sich an dieser Stelle andere mit ähnlichen Erlebnissen und Beobachtungen berufen, uns und der Öffentlichkeit diese Erlebnisse zu schildern. Gerne bereiten wir sie an dieser Stelle für die Lesenden auf und stellen sie als Beispiele für die täglichen mehr oder weniger großen Konstruktionsleistungen medialer Auswahlprozesse und Darstellungstraditionen vor. Das wäre ein guter Anfang für eine echte Medienbildung, die sich nicht mit „Computerspielepädagogik“ zufrieden gibt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ähnliche Artikel