Stadtflucht: Mehr Amerikaner wollen auf dem Land leben

Bild: Pxhere.com/CC0

Covid-19 hat den Trend verstärkt, sich auch ein Leben auf dem Land oder in einer Kleinstadt vorstellen zu können, vor allem bei Männern und Konservativen.

Covid-19 hat das Leben und die Politik massiv verändert, egal ob man die Maßnahmen gerechtfertigt sieht oder dahinter irgendwelche düsteren Pläne vermutet. Zunehmend verbannt in die eigene Wohnung in den Städten, in die für viele mit dem home office auch die Arbeit eingezogen ist, träumen offenbar viele davon, sich auch andere Orte als eine Stadt zum Wohnen und Leben vorstellen zu können. Die Entwicklung hat schon vor der Corona-Pandemie eingesetzt, die sie aber verstärkt hat.

„Waren bis vor wenigen Jahren die Großstädte das bevorzugte Ziel der Binnenwanderung, so werden mittlerweile die Umlandgemeinden immer beliebter. Die neue Phase der Suburbanisierung ist unter anderem auf den Anstieg der Mieten und Immobilienpreise in den Großstädten zurückzuführen.“ Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung, 2. 12. 2020

Wenn man nicht mehr in räumlicher Nähe zum Arbeitsplatz wohnen und dafür hohe Mieten oder Immobilienpreise zahlen muss, um nicht zu viel Lebenszeit durch Pendeln zu vertrödeln, wird mit der neuen digitalen Heimarbeit für Massen auch möglich, in billigere Wohnungen oder Häuser auf dem Land oder in Kleinstädten zu ziehen. Möglicherweise verzichtet man dann auch auf die urbanen Kultur- und Freizeitangebote, die teilweise nur den Stress kompensiert haben, zumal man sich mit der Corona-bedingten Digitalisierung weiter daran gewohnt, vieles auch virtuell zu machen. Das wird auch Schulen und Universitäten weiter virtualisieren, auch hier wird man mehr aus Ferne sich ausbilden können und nur gelegentlich mal vor Ort zu erscheinen.

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Wenn die Büros schrumpfen, die Bürogebäude leerer werden, die Menschen auch bei Lebensmitteln auf Teleshopping umsteigen und mit den Studenten ein Teil des Lebens aus den Städten verschwinden, werden sich die Städte wie schon den in 1970- und 1980er Jahren verändern, als die Innenstädte verödeten und die Menschen in die Speckgürtel zogen.

Drang auf das Land

Dieser mögliche Trend der Enturbanisierung, der auch die Vorstädte einschließt, könnte hinter dem Ergebnis einer aktuellen Gallup-Umfrage in den USA stehen. 48 Prozent der Befragten sagen, sie würden, wenn sie könnten,  lieber auf dem Land (31%) oder in einer Kleinstadt (17%) leben als in einer Stadt oder Vorstadt, 2018 waren 39 Prozent dieser Meinung. Interessant ist, dass dieser Wunsch bei den Republikanern stärker ausgeprägt ist. Für 66 Prozent ist das ihr Wunsch, 13 Prozent mehr als bei einer Umfrage vor zwei Jahren. Von den Demokraten sagen dies nur 33 Prozent. Bei den „Unabhängigen“, die sich weder als republikanisch oder als demokratisch bezeichnen, ist es etwa die Hälfte.

Der Konservatismus, der zum Rechtsnationalen neigt und die Heimat mitsamt der Tradition verteidigt,  ist ebenso in Deutschland wie in den USA stärker auf dem Land ausgeprägt. Vorstellbar wäre, dass vor allem die Konservativen und Rechten aus den Städten fliehen, wodurch die Kluft zwischen den Städten und Land sich weiter verschärfen könnte.

Ähnlich wie nach 9/11

Nach Gallup sind die Umfrageergebnisse ähnlich wie kurz nach 9/11. Damals galten Großstädte mit ihren dicht bevölkerten Räumen als besonders gefährdet durch Terroranschläge. Jetzt sind Städte, in denen Menschen dicht zusammenleben, besonders gefährdete Orte der Ansteckung. Im Oktober 2001 sagten 47 Prozent der Befragten, sie würden lieber auf dem Land oder in einer Kleinstadt leben. Daraus ist aber kein Trend geworden, sondern umgekehrt sind viele Städte trotz digitaler Vernetzung weiter gewachsen und sind die Wirtschaftsmotoren geblieben. Das könnte jetzt aber anders sein, auch wenn die Bedrohung durch Covid-19 bald verschwinden wird, weil die Menschen die Vorteile der Digitalisierung entdeckt haben – und nicht nur die Menschen, sondern auch die Unternehmen, Organisationen und Behörden, um Ausgaben einzusparen.

Männer eher als Frauen

Nicht ganz klar ist, warum 52 Prozent der Männer und nur 44 Prozent der Frauen lieber auf dem Land leben wollen. Könnte es sein, dass die Männer vielleicht froh wären, dem Zwang des Wohnens in der Nähe des Arbeitsplatzes im Betrieb entkommen zu können? Vielleicht kommen sie besser mit der Digitalisierung, also Fernkontakten, zurecht? Vielleicht wähnen sie sich in ihrer Geschlechterrolle auch auf dem Land besser gesichert als in der Stadt?

Wenn nicht nur Männer, sondern auch Weiße, Ältere über 55 Jahre, Republikaner und Bewohner des Mittleren Westen  lieber auf dem Land wohnen wollen, dann wird der Charakter dieser Sehnsucht als konservativ klar. Nichtweiße, junge Menschen, Demokraten und Bewohner des Westens der USA sind hingegen eher den Städten zugeneigt.

Nur noch 27 Prozent würden, wenn sie sich frei entscheiden könnten, eine große oder kleine Stadt vorziehen, am ehesten die Demokraten und mehr Frauen als Männer. Und 25 Prozent würden am liebsten im Gürtel einer Groß- oder Kleinstadt wohnen, also die Innenstadt vermeiden.

Schaut man sich die Gallup-Umfrage an, so wird auffällig, dass von 2001 bis 2018 der Wunsch, in einer Stadt zu leben, leicht angestiegen ist, während die Landlust abgenommen hat. 2018 hat es aber offenbar einen Einschnitt gegeben, der mit Covid-19 nichts zu tun hat. Man könnte annehmen, dass die Unwirtlichkeit der Städte mit dem Trend, dass das Leben in ihnen immer teurer und die Gentrifizierung immer massiver wurde, bereits einen Umschwung in Gang setzte, der durch die Pandemie nur verstärkt wurde. Allerdings geht es nur um Wünsche, nicht um die Wirklichkeit, wobei die amerikanischen Großstädte tatsächlich in letzter Zeit an Bevölkerung verloren haben (Stadt-Land-Kluft).

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