Afghanistan: Ende des Kriegs, Beginn von Bürgerkriegen?

Die Afghanen, vor allem die Frauen, haben einen Weg gefunden, indirekt gegen die Taliban auf die Straße zu gehen, indem sie gegen Pakistan demonstrieren. Nationalismus haben die Taliban auch immer gegen die „Besatzer“ für sich beansprucht. Bild: ToloNews

Die Taliban haben Pandschir eingenommen, aber den Widerstand noch nicht ganz gebrochen, vor allem gibt es Konflikte in der Taliban-Führung, die kaum zu lösen sein werden, auch nicht vom pakistanischen Geheimdienst.

Man fragt sich mitunter schon, warum Regierungen zwanghaft das Scheitern einer Entscheidung, auch wenn sie nicht dafür verantwortlich waren, feiern müssen, um nur jeden Anschein einer Selbstkritik zu vermeiden. Gutes Beispiel ist gerade Boris Johnson, der dem Parlament erklärte, dass Großbritannien „stolz auf sein Vermächtnis“ in Afghanistan sein könne. Damit meinte er natürlich nicht die Taliban, die nach 20 Jahren Krieg wieder die Macht übernommen haben: „Wenn jemand noch immer versucht sein sollte zu sagen, dass wir in 20 Jahren in dem Land nichts erreicht haben, sagt ihnen, dass unsere Streitkräfte und die unserer Alliierten 3,6 Millionen Mädchen den Schulbesuch ermöglicht haben, sagt ihnen, dass während dieser Zeit das Land und die westliche Welt von al-Qaida in Afghanistan geschützt war, und sagt ihnen, dass wir gerade die größte humanitäre Luftbrücke der neuen Geschichte geleistet haben.“

Man könnte fragen, was mit den Mädchen jetzt ist, was mit mit al-Qaida und dem IS im Irak und in Syrien sowie in Afrika und Asien war und ist und warum die Not, Menschen nach dem Taliban-Sieg überstürzt ausfliegen zu müssen, nun als besondere Leistung gewürdigt werden soll. Ähnlich versuchen die Regierungen in Washington, Berlin und anderswo, die Nato und die EU die Niederlage umzuschreiben.

Derweil zieht sich die Regierungsbildung der islamistischen Terrororganisation dahin, die zwar schon einmal 1996-2001 Afghanistan, wie auch immer, regiert und seitdem immer mehr Gebiete kontrolliert hat. Aber Regierung ist etwas anderes als der Kampf gegen einen Feind, der plötzlich nicht mehr da ist. Statt um Gewehre und Bomben in den Händen von einfachen Kämpfern, mit denen Gegner umgebracht werden, geht es nun um das feine Spiel der Diplomatie. Ebenso abrupt, wie die Taliban das Land erobert und die Besatzer vertrieben haben, müssen sie nun zu einer Staatsmacht für alle Afghanen werden, also Kompromisse eingehen, auch was die Umsetzung der islamistischen Ideologie betrifft. Das wird auch schwierig im Umgang mit dem Fußvolk werden, das wohl Probleme haben dürfte, von kämpfenden Abenteuern zu Ordnungskräften zu werden.

Weil die Regierungsbildung zwischen den Taliban-Fraktionen schwer war, musste offenbar der pakistanische Geheimdienstchef nach Kabul reisen, um den internen Streit zu schlichten, wahrscheinlich auch, um den Konflikt mit der Widerstandsbewegung in Pandschir anzugehen. Die Taliban verkünden nun das landesweite Ende der Kämpfe, die Widerstandsbewegung ist wohl besiegt, will aber nicht aufgeben und könnte aus dem Untergrund wie zuvor die Taliban kämpfen. Dass sich der Geheimdienst ISI direkt in die Regierungsbildung einmischt, führte in Kabul und anderswo zu einigen Protesten.

Mittlerweile scheint man sich geeinigt zu haben, dass Mullah Hasan Akhund, Vorstand des Taliban-Führungsrats,  zum neuen Staatschef werden soll und nicht Mullah Abdul Ghani Baradar. Eigentlich hätte er gestern schon ins Amt eingeführt werden sollen, aber es gibt offenbar weiter Schwierigkeiten, die Personalie durchzusetzen, obgleich oder weil er als Hardliner gilt, auf der UN-Terrorliste steht, die Zerstörung der Bamiyan Buddhas geleitet hat und schon mal Minister während des Taliban-Regimes war. Taliban-Chef Hibatullah Achundsada, der sich im Hintergrund hält, manche zweifeln, ob er überhaupt noch lebt, habe ihn vorgeschlagen. Sirajuddin Haqqani vom mächtigen Haqqani-Netzwerk soll Innenminister werden, er soll auch die Gouverneure der östlichen Provinzen ernennen dürfen, Anas Haqqani und Khalil Haqqani herrschen überdies über Kabul. Damit wird Afghanistan in Herrschaftsbereiche aufgeteilt. Mullah Mohammad Yaqoob, Sohn von Mullah Omar, ist als Verteidigungsminister vorgesehen.

Nach Kommentaren wurde Akhund deswegen als Regierungschef ausgesucht, wenn er es denn bleiben sollte, weil er keine eigene Machtbasis hat und daher den wichtigsten Fraktionen nichts entgegenzustellen hat. Schon daran wird deutlich, dass das Regime der Taliban auf keiner politischen Repräsentation beruht, sondern ausschließlich auf (militärischer und ökonomischer) Macht der beteiligten Fraktionen. Das Kabinett wird wohl aufgeteilt zwischen dem Haqqani-Osten und dem Taliban-Süden. Die Frage wird sein, wer sich durchsetzen wird. Bislang haben die Warlords und lokalen Kommandeure der Taliban vom Rauschgifthandel, Geldern von Minen und anderen Zwangseinkünften gelebt. Jetzt müssen sie sich auf eine wie auch immer zerrissene Zentralregierung umstellen, was nicht ohne Konflikte abgehen wird – und die Taliban-Herrschaft zerbrechen könnte.

Was viele Afghanen mit dem Abzug der Nato-Truppen und dem Sieg der Taliban erhofft haben, ein Ende des Krieges, könnte durchaus der Start von neuen Bürgerkriegen sein. Und im Volk brodelt es auch. Die Taliban und das Haqqani-Netzwerk sind seit Jahrzehnten mit dem pakistanischen Geheimdienst verwoben. Um die Regierungsbildung im Sinne Pakistans zu beeinflussen, ist der Geheimdienstchef Faiz Hameed nach Kabul gekommen. Das könnte ein Fehler gewesen sein. Denn nun bietet die Kritik am Einfluss von Pakistan den Menschen die Möglichkeit, zu Protesten auf die Straßen zu gehen. Das ist auch ein indirekter Protest gegen die Taliban – möglicherweise als Folge des Aufrufs zu einem „nationalen Aufstand“ von Massoud von der Widerstandsfront. Ihm schließen sich auch viele Frauen an. Das könnte für die Taliban, zumal wenn sie nicht einheitlich handeln können, gefährlich werden. Massiv zuschlagen können sie nicht, da sie damit ihre fragilen außenpolitischen Beziehungen aufs Spiel setzen. Aber sie nehmen einzelne Menschen und auch Journalisten fest, die von den Protesten berichten. Und sie versuchen, die Proteste aufzulösen.

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