Dänemark und Corona – Abschied von der großen Freiheit

Bild: ssi.dk

Im September hatte die Regierung in Dänemark erst alle Restriktionen im Kampf gegen Corona aufgehoben, jetzt wird der Coronapass verpflichtend und der Druck auf die Ungeimpften steigt.

 

Bereits 316 Dänen liegen mit Corona-Komplikationen im Krankenhaus (Stand 12.11.2021), die Einweisungen haben sich innerhalb der letzten 14 Tage verdoppelt – mit ein Grund für die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen, Anfang dieser Woche den Abschied von der großen Sorglosigkeit anzukündigen. So wird der nun nur noch ein halbes Jahr gültige  Coronapass wieder eingeführt, mit dem belegt wird, ob eine Person getestet, geimpft oder genesen ist.

Aufgrund der hohen Impfrate und der entspannten Lage in den Krankenhäusern hatte die sozialdemokratische Regierung ab dem 10. September alle Restriktionen aufgehoben. Covid-19 galt seitdem nicht mehr als gesellschaftsrelevante Krankheit. Mit diesem Status soll es nach Willen der Minderheitsregierung vorbei sein, auch darüber muss abgestimmt werden. Doch mittlerweile werden in dem Land mit 5,8 Millionen Einwohnern bis über 3000 Neuinfektionen pro Tag gemeldet.

Empfehlung für die Corona Restriktionen in Dänemark musste zunächst der Epidemieausschuss auf Anraten – Kritiker sprechen von „Druck“ – der sozialdemokratischen Regierung aussprechen.

Das Parlament segnete die Empfehlung des Ausschusses ab. Seit Freitag um sechs Uhr früh ist der Eintritt in Cafés, Diskotheken und Großveranstaltungen nur noch mit dem Coronapass, mit den auf dem Smartphone gespeicherten Informationen möglich, die einen negativen Test, eine Genesung oder Impfung nachweisen. Auch Arbeitgeber dürfen das Vorlegen des Coronapasses von ihren Angestellten fordern.

Der Druck steigt auf die Ungeimpften. Sie wurden auf der Pressekonferenz am Montag von Regierungsvertretern ermahnt, sich endlich impfen zu lassen. Bislang sind über 75 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft. Rund zehn Prozent der Dänen, welche eine Aufforderung zur Impfung bekommen haben, sind dieser jedoch nicht nachgekommen.

Vor allem Mette Frederiksen, die für ihren ruppigen und direkten Stil bekannt ist, setzte ihnen am Montag  zu: „Für diejenigen, die bislang noch nicht geimpft sind, wird es nun beschwerlicher, und ich denke, so sollte es auch sein.“ Eine kleine Gruppe würde das Leben der großen „ruinieren“.

Experten wie Allan Randrup Thomsen,  Professor für Experimentelle Biologie an der Universität Kopenhagen, brandmarkte die Ungeimpften im öffentlich-rechtlichen Fernsehen als Hauptverantwortliche für den Infektionsanschub.

Druck bringe nichts, meinen jedoch andere Experten. Der Politikwissenschaftler Michael Bang Petersen hat 10.000 Dänen mittels der Studie namens HOPE zu ihrem Impfverhalten befragen lassen. Dabei kam heraus, dass eine vage und auf beruhigende Weise von Autoritäten über Impfstoffe zu reden, die Impfbereitschaft nicht steigere, vielmehr würden das Vertrauen in die Gesundheitsbehörden geschmälert und „Verschwörungstheorien“ gefördert.

Zumeist seien dies Wähler von rechtsliberalen Parteien, die eher Misstrauen gegenüber dem Staat empfinden. Der Wissenschaftler der Universität Aarhus plädiert dafür, dieser Gruppe mehr entgegen zu kommen und ihr Informationen anzubieten, schließlich sei von der Regierung entschieden worden, dass die Impfung auf Freiwilligkeit basiere.

„Wir sollten als Einheit und mit intakter sozialer Harmonie aus der Pandemie herauskommen. Es kann zu Spaltungen zwischen Bevölkerungsgruppen kommen“, erklärte der Politologe gegenüber dem dänischen öffentlich-rechtlichen Sender DR.  Dieser porträtierte eine unentschlossenere Impfskeptikerin, welche sich diese Woche impfen ließ, sowie einen entschiedeneren Impfgegner, der bei seiner Haltung bleibt und sich diskriminiert fühlt.

Zudem meldet das Staatliche Sereninstitut, dass auch die Schulkinder ihren Anteil am Ansteigen der Zahlen haben – die 6- bis 11-jährigen hätten einen Inzidenzwert von 941 Fällen pro 100.000 Einwohnern, einen noch etwas höheren Wert erreichen die 12- bis 15-jährigen Schüler, welche das Impf-Angebot bislang nicht angenommen haben.

Dänemarks Coronapolitik ist geprägt von schnellen und eigenwilligen Entscheidungen – zweimal wurde ein Lockdown verhängt, der letzte dauerte von Dezember bis März. Dank umfangreichen Testungen, einem hohen Grad an Digitalisierung, unkonventioneller Zukäufe von Impfstoffen und mittels des im April eingeführten Coronapasses konnten die Dänen dann im Mai wieder viele Freiheiten genießen.

Dieser Stil geht auf die Person von Mette Frederiksen zurück. Diese steht gerade aufgrund des Minkskandals unter Druck. Im vergangenen Herbst ließ die Premierminister den gesamten Bestand von amerikanischen Nerzen in Dänemark wegen einer Corona Mutation notschlachten. Dies war unrechtmäßig, wie sich später herausstellte. Derzeit fehlen viele SMS aus dieser Zeit, wie ein Untersuchungsausschuss zu dieser Affäre bemängelt. Die harschen Worte der Sozialdemokratin gegen die Ungeimpften sehen Kritiker auch als Kreieren eines neuen Sündenbocks.

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