Butscha und die „Option“ einer gefährlich höheren Stufe der Eskalation

Getötete in Butscha.

Die Suche nach dem Ausweg aus der Sackgasse der Eskalationsdynamik und die Deeskalationsstrategie

 

Das Ereignis Butscha (Bucha), so haben es die Fernsehzuschauer auf der ganzen Welt augenblicklich voller Entsetzen begriffen, bedeutet einen zweiten und noch größeren Schock nach dem Beginn der Aggression gegen die Ukraine vom 24. Februar:  Offensichtlich größtenteils authentische Bilder von Massenverbrechen gegen Zivilisten, die nichts anderes als Abscheu gegen die Täter und ihre „Auftraggeber“ hervorrufen können.

In das Entsetzen und den Abscheu mischt sich die Frage, warum die Untaten nicht wie die des Gulag und sogar größtenteils die der Shoa verheimlicht werden sollten. Welchem Kalkül kann die geradezu ostentative „Präsentation“ der Verbrechen dienen? Sollte dadurch der Widerstandswille der übrigen Bevölkerung gebrochen werden? Es musste evident sein, dass das Gegenteil erreicht werden würde. Sollte eine Mordtruppe („Spezialeinheiten“) „gezüchtet“ werden, die nicht zurückkann, weil sie wie die Shoa-SS im Fall der Niederlage nur den Tod oder lebenslange Haft erwarten kann? Ob die Täter ihren „Auftrag“ auf eigene Faust überschritten oder nicht, ist momentan nicht zu klären – lächerlich aber wären Relativierungen von der Art: „Wenn das der Führer gewusst hätte!“

Jetzt noch differenzieren? Gerade jetzt differenzieren!

Bereits jetzt scheinen einige Täter-Einheiten und Kommandeure identifiziert zu sein: Diese juristische Arbeit muss mit dem Ziel der Bestrafung aufs solideste weitergeführt werden. Das liegt auch im Interesse aller russischen Soldaten, die mit den Untaten nichts zu tun haben, und mehr noch im Interesse der übergroßen Mehrzahl der russischen Bevölkerung, die solche Verbrechen bei überzeugender Information ganz sicher ebenso verabscheuen wird wie die der übrigen Welt.

Es ist also gerade jetzt zwischen zu differenzieren: zwischen der Putin-Führung und der russischen Bevölkerung – zwischen den Befehlshabern und den Untergebenen – zwischen den Mordtruppen und den übrigen russischen Soldaten – zwischen der informierten und den nicht bzw. falsch informierten Russen.

Ein Krieg im Rahmen der Eskalationsdynamik

Alle Großmächte handeln im kriegerischen Ernstfall nach vorbereiteten Szenarien und Simulationen. Klassisch ist die Eskalationsstrategie der NATO, die im Rahmen eines Schemas von „Stufen der Aggression“ entsprechende „Antworten“ vorsieht und diese Ankündigung gleichzeitig als Stufen der „Abschreckung“ einsetzt.

Die höchste Stufe sowohl von Aggression wie von Antwort, also die höchste Stufe der Eskalation, besteht im atomaren Schlagabtausch. Diese höchste Stufe stand seit dem Kalten Krieg (seit 1948) unter dem Tabu der „Mutual Assured Destruction“ (MAD), der „reziproken garantierten Vernichtung“. Zwar haben die USA bis heute ostentativ nicht auf die „Option“ des nuklearen Erstschlags verzichtet (sie streben die Rückgewinnung dieser Option mittels einer Kette von Raketenschirmen weiter an) – aber bis auf weiteres ist die Eskalationsleiter nach oben begrenzt: Sie muss „unter der Atomschwelle“ bleiben.

Eskalationskriege unter der Atomschwelle

Auch unter der Stufe von MAD wurden und werden viele Eskalationskriege geführt, sowohl von der NATO (Serbien/Kosovo 1999, Afghanistan) wie direkt von den USA mit „Koalitionen der Willigen“ (Vietnam, Irak, Libyen), ebenso Stellvertreterkriege: Dafür ist momentan der Jemenkrieg exemplarisch, in dem sich seit sieben Jahren sämtliche Horrortaten, besonders gegen Kinder und Frauen, ereignen, die nun in der Ukraine den berechtigten Aufschrei auslösen. Der Unterschied? Der Jemen liegt wie Vietnam „da unten“ in der Dritten Welt.

Im Vietnamkrieg erprobten die USA gegen eine Volksresistenz Eskalationsstufen wie Flächenbombardierungen, Massaker gegen zivile Dörfer, Napalm und Agent Orange. Als die führenden Generäle schließlich den Einsatz von Atomwaffen vorschlugen, wurde das von der politischen Führung wegen der MAD-Schwelle gestoppt. Die Generäle wollten das Risiko eingehen, weil sie spekulierten, dass eine solche Kriegsführung in der Dritten Welt eventuell von der Sowjetunion nicht atomar „beantwortet“ werden würde.

Wie jeder Eskalationskrieg zielt auch der unter der Atomschwelle auf Sieg. Worin besteht der Sieg in einem Eskalationskrieg unter der Atomschwelle? Das zeigen die Beispiele Irak, Serbien, Libyen: Der Sieg besteht in der Beseitigung eines feindlichen autokratischen Führers, eines Diktators (Saddam, Milosevic, Gaddafi) und einem Regime Change. Wie diese Beispiele zeigen, ist diese Art „Sieg“ allerdings ein hauptsächlich symbolischer Akt, und die darauf folgende Besetzung kann den Krieg eventuell auf lange Zeit fortsetzen und noch in einer Niederlage enden.

Ein wesentlicher Eskalationsschritt in dieser Art Anti-Diktatoren-Eskalation ist der Moment, in dem erklärt wird, dass mit dem Diktator nicht mehr verhandelt werden könne. Man sieht sofort, warum dieser Eskalationsschritt für den Ukrainekrieg relevant ist: Das Ereignis Butscha wird von vielen Akteuren und Medien als der Moment definiert, ab dem mit Putin nicht mehr verhandelt werden könne. Das sagte sogar Biden, wurde aber von seiner Regierung zurückgepfiffen.

Szenario: Saddam-Milosevic-Gaddafi mit Atomwaffen? Und Putin?

Wäre das Schema einer Eskalation unter der Atomschwelle gegen Saddam usw. durchführbar gewesen, wenn diese Diktatoren Atomwaffen besessen hätten? Hätten sie gezögert, diese Waffen einzusetzen, wenn das ihre ›letzte Option‹ gewesen wäre? Hat sich nicht für Kim Jong-un die Lage grundsätzlich geändert, seit er vermutlich über eine A-Waffe verfügt? Putin besitzt nicht nur eine A-Waffe (numerisch eine) und nicht nur eine Trägerrakete dafür.

Der fatale Widerspruch im Diskurs der Gegen-Eskalation innerhalb und außerhalb der Ukraine

Erstaunlich ist, dass die Befürworter einer Gegen-Eskalation (Selenski: „Dieser Krieg wird erst mit dem Sieg der Ukraine enden“, „Wir werden keinen Zentimeter unseres Territoriums aufgeben“) Putins Entscheidung einer ersten Alarmstufe für Atomraketen für harmlos und irrelevant erklären. Je mehr sie ihn symbolisch mit Saddam-Milosevic-Gaddafi gleichsetzen, je mehr er diabolisiert wird (was er allerdings hauptsächlich schon selbst besorgt), je mehr man ihn „wahnsinnig“ nennt, je mehr er als Kriegsverbrecher angeklagt wird, umso ernster sollte man doch das Risiko veranschlagen, dass er – hätte er nichts mehr zu verlieren – jene letzte „Option“ wählt, die Saddam usw. eben nicht besaßen. Stattdessen warnen die Stimmen der Gegen-Eskalation lediglich davor, dass Putin C-Waffen einsetzen könnte. Dann aber wäre jeder Ausweg aus der Sackgasse, in die er sich manövriert hat, endgültig verschlossen und könnte definitiv niemand mehr mit ihm verhandeln.

Gegen-Eskalation

Zu den minimalen Kriegszielen der russischen Seite (sicher nicht bloß Putins) gehört ein neutraler Status der Ukraine, also ihr Verzicht auf NATO-Mitgliedschaft. Das erstreckt sich auch auf eine informelle Assoziation, wie sie de facto bereits seit 2014 besteht, wie sie nach dem Vorschlag der ukrainischen Regierung durch eine Beistandsgarantie westlicher Großmächte und der EU kompensiert und wie sie nun durch das Ereignis Butscha quasi zementiert werden soll.

Durch die Lieferung schwerer Offensiv- und Hightechwaffen, deren Bedienung von NATO-Spezialisten trainiert und weiter beraten werden muss, würde der Krieg zu einem informellen NATO-Krieg (eventuell unter EU-Flagge). Ein solcher informeller NATO-Krieg würde aber selbstverständlich für geostrategische Ziele der NATO geführt werden. Das wurde sehr deutlich, als Stoltenberg, diese ideale ausdruckslose Stimme einer subjektlosen Eskalationslogik, am 5. April (Ausschnitt in der ARD-Tagesschau) mit nochmals gesteigerter Ausdruckslosigkeit – und nun deutlich kontrafaktisch – erklärte, die NATO führe keinen Krieg gegen Russland und sei nicht auf dem Territorium der Ukraine tätig. Die Frage ist, wieweit die NATO nun eine neue, auf Sieg zielende Gegen-Eskalationsstrategie der Ukraine mittragen bzw. sogar mitplanen will und was Sieg bedeuten soll.

Konnte man den bewundernswerten Defensivkampf vor Kiew, erzielt durch Kombination von Armee und Volksresistenz, mit dem Ziel eines strategischen Patts, eines raschen Waffenstillstands und eines Kompromissfriedens vereinbaren, so soll das Ereignis Butscha nun eine neue Strategie (Gegen-Eskalation) mit über ein Patt plus Neutralität hinausgehenden Kriegszielen einleiten: eventuell bis zur Rückeroberung von Donbass und Krim. Es droht dann allerdings ein Ende, in dem der zynischen „Kanonenfutter“-Strategie der russischen Armee mit ihren Massenopfern ein tragisches „Kanonenfutter“-Opfer ukrainischer Kämpfer für geostrategische Interessen der NATO geantwortet hätte. Denn: Der Gegner dieser Gegen-Eskalation besitzt Atomwaffen.

Die kulturelle (diskursive) Seite der Eskalation: Symbolik und binärer Reduktionismus

Ein Eskalationskrieg ist ein multizyklischer Prozess: Dass neben dem direkt militärischen auch der wirtschaftliche Zyklus eine enorme Rolle spielt, ist nicht nur allem Entscheidern, sondern auch der breiten Bevölkerung klar, wie das Thema „Wirtschaftssanktionen“ mit ihren Konsequenzen auf beiden Seiten täglich erweist. Mindestens ebenso wirkmächtig sind die kulturellen Zyklen, darunter evidentermaßen die medialen. Dabei geht es viel weniger um die Frage manipulierter Fotos und Videos („Fake News“) – viel wichtiger ist der symbolische Impakt der Bilder, ihr „Framing“.

In einem Krieg herrscht immer und automatisch ein „synekdochisches“ (Synekdoche = pars pro toto, Teil fürs Ganze) und „allegorisches“ (Person symbolisiert Nation) Framing: Ein russischer Soldat steht symbolisch für alle russischen Soldaten und eventuell für alle Russen – umgekehrt ein ukrainisches Opfer für alle ukrainischen Opfer und eventuell für alle Ukrainerinnen. Ich habe diesen Mechanismus andernorts als „binären Reduktionismus“ erklärt: Es gibt nur zwei „Säcke“, in die alles gesteckt wird – den guten Sack der Ukraine und den bösen Sack Russlands. All diese symbolischen Mechanismen spielen eine enorme Rolle für die kulturelle Seite der kriegerischen Eskalation. Sie determinieren die positive Identifikation als „Wir“ und die negative Gegen-Identifikation als „Die“.

Daraus entstehen ganze diskursive Eskalationen: Die positive Identifikation mit der Ukraine tendiert zu erzwungenen Freundbildern – es kann dann nicht mehr differenziert und gesagt werden, dass das Asow-Regiment in Mariupol aus überzeugten Faschisten besteht. Es kann auch nicht mehr zwischen ukrainischer Volksresistenz für Leben und Heimat einerseits und geostrategischen Interessen der NATO anderseits differenziert werden. Umgekehrt kann eine teilweise Gegen-Gegen-Identifikation mit Russland zur „Putin-Versteherei“ auch noch der Aggression führen: Weil einem der „Sack“ Ukraine teilweise suspekt ist, optiert man für den ganzen „Sack“ Russland.

Der binäre Reduktionismus wird durch historische Kollektivsymbolik verstärkt: westliche Freiheit vs. russische (orientalische) Despotie, westlicher Humanismus vs. russische (asiatische) Barbarei usw. Eine besondere Rolle spielt die Kollektivsymbolik als „Schmiermittel“ der Eskalation: „Putin versteht nur eine Sprache: die der Gewalt“ usw. Dazu symbolische historische Analogien: „Appeasement“ usw.

„Alle Optionen auf dem Tisch“

Das griffigste Kollektivsymbol der Eskalationsstrategie lautet: „Alle Optionen liegen auf dem Tisch.“ Annalena Baerbock bewies, dass sie „Außenministerin kann“, indem ihr diese rhetorische Floskel sofort glatt über die Lippen kam. Schärfere Sanktionen? Waffenlieferungen? „Alle Optionen liegen auf dem Tisch.“

Wäre Karl Kraus ihr nicht in jeder Bedeutung des Wortes fremd, dann hätte sie sich dieses Bild als surreale Realität vorstellen müssen: Ein fein gedeckter Tisch, auf dem Panzer und Atomraketen zum Menü gehören. Bitte bedienen Sie sich.

Radikalnationalismus und Kulturrassismus

FAZ fragt den ukrainischen Botschafter Andrij Melnyk, warum er ein vom Bundespräsidenten organisiertes Benefizkonzert, bei dem auch russische Solisten, die sich gegen Putins Krieg erklärt hatten, auftraten, boykottiert und polemisch herabgesetzt habe.

Melnyk: „[…] Sie erleben diesen Krieg nicht mit eigener Haut. Uns kann es jetzt nicht darum gehen, zwischen bösen Russen und guten Russen zu unterscheiden. Denn Russland führt einen Krieg gegen die Ukraine. Es ist nicht Putin, der Menschen in Butscha ermordet hat. Das waren konkrete Menschen aus verschiedenen Regionen Russlands. […] Ich sage es ganz klar: Russland ist ein Feindstaat für uns. Und alle Russen sind Feinde für die Ukraine im Moment. Das kann sich ändern. Aber im Moment ist es so, dass wir keine Zeit haben zu fragen: ‚Bist du gegen Putin oder für ihn – oder hast du vielleicht nur teilweise Verständnis‘. Für mich wird es keine gemeinsamen Konzerte geben, solange Bomben auf ukrainische Städte fallen.

FAZ: Haben Sie keine russischen Freunde?

Melnyk: Nein, nie gehabt. Aus einem einzigen Grund: weil das, was wir heute erleben, schon seit vielen Jahrzehnten geplant war. […]

FAZ: Sie sagen, ich könne das nicht verstehen, auf der anderen Seite müssen Sie auch meine Erschütterung anerkennen, wenn Sie sagen ‚Alle Russen sind Feinde‘, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass so ein Satz den Krieg beenden wird.

Melnyk: Schauen Sie, wir haben keine Illusionen, auch in Bezug auf die sogenannte russische Opposition. Denn auch von einem Herrn Nawalny, der jetzt leider im Gefängnis sitzen muss, können wir nichts Gutes erwarten. Egal ob an der Machtspitze oder in der Opposition: Die Ukraine war, ist und wird wahrscheinlich für lange Zeit ein Feind der russischen Gesellschaft bleiben. […] […] Wir können nicht einfach zur Normalität zurückkehren. Das wird nicht geschehen.“

Es geht in diesem Interview um kulturelle Phänomene – aber die Konsequenzen für den Eskalationsprozess sind klar: Keine Verhandlungen, selbst wenn Putin gestürzt würde – stolzes und radikales Plädoyer für einen totalen, alle Zyklen der Gesellschaft ohne Ausnahme vollständig erfassenden Krieg. Radikaler binärer Reduktionismus: Alle Russen in einen Sack, den Sack mit der Aufschrift „Feind“. Dabei geht Radikalnationalismus bruchlos in Kulturrassismus über. Weshalb dann auch der folgende Twitter-Beitrag des ukrainischen Verteidigungsministeriums (laut WAZ 4.4.2022) sagbar geworden ist: „Die ukrainische Stadt Butscha war für mehrere Wochen in der Hand von Tieren.“ Sagbar geworden in einem deutschen Mainstreammedium.

Die Suche nach dem Ausweg aus der Sackgasse der Eskalationsdynamik und die Deeskalationsstrategie

Es lässt sich nun das Fazit der Überlegungen ziehen: Die tiefe, stark angstbesetzte Erschütterung großer Bevölkerungsmassen durch das Ereignis Butscha beruht nicht nur auf der Konfrontation mit abscheulichen, wahrhaft abjekten Verbrechen, sondern (vielleicht nur teilweise bewusst) auf der Einsicht, dass die „Antwort“ auf dieses Ereignis einen möglicherweise fatalen Sprung auf der Eskalationsleiter bedeuten könnte. Dass eventuell irreversibel eine Weiche gestellt werden könnte, die weitere Weichenstellungen auslösen könnte bis zur Stufe der atomaren „Optionen“. Für diese Weichenstellung wäre die „Option“ Es-kann-nicht-mehr-verhandelt-werden entscheidend.

Eine solche Weichenstellung bedeutet militärisch Abschied vom Kriegsziel Patt und Gegen-Eskalation in Richtung Sieg der Ukraine, also die schnelle Lieferung von „Offensivwaffen“ und das rasche Training ukrainischer Spezialkräfte dafür. Dabei handelt es sich, wie klar geworden ist, um ein Vabanque-Spiel, das auf der Vertuschung der Risiken bei Annäherung an die Atomschwelle beruht. Diese Vertuschung ist nicht weniger abzulehnen als Putins Vertuschungen. Die Vertreter dieser Gegen-Eskalation müssen benannt und befragt werden. Das ist in erster Linie die Aufgabe friedensverpflichteter Medien.

Dabei ist auch der folgende wesentliche Punkt nicht zu vergessen: Die Solidarität mit der Ukraine gegen Putins Aggression bezieht sich nicht auf Abstrakta, sondern auf die reale ukrainische Bevölkerung. Deshalb die Forderung: Sofort Stopp des Krieges, sofort Waffenstillstand, um weitere mögliche Opfer zu retten. Wäre ein Strategiewechsel zur Gegen-Eskalation mit diesem ersten Ziel noch vereinbar?

Statt Gegen-Eskalation sollten also jetzt erst recht die Möglichkeiten der Deeskalation genutzt werden. Deeskalation als Strategie bedeutet keineswegs einen falsch (im Sinne von Nur-noch-Beten) verstandenen Pazifismus. Sie bedeutet allerdings eine Stärkung des zivilen, zivilgesellschaftlichen Widerstands (alle Formen der Nicht-Kooperation mit den Besatzern, des Boykotts und der Sabotage). Gegen eine extreme Aggression wie die Hitlers im Zweiten Weltkrieg und auch die aktuelle Putins in der Ukraine kann die zivilgesellschaftliche Resistenz im Grenzfall auch die pazifistische Grenze überschreiten und in Partisanenresistenz übergehen. Das kann nur aus religiöser Perspektive verurteilt werden.

Aber jede Form der Volksresistenz muss in jedem Fall klug und wahrhaft humanistisch auf eine entgegenkommende Volksresistenz der Gegenseite zielen: Auf Desertion und Meuterei der gegnerischen Truppen und auf Widerstand der gegnerischen „Heimatfront“. Das russische Volk hat dazu die große Erfahrung von 1917, und auch jetzt gibt es bereits wieder analoge Tendenzen sowohl in der Armee wie im „Hinterland“.

Von Seiten der ukrainischen Volksresistenz und ihrer internationalen Unterstützung besteht die vielleicht wichtigste Aufgabe darin, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, um die russischen Truppen und die russische Zivilgesellschaft in der Heimat über den tatsächlichen Kriegsverlauf zu informieren. Deshalb sind – um es ganz konkret und auf heute bezogen zu formulieren – die Initiativen, die die betroffenen russischen Familien über das Schicksal gefallener Söhne und Verwandten informieren, jetzt wichtiger als die Lieferung von Hightech-Waffen. Die vielen Beerdigungen und die noch zahlreicheren Vermissten-Fälle werden bellizistische Stimmungen sehr bald untergraben. Schon jetzt gibt es eine Art informeller „Mütterbewegung“ in Russland, die auch von Friedensgruppen außerhalb unterstützt wird, wobei das Internet eine wichtige technische Rolle spielt.

Das Beispiel 1914 lehrt, dass es ganz falsch wäre, sich durch eine anfängliche spontane Abwehr nicht direkt betroffener Stimmen aus der russischen Zivilgesellschaft entmutigen zu lassen. Ein Stimmungsumschwung der russischen Zivilgesellschaft könnte am ehesten zu einer Spaltung der Entscheidungseliten und sogar zum Sturz Putins führen. Es leuchtet ein, dass die Parole „Alle Russen sind Feinde“ des Botschafters Melnyk das gerade Gegenteil einer solchen kulturellen Deeskalationsstrategie impliziert. Das FAZ-Interview wirft sogar die Frage auf, ob es sich bei seinem zur Schau gestellten Pessimismus über die russische Zivilgesellschaft nicht um seine Wunschvorstellung handelt.

Das kann wiederum nur aus religiöser Perspektive rein moralisch verurteilt werden. Tatsächlich hat es eine gewisse Konsequenz im Rahmen der auf Sieg zielenden Strategie der Gegen-Eskalation, die ja gar nicht nach einem Ausweg (Ausschlupf, Fluchtlinie) durch eine Verhandlungslösung sucht, sondern selbst angesichts des nuklearen Risikos „alles für den Sieg“ mobilisieren will. Und dazu gehört dann auch das kulturrassistische Phantasma eines monolithischen russischen „Tätervolks“. Darauf kann die Antwort nur lauten: Nicht mit uns. Nein zum binären Reduktionismus, schon gerade zu einem derart radikalen.

Umgekehrt ergibt sich stattdessen das folgende anzustrebende Verhältnis zwischen professioneller Kriegsführung und Volksresistenz im Rahmen einer Deeskalationsstrategie: Die professionelle Kriegsführung sollte defensiv sein und auf ein Patt zielen, damit möglichst bald ein Waffenstillstand erreicht werden kann – die Volksresistenz sollte auf die Zermürbung der russischen Soldaten setzen, indem sie ihnen die Möglichkeit der Desertion und der heimlichen Obstruktion à la Schweijk eröffnet.

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6 Kommentare zu Butscha und die „Option“ einer gefährlich höheren Stufe der Eskalation

  • Schade Herr Rötzer, dass Sie einem Hetzer vor dem Herrn hier Raum einräumen. Als hätten diese Leute nicht anderswo schon genug Publikationsmöglichkeiten.

    Das Intro ist von einer nicht zu überbietenden Perfidie. Da wird, was offensichtlich gegen die Schuldzuweisung an die Russen spricht, als Mysterium abgehandelt, begleitet von unsäglichen Vergleichen und Spekulationen. Somit ist das Plausibilitätsmanko elegant aus dem Weg geräumt und es kann befreit zugetreten werden. Man kann sich nur noch fremdschämen.

    Von diesem Ausgangspunkt aus wird man zwingend im dritten Weltkrieg landen. Wer die Gegenseite als monströs objektiviert trägt zur ultimativen Katastrophe bei. Daran ändern auch wilde Spekulationen über die ‚russische Zivilgesellschaft‘ nichts, die an arroganter Überheblichkeit wirklich nicht mehr zu überbieten sind.

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    • Wenn wir eine offene Diskussion erwarten, müssen wir auch solche Artikel lesen. Oder sie ignorieren.
      Natürlich trifft Herr Rötzer eine Auswahl. Schade, dass Sie den ersten Absatz nicht weggelassen haben. Die beiden anderen sagen genug. Und was bringt fremdschämen? Hier denkt eben jemand so.

      Antwort
  • Ich finde eine Deeskalation sollte auf allen Seiten stattfinden. Auch in Europa und insbesondere in Deutschland. Obwohl ich in der Friendensbewegung bin, werde ich dieses Jahr nicht an den Ostermärschen teilnehmen, denn bei uns sind die GRÜNEN als Mitorganisatoren genannt. Für mich sind die GRÜNEN hier keine Friedenspartei, sondern eine Kriegspartei, die alles daran setzt, den Krieg weiter zu eskalieren. Das Wort Diplomatie scheint aus dem Wortschatz dieser Partei gestrichen worden zu sein.
    Ich finde es unerträglich, dass diese Partei die Friednsbewegung instrumentalisiert und die Friedensbewegung sich instrumentalisieren lässt.

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  • Wenn zwei einen Kampf anfangen, muss sich der Unterlegene ergeben. Das ist zum Beispiel beim Boxkampf so, und zwar zum Schutz des Unterlegenen. Aber was EU und NATO hier anheizen ist ein Gladiatorenkampf bis zur Vernichtung eines oder beider Gegners, egal welcher, hauptsächlich das Spektakel kommt an, unter beifälligem Gejohle des Pöbels, dem man das Märchen von der Vergewaltigung eines kleinen unschuldigen Landes durch die Organisation „Putin“ eingetrichtert hat. Über die (Be)Freier der jungfräulichen Ukraine möchte ich mich jetzt nicht auslassen, sondern die Frage stellen, wenn die Ukraine geopfert ist, wer muss dann als nächster gegen die Bestie „Putin“ antreten in der Arena, in der die Globokonzerne an der Kasse sitzen?

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  • „In das Entsetzen und den Abscheu mischt sich die Frage, warum die Untaten nicht wie die des Gulag und sogar größtenteils die der Shoa verheimlicht werden sollten. Welchem Kalkül kann die geradezu ostentative „Präsentation“ der Verbrechen dienen? Sollte dadurch der Widerstandswille der übrigen Bevölkerung gebrochen werden? “

    Diese beiden Fragen suggerieren, dass die Täter dingfest gemacht wurden, können aber den zeitlichen Verlauf, in dem viel zu spät die „ostentative Präsentation“entdeckt wurde, nicht rückgängig machen. Ein wenig müsste sich die russische Seite auch zu den Taten bekennen.

    Wundersamerweise beschäftigt sich der Artikel aber nicht mehr mit der Beantwortung dieser Frage, sondern mit der einer drohenden Eskalation, ohne die dazu gehörige Frage gestellt zu haben: Sind die Ukrainer dabei den Krieg zu verlieren und versuchen die NATO mit derartigen Geschehnissen mehr als bisher bekannt hineinzuziehen?

    Als sich die NATO aus Afghanistan zurückzog, standen die so geannten NATO-Ortskräfte – in der Ukraine würde man analog von russischen Saboteuren und Kollaborteuren sprechen – im Mittelpunkt der Weltberichterstattung. Zurecht befürchtete man Racheaktionen der siegreichen Taliban. Gilt das hier nicht?

    Beide Fragen kann das Mainstream-Narrativ nicht stellen, weil die Ukrainer als die „Guten“ und dazu als die Siegreichen gelten. Ist das die Realität, in der die Interpretation der Untaten in Butscha so nahtlos passen?

    Und wer wollte nichts von Waffenstillstand und einem schnellen Ende wissen? Biden hat dazu eine andere Antwort gegeben.

    PS. Was bedeutet eigentlich so ein Satz? „Das sagte sogar Biden, wurde aber von seiner Regierung zurückgepfiffen.“

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    • Was in dem Artikel zum Ausdruck kommt, ist das wahre Gesicht der Manipulation und Wahrheitsverschweigen der Ukraine, damit dieser Krieg noch weiter ausgedehnt werden kann. Wie viele Menschen sollen noch sterben? Es werden keine Vorschläge für Waffenstillstand oder Frieden gemacht. Vorschläge für Abkommen werden kurzerhand verändert und Waffenlieferung sollen noch von den USA und EU erhöht werden! Die Ukraine wird durch den Wertewesten ausgenutzt, um Russland und die russische Bevölkerung zu zerstören. Wo bleibt der Aufschrei der Weltbevölkerung?!?!

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