Tätschel, tätschel oder Trittbrettfahren adios!

Bild: Ludovic Bertron/CC BY-2.0

 

Ein Freund, der sich für die Richtigkeit nachfolgender Begebenheit verbürgt, war vor gut zehn Jahren zugegen, als Uli Hoeneß, Manager des nicht ganz unbedeutenden FC Bayern München und damalig unangefochten Nummer Eins aller Fußballmanager, in einem kleinen Kreis folgendes von sich gab:

Hoeneß: Der X stand in meinem Büro (X war eine Größe der Münchner Society, früher hätte man Schickeria gesagt. Anm.d.R.)) und sagte mir, dass der Spieler Y öfter in einer schwulen Disko gesehen worden sei. Daraufhin habe ich mir den Y ins Büro geholt und ihn gefragt: Sag‘ mal, bist du schwul? Y antwortete: „Wer? Ich? Nein.“

Damit sei die Sache auch begraben worden. Y sei fortan nicht mehr in den einschlägigen Etablissements gesehen worden. Aufgabe gelöst: Als Manager eines Ballsportvereines hat man eben ganz verschiedene Betreuungspflichten. Die Spieler sollen ja ihre Leistung abliefern, auf dem Platz wohlgemerkt, und sich davon nicht ablenken und nervös machen lassen, falls sie in der Boulevardpresse ihr Privatleben ausgebreitet sehen.

Und aus dem Innersten eines anderen Erstligavereines gibt ein anderer ebenfalls hochvertrauenswürdiger Freund dieses hier zum Besten: Beim Bau des neuen Stadions seien seinerzeit spezielle Räume eingerichtet worden, um einigen Spielern Treffen mit, nun ja, Freunden zu ermöglichen. Diese Info kam aus dem Allerinnersten der Vereinsführung. Die Räume seien so konzipiert, dass es nicht möglich sei, vor allem für Pressevertreter, die auch zum Inneren des Stadions Zugang hätten, aber auch für sonstige Neugierige und nicht dem innersten Zirkel des Managements Zugehörende, einzusehen, wer sich wann mit wem dort trifft, sprich, die Vereinsverantwortlichen sorgten sich um ihre Spieler und halfen ihnen gelegentlich dabei, sich in Ruhe sexuellem Austausch hinzugeben. Ist ja nicht verkehrt, aber sind wir nun 2021 immer noch beim Versteckspielen trotz grassierender Toleranz?

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Und nun die Regenbogenflagge, mit der „ein Zeichen“ durch und während der EM gesetzt werden soll. Welches eigentlich? Sollen Einsatzwagen der Polizei, die inzwischen mit den Regenbogenfarben dekoriert sind, signalisieren: „Hier bist, du, schwuler Mann, sicher. Die Polizei steht dir bei und lässt nicht zu, dass du diskriminiert wirst?“ Oder beantworten Spieler auf einmal die Frage, was sie denn nach der EM machen, damit: Ich fahre erst einmal mit meinem Freund in Urlaub? Statt „mit meiner Familie“, auch wenn es die gar nicht gibt?

Also, ich glaube, bei der Polizei gibt es genauso viele Idioten, wie bei einer Gärtnerei oder einem Chemiekonzern. Und ganz sicher auch im (Um-)Feld des Fußballs. Warum sollte es gerade bei den Genannten anders sein? Da nützt auch die Regenbogenfahne nichts. Ich durfte das mal wieder kürzlich hier in der Frankfurter Innenstadt hautnah erleben, wie menschenverachtend es zugehen kann bei unserem Freund und Helfer, der, das soll hier aber unbedingt gesagt werden, überwiegend tatsächlich FreundIn ist und hilft.

Wer muss eigentlich wann gegen wen und was geschützt werden? Der Spieler Y vor Hoeneß, der ihn „kommen lässt“, um ihm eine intime Frage zu stellen, deren Antwort Hoeneß gar nichts angeht? Ein Spieler, der einige Millionen Euro im Jahr verdient und in Saus und Braus lebt? Ich muss gestehen, meine Anteilnahme hält sich in Grenzen. Und, bitteschön, was ist denn mit den anderen Diskobesuchern? Heute sagt man natürlich Club. Was ist mit den Clubbesucherinnen, die keine Promis sind? Wurden die auch von ihren Chefinnen zur Stellungnahme ins Chefinnenbüro gebeten, weil sie vielleicht von einer Kollegin gesehen wurden, die das Gesehene an deren Chefin weitergibt? Wir wissen es nicht.

Ein paar gescheite Köpfe, die es ja auch im Fußball gibt, orakelten vor dem Outing (auf diesen Begriff kommen wir noch zurück) des ehemaligen Nationalspielers Thomas Hitzelsberger, dass sich etliche Spieler anschließen würden, wenn nur der erste Spieler vorangegangen sei und sich zu seinen Präferenzen bekenne. Das ist ja nun passiert, vor bald zehn Jahren, aber wo sind sie nun, die anderen männerliebenden Spieler im Profifußball? Gibt es sie gar nicht? Wo nix Outing, da auch nix schwul? Jetzt wäre doch eine einmalige Gelegenheit, da praktisch ganz Europa mit Regenbogenfahnen und Toleranzbekundungen überschwemmt wird.

Und diese toleranten Herrschaften, Spieler, Funktionäre, Journalisten, trittbrettfahrende Politiker, wollen nun ein Zeichen setzen. Welches das auch immer sein mag, diese Brut setzt für mich kein Zeichen – und ich glaube auch herzlich wenig für vermutlich im Gegensatz zu mir nur gering privilegierte Männer, die sich einen Partner wünschen, einen Partner haben, und auch nicht für junge Menschen, die noch mit ihrer Identität ringen. Bitte mal genau erklären, was das Zeichensetzen bewirkt oder bewirken soll. Bitte erklären, aber ohne Allgemeinplätze.

Größer kann der Gratismut und damit die Heuchelei der Zeichensetzer gar nicht sein. Zeichen, ja, für sich, für die eigene Toleranz. Genau das: Seht her, wir suhlen uns in der eigenen Toleranz. Gut, geschadet wird damit Homosexuellen nicht. Viel wichtiger, weil politisch wesentlich bedeutender, aber: Hier wird der Versuch unternommen, das hauptsächlich von Medien und Politik ausgesendete Grundmuster „Wir sind die Guten“ zu verfestigen. „Wir begehen Schweinereien, ständig, große, kleine, vor allem nichtthematisierte, aber: wir sind die Guten, unter anderem, weil wir tolerant sind. Seht her!“

Damit stoßen wir allerdings auf ein Problem, das leider auch von Seiten Nicht-Heterosexueller bislang überwiegend kaum beachtet wird. Das sichtbare Zeichensetzen, also beispielsweise auch die sommerlich stattfindenden CSDs, birgt immer auch die selber geschaffene Ausgrenzung, da man ja das Anderssein feiert, das Anderssein, das es tatsächlich gibt, aber das man ja gesellschaftlich gerade nicht beachtet haben will.

Unter uns, so superanders ist es auch nicht und es hat auch sonst eigentlich keine besondere gesellschaftskritische Relevanz. Oder glaubt irgendjemand, ein schwuler Oberbürgermeister würde prinzipiell bessere Politik machen als sein/e diverse KollegIn? Wie man ganz aktuell mit Blick auf die derzeitige Bunderegierung sehen kann, ist dies sicher nicht der Fall. Mit anderen Worten: Toleranz kann allenfalls ein kurzer Anfang sein und muss schließlich in Akzeptanz übergehen. Welcher Mensch und welche Menschin will denn toleriert werden? Von „oben“ getätschelt? „Ich toleriere dich.“ Na, super.

Es kann statt um Toleranz nur um Akzeptanz gehen und Akzeptanz bringt immanent mit sich, dass man schlussendlich über das Akzeptierte nicht weiter nachdenkt. Auf beiden Seiten nicht. Deswegen ist das Outing insofern problematisch, weil es das, was eigentlich kein Thema ist und sein soll, thematisiert. Menschen, jünger oder älter, die ihre Sexualität leben wollen und sich darin zu finden beginnen, kann das Outing gerader Prominenter helfen, bei Dritten auf Verständnis gewisser Probleme zu stoßen. Man kann es aber drehen und wenden, wie mal will, Zeichensetzen allein nützt nichts. Es muss gelebt werden, das „nicht weiter Nachdenken über die Sexualität anderer“. Die Akzeptanz eben.

Zum Umgang mit dem Regenbogenmotiv hätte ich noch einen Vorschlag. Ähnlich wie sonst beim Verwenden von Bildmotiven, die man bei weltweit agierenden Agenturen einkaufen muss, zahlen alle Unternehmen, Behörden und Verbände, die den Regenbogen verwenden, einen Betrag von, sagen wir, 10 Euro pro Mitarbeiter (BMW hatte 2020 rund 120.000 Mitarbeiter) und Tag der Nutzung, an regionale oder nationalen Initiativen, die sich um eben die Akzeptanz von nicht-heterosexuellen Identitäten kümmern. Einmal im Jahr einen Bericht über die Verwendung der Lizenzgelder – fertig. Trittbrettfahren adios!

In der Bundesligasaison 2000/2001 zeichnete sich gegen Ende der Spielzeit ein Duell zwischen Bayern München und Schalke 04, dem späteren Meister der Herzen, ab. Am drittletzten Spieltag köpfte Roque Santa Cruz kurz vor Spielende bei Bayer Leverkusen die Bayern zum 0:1-Sieg, die damit im Rennen blieben und dann doch noch Meister wurden. Sagen wir so, das Tor eröffnete Räume, es blieb bis zuletzt spannend. Wie im richtigen Leben.

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