„Das militärische Eingreifen in Afghanistan war rechtswidrig“

Zum Abzug der US-Truppen die Einleitung zum Buch „Der längste Krieg“, das kurz vor der Machtübernahme der Taliban geschrieben wurde.

Während gegenwärtig viele Kritiker den Fokus auf das Kriegsgeschehen in Afghanistan legen, wird der Krieg an sich immer noch selten bis gar nicht hinterfragt. Fakt ist: Bei dem westlichen Einmarsch in Afghanistan handelte es sich um einen illegalen Angriffskrieg.

Bis heute wird die Intervention sowie die historisch erstmalige Ausrufung des NATO-Bündnisfalles in Anbetracht der Anschläge des 11. Septembers als angemessen oder gar selbstverständlich betrachtet. Doch nicht nur aus Sicht von weiten Teilen der afghanischen Bevölkerung ist dies mitnichten der Fall. Das militärische Eingreifen in Afghanistan war genauso rechtswidrig wie das darauffolgende im Irak.

Eine Einsicht gibt es diesbezüglich allerdings nicht. Stattdessen spricht man weiterhin vom „guten Krieg“ („good war“) und stützt sich bis heute auf fadenscheinige Rechtfertigungen, die dank des einseitigen Handelns verschiedener Institutionen, etwa der UN, als juristisch akzeptabel betrachtet werden und sich im politischen Neusprech durchgesetzt haben. Meist bezieht man sich etwa auf den vermeintlich notwendigen Bündnisfall oder auf das UN-Mandat.

Am 11. September wurden die Vereinigten Staaten allerdings nicht von einem anderen Staat angegriffen, sondern von mehreren Einzelpersonen, die der Terrorgruppierung Al-Qaida zugeordnet wurden. Keines dieser Individuen war afghanischer Staatsbürger. Ihre Pilotenausbildung erhielten die Attentäter nicht am Hindukusch, sondern in den Vereinigten Staaten. Dennoch wurde die afghanische Bevölkerung kollektiv bestraft. Es gab auch keine „verbündete“ Regierung, welche die Amerikaner und ihre Alliierten „zur Hilfe“ gerufen hat, sondern lediglich eine vom Westen installierte Kleptokratie – anders kann man sie schlichtweg nicht bezeichnen –, die nach dem Einmarsch die Regierungsgeschäfte übertragen bekam und die sich unter der schützenden Hand der ausländischen Truppen massiv bereicherte. Die Präsenz der NATO-Truppen wird deshalb bis heute nur als Mittel zum Zweck, sprich, zum eigenen Machterhalt betrachtet.

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Der Angriff auf Afghanistan war auch keineswegs ein Verteidigungsakt, wie ihn manche Politiker bis heute darstellen wollen. Die Taliban, deren brutales Regime nicht verharmlost werden darf, hatten mit den Anschlägen des 11. Septembers nichts zu tun. Im Gegenteil: Nachdem Al-Qaida-Führer Osama bin Laden in Afghanistan 1996 den Krieg gegen die Vereinigten Staaten ausrief – ein Akt, der sich damals auch gegen die Interessen der Taliban richtete –, hatte er sein Gastrecht verwirkt. Die Taliban wollten ihn danach so schnell wie möglich aus dem Land schmeißen. Schließlich hatten auch nicht sie, sondern der Mudschaheddin-Warlord Abdul Rab Rasoul Sayyaf, mit dem sich die Amerikaner 2001 verbündeten, bin Laden nach Afghanistan eingeladen.

Taliban-Führer Mullah Mohammed Omar verlangte von den USA lediglich Beweise für die Täterschaft bin Ladens, um ihn auszuliefern. Richtig gelesen: Es waren ironischerweise die Taliban und nicht die „freie Welt“, die hier auf Rechtsstaatlichkeit beharrten. Die Bush-Administration folgte diesem Ansinnen nicht und wollte Krieg, vielmehr: Rache für 9/11. „Sie müssen erledigt werden. Ich möchte Fotos von ihren aufgespießten Köpfen sehen. Ich möchte, dass bin Ladens Kopf in einer mit Trockeneis gefüllten Kiste in die USA gebracht wird. Ich möchte dem Präsidenten bin Ladens Kopf zeigen. Das habe ich ihm versprochen“, hieß es etwa seitens des Leiters der Antiterror-Abteilung der CIA, Cofer Black.

Nach dem Sturz der Taliban wurden jegliche Friedensangebote seitens der besiegten Extremisten von Washington ausgeschlagen. Federführend hierfür waren Bush und Rumsfeld. Dabei hätte man mit den damals geschwächten Taliban wohl eher einen Frieden schließen können, anstatt diese zwei Jahrzehnte später doch an den Verhandlungstisch zu holen. Auch in den darauffolgenden Jahren wurden Taliban-Führer, die zu Verhandlungen bereit waren, gezielt aus dem Weg geräumt.

Die fatale Folge: In der Zwischenzeit konnten sich die Taliban neu formieren und erlebten einen massiven Aufschwung. Im Sommer 2021 wurde mindestens die Hälfte Afghanistans von den Taliban kontrolliert. Einigen Zählungen zufolge lebt die Mehrheit der afghanischen Bevölkerung heute wieder in Hoheitsgebieten der Extremisten.

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