Droht ein Krieg zwischen Äthiopien und Sudan?

Der Sprecher des Transitional Sovereignty Council (TSC), Mohammed Al-Faki Suleiman, stritt ab, dass der Sudan ein Kriegstreiber ist, und fordert einen friedlichen Dialo.g. Bild: SUNA

Äthiopien und Sudan haben eine 744 km lange gemeinsame Grenze. Der größte Teil dieser Grenze verläuft auf äthiopischer Seite entlang des Bundeslandes Amhara, ein kleiner Teil der Grenze grenzt an das Bundesland Tigray. An der Grenze zwischen Sudan und Amhara ist ein fruchtbares Gebiet zwischen beiden Ländern umstritten.

Neueste Meldungen deuten darauf hin, dass der Grenzkonflikt zwischen Äthiopien und dem Sudan sich verschärfen könnte. Sudanesische Truppen waren im November in ein umstrittenes Grenzgebiet vorgerückt, das von äthiopischen amharischen Bauern besiedelt und bewirtschaftet wurde. Zuvor hatte die äthiopische Armee Stützpunkte in diesem Gebiet geräumt, um die Truppen gegen Tigray und die TPLF einzusetzen.

Die sudanesischen Streitkräfte wurden nach ihrem Vorstoß ihrerseits von amharischen Milizen angegriffen, allerdings wurden diese Angriffe zurückgeschlagen. In diesen Kämpfen hat es auf beiden Seiten Tote gegeben. Darunter waren auch sudanesische Zivilisten. Erst jüngst hat es Berichte gegeben, dass fünf Frauen und ein Kind von amharischen Milzen ermordet wurden.

Trotz dieser Auseinandersetzungen schien der äthiopische Präsident Abiy Ahmed Ali zumindest verbal an Entspannung interessiert. So hatte er zu Beginn der Zusammenstöße noch von freundschaftlichen Beziehungen und guter Nachbarschaft zwischen Sudan und Äthiopien gesprochen.  Vermutlich sind diese Entspannungssignale darauf zurückzuführen, dass Abiy Ahmed Ali keinen Konflikt mit dem Sudan riskieren wollte, solange er sich in einer militärischen Auseinandersetzung mit der TPLF in Tigray befindet.

Mittlerweile werden ganz andere Töne angeschlagen:  „How long will Ethiopia continue to resolve the issue using diplomacy? Well, there is nothing that has no limit. Everything has a limit, sagte der Sprecher des Außenministeriums in Addis Ababa.

Auch auf sudanesischer Seite verschärft sich der Ton. Nach der Verletzung sudanischen Luftraums durch äthiopische Kampfflugzeuge bezeichnete das sudanesische Außenministerium die Lage als „gefährliche und ungerechtfertigte“ Eskalation.  Die schärferen Töne auf beiden Seiten könnten die Einleitung zu einer Eskalationsspirale mit dem Nachbarland Sudan sein – im schlimmsten Fall könnten diese Grenzscharmützel in einen regelrechten Krieg zwischen beiden Ländern führen.

Verschärft wird die Situation nach jüngsten Meldungen dadurch, dass auch eritreische Truppen an die Grenze zwischen Tigray und Sudan vorgerückt sind. Damit wäre im Fall einer eskalierenden Auseinandersetzung neben Äthiopien und Sudan auch Eritrea als Bündnispartner des äthiopischen Regimes in den Konflikt einbezogen.

Wo liegen die Wurzeln dieses Konflikts?

Der Grenzverlauf zwischen Sudan und Äthiopien geht zurück auf die Kolonialzeit. Bis 1902 waren Sudan und Ägypten von der Kolonialmacht England kontrolliert. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts war die englische Kolonialpolitik am Horn von Afrika von der Konkurrenz mit den Kolonialmächten Deutschland, Frankreich und Italien geprägt. Im Hinblick auf den sudanesisch-äthiopischen Grenzverlauf war die englisch-ägyptische Politik auch davon bestimmt, die Kontrolle über die Ursprungsgebiete des Nils zu gewinnen, da insbesondere Wirtschaft und Landwirtschaft in Ägypten von einem ungehinderten Zugriff auf das Nilwasser abhängen.

Nach dem Rückzug der Engländer legten diese einen Grenzverlauf zwischen dem Sudan und Äthiopien fest. Danach wurde das jetzt umstrittene fruchtbare Ackerland Al Fashaga dem Sudan zugeschlagen. Dennoch blieb der Verlauf der Grenze in den folgenden Jahrzehnten zwischen beiden Staaten umstritten, da in dem Gebiet mehrheitlich äthiopisch-amharische Bauern siedelten und demzufolge auch der äthiopische Staat Anspruch auf dieses Gebiet geltend machte.

Im Jahr 2008 kam es nach längeren Verhandlungen zwischen der sudanesischen Regierung und der EPRDF geführten äthiopischen Regierung zu einem Kompromiss. Darin wurde vereinbart, dass das umstrittene Gebiet zum Sudan gehört. Gleichzeitig sicherte der Sudan zu, dass äthiopische Bauern weiterhin dort siedeln dürfen und ihre Steuern an den äthiopischen Staat abführen.

Der Beginn des Krieges gegen den Bundesstaat Tigray wurde von verschiedenen Parteien genutzt, um Gebietsansprüche durchzusetzen. So wie die amharischen Milizen die Gunst der Stunde nutzten und sich Gebiete in Tigray gewaltsam aneigneten, ergriff der Sudan die Gelegenheit, das fruchtbare Gebiet Al Fashaga unter seine volle Kontrolle zu bringen

Wie geht es weiter?

Offensichtlich befindet sich Abiy Ahmed Ali in einer Zwickmühle. Einerseits ist er an einer Deeskalation gegenüber dem Sudan interessiert, da – entgegen seiner Behauptung – die Kämpfe im Bundesstaat Tigray weitergehen und es darüber hinaus in verschiedenen anderen Gebieten Äthiopiens brennt. Anderseits hat er aufgrund seiner Repressionspolitik viel Unterstützung bei der zahlenmäßig größten Bevölkerungsgruppe Oromo verloren, so dass er sich mehr und mehr auf amharische Nationalisten stützen muss.

Aus Sicht von amharischen Nationalisten ist es nicht akzeptabel, Gebietszugeständnisse an den Sudan zu machen. Anscheinend ist der Druck von amharischer Seite in der Frage wie mit dem Grenzkonflikt umzugehen ist, mittlerweile so groß, dass Abiy Ahmed Ali nun doch bereit ist, die Konfrontation mit dem Sudan zu riskieren.

Sowie Eritrea auf der Seite des äthiopischen Regimes steht, steht Ägypten in diesem Konflikt auf der Seite des Sudan. Sowohl Sudan als auch Ägypten haben gemeinsame Interessen in einem anderen ungelösten Konflikt mit Äthiopien. Beide Staaten sehen den Bau und die Flutung des großen Grand-Ethiopian-Rensissance-Dam (GERD) Staudamms in Äthiopiens Bundesstaat Benishangul-Gumuz kritisch. Sie sind besorgt, wegen der Folgen der Staudammnutzung für die Versorgung ihrer Länder mit dem Nilwasser. Den letzten angesetzten Verhandlungstermin hat der Sudan platzen lassen.

Es wird immer deutlicher, dass die Politik des Regimes Abiy Ahmed Ali nicht nur Äthiopien in Chaos und Elend stürzt, sondern darüber hinaus mehr und mehr auch Nachbarländer auf die eine oder andere Art und Weise in einen Konflikt hineinzieht. Ein eskalierender Konflikt mit dem Sudan wäre ein weiterer Schritt, der das gesamte Horn von Afrika in Brand setzten könnte. Wie die Großmächte mit ihren Interessen auf einen zunehmenden Flächenbrand am Horn von Afrika reagieren, bleibt abzuwarten.