tagesschau.de kämpft um die Deutungshoheit bei Covid-19 und Vitamin D

Bild: pxhere.com/CC0

Ein Artikel auf Tagesschau.de wurde gelöscht, weil er nach einem Bericht des Bundesinstituts für Risikobewertung erklärte, Vitamin D könnte bei Covid-19 nützlich sein. Das scheint nicht als Möglichkeit gesagt werden zu dürfen.

 

Die tagesschau hatte am 15. Mai einen Bericht unter dem Titel „Vitamin D könnte bei Covid-19 doch nützlich sein“ veröffentlicht. In der Einleitung hieß es: „Hilft Vitamin D bei Corona? Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hatte diese Frage stets verneint. Doch nun macht die Behörde eine vorsichtige, aber bemerkenswerte Kehrtwende.“ Kurz darauf wurde der Bericht gelöscht und am 17. Mai unter dem Link eine „Richtigstellung“ veröffentlicht: „Doch keine Kehrtwende des BfR“. In der Richtigstellung wird dann ein Faktenfinder vom Februar  mit deutlichem Zeigefinger verlinkt: „Desinformation zu Corona: Vitamin D schützt nicht vor Covid-19-Erkrankung“.

Man darf vermuten, dass es im Hintergrund in der Redaktion erheblichen Streit gegeben haben dürfte, der dann dazu führte, dass ein Bericht, der eine mögliche Wirkung von Vitamin D auf Covid-19 vorsichtig mit dem Rückgriff auf die Mitteilung des BfR erwähnte, nicht mehr vertretbar erschien, hatte man das doch als Desinformation bezeichnet, womit man allerdings wissenschaftliche Fragestellungen und Hypothesen auch als Desinformation verbannen will.

Schon länger gibt es Vermutungen und auch Studien darüber, dass ein ausreichender Vitamin D-Spiegel, den in Europa viele Menschen und gerade ältere Menschen nicht haben, vor schweren Covid-19-Erkrankungen einen gewissen Schutz bieten könnte. Vitamin D ist bekanntlich und nicht umstritten erforderlich für ein normal funktionierendes Immunsystem. Bei unzureichender Vitamin D-Versorgung gibt es ein erhöhtes Risiko für akute Atemwegsinfekte. Das erklärte das BfR mit aller Vorsicht. Bis auf die Kehrtwende blieb auch der tagesschau-Bericht zurückhaltend. Eigentlich gab es keinen Anlass den Bericht zu löschen, der sowieso im Internet weiter existiert, es hätte ausgereicht, ihn zu ergänzen, dass das BfR sagt, keine Kehrtwende vollzogen zu haben.  Das Bundesinstitut hat schließlich den Ausgangstext auch nicht gelöscht.

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In dem tagesschau-Bericht schreibt Bernd Reiser vom NDR vorsichtig: „Es gibt Hinweise darauf, dass ein unzureichender Vitamin D-Serumspiegel mit einem erhöhten Risiko für akute Atemwegsinfekte einhergeht. Dazu gehört auch die Covid-19-Erkrankung“, heißt es in der Mitteilung 015/2021 des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) vom 14. Mai. Zuvor hatte das Institut monatelang einen solchen Zusammenhang bestritten. Vielleicht ergänzt das BfR deshalb, „…für die die Datenlage aktuell noch unsicher ist.“ Andere Wissenschaftler sehen das deutlich anders. Dennoch ist die Kehrtwende zwar zögerlich, aber doch bemerkenswert.

Das BfR selbst hat zu dem Bericht keine Stellungnahme veröffentlicht, aber offensichtlich der tagesschau gegenüber erklärt, „dass diese Interpretation falsch ist“, gemeint ist wohl „die zögerliche, aber bemerkenswerte Kehrtwende“.

„In der zitierten Mitteilung habe das BfR darauf hingewiesen, dass es mit einer unzureichenden Vitamin-D-Versorgung ein erhöhtes Risiko für Atemwegsinfekte wie Covid-19 gebe. Bisher wurde jedoch nicht gezeigt, dass die Einnahme von Vitamin D über den ernährungsphysiologischen Bedarf hinaus mit zusätzlichen Gesundheitseffekten einhergehe. Daher sehe das BfR auf Basis der gegenwärtigen Studienlage weiterhin keinen Anlass, der gesunden Allgemeinbevölkerung die generelle Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln mit Vitamin D zu empfehlen.“ (tagesschau)

Was die tagesschau aber dann im Übereifer vergisst zu erwähnen, dass das BfR zwar eine „generelle Empfehlung“ für eine zusätzliche Aufnahme für Vitamin D nicht ausspricht, aber dies durchaus für Risikogruppen für eine unzureichende Vitamin D-Versorgung empfiehlt: Menschen, die sich kaum draußen aufhalten oder ihren Körper gänzlich bedecken, Menschen mit dunkler Hautfarbe und vor allem ältere Menschen, besonders in Pflegeheimen: „Für diese Risikogruppe sollte daher eine generelle Supplementierung mit Vitamin D bis zu 20 Mikrogramm pro Tag erwogen werden.“ Bekannt und belegt ist, dass alte Menschen, vor allem in Pflegeheimen, vor der Impfung zur höchsten Risikogruppe gehörten.

Die tagesschau-Redaktion thematisiert zuerst die „Gefahr der Überdosis bei Selbstmedikation“ und weist auf eine Erklärung der Fachgruppe Intensivmedizin, Infektiologie und Notfallmedizin (COVRIIN) hin, nach der (noch) „keine Kausalität des Vitamin-D-Mangels bei schweren Covid-Erkrankungen erwiesen“ sei. Das schließt allerdings eine präventive Einnahme nicht aus, wenn man sich an die Dosierungs-Empfehlung des BfR hält. Die Mitteilung des BfR wird nicht einmal verlinkt.

Ganz zum Schluss wird dann noch einmal eine Kehrtwende vollzogen. Von den vom BfR aufgeführten Risikogruppen werden auch nur die alten Menschen „in geriatrischen Krankenhäusern und Pflegeheimen“ herausgegriffen – ein überaus selektive und einseitige Darstellung -, nur bei diesen könne laut BfR „eine generelle Vitamin-D-Einnahme von bis zu 20 Mikrogramm pro Tag erwogen werden“.

Was für seltsame Verrenkungen, um eine Weltsicht zu festigen, in der Überlegungen und wissenschaftliche Fragestellungen zu einem, wenn richtig dosierten, harmlosen und vor allem billigen Vitamin aus der Diskussion verbannt werden sollen. Dabei werden selbst Informationen einer Bundesbehörde, über die man angeblich berichten will, verzerrt. Sicher, der Titel des Berichts über eine „Kehrtwende“ des Instituts war übertrieben – aber das hätte man auch als Nachtrag zum Bericht richtigstellen können, ohne zur Zensur zu greifen. Ist das auch Cancel Cultur? Man hat jedenfalls den Eindruck, dass die überzogene Aktion dafür spricht, dass in der Redaktion Panik herrscht, die korrekte Meinung zu verfehlen, anstatt selbstkritisch und transparent zu handeln.

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