Asow-Regiment: Journalisten sollen Abbuße leisten

 

Asow-Kommandeur Andrei Biletsky Mitte März in Mariupol.

 

In einem offenen Brief werfen Ukrainer dem US-Nachrichtensender CNN vor, russische Desinformation zu verbreiten. Ihre Argumentation zeigt, dass sie selbst irregeführt wurden, sagt Bellingcat-Autor Olekij Kuzmenko.

 

„Bitte hören Sie auf, das Asow-Regiment zu dämonisieren.“ Mit diesen Worten hatte der ukrainische Botschafter in Deutschland Andrei Melnyk vor einigen Wochen auf einen Zeit-Online-Artikel reagiert, der rechtsradikale Einstellungen in den Reihen der vorwiegend in Mariupol kämpfenden Asow-Kämpfer thematisiert. Er würde laut Melnyk der „russischen Propaganda in die Hände“ spielen.

Gegen die Beurteilung von Asow-Kämpfern als rechtsradikal protestierte nun in einem offenen Brief an den US-Nachrichtensender CNN auch eine Gruppe Ukrainier aus Politik und Wirtschaft.  In ihrem Schreiben vom 4. April wird behauptet, dass die in einem CNN-Artikel angeführte und auch von anderen Medien weltweit dem ersten und bekanntesten Kommandeur des Asow-Bataillons Andrei Biletsky zugeschriebene rassistische Äußerung in Wirklichkeit vom russischen Außenminister Sergej Lawrov stamme.

Das Asow-Bataillon entstand 2014. Die als Freiwilligenbataillone im Kampf (Propagandavideo) gegen die Aufständischen der ostukrainischen Donbassgebiete eingesetzten Kampftruppen wurden 2014 nach einigen, auch bewaffneten Auseinandersetzung legalisiert und als Teil der auch aus weiteren Freiwilligenbataillonen bestehenden Nationalgarde dem ukrainischen Innenministerium unterstellt. Der damalige Innenminister Arsen Avakov hatte mit den schwer bewaffneten Milizen für lange Jahre seine Macht und seinen Einfluss gesichert. So hat er beispielsweise den Asow-Vizekommandeur Vadym Troyan zum Polizeichef von Kiew (2014-2021) und zeitweise zum stellvertretenden Innenminister (2017-2019) gemacht. Überdies integrierte er Vertreter des Rechten Sektors und andere Mitglieder der Maidan-Selbstverteidigung in das Ministerium. Als einziger blieb er in mehreren Regierungen Innenminister, erst im Juli 2021 trat er zurück.

Das Asow-Abzeichen ist eine Anlehnung an die Wolfsangel vor dem Hintergrund des Symbols der „schwarzen Sonne“ (ab 2015 auch ohne diese). Asow selbst bestreitet den faschistischen Hintergrund des Abzeichens. Es handele sich um die Verbindung der Buchstaben N (national) und I (idea). Dem Asow-Regiment als Untereinheit eingegliedert ist die rechtsradikale „misanthropic division“, ihr Motto: „Töten für Wotan“.

Die ersten Kommandeure des Asow-Bataillons, so auch Andrei Biletsky, weiterhin Kommandeur von Asow, stammen aus der neonazistischen SNA-Bewegung (und ihrem paramiltärischen Flügel ‚Patriot of Ukraine‘), die laut ukrainischem Rechtsextremismusforscher Anton Schechowstov „für eine rassenreine Ukraine“ eintritt. Die „historische Mission der Ukrainer“ sei, so Biletsky in seinem berühmten Zitat, „die weißen Nationen der Welt in einem letzten Kreuzzug gegen das von Semiten geführte Untermenschentum zu führen“.

Biletsky selbst bestreitet, diese Aussage getroffen zu haben. Sie sei eine russische Erfindung, das Zitat sei ihm erstmals 2015 von Sergej Lawrov in den Mund gelegt worden. Auf diese Argumentation stützen sich nun auch die Unterzeichner des offenen Briefes, unter denen sich auch Julia Timoschenko und Andrij Parubij befinden: Die Quelle dieses Zitats sei Sergej Lawrov, der damit erstmals 2015 „die russische Aggression zu rechtfertigen“ versuchte, es gebe „keine Evidenz“, dass der Asow-Ex-Kommandeur eine solche Äußerung jemals gemacht habe.

Das ist falsch, sagt Bellingcat-Autor Oleksij Kuzmenko. Der Experte für rechtsextremistische Bewegungen in der Ukraine weist nach, dass auf das Zitat schon lange vor 2015, nämlich 2008 in einer Studie über „intolerante Aktivitäten und Gruppen in der Ukraine“ Bezug genommen worden war. Kuzmenko verlinkt überdies auf das Web-Archiv, in dem das die Aussage enthaltene Dokument aus dem Jahr 2008 gespeichert ist.

In dieser programmatischen Schrift „Ukrainischer Sozialnationalismus“, die Biletsky als Autor ausweist, wird das Ziel genannt, „die nationale Sondergemeinschaft zu schaffen – einen einzigen biologischen Organismus“. „Wenn die ukrainische Spiritualität, Kultur und Sprache einzigartig ist“,  heißt es, „dann nur, weil unsere rassische Natur einzigartig ist.“

Dementsprechend müsse die „Heilung unseres nationalen Körpers … mit der Rassenreinigung beginnen“. Die Ukrainer seien „Teil (und als solcher einer der größten und hochwertigsten) der europäischen Rasse“. Es schließt sich an die betreffende Aussage über die historische Mission zum „letzten Kreuzzug gegen das von Semiten angeführte Untermenschentum“.

Neben dem militärischen Regiment verfügt die Asow-Bewegung auch über einen politischen Arm, die von Biletsky geführte Partei „Nationalcorps“, die Atomwaffen und den Aufbau einer Fremdenlegion fordert, sowie eine Bürgerwehr namens „Nationalmiliz“. Sowohl Partei als auch Bürgerwehr waren im März 2019 Gegenstand eines an das ukrainische Innenministerium adressierten Briefes der G7-Botschafter, indem diese ihre Besorgnis über den großen Einfluss und die Einschüchterungsversuche „extremer politischer Bewegungen“ im Vorfeld der Wahlen in der Ukraine äußerten.

Das Asow-Regiment bestreitet Verbindungen zur politischen Asow-Bewegung seines Ex-Kommandeurs. Biletsky selbst wandte sich am 17. März in einem Video  aus Mariupol inmitten von Asow-Kämpfern mit der Bitte um Unterstützung an die Weltgemeinschaft. Die rechtsextreme deutsche Kleinstpartei „Der III. Weg“ verkündete am Sonntag die Übergabe einer zweiten Hilfslieferung an die Asow-Kämpfer in Mariupol.

2019 forderten 40 Abgeordnete des US-Kongresses vor dem Hintergrund des Christchurch- Attentats in Neuseeland und der Vernetzung der „White Supremacy“-Bewegung die Einstufung des Asow-Regiments als terroristische Vereinigung. Dazu kam es nicht. 2021 wurde diese Forderung von der ehemaligen CIA-Analystin und demokratischen Kongressabgeordneten Elissa Slottkin erneuert.

Der ehemalige FBI-Beamte Ali Soufan schätzt, dass die Asow-Bewegung von 2015-2021 mehr als 17.000 ausländische Kämpfer aus 50 Staaten für die Ukraine rekrutieren konnte.

Auch Thüringens Verfassungschef Stephan J. Kramer weist im ARD-Interview auf die Vernetzungsstrategie der Asow-Bewegung hin. Dass Asow im Ganzen eine rechtsextremistische Gruppierung sei, wollte Kramer „noch nicht sagen“, es gehe wohl aber darum, ein europäisches Netzwerk aufzubauen mit „rechtsextremen Gruppierungen, die hier bei uns bekannt sind – das ist eine Globalisierung, europäische Vernetzung, die hinüber reicht bis nach Kanada und die Vereinigten Staaten“. Der Zweck sei „eine möglicherweise  stattfindende Revolution auf unseren Straßen – insofern müssen wir uns wohl Gedanken und Sorgen darum machen“.

 

CNN hat das betreffende Zitat nicht gelöscht und wird wohl auch von einer Entschuldigung abgesehen haben. Dafür hat gerade der japanische Geheimdienst PSIA sein Bedauern zum Ausdruck gebracht und den „Neo-Nazi“-Eintrag zu Asow aus seinem Terrorismus-Handbuch 2021 gestrichen.

3 Kommentare zu Asow-Regiment: Journalisten sollen Abbuße leisten

  • Wie kann man nur solchen fürchterlichen Ideen anhängen? Und ist zu befürchten, dass die von unseren Mainstreammedien unkritisch wiedergegebenen Asow-Lobpreisungen in Reden von Mlynek und Selenskyj bei den Empfängern propagandistische Wirkung entfalten? Ebenso wie verharmlosende Einschätzungen einiger von den Medien befragten „Experten“, die beispielsweise argumentieren, Rechtsextreme, die in die ukrainische Nationalgarde eingegliedert wurden, stellten keine Gefahr mehr dar?

    Mein Buchtipp: Victor Klemperer (1881-1960): LTI – Notizbuch eines Philologen (Lingua Tertii Imperii: Sprache des Dritten Reiches)

    https://www.buchkomplizen.de/index.php?stoken=64BDA722&lang=0&cl=search&searchparam=Victor+klemperer+lti

    Klemperer war Literaturwissenschaftler in Dresden.
    In „LTI“ beschreibt er, wie in seinem persönlichen Umfeld die Menschen, auch gebildete, intelligente Freunde, die sich zunächst noch kritisch äussern, nach und nach zunehmend der irrationalen Nazi-Propaganda, der Hitler-Verehrung und dem Antisemitismus zum Opfer fallen und ihn ausgrenzen. Dabei gilt sein besonderes Augenmerk der kritischen Analyse der Sprache des Dritten Reiches.

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    • Gleichsam interessant und auch verräterisch, dass hiesige Qualitätsmedien das natürlich sehr wohl wissen. 2014 wussten das z.B. auch „Anne Will“ und „Panorama“ in der ARD noch. Zwischenzeitlich sind die entsprechenden Beiträge vorsorglich aus den Mediatheklen verschwunden. Und genau das Herrenmenschen-Gehabe wenden die Ukrainer den Russen gegenüber an. Aber das Narrativ ist halt ein anderes. Böse sind die Russen. Unterdrückung von Opposition, Mediengleichschaltung, Ausschaltung anderer Medien und Meinung, Einfluss von Oligarchen, Korruption, gekaufte Schauspieler… das alles gibt es natürlich nur in Russland. Und Nazis gibts natürlich erst recht auch nur in Russland. – Gut, hier natürlich auch, z.B. wenn bei Demonstrationen nicht die vorgeschriebene Staats- und (partei- und regierungs-anale) Mainstreammeinung vertreten wird… weil, laut BuMI-Amtsinhaberin kann man ja seine Meinung auch zuhause äußern. Außer man ist bei der angeblichen Antifa. Dann darf man auch „Bullenklatschen“ und fremde Sachen beschädigen, weil der Rechtstaat das ja aushalten muss… Ja, aber in der Ukraine, da gibts also sowas von gar keine Rechten, Nazis und so…

      Und der Viel-Mörder und Rassist Bandera? Ja, der ist aber doch der Nationalheilige der Ukraine mit Gedenktag zum Jahresbeginn. Das ist ja nicht so schlimm. Legt doch sogar der Botschafter Melnyk an seinem Grab in München Kränze und per Twitter Zeugnis ab. Und für den sind die Asow & Co.- Haufen ja so ne Art THW.

      Gut, dass wir Qualitätsmedien haben, die die Wahrheit vorsorglich filtern. Nicht, dass hiesige Bürger und v.a. Steuerzahler da noch auf falsche Ideen und auf das furchtbar falsche Trugbild kommen, gegen ihre eigenen Interessen für die Transatlantiker, Nato- und sonstige Interessen der v.a. Amis eingesetzt und ausgenutzt zu werden.

      Btw.: Wenn diese (in der Ukraine ja nicht existierenden Nazi-) Gruppierungen und deren Denken hier mal Fuß fassen, was ja nicht ausgeschlossen ist, weil man ja alles ausdrücklich auch ohne Registrierung ins Land holt, und die Asows & Co. sind dann bestimmt echte und reine politische Flüchtlinge, pardon: Geflüchtete, dann hat es sich hier direkt mal aus- „gegrünt“, aus-„gegendert“ und aus-diversifiziert… Wetten dass? – Aber dann… zu spät.

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      • Und deshalb ist es dringend notwendig, zum Schutz unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung den Rundfunkbeitrag nicht zu zahlen bzw. soviel Verwaltungsaufwand für ARD/ZDF bei der Zahlungskontrolle zu verursachen wie möglich, damit endlich bei ARD/ZDF ein Umdenken einsetzt und wahrheitsgemäß und objektiv berichtet wird. Denn nur in Kenntnis aller positiven und negativen Umstände können bestmögliche Wahlentscheidungen – als einzige für jeden einzelnen leistbare Demokratieausübungsmöglichkeit – getroffen werden. Auch insofern – in ihrem Verschweigen der Nazikräfte in der Ukraine – sind ARD/ZDF zutiefst demokratiefeindlich.

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