Afghanistan: Fragiler Neustart

Gespräche zwischen den Taliban und Vertretern der afghanischen Regierung in Moskau. Bild: Russisches Außenministerium

Bei den innerafghanische Gespräche zwischen den Taliban und Vertretern der afghanischen Regierung in Moskau nahmen auch berühmt-berüchtigte Kriegsfürsten wie Abdul Rashid Dostum, Gulbuddin Hekmatyar oder Karim Khalili teil.

 

Auch in Afghanistan wird das Neujahrsfest „Nawroz“ zu Frühlingsbeginn zelebriert. Der erste Tag des Jahres gilt als großer Neuanfang mit dem viele Hoffnungen verbunden sind.   Für die Menschen am Hindukusch beginnt das Jahr 1400 allerdings vielmehr mit Sorgen. Trotz der Sehnsüchte nach dem langersehnten Frieden könnte die Lage im Land nicht instabiler sein. Am vergangenen Mittwoch wurden neun Menschen durch den Abschuss eines Militärhubschraubers in der Provinz Wardak getötet. Verantwortlich für den Angriff waren die Milizionäre von Kommandant Abdul Ghani Alipour, einem lokalen Warlord, der der Kabuler Regierung seit geraumer Zeit Kopfschmerzen bereitet.

Alipour ist im Distrikt Behsud aktiv, in dem es immer wieder zu ethnischen Spannungen zwischen der schiitischen Hazara-Minderheit und paschtunischen Kuchi-Nomaden kommt. Der Kommandant, selbst ein Hazara, inszeniert sich mittlerweile als Verteidiger der Rechte seiner Ethnie, unter anderem auch dank der Unterstützung von bekannten Politikern. Im Raum steht auch der Vorwurf ausländischer Einflussnahme seitens des schiitischen Regimes im Iran. Alipours Miliz, die auch die Taliban bekämpft, werden mittlerweile zahlreiche Angriffe auf Zivilisten angelastet.

Für Präsident Ashraf Ghani handelt es sich hierbei um ein weiteres Problem von vielen. Zeitgleich fanden nämlich innerafghanische Gespräche zwischen den Taliban und Vertretern der afghanischen Regierung in Moskau statt. Neben der Taliban-Delegation aus dem Golfemirat Katar waren andere bekannte Männer präsent, darunter vor allem berühmt-berüchtigte Kriegsfürsten wie Abdul Rashid Dostum, Gulbuddin Hekmatyar oder Karim Khalili. Ex-Präsident Hamid Karzai und US-Chefaußenhändler Zalmay Khalilzad nahmen ebenfalls an den Gesprächen teil. Vor allem Letzterer wird von vielen Afghanen weiterhin kritisch beobachtet. Khalilzad beeinflusst seit Jahrzehnten die amerikanische Politik am Hindukusch und gehört zu den Architekten des Irak- und Afghanistan-Krieges. In Washington war er vor allem in rechts- und neokonservativen Kreisen tätig.

Mittlerweile werden die Gespräche, die oftmals lediglich wie halboffizielle Fototermine wirken, zu Recht hinterfragt. „Die Männer, die Kabul zerstört haben, versammeln sich gewiss nicht des Friedens willen. Sie wollen nur die Macht aufteilen“, kommentiert Abdul Waseh, ein Bauingenieur aus Kabul, das Geschehen.  Einen „wahrhaftigen Frieden“ würde er wie die meisten seiner Landsleute begrüßen, doch davon fehlt jede Spur. Vor mehr als einem Jahr haben die USA einen Abzugsdeal mit den Taliban in Katar unterzeichnet. Seitdem finden praktisch keine kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen US-Militär und Taliban-Kämpfer statt.

Doch währenddessen wird der Krieg gegen die afghanischen Sicherheitskräfte und der Zivilbevölkerung weitergeführt. Der (vermeintliche) Grund: Die Kabuler Regierung war nicht Teil des Abkommens. Dieser Deal muss erst noch ausgehandelt werden. Wann dies sein wird, ist unklar. In Moskau wurden lediglich jene Floskeln wiederholt, die man seit Monaten hören kann. Die Taliban beharren auf ihr Emirat, während die Regierung ihre Republik nicht aufgeben will. In beiden Fällen handelt es sich um oberflächliche Begrifflichkeiten.

Wer nach tiefergehenden Interpretationen eines möglichen Staatsaufbaus sucht, ist fehl am Platz. Vertreter der Regierung hatten bereits vor den Moskauer Gesprächen deutlich gemacht, dass der Ball bei den Taliban liege – und dass ausländische Akteure, allen voran Pakistan, das eine Nähe zu den Militanten pflegt, den Friedensprozess sabotieren würden. „Wir hatten gute Gespräche mit den Taliban. Wir waren auf einem guten Weg. Doch nach ihrer letzten Reise nach Islamabad wendete sich das Blatt. Sie waren anders und weniger kompromissbereit“, meinte Matin Beg, Mitglied des Regierungsteams, in einem Interview mit dem afghanischen Fernsehsender Tolo.

Viele Beobachter gehen mittlerweile von einem „Bonn 2.0 Szenario“ aus. Kurz nach Beginn des westlichen Einmarschs Ende 2001 in Afghanistan trafen sich die Vertreter aller politischen Parteien am Petersberg in Bonn, um über die Zukunft des Landes zu entscheiden. Lediglich die Taliban fehlten damals – aus heutiger Sicht ein fundamentaler Systemfehler, der viele Probleme mit sich brachte.

„Ihr wollt nun Frieden? Das ist schön und gut aber warum wolltet ihr ihn nicht damals?“, entgegnete Sher Mohammad Abbas Stanekzai, einer der führenden Köpfe der Taliban-Delegation, während des Treffens in Moskau. Zugegeben, er hat nicht Unrecht. Die Zukunft des Landes lässt sich dennoch nicht mit den anwesenden Akteuren lösen. Kriegsopfer, Menschenrechtsaktivisten oder Vertreter der Zivilgesellschaft werden konstant ausgeschlossen. Lediglich eine einzige Frau war präsent. Man kann nur hoffen, dass sich dies im neuen Jahr ändert.

1 Kommentar zu Afghanistan: Fragiler Neustart

  • Abdul Ghani Alipour hat keine Zivilisten umgebracht und das steht auch niemals auf seiner Agenda. Die afghanische Regierung und die Taliban – beide rechtsextreme Sunniten – behandeln Hazaras als Zivilisten zweiter Klasse. Den Hazaras wird der Zugang zu Lebensmitteln, Bildung und Gesundheitsinfrastrukturen (u.a. der Angriff auf Schwangerschaftskliniken in Dasht-Barchi, Kabul) verwehrt. Hazaras werden umgebracht, ihnen werden die Kehle durchgeschnitten und dies wird in den Sozialen Medien von Pashtunen und Kochi-Nomaden wie Shkula Zadran und Bilal Sarwary gefeiert.

    Alipour beschützt die Hazaras in Behsud, Provinz Maidan Wardak, weil die Regierung klar und offensichtlich sich weigert den Hazaras den notwendigen Schutz vor Angriffen und Diskriminierung zu geben. Angegriffen werden Hazara-Zivilisten, nicht umgekehrt. Alipour verdient nichts an der Tötung von Zivilisten pashtunischer Abstammung, umgekehrt kann man das von den Afghanen nicht behaupten.

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