Rassismus in Griechenland: Wenn Kriminalfälle politische Dimensionen erreichen

Bild: W. Aswestopoulos

Kann ein Kriminalfall eine gesellschaftspolitische Dimension haben? Mit dieser Frage beschäftigt sich die griechische Öffentlichkeit in gleich mehreren Fällen. Der aufsehenerregendste betrifft eine junge Mutter mit Migrationshintergrund, die von ihrem griechischen Ehemann ermordet wurde.

Rund um diesen Fall manifestieren sich zahlreiche gesellschaftliche und politische Missstände. Die regierungsnahen, konservativen Medien schneiden dabei besonders schlecht ab. In der Folge werden sie der Einfachheit halber pauschal als „Medien“ bezeichnet, zumal sie auch wegen der ihnen in einem parteiischen Verfahren von der Regierung gewährten üppigen Corona-Beihilfen eine marktbeherrschende Stellung haben.

Ein Frauenmord

Im Polizeibericht vom 17. Juni 2021 heißt es:

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„Der Mord an einer 20-jährigen Einheimischen, der am 11. Mai 2021 in Glyka Nera stattfand, wurde aufgeklärt. Täter ist ihr 33-jähriger Ehemann, der seine Tat gestanden hat.“

Das Opfer der Tat, Caroline Louise Crouch, wäre am 12. Juli 20 Jahre alt geworden. Sie hinterlässt eine Tochter. Ihr Ehemann, Babis Anagnostopoulos, ist Hubschrauberpilot und spielte in den Medien bis zu seinem Geständnis die Rolle eines Opfers, das die Ermordung seiner Frau durch Einbrecher mitansehen musste.

Vorher hatte er den Tathergang wie folgt beschrieben. Unbekannte Einbrecher seien in der Nacht in sein Haus eingedrungen. Sie hätten eine ihm unbekannte ausländische Sprache für ihre Kommunikation benutzt und ihn gefesselt. Obwohl er ihnen das Versteck von 15.000 Euro Bargeld verraten habe, hätten die Täter seine Frau im Obergeschoss des Wohnhauses ermordet. Er selbst habe im gefesselten Zustand mit der Nase sein Mobiltelefon bedient und die Polizei gerufen.

Rassismus von Medien?

Der mit der Reaktion auf die Tat verbundene unterschwellige oder explizite Rassismus ist kein nur auf Griechenland beschränktes Phänomen. Die Griechen staunten nicht schlecht, als sie die Schlagzeilen der britischen Presse zum Fall sahen. „Griechischer Ehemann gesteht den Mord an britischer Frau“, titelt der Guardian zum Fall. Für den Guardian spielt damit die Nationalität des Vaters eine größere Rolle als die philippinische Herkunft der Mutter des Opfers oder die aktuelle Staatsangehörigkeit. Ein Vorgehen, das Medien überall auf der Welt machen, wenn es sich anbietet, um einen Bezug einer Person zur Leserschaft herzustellen.

In Griechenland wurde die Herkunft des Opfers erst nach dem Geständnis des Piloten zum Thema. Sie wurde nachträglich gegen das Opfer ausgelegt. Vorher jedoch sprangen alle auf den Zug der Geschichte des Täters auf. Ausländische Räuber wurden thematisiert. Medien, eine Staatsanwältin und auch der für die Polizei zuständige Bürgerschutzminister argumentierten, dass der Gefahr der „importierten Straftäter“ Einhalt geboten werden müsse.

Ein Georgier, der zufällig bei dem Versuch der Ausreise an der griechisch-türkischen Landgrenze festgenommen wurde, wurde anhand seines Vorstrafenregisters als Dieb identifiziert. Offenbar reichte dies den Ermittlern, um den Mann vier Tage lang zu foltern, wie er sagt. Er solle den „Mord an der Frau“ gestehen, erklärte der 36-jährige Georgier im georgischen Privatfernsehsender Imadi TV. Der Sender hatte ein Mobiltelefon in die Korydallos-Haftanstalt, wo der Mann immer noch einsitzt, eingeschmuggelt.

Tatsächlich hatte der Polizeibericht in den mutmaßlichen Tagen der Folter von der Festnahme eines dringend im Fall Crouch Tatverdächtigen berichtet. Das mutmaßliche Folteropfer erklärte im Fernsehen, dass ihm niemand Einzelheiten über „die Frau“ gesagt habe, und er schlicht nicht wusste, worum es geht. Der Foltervorwurf hat mittlerweile zur Intervention der georgischen Botschaft in Griechenland geführt.

Dieses Detail ist insofern wichtig, weil die Polizeibehörden nach dem Geständnis des Täters mehrfach behaupteten, sie hätten von Anfang an den Ehemann als einzigen Verdächtigen im Auge gehabt.

Die Ungereimtheiten

Vor seinem Geständnis hatte die Polizei eine Reihe von Indizien, die keine andere Tatversion zuließen. So hatte sich der Täter bei seiner Benutzung des Telefons „mit der Nase“ nur einmal verwählt. Er hatte zudem außer der Polizei noch mit zwei weiteren Personen Gespräche geführt, bevor er von der Polizei gefesselt aufgefunden wurde.

Im Haus befanden sich Überwachungskameras aus denen gemäß der ersten Version des Täters, die real nicht existierenden Räuber die Speicherkarten entfernt haben sollen. Die Räuber hatten sich dabei offenbar Mühe gemacht, die Kameras nicht zu beschädigen. Eine Analyse der Aufzeichnungen der Kameras ergab jedoch, dass die Karten Stunden vor der Tat entfernt wurden. Im Haus wurde keinerlei fremde DNA gefunden. Das Mordopfer, eine Kampfsportlerin, hatte keinerlei Abwehrspuren und keine DNA unter ihren Fingernägeln. Der Pilot, der über Stunden gefesselt gewesen sein will, hatte keine Fesselspuren. Das Opfer hatte eine Smart-Watch, welche einen mehrminütigen Erstickungstod Stunden vor dem angeblichen Überfall belegt. Indiz hierfür sind die aufgezeichneten Pulsschläge, welche einen ruhigen Schlaf und dann einen mehrminütigen starken Pulsanstieg bis zum Abbruch aller Lebensfunktionen belegen.

Der geständige Täter trat nach dem Mord mehrfach in den Medien auf. In keiner seiner Stellungnahmen erwähnte er den Namen seiner Frau. Vielmehr bedauerte er, was ihm, seiner Familie und der Familie seiner Frau geschehen sei. Trauer ließ er vermissen, was die Medien in Griechenland damit erklärten, dass er wegen seines Berufes immer einen kühlen Kopf bewahren müsse.

In sozialen Medien wurden diese Ungereimtheiten von Anfang an kontrovers diskutiert.

Eine toxische Beziehung

Die vom geständigen Mörder als harmonische Ehe präsentierte Beziehung war offenbar alles andere als das. Er hatte sie zu einer „Psychologin“ gebracht. Diese war in Wahrheit eine Heilpraktikerin, die bei allen Sitzungen mit dem späteren Opfer die Präsenz des Ehemanns zuließ.

Kennengelernt hatte dieser die damals 14-Jährige als Schülerin auf der Insel Alonissos. Er nutzte seinen Job, um dem jungen Mädchen zu imponieren. Er flog mehrmals zur Insel und überflog dabei demonstrativ die Schule des späteren Opfers, welches er im Lauf der Jahre von allen Freunden isolierte.

Als das Opfer im Alter von 17 Jahren eine Fehlgeburt erlitt, bestand der Täter nur drei Monate nach der Fehlgeburt auf eine erneute Schwangerschaft. Er heiratete sein späteres Opfer, ohne das Einverständnis der Eltern und ohne deren Anwesenheit in Portugal im Monat, in dem das Opfer volljährig wurde.

Offenbar wurde es der jungen Frau zu viel. Von der Polizei rekonstruierte SMS, welche das Ehepaar in der Tatnacht untereinander austauschten, belegen, dass sie ihn verlassen wollte. Auf dem Laptop des Opfers fanden die Ermittler Nachweise, dass sie über eine Internetplattform ein Hotel für sich und ihre Tochter buchen wollte.

„Sie drohte, ihn zu verlassen“

War Caroline Crouch für die griechischen Medien vor dem Geständnis ihres Mannes noch ein unschuldiges Opfer, schrieben sie nun: „Sie drohte, ihn zu verlassen.“ Selbstverständlich fehlten die üblichen Eskalationen „er liebt sie noch immer“, „er mordete aus Liebe“ usw. ebenso wenig, wie die unterschwelligen Hinweise auf den Migrationshintergrund des Opfers. In den Kommentarspalten unter den einschlägigen Artikeln finden sich Aussagen, welche an Abartigkeit kaum zu unterbieten sind.

Die in solchen Dingen nicht zimperlichen griechischen Medien schafften es, sich selbst zu toppen. Sie kamen, offensichtlich durch eine Indiskretion eines Polizisten, in Besitz eines Tagesbuchs, welches das Opfer in elektronischer Form geführt hatte, und veröffentlichten bruchstückhafte Auszüge. Dazu kamen die Aussagen des geständigen Täters, dass er von seiner Frau geschlagen worden wäre. Sie habe auch Gewalt gegen die Tochter angewandt. Eine Behauptung, die durch Zeugenaussagen widerlegt wird, was aber für die konservativen Medien kaum der Erwähnung wert ist.

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Erst nach einigen Tagen, in denen mit dem Tagebuch Einschaltquoten und Click-baiting betrieben wurde, gebot die Staatsanwaltschaft des Areopag dem unwürdigen Schauspiel ein Ende.

Kein Problem für den Sender SKAI, der noch vor dem Haftprüfungstermin beim Untersuchungsrichter am Dienstag am Sonntag ein Interview mit dem Täter führte. Darin stritt er jeglichen Vorsatz für die Tat ab und betonte, dass er sich nur um seine Tochter sorgen würde.

Tatsächlich hat er das Sorgerecht beantragt. Auch hier kommt von SKAI Rückendeckung. Die Gerichtsreporterin des Senders, Joanna Mandrou, referierte in einer Vormittagssendung über den „mutmaßlichen Täter“, dass dieser ja schließlich nicht ins Extreme gegangen sei und sein Opfer nicht verstümmelt habe. Ergo, so Mandou, sei der Täter keineswegs blutrünstig.

Der Studiomoderator Dimitris Oikonomou sprang ihr zur Seite und erzählte über Wiederbelebungsversuche, die der Täter seiner Ansicht nach gemacht haben soll. Allerdings gibt es für diese Behauptung keine bekannten Belege, wie auch die Polizei ihrerseits bekannt gab.

Selbstredend dass es hinsichtlich des Kindeswohls für die „Experten“ von SKAI besser ist, wenn das Kind des Opfers und des Täters bei den Eltern des Täters aufwächst. Denn schließlich würde es bei der Familie seiner Mutter nur an den Mord erinnert. Wie die Expertise aussehen würde, wenn der Täter und nicht das Opfer einen Migrationshintergrund hätte, vermag sich jeder selbst denken.

Die Ermittler finden „die Versuche des Whitewashing des Mörders von Caroline durch Journalisten problematisch“, titelt Newsbreak. Dabei ermitteln nun die Polizeibehörden auch gegen einen der ihren, den Polizeigewerkschaftler Stavros Balaskas.

Vor dem Geständnis hatte er ebenso wie die Vorsitzende der Vereinigung der Staatsanwälte Anna Zairi mehrfach öffentlich über die (fiktiven) Ausländer als Täter referiert und dabei zutiefst rassistisches Gedankengut offenbart. Balaskas wird von den einschlägigen Medien immer wieder als „Experte“ geladen. Er hatte über DNA-Spuren von Tätern unter den Fingernägeln des Opfers berichtet, bevor die Polizei selbst bekannt gab, dass es keinerlei solche Spuren gibt.

Nach dem Geständnis listete Balaskas live im Fernsehen auf, welche Fehler der Täter für einen perfekten Mord hätte vermeiden müssen. Er hatte auch noch einen Tipp für potentielle Frauenmörder. Es wäre besser gewesen, meinte Balaskas, wenn sich der Täter direkt nach der Tat vertrauensvoll an die Polizei gewandt hätte. „Dann wäre er nach maximal vier Jahren wieder frei“, schloss er. Dafür muss er sich nun einer eidlichen Dienstaufsichtsuntersuchung stellen.

Den Medien ist das egal. Sie luden ihn auch nach diesem Eklat mehrfach wieder in ihre Livesendungen. Das Thema „Caroline“ sorgt für Quote. Skai grub dafür auch Videoaufzeichnungen von Laientheateraufführungen aus, bei denen das Opfer mitspielte.

Dass es auch anders geht, belegt ein Artikel von Vasilis Lampropoulos in „Ta Nea“. Das Medium steht in seiner politischen Ausrichtung der konservativen Regierung nah. Lampropoulos, ein bestens mit der Polizei vernetzter Journalist, gehörte zu den wenigen, die von Anfang an der Version des Piloten zweifelten und ihn mehr oder weniger direkt verdächtigten. Er listet zehn massive Fehler der Ermittler auf, welche die Aufklärung des Falles verzögerten.

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