Was sind „Verschwörungstheorien“?

Bild: Wally Gobertz/CC BY-NC-ND-2.0

Wie der Begriff verwendet wird und warum die Frage nach der Bedeutung eine falsche Frage ist – von Ansger Schneider und Klaus-Dieter Kolenda

Am 11. September 2001 fanden etwa 3.000 Menschen bei Terroranschlägen im Osten der USA den Tod, was den immerwährenden Krieg gegen den Terror begründete. Eine sachgerechte und rechtsstaatliche Untersuchung der Anschläge wird von den amerikanischen Behörden jedoch seit 20 Jahren verweigert und von den Leitmedien nicht eingefordert. Stattdessen werden Kritiker der offiziellen Behauptungen von 9/11 als „Verschwörungstheoretiker“ diffamiert und ausgegrenzt. Ein Auszug aus dem Buch „Generation 9/11 – Die verhinderte Aufklärung des 11. Septembers im Zeitalter der Desinformation“ von Ansgar Schneider (AS) und Klaus-Dieter Kolenda (KDK) mit freundlicher Genehmigung des Fifty-Fifty-Verlages, Frankfurt/Main.

KDK: Das Wort „Verschwörungstheorie“ […] begegnet einem heute oft in den Medien.

 

AS: Das Wort ist das, was man eine intellektuelle Nebelkerze nennen könnte. Man zündet sie und Zusammenhänge, Fragen, Antworten und kritische Gedanken verschwinden hinter einer undurchsichtigen Suppe aus ankonditionierten Assoziationen und reflexhafter Entrüstung.

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KDK: Was bedeutet das Wort „Verschwörungstheorie“ denn genau? Oder wie verstehen oder interpretieren Sie es?

 

AS: Eine inhaltlich sinnvolle, erkenntnistheoretische Bedeutung hat es nicht, aber ich kann die Frage deskriptiv beantworten: Man kann rein beschreibend auflisten, was für Aussagen in den Leitmedien mit dem Wort bezeichnet werden, und daran analysieren, welche Botschaft darin codiert liegt.

Fangen wir mal mit einem Beispiel der Süddeutschen Zeitung an. Sie benennt im Jahr 2011 unter dem Titel „9/11, Aliens und Elvis – Unsterblich verschworen“ zehn „Verschwörungstheorien, die sich hartnäckig halten“:

  • „Die wahren Drahtzieher des 11. September“ seien „die Bush-Regierung“, „die CIA“ oder „die Juden“.
  • „‚Barack Obama ist kein Bürger der USA'“
  • „‚Die jüdische Weltverschwörung'“
  • „JFKs wahre Mörder“
  • „‚Die gefälschte Mondlandung'“
  • „Illuminaten, Freimaurer und die neue Weltordnung“
  • „‚Das HI-Virus wurde in US-Biowaffenlabors entwickelt'“
  • „Außerirdische [sind in] Area 51“
  • „Bill Gates ist der Teufel“
  • „Lady Di wurde ermordet, Elvis [Presley] lebt, Paul [McCartney] ist tot.“

 

Ein anderes Beispiel gibt die Bundeszentrale für politische Bildung. Sie definiert 2015 folgende Aussagen als „Verschwörungstheorien“:

 

  • „Der Holocaust hat nie stattgefunden“.
  • „Rudolf Heß [hat] sich nicht selbst umgebracht. Er wurde ermordet.“
  • „Die Elite der Nazis lebt am Südpol und bereist von dort aus mit Flugscheiben die Welt und andere Planeten“.
  • „[D]er Nationalsozialistische Untergrund (NSU) ist eine Erfindung der Geheimdienste“.
  • „9/11 [wurde] von der amerikanischen Regierung inszeniert.“
  • „An allem, jedenfalls, sind die Juden schuld [sic]“.

 

Die Welt weist 2016 in „Der gefährliche Glaube an die große Verschwörung“ folgende Aussagen als „Verschwörungstheorien“ aus:

 

  • Zur Frage der Täterschaft der Anschläge des 11. Septembers: „Die Juden waren’s. […] Die amerikanischen Neokonservativen waren’s. […] Die Saudis waren’s, und die Amerikaner haben’s vorher gewußt. […] Die Reptilienwesen waren’s.“
  • „Mal waren die Freimaurer an allem schuld, mal die Katholiken. Kennedy wurde nicht von Lee Harvey Oswald erschossen, sondern von einem Consortium aus Mafia, CIA und FBI (und wahrscheinlich steckte eigentlich der Papst dahinter).
  • „Präsident Obama […] ha[t] seine Geburtsurkunde gefälscht.“

 

Weitere Beispiele für „Verschwörungstheorien“ liefert Der Spiegel in dem 2019 erschienenen Werk mit Titel „Weltmacht Paranoia“:

 

  • „Merkel ist […] von einem dieser außerirdischen Reptilien besessen“.
  • „[D]ie Weißen im Lande [USA] sollen ‚ersetzt‘ werden“.
  • „Eine globale ‚Finanzoligarchie‘ […] [will] die angestammte Bevölkerung [in Europa] ersetzen.“
  • „Flugzeuge verteilen im Auftrag der Regierung giftige Chemikalien in der Luft“.
  • „‚Big Pharma'“ zerrüttet aus Profitgier die Volksgesundheit, gedeckt von den höchsten Kreisen!“
  • „Der geheime Illuminatenorden bereitet den dritten Weltkrieg vor, um die gesamte Menschheit in die Sklaverei zu führen!“
  • Unter dem Stichwort „Reichsbürger“: „[D]er deutsch[e] Staat […] [ist] das Konstrukt einer Nachkriegsverschwörung.“
  • „Die US-Regierung hat das World Trade Center gesprengt, weil sie einen Vorwand für den Irakkrieg brauchte.“
  • „Der Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke […] [war] vermutlich ein vertuschter Selbstmord.“
  • „Die Seerettungsaktion der Kapitänin Rackete […] [war] eine Inszenierung für‘s Fernsehen, eingefädelt von den höchsten Kreisen.“
  • „Der Suizid des Finanzberaters Jeffrey Epstein in seiner New Yorker Gefängniszelle […] [war ein Mord im Auftrag der] Clintons.“
  • „[D]ie Nationalhymne [ist] eine akustische Waffe gegen Echsenmenschen […] unsere ‚Eliten‘ [dienen] außerirdischen Reptilien […]“
  • „All die Toten und Verletzten [nach dem Massaker von El Paso] […] [sind] doch nur Schauspieler gewesen.“
  • Unter dem Stichwort „QAnon“: „Jüdische Banker [haben] die Medien und Staat unter Kontrolle, […] Liberale und Linke […] [werden] bald hingerichtet […] [es gibt eine] Weltverschwörung des Kindesmißbrauchs“
  • „[In einer Chemotherapie] w[e]rden den Patienten heimlich Chips mit Giftkammern eingepflanzt […] ein Komplott zionistischer Onkologen.“
  • „[Bei einer Impfung] werden uns […] winzige Nanokapseln mit Funkchips unter die Haut gespritzt.“
  • „SS-Leute [konnten sich] mittels überschallschneller ‚Reichsflugscheiben‘ in die antarktische Region Neuschwabenland retten“.
  • „Lady Di ha[t] ihren Tod nur vorgetäuscht […] [oder wurde] ermordet“.
  • „Flugzeuge […] [sprühen] Gift in die Atmosphäre“.
  • „Hinter alldem steck[t] […] die globale Bankwirtschaft, gesteuert von der Familie Rothschild.“

 

Es wird in diesen Artikeln, die repräsentativ für die leitmediale Debatte sind, sehr genau klar, welche Art Aussagen mit dem Wort „Verschwörungstheorie“ bezeichnet werden und welche nicht. Anhand dieser Aussagen lassen sich drei Kategorien identifizieren:

 

(P) Pseudowissenschaftliche oder boulevardeske Aussagen – zum Beispiel: „Bill Gates ist der Teufel“, „die Außerirdischen sind da“, oder „Elvis lebt„.

 

(G) Gruppenbezogene Vorwürfe oder Unterstellungen, die sich gegen weltanschauliche oder ethnische Gruppen richten – zum Beispiel: „die Freimaurer kontrollieren die Welt“ – dazu gehören insbesondere und in dominierender Weise antisemitische Aussagen – zum Beispiel: „Die Juden sind an allem schuld“, oder „der Holocaust hat nicht stattgefunden“.

 

(K) Kriminalistische Aussagen über (mögliche) Verbrechen, die eine Beteiligung von Personen aus westlichen Regierungen (oder Institutionen) beinhalten oder implizieren (oft die US-Regierung) oder die einer gegebenen Erklärung einer westlichen Regierung zu einem Verbrechen/politisch bedeutsamen Ereignis widersprechen – zum Beispiel: „Herr Oswald hat Herrn Kennedy nicht erschossen“, „die drei Wolkenkratzer des WTC wurden gesprengt“, oder „Herr Epstein hat sich nicht selbst umgebracht.“

 

Natürlich sind diese Bereiche überlappend: Zum Beispiel kann man jede Aussage aus der Kategorie der kriminalistischen Aussagen (K) entsachlichen, indem man diese mit grotesken Übertreibungen oder einem antisemitischen Zusatz versieht oder in einem Kontext diskutiert, der solche Zusätze beinhaltet, was in den Leitmedien, wie oben dokumentiert, typischerweise der Fall ist. Die Leser solcher Zeitungsartikel werden dann also genötigt, nicht die Sachaussagen, sondern verschiedene Varianten von grotesken, pauschalisierten oder rassistischen Formen zu bewerten. Das ist natürlich eine Irreführung. Irreführungen, die auf einer übertriebenen Darstellung der eigentlichen Sachfrage beruhen, nennt man auch Strohmann-Argumente: Der Strohmann ist ohne große Mühe K.O. zu schlagen, während die eigentliche Sachfrage verdeckt bleibt.

 

Wichtig festzustellen ist jedenfalls, dass Aussagen der Kategorie (K) natürlich wahr oder falsch sein können, denn es gibt dazu kein übergeordnetes Prinzip, das eine solche Bewertung prinzipiell leistet. Das muss die fachliche Untersuchung der jeweiligen Einzelfälle zeigen.

 

KDK: Kann man sagen, dass der kriminalistische Bereich (K) insbesondere auch Aussagen über die Existenz oder das mögliche Wirken des Tiefen Staats beinhaltet, die SCAD, also die schon genannten Staatsverbrechen gegen die Demokratie?

AS: Ja, das ist – mit dem wichtigen Zusatz, daß es um den Tiefen Staat in den sogenannten westlichen Demokratien geht – im wesentlichen richtig.

Denn wenn solche Anschuldigungen zum Beispiel gegenüber Russland erhoben werden, dann nennen die Leitmedien das nicht „Verschwörungstheorien“, sondern sie sprechen von „Verdächtigungen“, „Hinweisen auf Verstrickungen“ oder gebrauchen ähnliche Formulierungen.

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Es gibt einige Beispiele, an denen man diese sprachliche Ungleichbehandlung sehr schön studieren kann, etwa die Terroranschläge, die sich in Russland am 31. August und am 8., 13. und 16. September 1999 ereignet haben. Dort starben bei Bombenanschlägen auf Wohnhäuser in Moskau und zwei weiteren russischen Städten fast 300 Menschen. Nach Angaben der russischen Regierung waren tschetschenisch-islamistische Terroristen die Verantwortlichen, und für Russland waren unter anderem diese Anschläge daraufhin ein Anlass, den zweiten Tschetschenienkrieg zu führen.

Das heißt, die Situation ist bis zu einem gewissen Grad vergleichbar mit dem 11. September: Terroranschläge in der größten Metropole des Landes, eine große Anzahl von Toten, die Bevölkerung schockiert, beschuldigt werden islamistische Terroristen und die Regierung reagiert mit einem jahrelangen Krieg.

Die Frage ist nun: Wie ordnen die Leitmedien in Deutschland die jeweiligen offiziellen Geschichten dieser Ereignisse ein? Berichten sie neutral über Kritik an den offiziellen Geschichten?

KDK: Für den amerikanischen Fall haben wir die Antwort gerade kennengelernt, da heißt Kritik dann „Verschwörungstheorie“.

AS: Doch ganz anders im russischen Fall. Die Frankfurter Rundschau schrieb im Frühjahr 2000 dazu:

„Die Hinweise verdichten sich, daß der russische Geheimdienst hinter mehreren Bombenanschlägen steckte“

Der Spiegel dann fünf Jahre nach den Anschlägen:

„Im Dezember 1999 wurden acht Verdächtige festgenommen, von denen man aber nie mehr etwas hörte. Sicherheitsmann Sergej Iwanow, heute Verteidigungsminister, meldete für eine Vorbereitung der Sprengsätze ‚handfeste Beweise‘, die aber nie vorgelegt wurden.

Doch dann kam ein Verdacht auf, den Jelene Bonner, die Witwe des Friedensnobelpreisträgers Andrej Sacharow, ebenso wie der Oligarch Boris Beresowski hegten – und der durch Recherchen der Moskauer Tageszeitung ‚Nowaja Gazeta‘ gestützt wurde: Putins Hausmacht, die Geheimpolizei FSB (vormals KGB), habe die Bomben werbewirksam für ihren Kandidaten selbst gelegt.“

Und die Süddeutsche Zeitung nach 18 Jahren:

Besonderes Aufsehen erregten aber die mysteriösen Anschläge auf zwei Wohnhäuser in Moskau 1999: In den Trümmern starben 150 Menschen, verantwortlich gemacht wurden Tschetschenen. Regimekritiker wie der einige Jahre später durch einen merkwürdigen Selbstmord ums Leben gekommene Oligarch Boris Beresowski wiesen auf Unstimmigkeiten hin und versuchten nachzuweisen, daß Putin seine Hand im Spiel gehabt hatte. Der habe einen Vorwand gesucht, einen zweiten Kaukasuskrieg zu beginnen und mit der Rückeroberung die De-facto-Unabhängigkeit Tschetscheniens zu beenden. Mit den Attentaten habe er die Bevölkerung gegen die Kaukasier aufbringen wollen.“

KDK: Ja, ich sehe, dass hier eine grundsätzlich andere Darstellung erfolgt. Die Wörter „Hinweise“, „Verdacht“, „Unstimmigkeiten“ sind noch ganz neutral gewählte Wörter. Die Formulierung „mysteriöse Anschläge“ läßt aber keinen Zweifel daran, dass der Verfasser hier die offizielle Geschichte für zweifelhaft hält.

AS: Und bemerkenswert: Die Signalwörter „Holocaust“, „Antisemitismus“, „Außerirdische“ oder eben „Verschwörungstheorie“ sucht man vergeblich, während das – wie wir gesehen haben – bei der Debatte zum 11. September quasi zwanghaft zum guten Ton gehört. Bei Verdächtigungen gegen Russland wird also nicht versucht, diesen Aussagen eine anrüchige Konnotation zu geben.

KDK: Das ist ein lehrreiches Beispiel, aber kann das nicht ein Zufall sein? Die Anschläge in Russland sind schon lange her und waren insgesamt ein geringeres Medienereignis als der 11. September.

AS: Nein. Es gibt noch mehr Beispiele, die diese drastische Ungleichbehandlung amerikanischer und russischer Fälle zeigen. Etwa die in den oben genannten Zeitungsartikeln erwähnten Todesfälle des Amerikaners Jeffrey Epstein und des Russen Boris Beresowski.

KDK: Der Name des Multimillionärs Epstein war im Sommer 2019 viel in den Medien, aber ich habe die Einzelheiten nicht mehr so genau in Erinnerung.

AS: Epstein war Tatverdächtiger und damit insbesondere wichtigster Zeuge in einem politisch hochbrisanten Fall von organisierter Kriminalität, in dem es um sexuellen Missbrauch und Menschenhandel in großem Maßstab geht. Eine der amerikanischen Jungferninseln, St. Little James, war in Epsteins Besitz. Die Insel wurde von der amerikanischen Presse „Orgy Island“ getauft, weil dies der Ort war, an den junge Frauen mutmaßlich verschleppt und dort missbraucht wurden. All die Verflechtungen und Bekanntschaften von Epstein mit der amerikanischen und internationalen Politik und dem Sicherheitsapparat aufzuzeigen, würde sicher ein ganzes Buch füllen.

Dieser Mann jedenfalls stirbt nun heimlich in seiner Gefängniszelle, obwohl er unter besonderer Sicherheitsbeaufsichtigung stand: Kurz vor seinem Tod stand er wegen eines möglicherweise bereits begangenen Selbstmordversuches am 23. Juli 2019 unter Beobachtung. Das Wachpersonal musste alle 15 Minuten nach ihm sehen, was nach ein paar Tagen auf 30 Minuten herabgestuft wurde. Zudem wurde die Zelle von außen von zwei Kameras überwacht, und er hätte einen Zellengenossen haben sollen, der jedoch zufällig verlegt wurde, was später von offizieller Seite als Verstoß gegen die Abläufe im Gefängnis eingestanden wurde.

Geschickt wählt Epstein dann am 10. August 2019 den Zeitpunkt seines Selbstmordes so, dass er gerade in dem Moment stirbt, in dem die Kameras aus- und die zuständigen zwei Wachmänner in den Schlaf fallen. Später wurde dann berichtet, dass auch Aufnahmen seines ersten Selbstmordversuches am 23. Juli nicht mehr vorhanden sind, weil sie aus Versehen gelöscht wurden.

KDK: Und was hat das zu bedeuten?

AS: Das kann ich Ihnen nicht sagen.

Fest steht nur, dass Epsteins zukünftiges Schweigen für eine ganze Reihe mächtiger Amerikaner ein ausgesprochener Glücksfall ist. Der Grund, warum Der Spiegel die Clintons erwähnt, liegt darin begründet, dass Bill Clinton laut dem Bordbuch von Epsteins Boeing – von der amerikanischen Presse „Lolita Express“ getauft – wohl sechsundzwanzigmal mit dem Flugzeug unterwegs war. Clinton ist sicher nicht der einzige, der kaum traurig darüber ist, dass Epstein nun nicht mehr über die karibischen oder andere Attraktionen berichten wird, zu denen ihn Epsteins Flugzeug transportiert hat. Die New York Times etwa kommentierte Epsteins Tod damit, dass „zahlreiche Prominente Männer und wenigstens ein paar Frauen erleichtert aufgeatmet haben“.

Wie dem aber auch immer sei, die deutschen Leitmedien sehen jedenfalls in der Vermutung, dass bei Epsteins Tod noch jemand anderes außer ihm selbst mitgeredet hat, eine „Verschwörungstheorie“: Die FAZ meinte:

„Nun ruft der ‚offensichtliche Suizid‘ des im Juli inhaftierten Jeffrey Epstein Verschwörungstheoretiker auf den Plan.“

Besonders die Verbindung Clinton-Epstein war nicht nur dem Spiegel eine emotionale Einordnung wert, sondern auch die Süddeutsche Zeitung entdeckte eine „große Empörung“:

„Vor allem in den sozialen Medien kursieren seitdem diverse Verschwörungstheorien darüber, ob Epstein wirklich Suizid begangen habe oder nicht. Für große Empörung sorgte dabei US-Präsident Donald Trump, der einen Tweet des Trump-nahen Comedians Terrence Williams retweetete. Williams legte nahe, daß Bill Clinton etwas mit dem Tod zu tun gehabt haben soll. Epstein habe ‚Informationen‘ über den Ex-Präsidenten gehabt – und nun sei er tot.“

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Und eine Woche später, nach der Obduktion Epsteins unterstrich die Süddeutsche noch einmal den gewünschten Sprachgebrauch:

„Nach Epsteins Tod hatten einige Verschwörungstheoretiker behauptet, der Multi-Millionär sei ermordet worden.“

KDK: Und wer war Boris Beresowski?

AS: Wie Epstein eine schwerreiche und vorbestrafte Person, aber eine russische, die die Süddeutsche als russischen „Staatsfeind Nummer 1“ bezeichnete. So wie Epstein Kontakte zur politischen Spitze in Amerika hatte, war Beresowski in russischen „höchsten Kreisen“ zuhause.

Dann stirbt er am 23. März 2013 plötzlich im britischen Exil – offiziell ein Selbstmord. Wie Epstein soll er sich selbst erhängt haben. Interessant ist nun, dass die Süddeutsche gleich am Tag nach seinem Tod ganz frei darüber spekuliert:

„Der Multimilliardär finanzierte aus dem Exil die Opposition – und war Putin ein Dorn im Auge. War es Suizid, eine Herzattacke – oder doch ein Anschlag?“

KDK: Darf man vermuten, auch in diesem Artikel wird weder ein Bezug zum Holocaust noch zu „reptiloiden Außerirdischen“ gemacht, und das Wort „Verschwörungstheorie“ wird nicht erwähnt!?

AS: Und Sie liegen goldrichtig damit. Man sieht an diesen Beispielen die klaren propagandistischen Tendenzen der deutschen Leitmedien: Über mögliche Verbrechen, die der Russe begangen haben mag, darf man freimütig spekulieren, wenn’s aber der Amerikaner gewesen sein könnte, dann überschreitet man eine rote Linie.

KDK: Und wenn sich 19 Araber ganz heimlich verabreden, um mit Teppichmessern bewaffnet vier Flugzeuge zu entführen, dann will Der Spiegel anscheinend auch keine „Verschwörungstheorie“ darin sehen, obwohl das ja im wahrsten Sinne des Wortes eine ‚Theorie‘ über eine ‚Verschwörung‘ wäre!?

AS: Ja, auch das ist ein wichtiges Nicht-Beispiel, um den Orwellschen Charakter des Wortes „Verschwörungstheorie“ zu verstehen. Ein solches wörtliches Verständnis wird suggeriert – sinngemäß: „Verschwörungstheoretiker sind Leute, die eine Verschwörung als Ursache eines Ereignisses sehen“ – aber das Wort wird nicht so gebraucht! Das zeigen die Beispiele mit russischen Beteiligten und auch dieses äußerst wichtige Beispiel mit den 19 beschuldigten Arabern.

In dem von Ihnen gerade angesprochenen Sinn wäre das Wort „Verschwörungstheoretiker“ nur ein anderes Wort für ‚Mensch‘, weil niemand bestreiten würde, dass der 11. September das Ergebnis eines kriminellen Aktes mit mehr als einer beteiligten Person, also Resultat einer „Verschwörung“ ist, wenn Sie das Wort benutzen wollen.

Es ist jedoch nicht passend: Das deutsche Wort „Verschwörung“ gehört eher in die klassische Tragödie, als dass es im Strafrecht zuhause ist. In der amerikanischen Sprache beziehungsweise dem amerikanischen Strafrecht hingegen gibt es den Tatbestand einer „conspiracy“, dem im Deutschen am ehesten die „Verbrechensabrede“ nach § 30, Absatz 2 StGB entspricht. Deswegen ist der zusammengesetzte Begriff „conspiracy theory“ im Amerikanischen etwas natürlicher als die in diesem Zusammenhang falsche, deutsche Übersetzung „Verschwörungstheorie“, die man hier besser eine „Theorie über eine Verbrechensabrede“ nennen sollte, wobei man dabei im Hinterkopf haben sollte, dass der Begriff „Theorie“ an dieser Stelle abwertend, im Sinne von abstruser Spekulation, gemeint ist.

Ein Grund dafür, dass dieser Begriff mit der Kennedy-Ermordung in Mode kam, war, dass er in der amerikanischen Sprache so suggestiv und eingängig ist: Die Vermutung einer Verbrechensabrede, also einer „conspiracy“, war damals das diskutierte Gegenstück zur offiziellen Hypothese eines Einzeltäters, des „lone gun man“. Beim 11. September ist die sachliche Lage jedoch anders, wie Sie eben betonten: Auch die offizielle Darstellung beinhaltet eine Verbrechensabrede und nicht nur einen „lone gun man“.

Das Wort „conspiracy theory“, würde man es erst heute erfinden, würde also nicht so suggestiv greifen wie beim Kennedy-Mord, aber weil es über die Jahre auch die Bedeutung von „Widerspruch zu einer in den Leitmedien verbreiteten ‚Wahrheit'“ bekommen hat, reden wir jetzt darüber.

KDK: Wie fassen sie also die Antwort auf meine eingangs formulierte Frage „Was bedeutet das Wort ‚Verschwörungstheorie‘?“ zusammen?

AS: 1. Der Begriff „Verschwörungstheorie“ wird in den Leitmedien als ein erkenntnistheoretisch sinnloser Oberbegriff für Aussagen aus den drei oben genannten unabhängigen Kategorien (P), (G) und (K) verwendet und ist daher irreführend und diffamierend.

2. Der Begriff tabuisiert eine spezielle Form der Herrschaftskritik am System der „westlichen Wertegemeinschaft“, bei der es um die Aufklärung potentieller Verbrechen oder illegitimer Einflußnahmen durch staatliche Akteure geht.

  1. Die Verwendung des Begriffs ist Kennzeichen einer speziellen Form von anti-emanzipatorischer und anti-rechtsstaatlicher Propaganda.

 

Ansgar Schneider studierte Physik und schloss sein Studium mit einer Diplomarbeit über Quantenfeldtheorie ab. Anschließend promovierte er in Mathematik über C*-dynamische Systeme. Es folgten Beschäftigungen und Forschungsaufenthalte an verschieden Universitäten und Forschungseinrichtungen im In- und Ausland.

 

Klaus-Dieter Kolenda war nach dem Studium der Medizin und einer internistischen Weiterbildung bis 2006 als Chefarzt einer Rehabilitationsklinik tätig. In vielen wissenschaftlichen Fachartikeln und Büchern hat er sich seit Mitte der 1980er-Jahre mit der Prävention chronischer Krankheiten befasst. In den letzten Jahren hat er Artikel über medizinische, sozialmedizinische und friedenspolitische Themen in Fachzeitschriften und alternativen Medien veröffentlicht. Er ist Mitglied der IPPNW.

1 Kommentar zu Was sind „Verschwörungstheorien“?

  • Bei „Fenstersturz“ muss ich immer an Frank R. Olson denken, den Wissenschaftler, der für das CIA-Drogen-Menschenversuchs-Projekt MK ULTRA gearbeitet hatte und 1953 unter ungeklärten Umständen aus einem Fenster im 9. Stock eines Hotels stürzte.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Frank_Olson

    Sehr verdienstvoll, dass AS und KDK einmal die erkenntnistheoretische Seite in der „Verschwörungstheorie“-Debatte beleuchten und die schädliche Wirkung der Abwertung von „Verschwörungstheorie“ klar benennen:
    Tabuisierung von Herrschaftskritik, anti-emanzipatorische und anti-rechtsstaatliche Propaganda!
    Wie in der google-books-Vorschau zu sehen, kommt im Weiteren auch die zweifelhafte Rolle des (widersprüchlichen) Philosophen Karl Popper zur Sprache und der unsägliche Michael Butter bekommt sein Fett weg. Diese Debatte zu führen, ist wichtig, geht es doch in einer Demokratie auch über 9/11 hinaus grundsätzlich drum, Kausalitäten und Verantwortlichkeiten für gesellschaftlich wichtige Entwicklungen und Ereignisse zu hinterfragen und zu kritisieren – und zwar auf rationale Weise. Insbesondere Juristen und Kriminalisten verfügen über erkenntnistheoretisches Rüstzeug, um Verantwortlichkeiten von Personen für das Eintreten von bestimmten Ereignissen zu ermitteln und zu bestimmen. Ebenso müssen Journalisten auf diesem Gebiet einigermaßen fit sein, wenn sie ihrer Aufgabe als unabhängige Vertreter der 4. Gewalt gerecht werden wollen.

    Der Begriff „Verschwörungstheorie“ tabuisiert allerdings nicht nur Herrschaftskritik an staatlichen Akteuren, sondern insbesondere auch an Privaten, namentlich „Kapitalisten“, die über personelle Netzwerke mehr oder weniger verdeckt Einfluss nehmen, und natürlich auch gerne als „Public-Private-Partnership“ in die staatliche Sphäre wirken. Nicht zuletzt Allen Dulles, ehemaliger CIA-Chef und Mitglied der Warren-Kommission, die den Kennedy-Mord aufklären sollte, ist der Prototyp eines solchen Akteurs („Verschwörers“), der seine Karriere als Wirtschaftsanwalt der Kanzlei Sullivan & Cromwell startete und geschickt mit Geheimdiensttätigkeit kombinierte. Die Kooperation von US-Wirtschaftsanwälten/Lobbyisten und US-Investment-Bankern, namentlich des Ost-Küsten-Establishments, W.A.S.P., „White Anglo-Saxon Protestants“ einerseits und deutsche Schwer-, Chemie- und Rüstungsindustrie (IG Farben, Thyssen, Flick…) andererseits, in die die Amis in der Zeit nach dem 1. Weltkrieg investierten, begründeten die transatlantischen Netzwerke, aus denen nach dem zweiten Weltkrieg Bilderberger und Trilaterale Kommission hervorgingen. Um diese Netzwerke geht es, wenn von transatlantischen Eliten die Rede ist, und nicht um eine „jüdische Weltverschwörung“. Der Bush-Clan ist nicht jüdisch, auch nicht die Rockefellers, aber die Bush-Groß-, bzw. Ur-(ur-)-Großväter George Herbert Walker und Prescott Bush waren als Investmentbanker in die Aufrüstung von Nazi-Deutschland involviert, Prescott fungierte auch während des 2. Weltkrieges als Strohmann für Thyssen und Rockefellers Standard-Oil kooperierte mit IG Farben.
    https://www.theguardian.com/world/2004/sep/25/usa.secondworldwar
    https://www.heise.de/tp/features/Die-CIA-und-das-Oel-3269819.html?seite=all

    Nebenbei bemerkt rekrutiert sich ein Großteil des „trilateral“ geprägten Elitenachwuchses aus der Harvard’s John F. Kennedy School of Government, wo Joseph Nye, der amerikanische Vorsitzende der Trilateralen Kommission lange Dekan war.

    Bemerkenswert scheint mir, dass der Diffamierungs-Begriff „Verschwörungstheorie“ lange vor 9/11 insbesondere innerhalb linker Kreise Karriere machte. In den USA traf es den linken Intellektuellen Michael Parenti, er erwies sich jedoch als streitbarer Kritiker des „Verschwörungstheorie“-Vorwurfs:

    Ideology And Conspiracy
    https://www.tucradio.org/audio/Parenti_DeepPolitics_ONE.mp3
    https://tucradio.org/audio/Parenti_DeepPolitics_TWO.mp3

    Conspiracy and Class Power
    https://www.youtube.com/watch?v=t21UZxRYYA4

    In Deutschland war es der Faschismusforscher und Mitbgründer des BdWi, Reinhard Kühnl, der seinen linken Historiker-Kollegen Kurt Gossweiler der „Nähe zu Verschwörungstheorien“ bezichtigte. Dies, weil Gossweiler an der sog. „Dimitroff-Formel“ festhielt, anstatt Kühnls „Bündnistheorie“ zu übernehmen.

    (Quelle: Gossweiler/Kühnl/Opitz (1972): Faschismus: Entstehung und Verhinderung. Antifaschistische Arbeitshefte des Röderberg-Verlags, Hg.: Präsidium der Vereinigungen der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten.)

    Die „Dimitroff-Formel“ bezieht sich auf die Aussage Georgi Dimitroffs über den „Klassencharakter des Faschismus“, die er wiederum vom Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale übernommen hat:

    „Der Faschismus an der Macht ist die offene, terroristische Diktatur der reaktionärsten, chauvinistischsten, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals.“

    Er stellt aber auch klar: „Nein, der Faschismus ist keine über den Klassen stehende Macht und keine Macht des Kleinbürgertums oder des Lumpenproletariats über das Finanzkapital.“

    Und weiter: „Man darf sich den Machtantritt des Faschismus nicht so simpel und glatt vorstellen, als ob irgendein Komitee des Finanzkapitals den Beschluss fasst, an diesem und diesem Tage die faschistische Diktatur aufzurichten.“
    https://www.marxists.org/deutsch/referenz/dimitroff/1935/bericht/ch1.htm

    Reinhard Kühnl über Kurt Gossweiler (Aufsatz „Kapitalismus und Faschismus“ in Gossweiler/Kühnl/Opitz (1972)):
    „In dem von Gossweiler u. a. verfaßten Buch „Deutschland von 1933 bis 1939“ heißt es, die NSDAP sei von „einer kleinen Gruppe von Monopolisten, großen und mittleren Bourgeois aufgepäppelt und hochgebracht“worden. Die in der Tat bestehende Kausalbeziehung zwischen Kapitalismus und Faschismus wird hier allzu direkt und personalistisch-voluntaristisch aufgefaßt, so daß die Nähe zu Verschwörungstheorien nicht zu übersehen ist.“

    Dem entgegnet Gossweiler (Aufsatz „Über Wesen und Funktion des Faschismus“ in Gossweiler/Kühnl/Opitz (1972)):
    „Wer ist gemeint, wenn Marxisten-Leninisten von den reaktionärsten, am meisten chauvinistischen und imperialistischen Elementen des Finanzkapitals als Trägern der faschistischen Diktatur sprechen?
    Die reaktionärsten, am meisten zum Kriege drängenden Elemente des Finanzkapitals sind naturgemäß die mächtigsten und führenden, die Hauptgruppen des Monopolkapitals. Dazu zählen die Großbanken und Großkonzerne aus Bergbau, Schwerindustrie, Chemie- und Elektroindustrie und anderen Bereichen, also die industriellen Komponenten dessen, was wir heute als „militärisch-industriellen Komplex“ bezeichnen. Von diesen Elementen des Finanzkapitals wird der Faschismus in erster Linie aufgezogen und an die Macht gebracht. Sie bestimmen die Politik der faschistischen Diktatur. […] Kühnl will, wie seine Arbeiten ausweisen, gegen die Freisprechung der „Oberschichten“ angehen. Aber infolge Inkonsequenz und wohl auch ungenügender Tatsachenkenntnis nimmt er in seinen „Versuch einer Begriffsbestimmung“ des Faschismus auch eine besonders raffinierte Variante der Entlastung des Monopolkapitals auf, nämlich die auf August Thalheimer zurückgehende Bonapartismus-Theorie. In direkter Polemik gegen Dimitroffs Faschismus-Definition auf dem VII. Weltkongreß schreibt Kühnl: „Der Faschismus ist keineswegs die unmittelbare Herrschaft irgendeiner Gruppe des Kapitals.“
    Weder Dimitroff noch ein anderer Marxist hat je davon gesprochen, der Faschismus sei die „unmittelbare“ Herrschaft des Finanzkapitals. Das Wörtchen „unmittelbar“ geht ganz allein zu Lasten Kühnls. Es ging und geht den Marxisten ganz und gar nicht um die Frage , ob der Faschismus eine direkte oder indirekte, mittelbare oder unmittelbare Herrschaft ist, sondern um die Frage w e s s e n Herrschaft er ist, um die Frage nach seinem Klassencharakter. Eben weil die Diktatur n i c h t die unmittelbare Herrschaft der Monopolbourgeoisie ist, kann ja der Klassencharakter dieser Diktatur überhaupt erst verkannt und verfälscht werden. Die marxistische Definition wendet sich, wie aus Dimitroffs Ausführungen eindeutig zu ersehen, gegen sozialdemokratische, trotzkistische und andere „Theoretiker“, die aus der sozialen Herkunft der Naziführer den Klassencharakter der faschistischen Diktatur ableiten und sie als Herrschaft des Kleinbürgertums oder des Lumpenproletariats über alle Klassen und Schichten einschließlich der Monopolbourgeoisie ausgeben. Demgegenüber besagt die marxistische Analyse: Trotz der anderen sozialen Herkunft der faschistischen Häuptlinge ist der Faschismus die Macht des Finanzkapitals.“

    Letzten Endes kommt man auch wieder zu Karl Popper, der sich ebenfalls auf Marx beruft, aber ideell nicht zuletzt dem neoliberalen Ökonomen Friedrich von Hayek und der Mont-Pèlerin-Society nahestand. Wer hat nun recht, und darf Marx für sich reklamieren? Oder zu Allen Dulles, dessen Anwaltskanzlei die IG Farben zu ihren Kunden zählte und wenige Monate vor Olsons Tod von Präsident Eisenhower zum CIA-Direktor ernannt wurde. Erkenntnistheoretikern und Historikern tut sich hier ein weites und durchaus spannendes Feld auf… und auch heute könnte man nach dem „Klassencharakter“ der herrschenden Politik, beispielsweise der Corona-Massnahmen fragen…

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